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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Weihnachtstag, 25.12.2017

Predigt zu Johannes 1:1-14 (dänische Perikopenordnung), verfasst von Elof Westergaard

”Je kleiner man ist, desto größer wird Weihnachten“. Mit diesen Worten beginnt die finnische Autorin, Zeichnerin und Malerin Tove Jansson ihr Kapitel über Weihnachten in ihrer magischen Kindheitsgeschichte Die Tochter des Bildhauers[1]. Tove Jansson (1914-2001) ist die, die wir am besten als Schöpferin der Mumins kennen.

”Je kleiner man ist, desto größer wird Weihnachten“. Die erwachsene Jansson blickt mit diesen Worten zurück auf die Weihnacht ihrer Kindheit und schildert in ihren Erinnerungen dieses Fest mit den Augen der Kindheit:

   Der Weihnachtsbaum zu Hause war der größte in der Stadt, und der Baum war in den Augen des Kindes wie ein Urwald, in dem man sich verstecken konnte.

   Sie erinnert sich an Weihnachten als eine überschwängliche und großzügige Zeit, eine Zeit mit Karamellen und Nüssen, eine Zeit voll von Licht und dem Knittern von Geschenkpapier, silbernes, goldenes und seidenes Papier.

   Weihnachten als eine Zeit mit Traditionen: Der Weihnachtsbaum wurde früh im Morgengrauen gekauft, und der richtige Baum wurde sorgsam ausgewählt und gefunden in der Morgendämmerung am Tagesanfang.

   Und die Tradition schrieb auch einen Besuch auf dem Friedhof zu Weinachten vor, ein Besuch an den Gräbern der Familie.

   „Und dann kam das die Weihnachtsgeschichte“, schreibt Tove Jansson, und fährt fort: „Und das Feierlichste war, wenn Maria alle diese Worte in ihrem Herzen behielt, und fast genauso schön war es, dass sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurückkehrten, der Rest war nichts Besonderes. Wir saßen etwas und verdauten es, und Vater trank einen kleinen Schnaps. Und jetzt wusste ich triumphierend, dass Weihnachten mir gehörte“ (140).

  Der Friede war vollkommen, und das Grundgefühl beim Kinde war in diesem Augenblick: Alle lieben alle.

Wenn man Tove Janssons Schilderung der Weihnacht ihrer Kindheit liest, erscheint es unmittelbar richtig und wahr: ”Je kleiner man ist, desto größer wird Weihnachten“.

   Aber die Frage ist, ob diese Behauptung in mehr als dem Sinne wahr ist, dass das Kind stark wahrnimmt und dass Weihnachten denkwürdige Erinnerungen hervorbringt für das Kind und das kindliche Gemüt, das Weihnachten feiert.

   Ich persönlich meine, Weihnachten wächst mit dem Alter und erhält immer größere Bedeutung, vielleicht wohl in einer anderen Weise als so, wie es im magischen Blick des Kindes aussah und erlebt wurde.

   Es ist richtig, Weihnachten wird größer, je kleiner man ist. Nur denke ich hier nicht an das Alter, sondern an die Perspektive und den Horizont, in den Weihnachten mit der Geburt Jesu mein Leben und die Gemeinschaft mit anderen stellt.

   Weihnachten trägt nämlich dazu bei, unser Leben mit dem anderer in Beziehung zu bringen. Hier zu Weihnachten stehen nicht ich und das meine im Mittelpunkt, sondern die Liebe und Gnade Gottes, so wie sie sich in der Weihnacht zeigen, als Gott seinen Sohn zur Welt kommen lässt und Maria ihr Kind in Bethlehem in eine Krippe legt.

   Das Kind ist klein, aber wir sind es, die in seinem Lichte kleiner werden, weil dieses Kind einen Himmel auf Erden offenbart, die Ewigkeit in der Zeit, das Leben in der Finsternis.

Eben diese Auffassung höre ich in den Worten des Johannesevangeliums hier heute am Weihnachtsmorgen, wenn er die Geburt Jesu verkünden will.

   Der Evangelist Johannes formuliert es freilich in seiner theologisch poetisch eigentümlichen Weise:

   Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,

   und wir sahen seine Herrlichkeit,

   eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater,

  voller Gnade und Wahrheit.

   Das Wort ward Fleisch, d.h. Gottes Sohn ist geboren. Und im Jesuskind begegnen wir der Herrlichkeit, dem Leben und dem Licht Gottes.

Der Evangelist Johannes beginnt mit Gott, der mit seinem Wort die Schöpfung hervorruft wie damals am Morgen der Schöpfung (nach den ersten der beiden Schöpfungsgeschichten im Alten Testament).

  Gott ist es, der Leben schafft - und der Licht in die Welt bringt, so dass die Hoffnung des Menschen wächst und wir gegen allen Anschein wagen zu glauben, dass die Finsternis sich nicht über das Leben senken und es ewig ergreifen wird.

   Der Evangelist Johannes entfaltet hier die Größe der Weihnacht. Er breitet einen metaphysischen Raum aus um das Kind, das Weihnachten geboren wurde, denkt seine Bedeutung hinein in einen größeren Zusammenhang, indem er Jesu Geburt, Leben, Tod und Auferstehung mit dem Morgen der Schöpfung und dem Sieg des Lebens und des Lichts über den Tod verbindet. Das alles liegt in den Worten: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Der Evangelist Johannes mag Kontraste, und er stellt gerne Gegensätze scharf gegeneinander:

  Gott, das Wort, das Licht und das Leben auf der einen Seite, und auf der anderen Seite die Finsternis und die Welt.

   Aber die Pointe ist nicht der Gegensatz zwischen Gott und der Welt. Die frohe Botschaft der Weihnacht ist vielmehr die Überwindung von diesem Dualismus, die Verbindung und die Verknüpfung von Himmel und Erde. Die frohe Botschaft der Weihnacht ist: Das Wort ward Fleisch, Gott wurde Mensch.

   Geist und Materie sind durch die Gnade Gottes verbunden.

   Das Licht und das Leben sind nicht nur etwas auf der anderen Seite: ein anderer Ort, wo das Gras grüner ist, oder etwas über den Wolken und hinter dem Himmel der Himmel. Nein, der Himmel findet buchstäblich hier statt, wo wir Menschen umherirren, leben und atmen in unserer verwundbaren Existenz und gefährdeten Gemeinschaft miteinander. Hier, wo die Wut und die Unversöhnlichkeit wachsen können und das Misstrauen Wurzeln fassen kann.

   Gott ist bei dem Hilflosen, und er ist das Licht für uns in der Finsternis.

 

                                                                    *

Tove Jansson schließt ihren Bericht von der Weihnacht ihrer Kindheit mit folgenden Worten:

„Nichts ist so friedvoll wie wenn Weihnachten vorbei ist, dann hat man Vergebung erhalten für alles und kann wieder ganz normal werden.

   Kurz danach packten wir die heiligen Dinge ein und legten sie in den Schrank am Eingang, und die Tannenzweige brannten im Kachelofen mit kleinen heftigen Explosionen. Aber den Stamm verbrannten wir erst am nächsten Weihnachten. Der stand das ganze Jahr neben den Gipskasten und erinnerte uns an Weihnachten und die absolute Geborgenheit aller Dinge“.[2]

Weihnachten hat gerade erst begonnen. Jetzt ist Weihnachten, und wir werden weiter in den kommenden Tagen Weihnachten feiern. Uns Zeit lassen und gegenwärtig sein.

  Und wenn dann der Alltag wieder beginnt und wir den Baum herausgeworfen haben und allen Schmuck wieder eingepackt haben, dann sollen wir daran denken, Weihnachten mitzunehmen im normalen Leben, hinein in den Alltag, so wie der Baumstamm dort in Tove Janssons Elternhaus stand und die Erinnerung in der Familie wachhielt. Und das ist nicht schwer, denn es geschah hier in der Welt: Das Wort ward Fleisch. Im Namen Jesu. Amen.

 

[1] Tove Jansson: Die Tochter des Bildhauers (Bildhuggarens dotter), 1968, 133ff.

[2] Tove Jansson: Die Tochter des Bildhauers (Bildhuggarens dotter), 1968, 140.



Bischof Elof Westergaard
DK 6760 Ribe
E-Mail: eve(at)km.dk

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