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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Weihnachtstag, 26.12.2017

Predigt am 2. Weihnachtstag
Predigt zu Offenbarung 7:9-17, verfasst von Winfried Klotz

Text: Offenbarung 7, 9-17 (Gute Nachricht Bibel)

 

… und die unzählbar große Schar der schon Vollendeten im Himmel

9 Danach sah ich eine große Menge Menschen, so viele, dass niemand sie zählen konnte. Es waren Menschen aus allen Nationen, Stämmen, Völkern und Sprachen. Sie standen in weißen Kleidern vor dem Thron und dem Lamm und hielten Palmzweige in den Händen.   (Kleider) 6,11S; (Palmzweige) Lev 23,40

10 Mit lauter Stimme riefen sie: »Der Sieg gehört unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm!«

11 Alle Engel standen im Kreis um den Thron und um die Ältesten und um die vier mächtigen Gestalten. Sie warfen sich vor dem Thron zu Boden, beteten Gott an

12 und sprachen: »Das ist gewiss: Preis und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre, Macht und Stärke gehören unserem Gott für alle Ewigkeit! Amen.«

13 Einer der Ältesten fragte mich: »Wer sind diese Menschen in weißen Kleidern? Woher kommen sie?«

14 Ich antwortete: »Ich weiß es nicht, Herr. Du weißt es!«

Da sagte er zu mir: »Diese Menschen haben die große Verfolgung durchgestanden. Sie haben ihre Kleider gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht.   (Verfolgung) Dan 12,1; Mk 13,19par; (gewaschen) Offb 1,5; 22,14; Ps 51,9

15 Darum stehen sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel. Er, der auf dem Thron sitzt, wird bei ihnen wohnen.     5,7S; 21,3

16 Sie werden keinen Hunger oder Durst mehr haben; weder die Sonne noch irgendeine Glut wird sie versengen.    (7,16-17) Jes 49,10; Lk 6,21

17 Das Lamm, das in der Mitte des Thrones steht, wird ihr Hirt sein und sie an die Quellen führen, deren Wasser Leben spendet. Und Gott wird alle ihre Tränen abwischen.«     (Hirt) Joh 10,11S; (Wasser) Offb 21,6S; (Tränen) Offb 21,4; Jes 25,8; Ps 126,5-6

Liebe Gemeinde!

Das klingt nicht weihnachtlich, was wir eben aus dem letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, gehört haben! Das klingt fast wie ein Gegenbild zu Weihnachten. Hier ist, wenn auch in einer Vision geschaut, eine riesengroße, weltweite Öffentlichkeit hergestellt. Eine unzählbare Schar von Menschen ist vor dem Thron Gottes und des Lammes - gemeint ist Jesus, der am Kreuz sein Leben als Opfer für viele gegeben hat - versammelt. Sie sind nicht nur festlich gekleidet, sondern ihre weißen Gewänder sind Ausdruck ihrer Reinheit in Bezug auf Gott. Es sind Menschen von denen das Wort Jesu gilt: „Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“ Sie feiern Gottesdienst und Gottesdienst hat seinen Schwerpunkt, sein Kennzeichen vor allem im Lob Gottes: "Der Sieg gehört unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm!" so rufen sie.

Das klingt nicht weihnachtlich: Weihnachten geschah im Winkel, im Stall, dabei waren Hirten und Sterndeuter aus dem Osten, beides Kategorien von Menschen, die für die Begegnung mit Gott schlecht geeignet sind. Hirten, das sind die religiös Ungebildeten, vergleichbar manchen heutigen Menschen, die mit Christentum und Kirche wenig am Hut haben oder schlichtweg indifferent sind; Sterndeuter, Astrologen betreiben eine heidnische, gottlose Sache. Sie verehren die Gestirne als das irdische Leben bestimmende Mächte. Aber die Hirten erfahren das plötzliche Erscheinen der Engel und suchen und finden das Kind in der Krippe. Gottes Lob, im Predigttext ein den Himmel erfüllender Lobpreis, singen die Engel auf Erden vor den Ohren der Hirten: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Oder in moderner Übertragung: „Groß ist von jetzt an Gottes Herrlichkeit im Himmel; denn sein Frieden ist herabgekommen auf die Erde zu den Menschen, die er erwählt hat und liebt!“ Astrologen sehen einen Stern, der ihre Sehnsucht anspricht und sie in Bewegung bringt zu dem neu geborenen König der Juden. O wie ärgerlich ist Gottes erwählende Gnade manchmal, der diesen ungeeigneten Leuten seinen Christus offenbart!

Weihnachten, Geburt des Gesandten und Retters von Gott, weltlich betrachtet unbedeutend, genauso unbedeutend wie das Wirken von Jesus selbst. Heute reden Politiker gerne von einem historischen Ereignis, wenn sie mal wieder einen Vertrag unterschrieben haben oder ein Großprojekt eingeweiht haben; Jesus war ein unbedeutender Wanderprediger, aber seine Wirkung bis heute ist wahrhaft historisch, ja sie überschreitet nach dem Zeugnis der Offenbarung auch das, was wir Geschichte nennen.

Denn Jesus, am Kreuz hingerichtet, von Gott auferweckt, wird für eine unzählbare Schar aus allen Nationen, Stämmen, Völkern und Sprachen zum Mittler eines neuen Lebens aus Gott. ER hat ihre Verfehlung auf sich genommen, er hat ihre Schuld getragen, er hat ihre Trennung von Gott überwunden in seinem Opfertod. Nun dienen sie Gott für immer, erfüllt von großer Freude loben sie ihn. Die Weihnachtsgeschichte ist an ihr Ziel gekommen; was der Engel gesagt hat ist erfüllt: "Habt keine Angst! Ich habe eine große Freudenbotschaft für euch und für das ganze Volk." Die Freudenbotschaft hat nicht nur die Hirten, sie hat das ganze Volk Gottes weltweit erreicht, oder besser, sie hat das Volk Gottes geschaffen. Jesus, der Retter, hat durch seinen Tod am Kreuz Gott ein Volk gesammelt, dass ihn fröhlich und dankbar lobt.

Sehen Sie, liebe Gemeinde, darum geht es an Weihnachten, dass an uns geschieht, was der Engel ankündigt: „Heute ist euch der Retter geboren worden, in der Stadt Davids: Christus, der Herr!“ Retter, d. h. Jesus ist der, der aus Fremden und Gott Fernen Freunde Gottes macht, jede und jeden, die/der ihn wohnen lässt in seinem Leben. Wie zeigt sich diese Veränderung? Doch darin, dass wir mit der großen Schar in Offenbarung 7 und allen Engeln Gott loben und anbeten. Im Lob Gottes wird die Gemeinschaft mit Gott sichtbar!

"Der Sieg gehört unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm!" ruft die große Schar.

Und die Engel bekennen und loben: "Das ist gewiss: Preis und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre, Macht und Stärke gehören unserem Gott für alle Ewigkeit! Amen."

Es ist ursprünglichstes Zeichen des Glaubens an Jesus Christus und des neuen Lebens, das Gott durch ihn schenkt, dass Menschen Gott anbeten und loben. Aus dem Loben erwächst das Bekenntnis zu Jesus und die Liebe zu den Mitmenschen. In der Gegenwart Gottes erklingt das Lob, so beschreibt es die Offenbarung. Wer das Lob Gottes nicht singen kann, der hat keinen Frieden mit Gott, dem ist Jesus noch nicht zum Retter geworden. Ich rede jetzt nicht von denen, die hochbetrübt sind, die geschlagen sind mit Not und Traurigkeit. Da kann es uns gehen als gäbe es keinen Gott, der uns hält. Da kann es sein, dass uns der Mund verschlossen ist fürs Lob Gottes und wir nur noch das „Hosianna - hilf uns doch!“ murmeln können.

Die vor Gott Versammelten haben es doch leicht ihn zu loben, so mag jemand denken. Sie sind ans Ziel gelangt. Die kann kein Leid mehr rühren, keine Katastrophe mehr erschüttern. Aber woher kommen die, die mit weißen Kleidern angetan vor Gott stehen und ihn loben?

Sie kommen aus der großen Verfolgung, der großen Bedrängnis, der großen Trübsal. Sie sind die, die in der Verfolgung gelitten haben für Jesus, für die Wahrheit des Evangeliums. Aber das allein hat sie noch nicht qualifiziert für den Himmel, sondern nur, dass sie ihre Kleider gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht haben. Die Offenbarung gebraucht hier ein für uns schräges Bild. Was in Blut gewaschen wird, wird nicht weiß. Aber gemeint ist: Gott hat bestimmt, dass durch die Lebenshingabe Jesu am Kreuz Sühne geschieht, dass Menschen rein vor ihm stehen können. So, als hätten sie nie ein Unrecht getan! Gemeint sind also Menschen, die aus der Gnade Gottes gelebt haben, aus der Vergebung, aus der täglichen Umkehr, wie Luther es am Beginn der 95 Thesen gesagt hat. Es ist keiner bei dieser himmlischen Schar zu finden, der nicht Vergebung erhalten und auch Vergebung gewährt hat. Ist das nicht der Kern unseres Christseins?

Täglich aus der Quelle der Gnade Gottes schöpfen; auf diese tägliche Bewegung des Herzens hin zu Gott kommt es an. Die Kräfte, die uns von Gott wegziehen, sind jeden Tag da. Da braucht es keine besonders schwierigen Situationen, was uns lähmen will, unfrei machen will Gott und den Nächsten gegenüber, ist täglich da: Gedanken der Missgunst, des Neides, ungezügelte sexuelle Gier, dass wir meinen, etwas unbedingt haben zu müssen. Die Skandale in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zeigen immer wieder, dass nicht hehre Ziele, sondern die Gier nach immer mehr Geld, Macht, Einfluss und Ansehen viele treibt. Was hilft dagegen? Bessere Kontrolle? Bessere Ethikrichtlinien? Gewiss. Aber all das braucht eine Begründung und eine Einübung. Ort dafür ist die christliche Gemeinde, Inhalt das Evangelium von Jesus. Die Kräfte, die uns von Gott weg ziehen werden auch sichtbar, wenn Menschen dauerhaft in Zorn und Streit leben. Feindschaften sind Normalität, so mein Eindruck. Jeder ist sein eigener Gott und darf stur sein Recht behaupten. Der Andere soll klein beigeben! Das ist nicht der Weg Jesu!

Wir haben Umkehr nötig, diese tägliche Bewegung des Herzens hin zu Gott aus seiner Gnade. Gnade: Gott sagt mir: Komm, ich nehme dich an, ich vergebe dir, du bist mein Kind, vertrau mir doch! Mach aus deinem Leben einen Ort des Vertrauens auf mich!

Wir leben nicht in den großen Bedrängnissen, anders als Christen z. B. in Nord-Korea oder manchen muslimischen Ländern. Wir leben in den kleinen Bedrängnissen. Im Alltagsstress, in den Anfechtungen, all dem, was uns die Freude des Glaubens, das Lob Gottes, nehmen will. Wie können wir bestehen? Im Brief an Titus heißt es: „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten. Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben. (Titus 2, 11f) Für uns heute gesagt heißt das, Gottes Gnade in Jesus ist wie ein hell leuchtender Stern sichtbar geworden; sie verändert und erzieht uns; sie macht uns neu und führt uns zu einem Leben, das Gott gefällt. Gottes Gnade erzieht uns, so verwirklicht sich Christsein! Auf dem Weg der Gnade, auf dem Weg in der Spur von Jesus wird Christsein schön.

Liebe Gemeinde, der 2. Weihnachtstag ist auch der Stephanustag. Er war der erste Märtyrer der Christenheit, so wird es in Apostelgeschichte 7 berichtet. Feier der Geburt Jesu und Gedenken an Stephanus, der gesteinigt wurde, weil er für Jesus einstand, das gehört nach unserem Empfinden nicht zusammen. Aber in unserem Bibelwort schaut der Seher Johannes genau das: die aus der großen Trübsal gekommen sind, loben Gott. Sie dienen IHM und loben IHN ohne Ende. ER aber wohnt bei ihnen. So wird sichtbar: Weihnachten ist nicht die einmal jährliche Beschwörung einer heilen Welt, ansonsten ist die Welt blutiger Kampfplatz, von Gott und dem Guten verlassen. Sondern Weihnachten ist der Beginn der neuen Welt Gottes, die sich durchsetzt, obwohl Jesus wie die, die ihm nachfolgen, oft die Verlierer sind. Im Extremfall Leute wie der Stephanus, der Gottes Herrlichkeit schauend zu Tode gesteinigt wird.

Noch einmal: Weihnachten leuchtet Gottes Heil auf, aber nicht heile Welt! Stephanus als Märtyrer, als einer, der Gottes Heil mit seinem Leben bezeugt hat, passt durchaus in diese Weihnachtszeit. Die Erinnerung an ihn macht uns realistisch: Gott schenkt sein Heil nicht zur Befriedigung unserer religiösen Bedürfnisse oder zur Erzeugung eines positiven Lebensgefühls, sondern damit wir es hinaustragen, Zeugnis für das Evangelium ablegen- auch wenn wir deshalb abgelehnt werden. Jedenfalls gehört auch Stephanus zur großen Schar derer, die die Verfolgung durchgestanden und ihre Kleider gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht haben. Der Stephanustag sagt uns, dass Krippe und Kreuz nah beieinanderstehen. Amen.



Pfr. Winfried Klotz
64732 Bad König
E-Mail: winfried.klotz@web.de

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