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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Weihnachten, 31.12.2017

Predigt zu Matthäus 2:13-23(dänische Perikopenordnung), verfasst von Anne-Marie Nybo Mehlsen

Die meisten Dänen haben Weihnachten gefeiert bis zum Heiligabend und dem Weihnachtstag – aber was dann? Dann muss aller Schmuck raus, in die Finsternis, denn jetzt ist bald Neujahr und fast Frühling, und bekanntlich nehmen wir gerne alle Dinge vorweg. Wir haben nicht richtig Zeit zu warten, zu genießen und uns einen Augenblick dem Frieden und der Freude anheim zu geben. Deshalb ist es vielleicht sehr gut, dass der Weihnachtsfrieden für uns rein liturgisch schon am zweiten Weihnachtstag gestört wird mit der Geschichte vom Märtyrer Stephanus (ApG. 6, 8-14; 7, 54-60) und noch mehr am Sonntag nach Weihnachten mit dem Kindermord in Bethlehem. Wenn es am zweiten Weihnachtstag in Ordnung war, dass man meint, die Welt sei zu ungerecht für eine reine Menschenseele, so wird heute, am Sonntag nach Weihnachten, deutlich, dass der Sohn Gottes keinen Unterschied macht. Nicht im weltlichen Sinne jedenfalls. Weihnachten hat keinen einzigen Konflikt dieser Welt gelöst oder beendigt. Der Krieg in Syrien hielt an in den Weihnachtstagen mit Mord an Kindern und dem, was noch schlimmer ist. Israel und Palästina opferten noch ein Jahr Junge wir Alte (meist Junge) auf dem Altar des Konflikts. Und hier in Europa streiten wir uns darüber, wer sich aller dieser flüchtenden Seelen dieser Welt annehmen soll – jedenfalls derer, die den Weg zu uns gefunden haben.

Das heutige Evangelium führt uns genau dort hin: An die Stelle mitten im Konflikt, und es verbietet uns, unser Leben mit Girlanden und Schmuck zu beschönigen. Gott liebt nämlich nicht eine geschönte Ausgabe von uns oder ein besonders artiges „Weihnachtskind“. Er liebt uns so, wie wir sind, mit einer Liebe, die bereit ist, alle Tage mit uns zu gehen.

All das in uns, das nach Sinn schreit und dem Eingreifen Gottes in unsere Konflikte und die Konflikte der Welt, spielt mit in der heutigen Geschichte bei Matthäus. Wenn wir ein „Warum“ rufen und uns über den Kindermord und andere Grausamkeiten erregen, dann haben wir etwas mit der Erzählung von der Flucht nach Ägypten zu tun.

Etwas in uns schreit danach: Wenn nur eine reinherzige Güte in die Welt kommt, dann würde der Wille Gottes der Wille der Menschen sein, und alles wäre wieder gut. Aber die reinherzige Güte wurde zur Weihnacht geboren – und was geschah? Die Welt nahm es nicht an. Bei Herodes war nicht einmal Platz für den Gedanken an ein Königskind, das nicht nach Macht strebte. Später zeigte sich, dass auch in den Herzen der Menschen kein Platz war. „Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf“. Die reinherzige Güte endete am Kreuz, und der Schrei Jesu wurde eins mit dem Schrei von Rama – ein Schrei zu Gott.

Erst da kam Hoffnung zu den Menschen.

Erst da gib es Trost für die Untröstlichen, und erst da gibt es Hoffnung für uns, hier mitten in unseren eigene Konflikten und den Konflikten der Welt.

Ohne Weihnachtsschmuck, ohne sich zu verstellen, ist Gott selbst zu uns gekommen. In dem, was wir gehört haben, dem, was wir mit unseren eigenen Augen gesehen haben, dem, was wir betrachteten und mit unseren eigenen Händen berührten, hat sich Gott selbst ereignet.

Was können wir tun? Selbst mit den gutherzigsten und reinherzigsten Wünschen und Motiven können wir so wenig ausrichten für die, die einen Verlust erlitten haben. Welchen Trost können wir den tausenden geben, die schreien aus Trauer, Not, Hunger und Angst?

Da gibt es nur eine mögliche Antwort, die tröstet. Nämlich das Leben neu schenken, die Scherben zu sammeln zu einem schöneren und stärkerem Ganzen.

Wer von uns kann das? Ob wir gleich noch so gut sind, so reinen Herzens und noch so gerne Brücken bauen wollen über die Konflikte!

Das kann nur Gott.

Deshalb beginnt die neue Geschichte in der äußersten Armut, in einem fremden Stall, und sie geht weiter in Not und Flucht. Er leistete Verzicht, um uns das Leben zu geben. Er starb, damit wir leben sollen – ewig.

Aber auch um uns Mut zu machen, jetzt zu leben – mitten im Konflikt, mitten in den Fragmenten und der Sinnlosigkeit. Um uns zu zeigen, dass er mit uns ist, und dass ihm nichts fremd ist oder vergeblich. Jedes Zeichen der Liebe, das wir geben, jeder kleine Stumpf im Mosaik der Liebe, mit dem wir beitragen können, ist für Gott den Schmerz und die Mühe wert – selbst die am Kreuz, auch der Schrei von Rama. Und das alles ist das Rohmaterial für die künftige Vollendung – wie die wunderbare Brechung der Mosaikfenster durch das Sonnenlicht in tausend Farben, die sich zu einem neuen wunderbaren Bild vereint.

 

Wagen wir es, das zu glauben? Wagen wir es, das zu hoffen? Wagen wir es, die Hände auszustrecken und eine Liebe zu empfangen so bedingungslos, furchtlos und selbstlos, und wagen wir es, uns deren macht anzuvertrauen und sie alle Tage mit uns gehen zu lassen?

Wagen wir es, darauf zu vertrauen, dass diese Liebe uns gilt, so wie wir sind? Und dass sie deshalb uns nach ihrem Bilde verwandelt?

Dass man in der Liebe Trost und Vertrauen findet, ist keineswegs dasselbe wie mit den Händen im Schoß dazusitzen und darauf zu warten, dass Gott für uns die Dinge ordnet.

Das Vertrauen zu dieser Liebe verändert uns, ihr Licht fällt durch uns und unsere kleinen Fragmente der Liebe. Möge das geschehen. Amen.



Pastorin Anne-Marie Nybo Mehlsen
DK-4100 Ringsted
E-Mail: amnm(a)km.dk

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