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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Silvester, 31.12.2017

Wolkensäule – Feuersäule: Unsere Leitkultur?
Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 13:20-22, verfasst von Thomas Muggli-Stokholm

Und sie brachen von Sukkot auf

und lagerten in Etam am Rand der Wüste.

Der Herr aber ging vor ihnen her,

am Tag in einer Wolkensäule,

um sie den Weg zu führen,

und bei Nacht in einer Feuersäule,

um ihnen zu leuchten,

so dass sie Tag und Nacht gehen konnten.

Nie wich am Tag die Wolkensäule

noch bei Nacht die Feuersäule

von der Spitze des Volks. (2. Mose 13,20-22)

 

Unser Text führt uns mitten in eine dramatische Situation:

Gerade erst ist dem Volk Israel unter der Leitung von Mose

nach langem Hin und Her die Flucht aus Ägypten gelungen.

Die Euphorie darüber weicht jedoch rasch der Ernüchterung:

Das Volk lagert in Etam:

Im Rücken haben die Israeliten die mit modernster Waffentechnik ausgerüstete ägyptische Streitmacht.

Vor ihnen liegt die Wüste, lebensfeindliches Gebiet,

kein Wasser, keine Nahrung, keine sicheren Wege.

Da drängt sich die bange Frage auf,

wie es nun weitergehen soll.

Und bereits werden erste Stimmen laut,

welche die Flucht aus der Sklaverei als kapitalen Fehler bezeichnen.

Wie ruhig und bequem war doch das Leben

an den Fleischtöpfen Ägyptens!

 

Auch unser heutiger Gottesdienst steht in einem Übergang,

im Übergang vom alten ins neue Jahr:

Unsere Lage ist zwar nicht so dramatisch wie jene des Alten Israel.

Doch für uns gibt es ebenfalls genug Gründe,

uns um die Zukunft zu sorgen:

Krieg, Terror, Klimawandel, ein sich verschärfender Wettbewerb um Marktanteile und Ressourcen.

Auch wir fragen uns bange, wohin uns der Weg führt,

als Einzelne wie als Gesellschaft.

Und manche erinnern sich wehmütig an bessere Zeiten zurück,

wo das Leben noch gemächlicher verlief,

wo es noch klare Anstandsregeln gab,

wo jeder wusste was sich gehört

und womit er rechnen kann, wenn er sich recht verhält.

 

Die Israeliten sind zu beneiden:

Ihnen greift Gott selbst unter die Arme:

Er geht vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkensäule,

bei Nacht in einer Feuersäule.

Nie weicht Gott von ihnen.

Keinen Augenblick lässt er sein Volk alleine.

 

Wie schön wäre eine so eindeutige Gegenwart Gottes doch für uns.

Ja, stellen wir uns vor:

Eines Morgens steht eine mächtige Wolkensäule über dem Zürichsee.

Sie setzt sich in Bewegung und signalisiert uns

in überwältigender Klarheit, dass wir ihr nachgehen sollen.

Sie führt uns nicht zum Sinai, das wäre zu weit,

aber vielleicht zum Üetliberg.

Jemand von uns müsste hinaufsteigen,

um von Gott die Weisungen

für den weiteren Weg unserer Gesellschaft zu empfangen.

Was würde er oder sie wohl hören?

 

Was ich da zusammenphantasiere, ist gar nicht so abwegig, wie es klingt.

Das zeigt die langjährige Diskussion in Deutschland über eine sogenannte Leitkultur, welche allen Bewohnern, Einheimischen und Migranten,

den Weg in die Zukunft weisen soll.

Der Begriff stammt vom Politologen Bassam Tibi.

Er verwendet ihn erstmals 1998 in seinem Buch:

„Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft“.

Angesichts des zunehmenden Identitätsverlusts Europas und insbesondere des von der Migration besonders stark betroffenen Deutschlands

fordert Tibi die Rückbesinnung auf den

«Wertekonsens der kulturellen Moderne».

Dazu gehören für ihn

der Vorrang der Vernunft vor religiöser Offenbarung,

Demokratie, Pluralismus und Toleranz.

 

Wenn sich alle Menschen, Einheimische wie Migranten,

von diesem Wertekonsens leiten lassen,

findet die Gesellschaft den gemeinsamen Weg

durch die Wüste der Zukunft

mit all ihren Gefahren und Herausforderungen.

 

Ist das die Lösung –

die Leitkultur als moderne Wolken- und Feuersäule?

 

In Deutschland wird diese Frage seit bald zwanzig Jahren heftig diskutiert.

Als der Bundesinnenminster Thomas de Maizières Ende April dieses Jahres in einem Gastbeitrag in der Zeitung «Bild am Sonntag»

erneut für eine allgemein verbindliche Leitkultur plädierte,

erntete er aus christlich konservativen Kreisen begeisterte Zustimmung.

Linke und Grüne hingegen protestierten dafür umso heftiger.

In ihren Augen wäre eine deutsche Leitkultur gleichbedeutend mit einer Abwertung der Ausländer.

 

Auch ich habe grundlegende Zweifel am Konzept einer Leitkultur,

nicht aus politischen, sondern aus theologischen Gründen:

Was Bassam Tibi als «Wertekonsens» beschwört, leuchtet zuerst ein.

Wer ist nicht für Demokratie, Pluralismus und Toleranz?

Doch diesen Werten fehlt das Eigentliche,

das Israel seinerzeit vor dem Untergang bewahrte:

Die eben aus der Sklaverei Befreiten sassen in Etam ja nicht zusammen, um über einen Wertekonsens zu beraten,

der sie durch die Wüste führt.

Die Wolken- und Feuersäule ist einfach da, ob die Israeliten dies nun als vernünftig und erfolgversprechend ansehen oder nicht.

Ja, in den Versen vor unserem Predigttext wird sogar angemerkt, dass Gott sein Volk bewusst auf einen mühsamen, in menschlicher Sicht völlig unvernünftigen Umweg führt, damit sie nicht auf den dummen Gedanken kommen, wieder nach Ägypten zurückzukehren.

 

Das steht im Gegensatz zu Bassam Tibis Forderung,

die Vernunft habe Vorrang vor der religiösen Offenbarung.

Gerade den Deutschen sollte eigentlich klar sein,

in welche Katastrophen ein solcher Vorrang führen kann:

Die geistige Elite fand es vor wenigen Jahrzehnten

grossmehrheitlich vernünftig und klug,

Adolf Hitler zum Führer des Volks zu machen.

 

Nein, die «Leitkultur» des Alten Israel ist kein Gegenstand menschlicher Vernunft und lässt sich dementsprechend auch nicht dingfest machen:

Die Wolken- und Feuersäule ist beweglich, nötigt das Volk ständig zum Aufbrechen, weist unbequeme, unvernünftige Wege und stellt den Konsens menschlicher Wertekonzepte regelmässig in Frage.

 

Zugleich bleibt diese Säule ein filigranes Gebilde,

welches angezweifelt oder ignoriert werden kann.

Israel marschiert nicht im Gleichschritt durch die Wüste, im Gegenteil:

Die Gefangenschaft in Ägypten bot noch sichere Werte.

Man wusste, womit man rechnen konnte:

Wer gehorchte und seine Arbeit tat,

bekam zu essen und wurde nicht geschlagen.

Die Freiheit in der Wüste ist dagegen anspruchsvoll. Es ist nicht mehr sonnenklar, wo der Weg durchführt. Entsprechend oft murrt das Volk und protestiert gegen Moses Anspruch als Mittler Gottes.

 

Den Protest und das Murren gegen die Regierung kennen wir heute bestens. Die Ursache ist aber ganz anders: Viele haben Angst, dass uns die Mächtigen in Politik und Wirtschaft nach goldenen Zeiten der Freiheit in die Gefangenschaft der EU und anderer globaler Mächte führen.

Woran sollen wir uns da orientieren?

 

In einem hat Bassam Tibi recht:

Es wäre nicht nur aussichtslos, ans Ufer des Zürichsees zu sitzen

und auf die Offenbarung der Wolkensäule zu warten.

Es wäre auch gefährlich:

Die Gräueltaten des IS führen uns überdeutlich vor Augen, was geschieht, wenn Menschen für sich in Anspruch nehmen, genau zu wissen,

was Gott will.

 

Doch vielleicht liegt genau darin das Wesen und der Anspruch der Freiheit,

die Gott uns anbietet, dass sie eben nicht eindeutig ist,

dass sie stets von neuem den Widersprüchen und den Grautönen des Lebens abgewonnen werden muss.

 

Das zeigt sich in der Befreiungsgschichte,

die wir gerade eben an Weihnachten feierten:

In der Heiligen Nacht unterwandert Gott

die Leitkultur des mächtigen Kaisers Augustus.

Während dieser seinen Untertanen klar vorgibt, wie sie sich zu verhalten haben, um am Leben zu bleiben, kommt Gott mitten in der finsteren Nacht draussen auf dem Feld zur Welt.

Gottes Feuer strahlt neu auf, nicht in einer mächtigen Säule,

sondern im Kind in der Krippe, wehrlos, auf Nahrung und Pflege angewiesen. Das ist das Licht der Welt, das uns den Weg weist.

 

Deses Kind zwingt nicht, nötigt nicht, überwältigt nicht.

Aber es setzt Hirten und Weise in Bewegung,

ruft später einfache Frauen und Männer in die Nachfolge

und verändert so die Welt,

nicht als Mächtiger, sondern als Er-Mächtiger:

Bei Jesus haben Frauen und andere diskriminierte Menschen plötzlich etwas zu sagen. Und es gibt keinen Mittler wie Mose mehr.

Gott spricht in Jesus direkt und auf Augenhöhe zu den Menschen

und mutet ihnen zu, ihm persönlich zu antworten.

 

Die weihnachtliche Befreiung der Menschheit ist wie schon der Auszug Israels aus Ägypten ein Weg durch die Wüste. Stets besteht auf diesem Weg die Gefahr, dass aus dem lebendigen Glauben ein totes Gebäude aus Werten wird und das Christentum selbst zur dürren Leitkultur verkommt.

 

Das Volk Israel konnte sich in der Wüste nie länger an einem Ort aufhalten. Immer wieder musste es aufbrechen in eine offene Zukunft,

im Vertrauen, dass die Wolkensäule ihm einen guten Weg weist.

Ebenso bleibt die Kirche nur lebendig,

wenn sie sich stets erneuern, stets reformieren lässt.

 

So führen die Reformatoren die in Äusserlichkeit erstarrte Kirche vor 500 Jahren wieder an den Rand der Wüste und zur Frage,

welche Wolken- und Feuersäule uns Christen den Weg weist

und wie wir sie von den Nebelpetarden der Machthungrigen und den Irrlichtern weltlicher Heilsversprechen unterscheiden können.

 

Zur Klärung dieser Frage orientieren sich die Reformatoren

alleine an der Schrift, alleine am Wort Gottes.

Dieses ist nun aber genau nicht göttliche Offenbarung im Verständnis von Bassam Tibi, sondern eigentlich eine ganz vertrackte Sache:

An Weihnachten wird das Wort Gottes in Jesus Mensch.

Zum einen signalisiert das eine ungeheuerliche Nähe:

Das Wort Gottes bleibt nicht im Himmel.

Es spricht direkt zu uns, geht uns zu Herzen

und nimmt uns mit auf den Weg der Nachfolge.

 

Zum andern wird das Wort Gottes, indem es Mensch wird, mehrdeutig.

Wir müssen es ständig neu auf unsere jeweilige Situation hin auslegen.

Und so wird sich aus dem menschgewordenen Wort auch niemals ein allgemein gültiger Wertekonsens ableiten lassen.

Jesus ruft die Menschen je und je als Einzelne in die Nachfolge

und mutet ihnen zu, ihren Weg mit ihm

in eigener Verantwortung zu gehen.

Das heisst natürlich nicht, dass wir zu Einzelgängern werden.

Gottes Menschwerdung geht weit

über unser persönliches Seelenheil hinaus.

So singen die Engel in der Heiligen Nacht vom Frieden auf Erden,

der mit dem Kind in der Krippe anbricht.

In Jesus begründet Gott sein Reich,

wo es keine Herren und Knechte,

keine Verfolger und Verfolgte,

keine Reichen und Arme mehr gibt.

In Gottes Reich finden wir nur noch geliebte Kinder,

die der Vater im Himmel so umsorgt,

wie Maria und Josef das Kind in der Krippe umsorgen.

Das ist unsere Wolken- und Feuersäule:

Von Gott geliebt, von Jesus in die Nachfolge gerufen,

erkennen wir in den Menschen und Aufgaben,

die uns anvertraut sind, das menschgewordene Wort,

das Kind in der Krippe.

Wir nehmen unsere Verantwortung wahr, setzen uns ein

und dürfen gewiss sein:

Solange wir unsere Augen, Ohren und Herzen offen behalten für den Gott, der an Weihnachten zu uns kommt.

Solange wird weicht nie am Tag die Wolkensäule

noch bei Nacht die Feuersäule

von der Spitze des Volks. Amen.



Pfarrer Thomas Muggli-Stokholm
8633 Wolfhausen
E-Mail: thomas.muggli@zh.ref.ch

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