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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Neujahrstag, 01.01.2018

UND FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG
Predigt zu Matthäus 6:5-13 (dänische Perikopenordnung), verfasst von Rasmus Nøjgaard

Kann man sich einen besseren Anfang für das neue Jahr denken als ein stilles Gebet in Hoffnung darauf, dass 2018 ein Jahr des Friedens wird?

Das Vater Unter hat zu allen Zeiten unser Gebet getragen im Vertrauen darauf, dass es von einem gnädigen Gott gehört wird, der sich über uns Sünder erbarmt. Das ist ein Gebet, dass die Seele hier am Neujahrstag Ruhe finden lässt. Aber wir verwenden auch das Vaterunser als eine Meditation zur Selbsterkenntnis und als Gespräch mit Gott, um die die Hoffnung wiederzufinden und neuen Mut, selbst Frieden zu finden und sich mit der Welt zu versöhnen.

Im Laufe des Jahres 2017 haben wir grenzüberschreitende Konflikte wachsen sehen, mächtige Rhetorik entsprechend zerstörerische Taten. Gewalt und Krieg haben zufällige Menschen in großer Anzahl getroffen. Deshalb befinden sich viele Menschen auf der Flucht vor den Schrecken des Krieges, und neue Welle von Immigration spülen über die Landesgrenzen, ganz gleich, welche Hindernisse wir in den Weg stellen. Unsere christlichen Brüder und Schwestern leiden in vielen Ländern unter einem gewaltigen politischen und religiösen Druck, den wir durchaus als Christenverfolgung bezeichnen können.

In einer Zeit mit Konflikten erscheint es angebracht, der Aufforderung Jesu zu folgen und in seiner Kammer zu gehen und Gott um Rat zu fragen. So haben Christen in zweitausend Jahren im Gebet Rat gesucht und hier Selbstbesinnung und Hoffnung gefunden.

Die Ursache dafür, dass Jesus seinen Jüngern gebietet, in ihre Kammer zu gehen und das Vaterunser zu beten, ist die Entlarvung des heuchlerischen Gebets: Das Gebet, dass in aller Öffentlichkeit stattfindet und Aufmerksamkeit und Zustimmung erheischt. Denn das ist nicht Gebet, sondern Manipulation. Ganz gleich ob der Inhalt des Gebets politisch ist, um nationale Befreiung zu erlangen, nach der sich die meisten Juden unter der Besetzung von Kaisen Augustus sehnten, oder psychologisch, um Zustimmung zu Wut und Furcht zu erlangen, die zu Hass und Tatkraft ermuntern. Solche öffentlichen Gebete richten sich nicht an Gott, sondern an Menschen, und sie er fahren ihre augenblicklichen und angemessenen Folgen. So wie es geschieht, wenn Gefühle freien Lauf erhalten auf Twitter, Instragram und Facebook. Dann weckt das nicht selten eine starke und nicht kontrollierbare Volksstimmung. Wenn Jesus vor der Heuchelei schon hier zu Beginn seines Wirkens als Lehrer warnt, kurz nachdem er seine zwölf Jünger berufen hat (Kap. 4, 18-22), dann wohl deshalb, weil er die Versuchung voraussieht, seine eigenen Vorstellungen mit denen von Gott zu identifizieren. Wenn wir immer über das Evangelium predigen, ist das als eine Bestätigung dieser Warnung zu verstehen, dass wir niemals die christliche Botschaft festlegen können. Was wir verstehen und lehren, ist niemals abgeschlossen, sondern in einer Bewegung zwischen Tradition und Erneuerung, zwischen Vergangenheit und Zukunft, und es erfordert deshalb stets eine immer neue Auslegung für eine neue Zeit. Ich denke, das ist Grund genug, auf das gebot Jesu zu hören, dass wir Gott im Gespräch im Inneren suchen sollen, mit uns selbst ins Gericht gehen sollen, damit wir nicht den Namen Gottes missbrauchen und unsere Wünsche mit denen Gottes verwechseln.

Das sechste Bitte des Vaterunsers zielt in dieselbe Richtung: ‚Führe uns nicht in Versuchung‘, oder wie es in anderen Übersetzungen heißt: ‚Stelle uns nicht auf die Probe‘. Wenn Jesus uns diese Bitte in den Mund legt, so wohl deshalb, weil er unsere Versuchung an den Tag bringen will, das Gericht in eigene Hände zu nehmen, so wie das der Pharisäer tut, wenn er behauptet, dass das Wort des Gesetzes der Wille Gottes sei. Denn Worte sind wie Schlangen, die sich nach unseren Bedürfnissen schlängeln, während der Wille Gottes allein und Menschen von der Sünde befreien will, Menschen zu trennen. Die Versuchung besteht darin, den Namen des Herrn dazu zu missbrauchen, uns mehr anzueignen als nötig und andere Menschen von uns fernzuhalten. So wie Jesus selbst der Versuchung in der Wüste widerstand, als sie sich in roher Form zeigte: Als Macht, Wohlstand und Wohlleben. So wie Jesus selbst ohne Ausnahme jeden Fremden annahm, der ihn als Sohn Gottes erkannte.

In der sechsten Bitte bitten wir Gott um Stärke, der Versuchung des Schöpfungswerkes zu widerstehen. Denn wir alle leiden an der Sucht, die uns dazu treibt, mehr zu nehmen als wir brauchen und unser eigenes Recht auf Kosten anderer einzufordern.

Wenn die Übersetzer im Laufe der Jahrhunderte versucht haben, den Wortlaut des sechsten Gebets im Vaterunser zu ändern, so liegt es daran, dass man sich nicht mit dem Gedanken anfreunden konnte, dass Gott uns in Versuchung führt. Ende des letzten Jahres nahm überraschenderweise Papst Franziskus zur Sache Stellung, weil auch er nicht der Auffassung war, dass Gott ein Versucher ist, und er schlug diese Übersetzung vor: ‚Lass uns nicht in Versuchung kommen‘.

Das ist keine gute Übersetzung, sie reißt den griechischen Grundtext aus seinem biblischen Zusammenhang und entfernt Gott aus der Versuchung. Aber der biblische Gott erprobt immer wieder sein Volk, und das Volk erliegt nicht selten der Versuchung. Aber in einer Gleichung zwischen Gut und Böse entfernen Papst Franziskus und viele mit ihm einfach Gott aus der Gleichung, weil sie nicht haben wollen, dass die Prüfungen und Versuchungen von Gott kommen. Gott ist außerhalb der Welt von Prüfungen und Versuchungen, die allein Werk es Bösen sind. Das i, das dualistische Weltbild, das mittelalterliche Drama, das sich hier entfaltet in all seinem kosmologischen Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen, dem Himmlischen und dem Irdischen. Die Alten nannten das Gnostizismus und betrachteten es als Ketzerei. Denn das Böse personifiziert als Satan und Teufel selbst erhält eine eigene Macht, die außerhalb der Machtsphäre des himmlischen Schöpfergottes erhält. Das hat früher die Kirche dazu befähigt, Leute als Kinder des Satans auszugrenzen, und es veranlasste Luther, den Papst als den Bösen selbst zu bezeichnen. Beides ist unhaltbar. Heute erkennen wir, dass es eine Frage der Auslegung ist, die Ketzerjagd ist längst nicht mehr angesagt. Aber das ändert dennoch nichts daran, dass es ganz entscheidend für uns ist, wie wir Gott verstehen und wie wir als Christen uns selbst verstehen.

Das Problem ist nicht allein ein philologisches Übersetzungsproblem, sondern vor allem ein christologisches. Es geht um Christus. Christus wurde Mensch, ganz und gar Mensch, geboren von einem jungen armen Mädchen. Und ist doch noch immer Gott. Das ist in sich paradox. Aber wir müssen daran festhalten, dass Gott Mensch wurde, und dass er deshalb kein Halbgott war, sondern wirklich ein Mensch mit Gefühlen, Sinnen und Trieben. Als Mensch konnte Jesus versucht werden, und er wurde versucht. Aber er bestand die Prüfungen durch 40 Tage des Fastens in dem Wechsel zwischen Hitze und Kälte in der Wüste. Er überwand sich selbst, fand seine eigene Bestimmung wieder, die der Welt verkündet wird, als er von Johannes getauft wird und Gott vom Himmel ruft: „Du bist mein geliebter Sohn, in dir habe ich Wohngefallen“ (Markus 1,11). Wenn man die Prüfungen als etwas versteht, das von außen kommt, eine andere Macht, dann verkennt man die Aufgabe Jesu, sich selbst zu überwinden und den Prüfungen zu widerstehen, um sich dadurch mit seiner eigenen Bestimmung zu versöhnen. Ein Kampf, den er auch am Kreuz besteht, als er seinen Vater darum bittet, dass der bittere Kelch ihm erspart werde. Aber Jesus ist nicht der machtvolle Herrscher, der er hätte werden können, sondern er ist das einzig wahre Vorbild, das wir haben: Ein leidender Diener, der sich durch seinen Tod mit der Welt versöhnt. Das ist sein göttlicher Wille. Das Leben Jesu nicht ein kosmischer Kampf gegen den Satan, sondern er ist das Vorbild für einen menschlichen Kampf, den Widersacher in uns selbst zu überwinden.

‚Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen‘, das ist mit anderen Worten die Selbstbesinnung, zu der uns Jesus in der stillen Kammer auffordert. Erst hier können wir uns wahrhaft vor Gott demütigen und ihn unseren Selbstbetrug richten lassen. Das können die wenigsten schon aus reiner Eitelkeit öffentlich tun. So wie Jesus in die Wüste ging, müssen wir in die stille Kammer und Gott uns prüfen lassen. Das sind wir gestärkt, wenn wir unter Menschen Werke der Liebe tun sollen, ohne uns durch eigenen Vorteil in Versuchung führen zu lassen. Ganz unschuldig wird es nie, wenn wir unter Menschen sind, dazu ist das Spiel der Welt viel zu unüberschaubar und komplex, und wir tun bekanntlich allzu oft das Gegenteil von dem, was wir wissen, dass es wahr ist und was wir nicht wollen. Das Böse außerhalb unserer selbst anzubringen, bedeutet, sich wie der Pharisäer selbst zu erhöhen, als er meinte, im Namen Gottes richten zu können. Luther scheint recht zu haben mit seiner Aussage, dass wir auch als Kinder Gottes zugleich Sünder sind und gerechtfertigt. Das ist paradox, und das Wesen des Glaubens und das Wesen Gottes bleiben für das Denken ein Kreuz.

 

Jesus west das Gebet an als den Ort, wo das christliche Leben beginnt. Hier in der Kirche hörst du seine Botschaft, aber es liegt an dir, sie mit nach Hause zu tragen hinein in dein eigenes Leben. Die sechste Bitte ist eng verbunden mit der fünften: ‚Vergib uns unsere Schuld, wir auch wir vergeben unsern Schuldigern‘. Wir brauchen dieses Gespräch mit Gott, und dass wir selbst diese Sehnsucht nach Vergebung für alle unsere kleinen und großen Fehler formulieren. Das unterstreicht unser Verhältnis zu Jesus: Wir er uns vergibt, auch wenn er unsere Fehler kennt, so sollen auch wir die Fehler der anderen vergeben. Wir wissen, dass wir mit unseren Worten und Handlungen die Welt zerstören, die Gott uns anvertraut hat, dass wir uns ihr annehmen, und deshalb brauchen wir seine Vergebung. Der Geist der Vergebung lebt aus dem Tod und der Auferstehung Jesu. Jesus stirbt durch die Hand dieser Welt, aber dieselbe Hand ergreift er, um sie im Namen der Versöhnung wiederzugewinnen. Jesus Christus ist Versöhnung. Der Glaube an Jesus Christus den Erlöser ist eine Verwandlung, eine Wiedergeburt als Geschlecht der Versöhnung. Dieses Geschlecht, dem Christus den Mut verliehen hat, nach innen zu schauen und nach außen zu handeln. Dieses Geschlecht, dem seine Schuld vergeben wird – um selbst Großmut zu zeigen und sich mit der Welt zu versöhnen.

 

Die Doppelheit lebt noch immer in uns. Der Glaube ist nicht statisch. Deshalb müssen wir Gott um Mut bitten, das Licht des Evangeliums weiterzureichen und im Namen der Hoffnung Brot und Wein der Versöhnung jedem Fremden zu reichen, der an der Mahlzeit teilnehmen will. Das ist unsere tägliche Prüfung, uns selbst zu überwinden. Christus hat ein Licht angezündet, aber wir müssen es ich einen Leuchter stellen. Das ist der neue Bund. Der Himmelskönig und der Menschensohn wurde nicht der magische Zaubertrick, der die Welt ein für alle Mal verwandeln sollte. Eines Tages, vielleicht. Aber Gott wurde Mensch, und machte damit offenbar, dass unsere Welt nicht das Werk des Teufels ist, sondern Wirklichkeit Gottes, für die wir mit Jesus als Vorbild kämpfen sollen.

 

Jesus bittet uns darum, in den Kampf einzusteigen und bei uns selbst zu beginnen, im stillen Kämmerlein.

Dann gewinnen wir Mut und Kraft, als Kinder Gottes zu leben:

‚Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen‘.

 

Möge das unser Neujahrsvorsatz sein!



Pastor Rasmus Nøjgaard
DK-2100 København Ø
E-Mail: rn(at)km.dk

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