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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Silvester, 31.12.2017

So wandern wir durch die Zeit
Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 13:20-22, verfasst von Bernd Giehl

Vor einiger Zeit musste ich nachts nach Hause fahren. Die meiste Zeit auf der Autobahn. Es war Dezember, es war finstere Nacht, es regnete. Die Scheibenwischer funktionierten gut, aber im Inneren des Wagens war es feucht, das Wasser kondensierte und die Windschutzscheibe war ständig beschlagen. Der Knopf für das Rundlaufen der Belüftung war nicht zu finden. Ich wusste, dass es ihn gab, aber das half mir nichts. Also drehte ich immer wieder die Seitenscheiben herunter. Das half für kurze Zeit. Vielleicht hätte ich von der Autobahn abfahren und mir ein Hotel zum Übernachten suchen sollen. Irgendwo auf der Strecke hätte ich womöglich eines gefunden. Orte gab es ja an der Autobahn. Manche davon kenne ich sogar. Aber ich wusste auf Anhieb kein Hotel und mein Navigationssystem gibt bei Regen jedes Mal auf. An der Straße wollte ich die Nacht auch nicht verbringen. Die Erinnerung an den einen oder anderen Urlaub mit Zelt und ohne Campingplatz zum Übernachten reicht mir völlig. Also fuhr ich weiter, immer mit dem Gedanken hoffentlich krache ich nicht in die Leitplanke oder ein Anderer fährt mir hinten drauf. Es passierte zum Glück nichts. Ich kam heil und gesund zu Hause an.

Mein Schutzengel hatte mich vor Schlimmerem bewahrt.

 

Aber hören wir jetzt auf den Predigttext.

20 So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht

Darf ich fragen, welche Assoziationen Ihnen da kommen?

Vermutlich haben Sie den ersten Vers besonders intensiv gehört. Die unbekannten Namen Sukkot und Etam und dann das Wort „Wüste“, die lassen aufhorchen. Etam, am Rand der Wüste. Etam ist also noch bewohntes Gebiet. Da leben Menschen und Tiere. Ob sie freundlich gesinnt sind, das wissen wir nicht, aber Feinde sind es wahrscheinlich nicht, sonst würden die Befreiten wohl kein Lager aufschlagen. Vorläufig ist es also noch sicher, aber wie es weitergeht, das wissen wir nicht. Jedenfalls noch nicht. Die Scheiben sind beschlagen, die Weiterreise gefährlich. Aber natürlich birgt auch die Rast am Rande der Wüste Gefahren. Vielleicht gibt es dort Löwen, Hyänen oder gar Schlangen. Und der Pharao könnte seine Soldaten schicken, die die Flüchtenden wieder einfangen und sie zurückbringen in ihr Arbeitslager, wo sie ihm Ziegel gebrannt und Städte gebaut haben. Hinter ihnen liegt die Zwangsarbeit im Steinbruch und in den Ziegeleien. Hinter ihnen liegen die Peitschenhiebe und die Exekutionen bei Arbeitsniederlegung und Widerstand gegen die Staatsgewalt.

 

Und Sukkot? Sukkot ist der geheimnisvollste Ort. Nicht mehr hier, aber auch noch nicht da. Vermutlich immer noch im vertrauten Land. Noch einigermaßen bekannt. Vermutlich gesichert mit Palisaden Vielleicht auch mit Wachtürmen. Ich frage mich, wie die da rausgekommen sind, ein paar hundert Mann hoch, die Frauen und Kinder nicht mitgerechnet. Ob sie die Wachen bestochen haben? Oder ob sie am Neujahrsfest raus sind? Als die Wachen betrunken waren und die Fliehenden für eine Fata Morgana gehalten haben? Oder vielleicht nicht einmal auf dem Türm standen?

Gefährlich war es auf alle Fälle. Einfach mal so über die Grenze, das ging nicht. Da war das Militär davor. Und natürlich der Pharao.

Nur für die Bibel ist das alles ganz einfach. Schließlich ist es ja ER selbst, Adonai Elohim in seiner Gewitterwolke, der vor Ihnen herzieht und sie beschützt.

Und alles, alles wird gut.

 

Wer spricht da? Wessen Stimme höre ich da? „Adonai Elohim kann auch nicht überall sein“, sagt die zarte Stimme. „Nicht vor uns und zugleich hinter uns. Und auch noch rechts und links von uns. Er kann uns nur notdürftig beschützen.“

Sicher, es gibt auch noch Mose. Und Aaron den Priester. Und Miriam; Moses Schwester. Die mit der Trommel. Sie wissen schon. Was für eine Frau. Die hätte ich gern zur Mutter. Aber Miriam muss tun, was Mose sagt. Und wenn Mose befiehlt, dann gibt‘ kein Vertun.

Aber Mose ist auch nur ein Mensch. Mag sein von Adonai Elohim gesandt, aber auch nicht allmächtig. Wie sollte er uns beschützen vor unseren Feinden? Die uns in die Sklaverei zurückbringen werden? Wer kann das schon? Hat Mose so eine Macht? Aber wer hat die schon? Der Herr?

Nicht einmal er.

Aber die Wolkensäule, sage ich, Die zeigt doch den Weg. Und die Feuersäule bei Nacht. Die muss doch zu sehen gewesen sein.

„War sie ja auch“, sagt die zarte Stimme, von der ich immer noch nicht weiß, wer sie ist und woher sie kommt. „Sie zog immer weiter. Egal ob wir noch konnten oder nicht. Am Anfang war das ja gut. Da wollten wir so weit wegkommen wie möglich. Nur bald über die Grenze. Damit die Soldaten uns nicht wieder einfangen konnten. Wer weiß schon, was die mit uns angestellt hätten. Mit den Mädchen und Frauen vor allem. Es gab Gerüchte. Es gibt immer Gerüchte. Vielleicht hätten sie uns ja am Leben gelassen. Aber was für ein Leben wäre das gewesen?“

„Aber sie haben euch nicht eingeholt. Und das war der Wolken- und der Feuersäule zu verdanken.“

„Doch haben sie .Am Schilfmeer. Dem Herrn sei Dank haben sie nicht überlebt. Alle ertrunken. Manchmal sehe ich sie noch vor mir. Es war schrecklich wie sie ertranken. Alle siebentausend.“

„Aber ihr habt überlebt.“

„Haben wir. Mit den Bildern in unseren Köpfen. Die blieben drin.“

„Ja“, sage ich. Das kann ich mir vorstellen.“

 

Jetzt schweigt die Stimme. War wohl nur in meinem Kopf. Und die Stimme des Erzählers. Wo ist die? Auch nur in meinem Kopf?

 

Nein, das wohl nicht. Das ist eine andere Stimme? Nicht zweifelnd. Vermutlich ist auch sie sich der Gefahren bewusst, aber sie ist weniger zögerlich. Sie erzählt wie es war, damals. Vermutlich vor langer, langer Zeit. Aber sie ist gewisser. Sie erzählt eher aus einer neutralen Perspektive. Nur ist die weit sicherer als die Stimme der jungen Frau in meinem Kopf. Sie werden in das Land kommen, wo Milch und Honig fließt, sagt die Stimme des Erzählers. Sie werden dorthin gelangen, weil Gott selbst es ist, Adonai Elohim, der Herr aller Götter, der sie führt. Er sieht heraus aus der Wolken- bzw. aus der Feuersäule. Er führt das Volk an. Und er ist kein Dämon, sondern einer der sie beschützt. Er steht ihnen bei wie es nur einer kann, der Engeln befehlen kann, die ihm auch gehorchen. Die Stimme, die erzählt, weiß es.

Aber natürlich weiß sie auch um die Gefahren. Das Land in das sie jetzt kommen, wird nicht mehr viele Oasen haben. Wenig Gras an dem die Tiere sich sattfressen können. Noch weniger Palmen mit Kokosnüssen für die Menschen Sie kennen es nicht. Ebenso wenig wie sie den Gott kennen, der sie führt. Adonai Elohim nennen sie ihn, den obersten der Götter. Aber das ist ja nur ein Name. Den haben sie ihm gegeben, damit er ihnen freundlich gesonnen ist. Aber sonst wissen sie wenig über ihn. Sie glauben, dass er ihnen wohlgesonnen ist aber sie wissen,  er kann auch zornig werden. Eine Feuersäule ist nichts mit der man spaßen kann.

Aber wie gesagt. Er wird sie in das Land bringen in dem sie noch nicht waren und das ihnen Heimat werden wird. Jedenfalls für lange Zeit.

 

So wandern wir durch die Zeit. Mit der Feuersäule vor uns, die uns den Weg zeigt. Manchmal macht es Freude ihn zu gehen. Ein anderes Mal ist er beschwerlich. Voller Wurzeln, über die wir stolpern. Eine Straße, die eigentlich geteert werden müsste. Warum hat das bisher noch niemand übernommen? Aber was bleibt uns anderes übrig? Wir können ja nicht bleiben, wo wir sind. Wir müssen immer weiter. Aber du wirst uns führen. Wohin auch immer. Ob‘s ein Ziel gibt? Wer kann das schon sicher sagen. Aber du wirst dafür sorgen, das uns der Himmel nicht auf den Kopf fällt. Das hast du uns zugesagt, und darauf verlassen wir uns. Du wirst uns begleiten auf dem Weg, der vor uns liegt. Und dafür sorgen, dass wir auch heil ankommen.



Pfarrer Bernd Giehl

E-Mail: giehl-bernd@t-online.de

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