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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Silvester, 31.12.2017

Gewebte Erinnerungen
Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 13:17-22, verfasst von Thomas Schlag

Liebe Gemeinde,

jetzt, im Rückblick auf 2017 drängt sich die Frage auf: War Gott in diesem Jahr bei uns? Hatten wir das Gefühl, dass er mitten unter uns ist? Haben wir uns in irgendeiner Situation an ihn erinnert? Oder war er, als es bitter notwendig gewesen wäre, schlichtweg abwesend?

Viele öffentliche Ereignisse werden am Ende des Jahres in Erinnerung gerufen. Jahresrückblicke zeigen uns „the best of 2017“: Sportliche Glanzleistungen und Rekorde, kulturelle Höhepunkte, wundersame Rettungen aus Katastrophen, Beispiele mutiger und glänzender Mitmenschlichkeit. War Gott mitten unter uns?

Zugleich werden uns die dunklen Schlagzeilen nochmals bildhaft vor Augen geführt: Schwarz-Weiß-Photographien von verstorbenen Prominenten wie den Politikern Roman Herzog, Helmut Kohl oder Heiner Geißler, den Sängerinnen Daliah Lavi oder Joy Fleming, dem Schriftsteller Peter Härtling – manche sind Teil unserer ganz persönlichen Lebenserinnerung. Und durch das ganze Jahr hindurch immer noch Kriege und neue brandgefährliche Konflikte. Mit schweren Stiefeln in den Boden getretene Menschenrechte. Wo war Gott im Jahr 2017?

Und am Ende dieses Jahres blättert sich auch der eigene, ganz persönliche Kalender nochmals vor uns auf: Einzelne dunkelste Tage und grausam-nachtvolle Momente, die wir am liebsten aus dem Gedächtnis streichen würden. Aber dann auch Augenblicke und Begegnungen, die dieses Jahr in positivstes und farbenfrohes Licht getaucht haben und es unvergesslich machen. War Gott bei uns?

Am Ende dieses Jahres wird eine menschliche Fähigkeit besonders deutlich: Die Fähigkeit, uns erinnern zu können. Jetzt zeigt sich, was uns im Innersten ausmacht: Der Publizist Michael Köhler sagt prägnant: „Menschen sind in Erbgeschichten verwickelte Wesen, Erinnerungswesen.“[1] Wir leben davon, zurückblicken zu können: Auf das Schöne und das Schmerzvolle, auf die dunkle Zeit und den hellen Augenblick, auf die todtraurigen und die wunderschönen Begegnungen. War Gott in diesem vergangenen Jahr ganz persönlich bei Ihnen? Haben Sie seine Nähe gespürt? Oder ihn vergeblich gesucht? War er abwesend, als sie ihn bitter nötig gehabt hätten?

Die Antwort auf diese Fragen kann naturgemäß nur ganz individuell ausfallen – und sie setzt sich vermutlich bei jedem von uns aus vielfältigen Teilantworten zusammen.

Und vieles ist im Rückblick eben gar nicht einfach nur ganz dunkel oder ganz hell, sondern oftmals auch höchst schillernd. Eine Nachricht des vergangenen Jahres hat mich besonders nachdenklich gemacht: Da liest man erst vor wenigen Tagen von der Geburt eines Kindes – und jetzt denke ich nicht an Weihnachten! – das als Embryo vor 25 Jahren eingefroren wurde und nun nach einer künstlichen Befruchtung in den USA auf die Welt gekommen ist. Ich will an dieser Stelle nicht die komplexe biologische und theologische Debatte über die Natur des Embryos und die Frage nach seiner Seele ausbreiten. Aber schillernd-zwiespältige Gedanken löst dies schon aus: In einem Video ist das elterliche Glück über die Geburt unübersehbar. Der Säugling sieht so aus, wie man sich den perfekten Nachwuchs vorstellt. Über ihr Neugeborenes sagt sie freudestrahlend: „Wir hätten beste Freunde sein können.“[2] Und doch frage ich mich: Was bedeutet es eigentlich, dass zu dem Zeitpunkt, als damals dieser Embryo eingefroren wurde, die jetzige Mutter des Kindes selbst erst ein Jahr alt war.

Helle Erfahrungen und dunkle Klage und dazwischen viel Schillerndes – daraus sind jedenfalls meine Erinnerungen des vergangenen Jahres gewebt. Wie ein bunter Flickenteppich kommt mir dies vor: Zusammengefügt aus ganz unterschiedlichen Stoffen, einige äußerst belastbare und andere, ganz zerbrechliche Teilstücke, höchst unterschiedliche Farbtöne, neugewebte Elemente verbunden durch festere und auch zerbrechliche Fäden, einige klare Ränder, aber auch ausgefranste Enden, viel Unvollkommenes und noch mehr Unvollendetes. Eine einheitliche Erinnerungsstruktur ist jedenfalls für mich kaum auszumachen.

Ich vermute, der Erinnerungsteppich des Jahres 2017 hat bei jedem von uns dunkle und helle und schillernde Teile. Unser Lebensteppich ist eben wie er ist – er zeichnet uns aus, so wie wir sind. Hat womöglich Gott im vergangenen Jahr staunend und höchst beeindruckt auf unsere unvollkommenen Webtechniken und unvollendeten Verknüpfungen geschaut – hat er gar mitgewebt?

Vielleicht finden Sie diese Fragen ganz unbeantwortbar und auch gar nicht wesentlich. Ganz alltagspraktisch sagt man: „Es kommt, wie es kommt“ – und „Das Leben geht schon irgendwie weiter“. Und das ist ja auch nicht falsch. Wir weben und knüpfen, so gut wir es eben können. So hoffen wir jedenfalls. Und doch könnte mehr gefragt sein als nur unsere menschliche Verknüpfungskunst.

Liebe Gemeinde,

lassen Sie mich noch im alten Jahr ein weiteres Erinnerungsstück zu Ihrem Webgeflecht hinzulegen – eine bildhafte Beschreibung des gegenwärtigen, mitwebenden Gottes. Ich nehme Sie für einen Moment auf eine Wanderung mit, die uns an den Rand einer Wüste führt:

17.18 Und die Israeliten zogen wohlgeordnet aus Ägyptenland, den Weg durch die Wüste zum Schilfmeer. 19 Und Mose nahm mit sich die Gebeine Josefs; denn dieser hatte den Söhnen Israels einen Eid abgenommen und gesprochen: Gott wird sich gewiss euer annehmen; dann führt meine Gebeine von hier mit euch hinauf. 20 So zogen sie aus lagerten sich am Rande der Wüste.

21 Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. 22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Ich bin gar nicht sicher, in welchem Licht ich mir diese Exodus-Szene näher vorstellen soll. Beides kommt ja vor: Helligkeit und Dunkelheit. Tag und Nacht. Bedrohliche Wildnis. Man sucht nach einem sicheren Weg. Man betet und fleht. Und ist dankbar für den Schutz der nächtlichen Ruhe. Unterschiedlichste Farbtöne und Stimmungen. Furcht und Hoffnung, höchste Gefahr und Rettung verbinden sich auf dramatische Weise zu einem Erinnerungsknäuel.

Dieser Bericht, diese Wüstenerfahrung des Volkes Israel erscheint mir wie eine gewebte Erinnerungsgeschichte: Dies zeigt sich schon daran, dass Mose, wie es heißt, die Gebeine Josefs aus Ägypten mitgenommen hat. Dies ist die physische Erinnerung daran, dass Gott nicht nur bei den Erzvätern war, sondern auch jetzt und zukünftig bei seinem Volk bleiben wird: „Gott wird seinen Bund niemals vergessen.“[3]

Der Alttestamentler James Bruckner bringt es auf den Punkt: Diese erstaunliche Erzählung stellt ein Gewebe aus Gottes vergangenen und zukünftigen Handlungen dar – verbunden mit der Aufforderung, dass sich Menschen daran zukünftig erinnern sollen.[4] Gott selbst webt gerade höchst bedeutsame Erinnerungen. Sein Handeln schafft Hoffnung.[5]

In dieser Exodusgeschichte sind lauter Erinnerungswesen unterwegs. Hier zeigt sich, wie stark sich im ganzen jüdischen Volk Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft verknüpfen – übrigens bis zum heutigen Tag mit höchst dramatischen Folgen für das ganze Land und seine Menschen.

Die jüdischen Gläubigen haben übrigens eine höchst eindrückliche Form, sich die eigenen Erinnerungen und Gebote immer wieder ganz physisch klar zu machen: Die jüdischen Gebetsschnüre, die sogenannte Zizit, werden im Gebet mit den Fingern berührt, um sich die ganze Geschichte Gottes mit seinem Volk als „Erinnerungszeichen“ ständig neu vor Augen zu führen. Ihr Sinn besteht darin, den Menschen aus unfruchtbaren Zweifeln zu erlösen und ihn im Vertrauen auf Gott zum Aufbruch zu bewegen. Diese Knotenschnüre sind, so ein Ausleger, keine reißenden Zügel am menschlichen Seelenwagen, sondern stärkende Taue am Seelensegel[6] – sozusagen Hilfsmittel für den Aufbruch in göttlicher Dynamik.

Und dann bekommen wir eben dieses erstaunliche und höchst dynamische Bild der Wolken- und der Feuersäule, vom 24-Stunden-Dienst Gottes (“The twenty-four-hour guidance of Israel”[7]) vor Augen. Dies lässt sich naturwissenschaftlich weder als ein nächtliches Wetterleuchten noch als kleine Windhosen erklären, die in der Wüste den Sand säulenartig in die Luft wirbeln und im Zickzack über den aufgeheizten Boden springen. Was wir sehen, ist eine „Manifestation schützender Gottesnähe“[8]. Zum ersten Mal seit der Erzählung vom brennenden Dornbusch, in dem sich Gott Mose offenbart, kommt er den Menschen wieder erkennbar nahe. Er schützt, er führt, er rettet. Mich erinnert dies an die wunderbar altertümliche Sammelbezeichnung der verschiedenen Notfalldienste in Zürich, die einfach prägnant „Schutz & Rettung“ lautet.

Ganz elementar ist der Schutz diese Wolken- und der Feuersäule: Gott webt Erinnerungen, indem er mitten unter den Menschen anwesend ist und uns vorausgeht. „Der, der vorangeht“ wird sogar zur Bezeichnung für Gott selbst.[9] Und wir wissen ja schon: Die Israeliten werden sicher vom Rand der Wüste bis zum Schilfmeer geführt werden.

Wenn wir heute am Ende dieses Jahres hören, dass Gott die Befreiten niemals allein lassen wird, entsteht auf faszinierende Weise für uns neue gewebte lebendige Erinnerung. Diese Begleitungsgeschichte hat die Kraft, alle Menschheitszeiten zu übergreifen: Neutestamentlich nimmt der Hebräerbrief genau diese alttestamentliche Befreiungserfahrung auf, wenn es heißt: „Denn er hat gesagt (Josua 1,5): ‚Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen.‘ So können wir getrost sagen (Psalm 118,6): ‚Der Herr ist mein Helfer, ich werde mich nicht fürchten; was kann mir ein Mensch tun?‘ (Hebr. 13,5).

Wo ist heute die Wolken- und Feuersäule des helfenden und bewahrenden Gottes, wo ist er gegenwärtig mitten in der Wildnis[10] der aktuellen Verhältnisse? Ist Gott mitten unter uns, bei mir? Was brauche ich für den eigenen Lebensweg?

Mich hat im vergangenen Jahr das Motto eines 410km langen Pilgerweges durch Sachsen-Anhalt beeindruckt. Dieser Lutherweg zum Reformationsjubiläum ist ganz elementar überschrieben mit: „Gehen, schauen, beten, zur Ruhe kommen“.[11] Für unsere Erinnerungen an das vergangene Jahr und für den ganzen pilgernden Lebensweg erscheint mir diese Schritt- und Stufenfolge überaus passend: Mit diesem „Gehen, schauen, beten, zur Ruhe kommen“ sind wir angesprochen, noch einmal hinzuschauen, uns umzublicken:

Damit ist gerade nicht gemeint, dass wir nun im stillen Kämmerlein zahlenmäßig Bilanz ziehen und die Erfolge des Jahres berechnen sollen. Sondern die wirklich wesentlichen Fragen sollen nun Raum bekommen:

Welche Schritte bin ich im vergangenen Jahr gegangen? Wer steht neben mir und neben wem stehe ich? Wer geht mir voraus? Wo war meine Geistes-Gegenwart gefragt und wo wird sie weiterhin gebraucht?

„Gehen, schauen, beten, zur Ruhe kommen“ – erst durch eine solche ruhige und klare Schrittfolge wird der Blick frei auf die hellen Momente und die dunklen Erfahrungen, auf das Schillernde. auf das Unvollkommene und das Unvollendete, auf Gott mitten unter uns:

Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Wenn wir uns diese Erinnerungsgeschichte heute vor Augen führen, dann fällt neues Licht auf das, was wir im letzten Jahr erlebt haben – und was unser eigenes Lebensgewebe im Innersten ausmacht. Wenn wir in dieser Haltung gehen, schauen, beten, und zur Ruhe kommen, dann fällt auch neues Licht auf Gott. Wie er uns am Tag und in der Nacht begleitet hat und bei uns sein wird. Wie er uns den einen oder anderen bunten Faden in die Hand gegeben hat und weiterhin schenken wird. Wie er freudig darüber staunt, dass wir so mutig an unserem eigenen Erinnerungs- und Lebensteppich, am eigenen Seelensegel weben. Und Gott selbst daran mitwirkt und mitwebt. Und dabei niemals von unserer Seite weicht.

Amen.

 

[1] http://www.deutschlandfunk.de/herkunft-und-heimat-heimatgefuehl-ist-konkret-an-gegenden.691.de.html?dram:article_id=362467

[2] http://edition.cnn.com/2017/12/19/health/snowbaby-oldest-embryo-bn/index.html

[3] E. Carpenter, Exodus, Bellingham, 2012, Exportiert aus Logos Bible Software, 10:43 21. Dezember 2017, 10.

[4] James K. Bruckner, Exodus, Peabody Massachusettes 2008, 122.

[5] James K. Bruckner, Exodus, Peabody Massachusettes 2008, 126.

[6] Daniel Krochmalnik , Zizit (Parascha 384. Ansprache für Freitag, den 17. Juni 2011 [http://www.hagalil.com/2011/06/zizit/].

[7] Carpenter, 11.

[8] Rainer Albertz, Exodus, Band I: Ex 1-18, Zürich 22017, 238.

[9] Vgl. Dtn 1,30.33; 20,4; 31,6.8.

[10] John Durham, Exodus, Waco 1987, 186.

[11] http://www.anhalt-dessau-wittenberg.de/files/Lutherweghandbuch.pdf; http://www.sachsen-anhalt-tourismus.de/kultur/martin-luther/lutherweg/



Prof. Dr. Thomas Schlag
Edinburgh/Zürich
E-Mail: Thomas.schlag@theol.uzh.ch

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