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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Neujahrstag, 01.01.2018

Predigt zum Neujahrstag – Jahreslosung 2018
Predigt zu Offenbarung 21:6 (Jahreslosung), verfasst von Uland Spahlinger

Liebe Gemeinde,

 

dem belgischen Zeichner Hergé verdanken wir die „Tim und Struppi“-Comics, in denen er seinen unerschrockenen Helden, den Reporter Tim, und seinen kleinen Hund Struppi, durch die ganze Welt schickt, um die Bösen zu bekämpfen, Freunde aus Gefahr zu retten und dem Recht und der Zivilisation Wirksamkeit zu verschaffen. Um Tim herum entstan­den im Laufe der Zeit eine ganze Reihe höchst unterschiedlicher Nebengestalten, die im­mer wieder auftauchen, böse, gute, skurrile. Zu diesen gehören die beiden Geheimpolizis­ten Schulze und Schultze, schwarze Anzüge, Schnauzer, Schirm, Melone – und beide ein bisschen vertrottelt.

 

In einer der Episoden - „Im Reich des schwarzen Goldes“ (es geht natürlich um Erdöl) – geraten sie in den Orient, in eine Wüste. Durch diese fahren die beiden mit einem Jeep, fahren und fahren – ihr Ziel finden sie nicht. „Bist du sicher, dass der Weg stimmt?“ - „Ja sicher, außerdem hat man uns gesagt: Immer geradeaus.“ Endlich sehen sie eine Oase, sie kommen näher – plopp: das Bild verschwindet: eine Fata Morgana. Das Ganze wieder­holt sich mehrere Male, bis sie gegen eine Dattelpalme fahren, die eben KEINE Fata Mor­gana war. Die darauffolgende Szene – es ist inzwischen unerträglich heiß und die beiden leiden Durst – zeigt wieder eine Oase mit Palmen und einem kleinen See. Beide sind ganz glücklich, schlüpfen  in ihre Badehosen, setzen zum Kopfsprung an – und landen im Wüs­tensand. Es war wieder eine Fata Morgana gewesen.

 

Es sind zwei Aspekte in dieser Bilderfolge, die mich zum Nachdenken reizen.

Der eine ist die Sache mit dem Wasser: Lebenselixier, unverzichtbare Grundlage des Le­bens überhaupt.

Der zweite: Die Sache mit der Wirklichkeit und den Trugbildern: Worauf kann ich mich ver­lassen und was sind Luftspiegelungen oder andere Einbildungen, Dinge, die im Kopf statt­finden?

 

Beide Aspekte klingen in dem Bibelwort an, das als Jahreslosung über 2018 steht: „Gott spricht:

Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ (Offb 21,6). Durst schreit danach, gestillt zu werden: das können wir – nicht nur aus den Wüs­tenabenteuern der Herren Schulze und Schultze – ohne Mühe verstehen. Durst ist eine schlimme Sache, und sauberes Wasser ist eine Grundnotwendigkeit, egal wo auf der Welt.

 

Unser Bibelwort redet aber nicht vom Wasser an sich. Nicht als Teil einer Geschichte der Wüstenwanderung Israels, nicht als Versprechen an Wanderhirten. Wir finden diesen Satz am Ende der Offenbarung des Johannes, im Zusammenhang der berühmten Stelle, die als Wort der Hoffnung auf Gottes Reich zum Beispiel bei ganz vielen Beerdigungen gele­sen wird: die Stelle vom neuen Himmel und der neuen Erde, wo Gott ganz nah bei den Menschen wohnen und all das zu Ende bringen wird, was das Leben belastet und schwer macht. „Siehe ich mache ALLES neu!“ In diesem Zusammenhang steht unser Satz: „Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

 

Das ist kein Wort von dieser Welt. Der Seher Johannes malt uns das Bild einer Gegenwelt. Seine eigene, unsere Welt sieht er auf Zerfall und Zerstörung zuschlittern, auf Endkampfs­zenarien zwischen Gut und Böse, auf die Scheidung zwischen Rettung und Verlorenge­hen. In drastischen Farben malt er das aus: Bosheit, Hochmut, ungebremste Selbstüber­schätzung, Gottlosigkeit, Bedrängung der Glaubenden durch feindliche Mächte, natürliche wie übernatürliche. Immer wieder haben vor allem Maler, diese Szenen nachgestellt und unserer Phantasie immer noch näher gebracht. Immer wieder haben sich Komponisten und Dichter anregen lassen, Szenarien der Vernichtung aus der Offenbarung aufzuneh­men und neu vor uns zu entfalten. Die Offenbarung ist in langen Teilen ein Horrorbuch – und wir können vielleicht erahnen, welche Schrecken jemand erlebt haben muss, der sol­che Bilder niederschreibt. Das ist ja nicht wie bei Stephen King, der Horrorromane als Un­terhaltungslektüre schreibt. Hier geht es – und so viel können wir wohl sagen – um Erfah­rungen mit Verfolgung, mit Unterdrückung, mit Folter und Tod wegen des eigenen Glau­bens. „Wer überwindet, wird die Krone des Lebens haben“, heißt es nicht zufällig immer wieder.

 

Was kann dich halten, wenn alles um dich herum wegzubrechen beginnt, auch der Boden unter deinen Füßen? Wenn dein Glaube nicht mehr Halt für dein Leben ist, sondern zur Gefahr für dein Leben wird? Johannes gibt den Gemeinden, an die er schreibt, seine machtvollen, eindrücklichen Bilder an die Hand, die Bilder vom Kampf der gottfeindlichen Mächte gegen den Gott des Lebens. Die müssen am Ende unterliegen, ist seine eindringli­che  Botschaft. Es kann gar nicht anders sein. Denn Gott ist der, der alles in Händen hat, was wir zum guten Leben brauchen – und wenn der Kampf gewonnen ist, dann wird auch das Terrain bereitet werden, auf dem das Gottesreich des Friedens und der Fülle errichtet wird. Und dann, ja dann gilt eben auch: „Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

 

Es gibt ja durchaus Menschen, die sehen in unseren Tagen solch apokalyptische Zeichen heraufziehen oder über uns hinwegziehen, die apokalyptischen Reiter der Gegenwart: Das Spiel mit der atomaren Gewalt, Erderwärmung, den Kampf um Energiequellen, Wasser­knappheit – das könnten solche „apokalyptischen Reiter“ sein, wie es seinerzeit bei Al­brecht Dürer Krieg, Hunger, Pest und Tod waren – Sie kennen vielleicht seinen berühmten Kupferstich. Unkontrollierbare Mächte, denen sich der Einzelne hilflos ausgeliefert sah.

 

Solche Bilder machen Angst. Und sie entfalten ihre Wirkung in unseren Köpfen und Gefüh­len. Und dann passiert es z.B., dass Menschen, die noch nie mit Geflüchteten zu tun hat­ten, einen unlösbaren Fremdenhass entwickeln. Viel davon ist Kopfkino. Wir brauchen sie, die anderen Bilder, um sie dagegen zu stellen.

 

Und das kann ich von der Offenbarung des Johannes lernen. Johannes gibt nicht auf. Im Namen Jesu Christi, der selbst zum Opfer von Gewalt geworden war und den Gott gegen alle Urteile ins Recht und in die Herrschaft gesetzt hat (so etwa würde Johannes das viel­leicht sagen), hält er dagegen: das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Das letzte Wort haben nicht die Herren der Welt. Das letzte Wort ist kein Wort der Angst oder der Verzweif­lung. Im Gegenteil! Das letzte Wort spricht von geheilten Verhältnissen, von Heilung, von einem vollständigen Neuanfang: „Siehe, ich mache ALLES neu“, sagt dann der, der auf dem Thron sitzt. Und er sagt: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendi­gen Wassers umsonst.“

 

Nun gibt es Zeitgenossen, und es gibt genug davon, die sagen: Is' ja gut, glaub du das mal, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Eine Mythensammlung, das ist deine Bibel. Die großen Entwürfe der Menschlichkeit sind doch nicht eingelöst worden. Es gibt keine hierarchiefreien Zonen, so hat das Christian Nürnberger erst neulich genannt. Er hält dem entgegen: „Ich bin ja doch ein Glaubender. Ich glaube nämlich, dass die Idee eines „Vol­kes Gottes“ eine grandiose Idee war, ist und bleibt. Denn diese Idee besagt, dass es einen Gott gibt, der möchte, dass das Leben aller auf dieser Erde gelingt. Und weil dieser Gott das will, sollen wir das auch wollen.“

 

Was Nürnberger hier über das Volk Gottes sagt, können wir auf das Reich Gottes leicht übertragen. Das Leben soll gelingen. Es soll genug für alle geben. Macht soll das Zusam­menleben unterstützen und fördern. Die Ressourcen sollen so verteilt werden, dass sie für alle reichen.

 

Und genau das finde ich in der überzogenen Bildersprache der Offenbarung eben auch. Renate Karnstein verdanke ich die folgenden Gedanken: „Bei allem Geheimnisvollen ber­gen die Worte der Offenbarung auch zutiefst menschliche Sehnsüchte. Sie reichen zurück bis ins Paradies: Gottes unmittelbarer Nähe zu seinen Geschöpfen im Garten Eden. Jo­hannes spannt einen Bogen von den ersten bis zu den letzten Seiten der Bibel. Dazwi­schen liegt die Geschichte Gottes mit uns Menschen. Eine Heilsgeschichte, deren Anfang und Ziel in Gott selber begründet liegen. ER allein ist der Garant dafür, dass die Geschich­te aller, die seine Worte hören und bewahren, auch meine ganz persönliche Geschichte, zu einem guten Ende kommt. Was Gott spricht, das geschieht. Sein Wort ist immer zu­gleich Tat.“

 

Daran hält unser Glaube fest. „Gott hält sein Wort mit Freuden, und was er spricht, ge­schicht“ (EG 302,4) - vielleicht können wir das nicht mehr mit der gleichen Begeisterung wie Paul Gerhardt „durch unsere Kehlen rinnen“ lassen.

Aber genau so wenig will ich mich irre machen lassen von Endzeitvisionären, die nur noch Wüste vor sich sehen. Anfang und Ziel liegen bei Gott, ganz genau. Jenseits unserer An­fänge und unserer Endpunkte. Jenseits der Geschichte mit all ihren staunenswerten und fürchterlichen Ereignissen. Gott lässt das, was er angefangen hat, nicht unvollendet. „Le­benswasser umsonst“ - das ist ein elementares Bild für die Gewährung von Heil (so Jür­gen Roloff). Johannes sagt seinen Gemeinden: Dass dir dieses Wasser zuteil wird, dafür musst du nichts tun. Du musst nur auf den vertrauen, der dieses Wasser gibt. Es kommt zu dir umsonst. Gottes Heil kommt zu dir umsonst.

 

Das Leben, das ganz normale, alltägliche Leben mit seinen vielen Freuden und ebenso vielen Widerwärtigkeiten, verlangt dir viel an Beständigkeit ab. Du musst viel ertragen, klei­ne und große Anstrengungen, du musst dich behaupten, du musst Leistung bringen. Mit Niederlagen musst du fertig werden. Deine Gegenwart sollst du so gestalten, dass die Zu­kunft – so weit du sie überblicken kannst – auch im Blick bleibt.

 

Gott will dazu Stärkung geben: „Quelle und Brot in Wüstennot“ - so singen wir mit dem Lied „Bewahre uns,Gott“ (EG 171). Wir wenden unsere Wünsche nach heilem Leben, un­sere Sehnsucht nach dem Frieden, ja nicht zufällig an Gott. Wir fahren nicht – wie die bei­den Comicfiguren Schultze und Schulze – einfach mal geradeaus durch die Wüste von ei­ner Fata Morgana zur nächsten.

Sondern weil wir von ihm, von Gott, wissen, weil wir die Geschichten von seiner beständi­gen Hinwendung zu seinen Leuten kennen: darum können wir uns seine Zusage auch zu­gute kommen lassen. „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Was­sers umsonst.“ Das ist ein gutes Wort. Ein Wort von jenseits aller Zeit, aber in unsere Zeit hineingesprochen. Ich will es gern mitnehmen in das neue Jahr. Amen.

 

Quellen:

- Christian Nürnberger, Eine grandiose Idee, in: Publik-Forum Extra „Spiritualität und Le­benskunst, Januar 2018, S. 4f.

 

- Renate Karnstein, , CD-ROM Verlag am Birnbach

 

- Jürgen Roloff, Die Offenbarung des Johannes, Zürcher Bibelkommentare NT 18, TVZ, Zürich 1987²

 

- Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe Bayern



Dekan Uland Spahlinger
Dinkelsbühl
E-Mail: uland.spahlinger@elkb.de

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