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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Epiphanias, 07.01.2018

Alles Einbildungen!
Predigt zu 1. Korinther 1:26-31, verfasst von Dörte Gebhard

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn, Jesus Christus, Amen.

 

Liebe Gemeinde

Was bildet er sich eigentlich ein?!

Er bildet sich nichts und alles ein.

 

Wir hören den Predigttext aus dem 1. Korintherbrief des Paulus, gleich in der Einleitung, im ersten Kapitel heisst es:

 

Gott wählt die Menschen nach eigenen Maßstäben aus

 

26 Schaut euch doch nur einmal an,

wer bei euch berufen wurde,

zur Gemeinde zu gehören,

Brüder und Schwestern!

Nach menschlichem Maßstab

gibt es bei euch weder viele Weise

noch viele Einflussreiche

oder viele, die aus vornehmen Familien stammen!

27 Nein,

was der Welt als dumm erscheint,

das hat Gott ausgewählt,

um ihre Weisen zu demütigen.

Und was der Welt schwach erscheint,

das hat Gott ausgewählt,

um ihre scheinbare Stärke zu beschämen.

28 Und was für die Welt keine Bedeutung hat

und von ihr verachtet wird,

das hat Gott ausgewählt –

also gerade das, was nichts zählt,

um dadurch das außer Kraft zu setzen,

was etwas zählt.

29 Kein Mensch soll vor Gott stolz sein.

30 Gott allein habt ihr es zu verdanken,

dass ihr zu Christus Jesus gehört.

Er ist für uns die Weisheit, die von Gott kommt.

Er bringt uns Gerechtigkeit

und Heiligkeit

und Erlösung.

31 Denn es sollte gültig bleiben,

was in der Heiligen Schrift steht:

»Wer auf etwas stolz sein will,

soll auf den Herrn stolz sein.«                                                (Übersetzung: Basisbibel)

 

 

Liebe Gemeinde

Was bildet er sich eigentlich ein?!

Weiss Paulus eigentlich ungefähr, wen er vor sich hat?

 

Fühlen Sie es? Paulus steht nicht auf einer Kanzel und sieht Menschen von Angesicht zu Angesicht vor sich, sondern er ist weit weg und schreibt einen Brief. Anders kann ich mir den Tonfall nicht erklären.

Er kann sich die Korinther Gemeinde bloss vorstellen. Er sieht sie wahrscheinlich im flackernden Licht der Öllampe vor seinem geistigen Auge, mehr oder weniger klar, auf jeden Fall aber schattenwerfend.

Denn es geht ja sofort los:

 

Schaut euch doch nur einmal an,

wer bei euch berufen wurde,

zur Gemeinde zu gehören ...

 

Wir lesen den Korintherbrief immer noch, als ob er auch an uns gerichtet wäre: Also schauen wir uns doch nur einmal an, wer bei uns berufen wurde zur Gemeinde zu gehören ...

 

Seit wenigen Minuten sind wir hier in Schöftland einer mehr: Aurel ist dazugekommen, den wir gerade getauft haben.

Schaut euch doch nur einmal an, wie viele Kinder es sind: 23 junge Menschen haben wir im vergangenen Jahr hier in der Kirche getauft – eine lange Reihe Tauftropfen ist neu dazugekommen.

 

Aurel wird in einem Jahr die hoffentlich noch längere 2018er Reihe beginnen, ganz hoch oben, unter unserer Kirchendecke, wird sein Name aufgeschrieben werden.

 

 

Nicht nur nebenbei – Paulus erwähnt es bloss nicht, weil es für ihn wohl selbstverständlich war:

 

An Aurel und den Kindern, die hier aufgeschrieben stehen, haben wir alle eine Aufgabe, ganz gleich,

ob wir ihn oder manche oder fast alle kennen oder keine,

ob wir ganz jung und stark sind oder schon sehr lange jung und manchmal schon schwach oder

ob wir jung und doch krank sind oder alt und völlig rüstig oder

ob wir jung sind und uns alt fühlen oder umgekehrt –

wir alle haben die Aufgabe, für Aurel und die anderen Kinder und Jugendlichen zu beten. Das können wir alle, das verbindet uns alle. Und ein gutes Gebet oder zwei Fürbitten haben wir alle nötig, ob wir es gern zugeben oder nicht.

Zum Beten ist niemand zu jung oder zu alt, zu stark oder zu schwach oder zu ...

 

Und nun kommen ein paar Zeilen in diesem denkwürdigen Brief des Paulus, die auch auf instagram, facebook & Co. zuerst einmal als echte Beleidigungen herüberkommen würden.

 

Weiss Paulus eigentlich, wen er vor sich hat?

 

Nach menschlichem Maßstab, schreibt er,

gibt es bei euch weder viele Weise

noch viele Einflussreiche

oder viele, die aus vornehmen Familien stammen!

 

Er bildet sich nichts und alles ein, wenn er an die Korinther Christen denkt.

Anderthalb Jahre hatte er dort gelebt und eine Gemeinde gegründet, in seinem Tonfall und seiner Stimmung wohl besser: Er hat dort eine Gemeinde zu gründen versucht.

Ausgerechnet in Korinth, dieser Hafenstadt, wo die Schere zwischen arm und reich nicht weiter auseinanderklaffen konnte, wo die ethnische und religiöse Vielfalt nicht mehr grösser werden konnte, wo die Sittenlosigkeit schon zur Legende im antiken Griechenland geworden war.

Und in der neuen christlichen Gemeinde sind nicht gerade die Klügsten, Mächtigsten und Adligsten versammelt, im Gegenteil.

 

Und wir? Kommen wir nicht nur in den Predigten am Sonntag, sondern auch beim Anschauen unserer Realitäten im Alltag wieder auf Paulus und seine jungen Gemeinde zurück? Wenn ich das Kirchenschiff so überblicke:

 

Wir müssten hier in Schöftland in den Bänken noch nicht einmal besonders eng zusammenrücken. Es hätten jeden Sonntag noch ein paar weise Menschen Platz, ein paar Kluge und Besonnene auch ...

 

Die Kirchen heute hätten so viel an Einfluss verloren, ist allerwegen zu lesen. Es müsste mehr und öfter und Besseres und Schlaueres in den Medien über sie verbreitet werden, ist allerorten zu hören.

 

Wahr ist auch, dass viele ‚Vornehme’, wie Paulus die Reichen und Einflussreichen, also die ‚Williwichtigen’, vornehmerweise nennt, der Kirche den Rücken gekehrt haben. Sie kommen sich sehr vornehm vor, wenn sie – ganz diskret gegenüber sich selbst – keine Gründe nennen. Die viel weniger Vornehmen haben handfestere, finanzielle Gründe und betonen dazu, dass sie rein gar nichts gegen Gott hätten.

 

Das Christentum schrumpft in Westeuropa, gerade dort, wo es sich selbst für aufgeklärt und reflektiert, kulturprägend und geschichtlich überaus bedeutungsvoll hält.

Kein Mensch soll vor Gott stolz sein. Mehr fällt Paulus dazu nicht ein.

 

Weltweit aber wächst das Christentum dagegen, fast überall ausserhalb Europas. Im „Tagesspiegel“ hiess es zur Reformation vor 500 Jahren und heute sehr trocken: „Hält der religionsdemografische Trend an, könnte das afrikanische Christentum bald den größten Block innerhalb des weltweiten Christentums bilden.“[1]

 

Es gedeiht der christliche Glaube dort am meisten, wo man sich in den Gemeinden umschaut und wahrscheinlich exakt wie Paulus feststellen muss: Es sind dort

weder viele Weise

noch viele Einflussreiche

oder viele, die aus vornehmen Familien stammen.

 

Nein,

was der Welt als dumm erscheint,

das hat Gott ausgewählt ...

 

Der „Welt“ erscheint die Kirche dumm. Mit dieser Sicht der Dinge bin ich persönlich aufgewachsen, allerdings bestimmt nicht „gross geworden“. Die „Welt“ meiner Kindertage war nicht besonders weitläufig. Alles, was ich kannte, war die damals längst eingemauerte DDR und dann kamen noch über die Jahre einige Ausflüge nach Prag und Danzig dazu. Aber es war eine ganze „Welt“ und die einzige „Welt“, die es real für mich gab. In die Kirche, so mutmassten die damals Wichtigen, Einflussreichen und Massgeblichen, gehen höchstens noch zehn, fünfzehn Jahre die Allerletzten, die noch an diese sonderbaren Märchen und jenen Jesus glauben, der längst gestorben ist. So lernte ich es in der Schule von klein auf.

 

Und dann kam ich in die Kirche und traf Menschen, die keineswegs alle weise waren, oh, beileibe nicht und schon gar nicht einflussreich! Ob sie aus edlen Familien kamen, hat mich nicht einmal interessiert.

Aber sie hörten genau zu und sie hatten jede Menge Ideen, die ich vom Rest der Welt nicht kannte: Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, uralte Lieder mit neuen Texten zu „verdichten“, gefährliche Witze halblaut zu erzählen, in der Bibel zu lesen, als sei sie nicht von gestern, sondern für heute, morgen und übermorgen geschrieben, Pappteller um Kerzen zu kleben, als es aus der Kirche hinaus auf die Strasse ging, um gegen die Unbilden „Welt“ zu demonstrieren.

 

Erst im Rückblick, hinterher, aber immerhin noch nicht zu spät, sehe ich mit eigenen Augen, was Paulus beschreibt mit seinen garstigen Worten gleich am Anfang des Briefes:

 

Und was der Welt schwach erscheint,

das hat Gott ausgewählt,

um ihre scheinbare Stärke zu beschämen.

 

Die Stärke der sowjetischen Panzer war zuletzt nur scheinbar. Die alles durchhorchende Macht der Staatssicherheit war am Ende bloss eingebildet.

Aber wie sehr und nachhaltig und mächtig haben wir uns damals gefürchtet! Wie feige waren wir trotz allem! Wie wenig haben wir gewagt, wie spät erst haben wir angefangen, wie lange haben wir geschwiegen, wie gründlich haben wir uns fast nichts zugetraut.

Ehrlicherweise gebe ich zu: Seinerzeit habe ich Paulus nicht geglaubt, jetzt, viel später, muss ich Paulus auch nicht mehr glauben, denn ich habe es selbst erlebt:

Die Stärke der Welt ist scheinbar, nur eingebildet.

Die Welt ist schwer zu erkennen hinter all ihren und unseren Einbildungen.

 

Was bildet sich Paulus eigentlich ein?

Er bildet sich Gottes andere Massstäbe ein.

Er bildet sich eine andere Weltsicht ein.

 

28 Und was für die Welt keine Bedeutung hat

und von ihr verachtet wird,

das hat Gott ausgewählt –

also gerade das, was nichts zählt,

um dadurch das außer Kraft zu setzen,

was etwas zählt.

 

Liebe Gemeinde

Was bilden wir Heutigen uns eigentlich ein?

Dass die Kirche, diese alte, liebenswürdige Tante, eine Dauerinfusion von Managementtheorien braucht, weil alle Welt nur noch vom Geld redet?

Dass die Kirche, diese keineswegs altersweise Dame, oh nein, alle Moden noch mitmachen sollte und deshalb immer etwas atemlos vom allerletzten Schrei sein müsste?

Dass die Kirche, diese – nach menschlichen Massstäben – wenig einflussreiche Gemeinschaft, nach allen Regeln der Welt dauernd ins Zentrum der kurzlebigen Aufmerksamkeit gezerrt werden sollte?

Dass in der Kirche nur die Fähigsten und Fittesten, die Kompetentesten und konkurrenzlos Besten willkommen sind?

 

Folgen wir besser den Einbildungen von Paulus:

»Wer auf etwas stolz sein will,

soll auf den Herrn stolz sein.«            

 

Diesen Stolz, der aus Dankbarkeit besteht, sollten wir Christen uns niemals nehmen lassen, wenn die Eingebildeten, die sich für weise halten, die Einflussreichen und die Vornehmen uns verspotten. Aber fühlen Sie es? Durch den Tonfall von Paulus sind wir gewissermassen abgehärtet! Denn in Wirklichkeit bildet der Apostel unsere Herzen:

 

Gott allein habt ihr es zu verdanken,

dass ihr zu Christus Jesus gehört.

Er ist für uns die Weisheit, die von Gott kommt.

Er bringt uns Gerechtigkeit

und Heiligkeit

und Erlösung.

 

Bilden Sie sich nichts anderes ein!

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der stärke und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus,                          Amen.

 

[1] Malte Lehming: Zukunft der Religion: Das Christentum steht vor einer Revolution, in:

 Tagesspiegel vom 15. 1. 2017, abgerufen am 28. 12. 2017.



Pfarrerin Prof. Dr. Dörte Gebhard
CH-5742 Kölliken
E-Mail: doerte.gebhard@web.de

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