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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Epiphanias, 07.01.2018

Predigt zu Markus 10:13-16(dänische Perikopenordnung), verfasst von Eva Třjner Götke

Enfantokrartie. Nicht Demokratie – wo das Volk herrscht, sondern Enfantokratie, wo das Kind herrscht und bestimmt.

Das Wort gibt es im Dänischen nicht.

Ich habe es von dem tschechisch-französischen Autor Milan Kundera.

Autor des Buches und des Films Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.

Und für Kundera ist es – vielleicht zu unserer Überraschung – kein positives Wort.

 

Vielmehr benutzt er das Wort als eine Kritik an der Kultur, die das Kindliche, die Leichtigkeit, die Unterhaltung, die Oberflächlichkeit kultiviert. Dort wo alles nur ‚zum Spaß‘ ist.

 

Ich kann jedenfalls darin eine Kritik an unserer Medienkultur hören.

Wenn Kundera, der heute ein sehr alter Mann ist, in Dänemark wohnen würde, würde er ganz sicher zu denen gehören, die das kulturelle erste Programm des dänischen Radios hören würde und nicht die populäre Radiostation 24/7.

 

Auch wenn es 30 Jahre her ist, dass er mit dieser beißenden Kritik an unserer unseriösen und kindischen Medienkultur kam, ist sie nichtsdestoweniger auch heute angebracht. Seine Behauptung, dass wir in einer „Enfantokratie“ leben und nicht in einer Demokratie, richtet sich auch als Kritik gegen eine Welt, in der die Erwachsenen kindisch weiterleben, als wären sie noch immer Kinder, und die Kinder und das Kindische die Tagesordnung bestimmen lassen.

 

Das klingt wie eine furchtbare Verallgemeinerung – und Provokation – aber daran ist wohl etwas Wahres!

Liebe frischgebackene Eltern!

Passt nun auf, dass Eure Kinder nicht mit euch Schlitten fahren und alles bestimmen – Projektkinder, wie wir sie heute nennen.

 

Projektkinder – weil die Kinder die Bedürfnisse der Eltern nach Unterhaltung im Badeland und Bonbonland erfüllen sollen – und nicht umgekehrt die der Kinder.

Und Projektkinder, wie sie die Erwartungen der Eltern zu erfüllen haben und ihnen einen Status anderen Eltern gegenüber geben sollen.

 

Lehrer in der Schule erzählen heute, dass es nicht die Beziehung zu den Kindern in der Klasse ist, was ihnen Probleme bereitet – sondern die sogenannte Zusammenarbeit mit den Eltern, die ihrem eigenen Kind nur das Beste wünschen und es jederzeit verteidigen.

 

Nach der Predigt werden wir ein Lied von Grundtvig singen, es heißt: „Die entschwundnen Kindertage“ (dänsich „Barnelivets favre dage“): Schön, herrlich lieblich.

 

Für Grundtvig bedeutete die Kindheit ein Leben in Sorglosigkeit, Geborgenheit, ohne Verantwortung, jemand sorgt für einen, man musste nichts leisten. Die schönen Tage der Kindheit – ja damals, als man noch Kind sein durfte.

 

Vielleicht hat dieses Lied seine Bedeutung verloren, weil es keine Kindheit mehr gibt. Die Kinder dürfen nicht mehr Kinder sein. Sondern kleine Erwachsene.

Sie müssen vielen Erwartungen und Ansprüchen gerecht werden, während die Erwachsenen ihren Spaß haben.

 

Die Kinder tragen Verantwortung – nicht nur für das eigene Lernen – sondern auch für ihre Eltern.

Typisch für unsere Zeit, dass die Neujahrsreklame dieses Jahr für sicheres Abfeuern von Raketen von Kindern gemacht war, die die Erwachsenen lehren sollten, Schutzbrillen zu tragen und sich vorzusehen.

 

Uha – das betrifft uns direkt heute, das tut es, weil es um Kinder geht, so wie heute.

Dieses Evangelium ist eine Kerngeschichte.

Wir hören sie immer, wenn wir Hoffnung haben.

Kindertaufe und Erwachsenentaufe.

 

Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes. Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.

 

Was sind das für Kinder, die wir sein sollen, um das Reich Gottes zu empfangen?

Die vernünftigen, moralischen und verantwortungsvollen Kinder, die ihre Eltern zurechtweisen und daran erinnern, dass sie nicht Auto fahren dürfen, wenn sie getrunken haben oder Schutzbrillen tragen sollen, wenn sie Raketen abfeuern?

 

Oder sind es die Kinder, die die Erwachsenen zu sein versuchen: spontan und offen, lustig und vorurteilsfrei und unschuldig?

 

Die Jünger hatten jedenfalls eine Vorstellung davon, dass man etwas ‚sein‘ sollte, um zu Jesus kommen zu können, um von ihm berührt zu werden und seinen Segen zu empfangen. Deshalb verjagten sie die Frauen, die mit ihren Kindern auf dem Arm kamen.

Denn in dieser Kultur waren die Kinder nichts.

Sie bedeuteten nichts.

Sie waren nicht nur unmündig im rechtlichen Sinne, sondern auch unrein im religiösen Sinne – sie waren nichts.

Konnten nicht zur Verantwortung gezogen werden, waren kein ‚Selbst‘, kein ‚Mensch‘.

 

Ich glaube, dass es eine christliche Pointe ist – oder die Botschaft Jesu – dass wir nicht etwas sein müssen, um das Reich Gottes zu erlangen – die Liebe und die Vergebung zu empfangen.

 

Die kleinen Kinder, die dort von den Frauen getragen wurden, waren hilflos.

Sie konnten nichts tun.

Sie konnten nicht ‚etwas beitragen‘.

Sie konnten nichts leisten, ihren Glauben zeigen, von ihren guten Absichten anderen Menschen gegenüber erzählen.

Die kleinen Kinder sind hilflos. Das gilt zu allen Zeiten.

Und sie tragen keine Verantwortung.

Seht sie, eure kleinen Kinder – sie haben nicht selbst darum gebeten, in die Welt zu kommen.

Und sie sorgen sich nicht.

Sie sind kleine Kinder – sie dürfen die Sorglosigkeit der Kindheit leben, bis sie wie wir anderen die Unschuld verlieren.

 

Und an dem Tage, wo wir dies tun – die Unschuld verlieren – da sollen wir die Schuld auf uns nehmen, dort wo wir die Verantwortung tragen und die Macht haben, und nicht nur herumblödeln und so tun als wäre nichts gewesen.

Und schon gar nicht die Verantwortung für unsere Kinder verweigern.

 

Aber an dem Tage, wo wir dahin kommen, dass wir nicht die Macht haben, da tragen wir auch nicht die Verantwortung, und da macht es auch keinen Sinn, von Schuld zu reden.

 

Das bedeutet: Wenn wir dahin kommen – wo wir nicht die Macht haben und nicht die Verantwortung tragen – da dürfen wir sein wie ein kleines Kind – in der Hilflosigkeit – ein Kind Gottes sein und die Verantwortung Gott überlassen, die Schuld, die wir fühlen, von uns legen auf Gott. Denn dort, wo du nicht die Macht hast, kannst du auch keine Verantwortung tragen und auch keine Schuld haben.

 

Wenn wir hilflos sind, haben wir darin Trost, dass wir uns selbst als Kinder sehen dürfen – vor Gott, als Kinder Gottes, für die gesorgt wird, die angenommen sind, umarmt werden, gesegnet. Wie die Kinder in der Taufe heute. Amen.

 

 

 



Pastorin Eva Třjner Götke
DK-5230 Odense M
E-Mail: Etg(at)km.dk

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