Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Epiphanias, 07.01.2018

Predigt zu 1. Korinther 1:26-31, verfasst von Winfried Klotz

Text: 1. Korinther 1, 26-31 (Gute Nachricht Bibel)

26 Schaut doch euch selbst an, Brüder und Schwestern! Wen hat Gott denn da berufen? Es gibt ja nicht viele unter euch, die nach menschlichen Maßstäben klug oder einflussreich sind oder aus einer angesehenen Familie stammen.

27 Gott hat sich vielmehr in der Welt die Einfältigen und Machtlosen ausgesucht, um die Klugen und Mächtigen zu demütigen.   (1,27-28) Röm 12,16; Jak 2,5; Lk 1,51-53

28 Er hat sich die Geringen und Verachteten ausgesucht, die nichts gelten, denn er wollte die zu nichts machen, die in der Welt etwas 'sind'. 29 Niemand soll sich vor Gott rühmen können. Eph 2,9S

30 Euch aber hat Gott zur Gemeinschaft mit Jesus Christus berufen. Mit ihm hat er uns alles geschenkt: Er ist unsere Weisheit – die wahre Weisheit, die von Gott kommt. Durch ihn können wir vor Gott als gerecht bestehen. Durch ihn hat Gott uns zu seinem heiligen Volk gemacht und von unserer Schuld befreit.

31 Es sollte so kommen, wie es in den Heiligen Schriften steht: »Wer sich mit etwas rühmen will, soll sich mit dem rühmen, was der Herr getan hat.« nach Jer 9,22-23; (rühmen) 1,29; 4,7; 2Kor 1,12; 10,17; 11,30; 12,5; Eph 2,9

Liebe Gemeinde!

Reich an Konflikten war das Leben Jesu, so habe ich vor einiger Zeit eine Predigt zu Markus 3, (20-21) 31-35 begonnen; reich an Konflikten war auch das Leben der Gemeinde, die wir die Urgemeinde nennen und von der wir manchmal als ideale Gemeinde schwärmen. Das Gleiche gilt auch für die Gemeinde in Korinth, an die der Apostel Paulus die Worte unseres Predigttextes geschrieben hat. Was er sagt ist Teil seiner Antwort auf den Streit in der Gemeinde. Das müssen wir vor Augen haben, wenn wir unseren Abschnitt betrachten und für uns zu verstehen suchen. Dass Christen miteinander streiten, ist aber nicht nur Hinweis auf vorhandene Probleme, sondern auch Zeichen der Freiheit, die sie durchs Evangelium erfahren haben. Ich will die Auseinandersetzungen in Korinth und in heutigen Gemeinden nicht schönreden, denn manchmal führen sie nicht zu einem besseren Miteinander, sondern zu einer Auseinander-Setzung im Grundsinn des Wortes, also zur Trennung, und das ist dann oft ein ziemlicher Schaden nach innen und nach außen. Paulus jedenfalls, er sagt von sich, dass er nicht Zurechtweiser, sondern Vater der Gemeinde in Korinth ist (4, 15), Paulus müht sich sehr um die Klärung der Konflikte, nicht so sehr mit psychologischen Mittel als vielmehr durch Erörterung dessen, was Christen zu Christen macht.

Doch zuerst noch ein kurzer Blick auf den Konflikt in Korinth: Worüber hat die Gemeinde in Korinth gestritten, was hat in ihr zu Gegeneinander und Spaltungen geführt?

Paulus nennt es im Anfangsteil unseres Kapitels (V. 10-12); da heißt es: „Brüder und Schwestern, im Namen von Jesus Christus, unserem Herrn, rufe ich euch auf: Seid einig! Bildet keine Gruppen, die sich gegenseitig bekämpfen! Haltet in gleicher Gesinnung und Überzeugung zusammen! 11 Durch Leute aus dem Haus von Chloë habe ich erfahren, dass es unter euch Auseinandersetzungen gibt. 12 Ich meine damit, dass ihr euch alle irgendeiner Gruppe zurechnet. Die einen sagen: »Ich gehöre zu Paulus!« Die andern: »Ich gehöre zu Apollos!«, oder auch: »Ich gehöre zu Petrus!« Und wieder andere erklären: »Ich gehöre zu Christus!«“ Kinderkram möchte man nach oberflächlicher Einschätzung sagen; jedenfalls geschieht etwas in der korinthischen Gemeinde, was die Einheit und damit das gemeinsame Lob Gottes und die Glaubwürdigkeit des Bekenntnisses vor den Nichtchristen stört. Es gibt sich bekämpfende Gruppen in einer Gemeinde! Jede Gruppe hat ihre Leitfigur, jede Gruppe meint auf dem besseren Weg zu sein und den anderen etwas vorauszuhaben. Gibt es das, bessere und schlechtere Christinnen und Christen?

Es gibt Christen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Begabungen, mit unterschiedlichen Erkenntnissen und Einschätzungen, das beschreibt Paulus später in Kapitel 12 und 14, wobei Kapitel 13, das Hohelied der Liebe so etwas wie eine Brücke bildet. Es gibt Christinnen und Christen, die Fehler machen, schuldig werden, denen es an Klarheit in ethischen Fragen fehlt. Es gibt Christen, die nicht recht gemeinschaftsfähig sind, denen es an Liebe und der Bereitschaft sich einzuordnen fehlt; es gibt überhebliche Christen, die sich selbst zum Maßstab für andere machen. Aber es gibt keine besseren und schlechteren Christen, jedenfalls wenn Christwerden geschieht durch die Verkündigung des gekreuzigten Christus und Christsein heißt, diesem Jesus zu folgen. Durch das Evangelium vom gekreuzigten Christus, durch den Gott die Welt mit sich versöhnt, beruft und erwählt sich Gott Menschen und baut seine Gemeinde. Ist das die Grundlage, dann haben alle Christinnen und Christen den gleichen Stand vor Gott. Gott hat sie angenommen als seine Kinder. Er hat durch den gekreuzigten Christus weggenommen, was sie von ihm trennt. Alle sind gleich begnadete, alle haben die Gottesgemeinschaft im Glauben an den Gekreuzigten als Geschenk erhalten. Keiner hat sie sich verdient, denn keiner konnte sie sich verdienen. Den gleichen Stand vor Gott: sind damit nicht Spaltungen, Gegeneinander überwunden, wenn keiner dem anderen etwas voraus hat?

Als Zentrum seiner Predigt nennt Paulus Jesus Christus als den Gekreuzigten; er meint damit nicht nur eine aus der Geschichte Jesu sich ergebende Tatsache, sondern ein Gotteshandeln, das eine Scheidung unter den Menschen bewirkt: für die einen ist es Unsinn, für die anderen rettende Gotteskraft. ‚Das hat Gott nicht nötig, dass er durch den gekreuzigten Jesus rettet, so ist Gott nicht‘, meinen Philosophen und Theologen, Meinungsmacher und politisch Einflussreiche. Wir brauchen einen starken Gott, einen weisen Gott, einen Gott, der dem Sichtbaren seine Ordnung gibt, nicht einen Verlierergott, der am Kreuz stirbt. Und- war Jesus nicht selbst schuld an seinem Tod; hat er nicht die Gebote übertreten? Dass Gott durch den gekreuzigten Jesus rettet, entspricht nach Paulus einer Grundabsicht Gottes. So zitiert er vor unserem Predigtabschnitt einen Satz aus dem Prophetenbuch Jesaja: „Ich will die Weisheit der Weisen zunichte machen und die Klugheit der Klugen verwerfen.“ (V. 19) Mit diesem Wort wird eine durchgängige Linie in der Heiligen Schrift sichtbar. Welche Absicht hat Gott, wenn er die Weisheit der Weisen zunichte macht? Er stellt die menschliche Weisheit in Frage; sie führt zu Überheblichkeit; sie führt dazu, dass Menschen sich auf eine Stufe mit Gott stellen. Erinnern wir uns an das Versprechen des Versuchers in der Geschichte vom Sündenfall, 1. Mose 3: „Gott weiß: Sobald ihr davon esst, werden euch die Augen aufgehen; ihr werdet wie Gott sein und wissen, was gut und was schlecht ist. Dann werdet ihr euer Leben selbst in die Hand nehmen können.“ Will Gott unmündige Leute? Nein, er will Menschen, die ihm vertrauen, nicht misstraurige und überhebliche Leute. Und so hat Gott durch das Evangelium von Jesus die Tür zu ihm denen geöffnet, die nicht auf eigene Weisheit vertrauen, sondern einfältig glauben. Damit erst sind wir bei unserem Abschnitt.

‚Wer seid ihr Christen in Korinth vor diesem Gott, der euch berufen hat‘, fragt Paulus? Ihr habt die Botschaft angenommen, dass Gott durch den Gekreuzigten rettet. Ihr habt das in einfältigem Vertrauen getan. Und so sind „nicht viele unter euch, die nach menschlichen Maßstäben klug oder einflussreich sind oder aus einer angesehenen Familie stammen. Gott hat sich vielmehr in der Welt die Einfältigen und Machtlosen ausgesucht, um die Klugen und Mächtigen zu demütigen. 28 Er hat sich die Geringen und Verachteten ausgesucht, die nichts gelten, denn er wollte die zu nichts machen, die in der Welt etwas 'sind'. 29 Niemand soll sich vor Gott rühmen können“. (V. 26b-28)

Ich könnte nun fragen: Gilt das auch für uns hier und heute? Ist uns klar, dass wir Zugang zu Gott haben im einfältigen Vertrauen auf den gekreuzigten Jesus und nicht durch unsere Weisheit oder Frömmigkeit? Spiegelt sich das auch in der Zusammensetzung unserer Gemeinde? Mehrheitlich Sklaven, Leute aus der Unterschicht in Korinth; und wir? Wir sind wahrscheinlich eher eine bürgerliche Mittelschichtgemeinde. Ist das ein Hindernis für unser Christsein? Für das Leben miteinander in der Gemeinde, falls es so etwas bei uns gibt und wir nicht nur Einzelpersonen sind mit christlicher Überzeugung. Es kann sein, dass es uns an der Einfalt des Glaubens fehlt; wir sind kritisch, reflektiert, bereit Glaubenssätze in Frage zu stellen. Braucht es Einfalt zum wirklichen Vertrauen auf Jesus den Gekreuzigten? Gemeint ist doch beim Verweis auf den gekreuzigten Jesus, was Paulus Römer 3, 25 schreibt: „Ihn hat Gott als Sühnezeichen aufgerichtet vor aller Welt. Sein Blut, das am Kreuz vergossen wurde, hat die Schuld getilgt – und das wird wirksam für alle, die es im Glauben annehmen.“ Vertrauen wir darauf? Wenn wir darauf nicht vertrauen, gilt dann von uns, dass wir unsere eigene Gerechtigkeit vor Gott aufrichten und damit an Gott scheitern müssen? „Niemand soll sich vor Gott rühmen können“. (V. 29) Sollte Gott sich nicht freuen, wenn es Menschen gibt, die zu ihm kommen mit guten Leistungen? Die ihm etwas bringen können, etwas vorzuweisen haben an guten Taten? Ist es nicht eine totale Entwertung moralischen Menschseins, wenn all das vor Gott keine Rolle spielt? Und schließlich: Redet nicht auch das Neue Testament vom Gericht nach den Werken?

Gegenfrage: Vertrauen wir wirklich darauf, dass wir uns selbst erlösen können? Dass wir selbst uns mit Gott ins Reine setzen können? Denn darum geht es doch, wenn wir meinen, aus uns heraus vor Gott bestehen zu können. Gott freut sich über unsere guten Werke, aber sie reichen nie bis an den Himmel! Sie reichen nie aus, den tiefen Graben unserer Verlorenheit in Bezug auf Gott zu überbrücken. Jesus allein ist die Brücke, über die wir zu Gott kommen! Darum geht es. Das fasst Paulus zusammen, wenn er in Vers 30 schreibt: „Euch aber hat Gott zur Gemeinschaft mit Jesus Christus berufen. Mit ihm hat er uns alles geschenkt: Er ist unsere Weisheit – die wahre Weisheit, die von Gott kommt. Durch ihn können wir vor Gott als gerecht bestehen. Durch ihn hat Gott uns zu seinem heiligen Volk gemacht und von unserer Schuld befreit.“ Ich muss diesen Vers noch einmal nach anderer Übersetzung widergeben: „Er hat es aber gefügt, dass ihr in Christus Jesus seid, der unsere Weisheit wurde, dank Gott, unsere Gerechtigkeit und Heiligung und Erlösung.“ (Züricher Bibel)

In Christus Jesus beschenkt mit Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung, Erlösung. Weisheit- Wissen um Gott; Gerechtigkeit- versöhnt mit Gott; Heiligung- auf dem Weg zu Gott; Erlösung- befreit für alle Zukunft in Gott. Bei solchem Reichtum haben christliche Minderwertigkeitskomplexe keinen Platz, denn an uns und mit uns wirkt Gott durch Christus. Und wir wirken mit ihm. Auch Gegeneinander und Spaltungen haben keinen Platz: bei unterschiedlichen Begabungen und Erkenntnissen haben doch alle das gleiche Fundament: Jesus Christus. Gott „hat es aber gefügt, dass ihr in Christus Jesus seid“. Auf diesem Fundament können Christen einen produktiven Streit führen und können geduldig Antworten suchen. Wer sind wir vor Gott? Einfältig ihm Vertrauende und zugleich reich beschenkt mit Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung. Wir haben reichlich Grund zu tun, was Paulus empfiehlt: „Wer sich mit etwas rühmen will, soll sich mit dem rühmen, was der Herr getan hat.“ Das geschieht im Bekenntnis zu Jesus und im Lob Gottes. Beides lasst uns mutig und fröhlich tun. Amen.

 



Pfarrer Winfried Klotz
Bad König/Odenwald
E-Mail: winfried.klotz@web.de

(zurück zum Seitenanfang)