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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Epiphanias, 06.01.2018

Das Kleingedruckte zu einer ganz großen Sache
Predigt zu Kolosser 1:24-27, verfasst von Uland Spahlinger

Liebe Gemeinde,

lesen Sie eigentlich auch meistens über das Kleingedruckte hinweg? Ich gebe gern zu: ich interessiere mich für gewöhnlich nicht dafür. Im Internet z.B. wird es oft abgefragt – ich klicke dann an: zur Kenntnis genommen; ich will schließlich weiterkommen. Dabei weiß ich ganz gut, dass es oft auf das Kleingedruckte ankommt – vor allem dann, wenn dir die falschen Verträge vorgelegt werden oder die Partner nicht ganz vertrauenswürdige Zeitgenossen sind. Vorsicht also beim Kleingedruckten – genau hinschauen!

 

Als „Kleingedrucktes“ hat ein Ausleger unseren heutigen Predigttext bezeichnet. Sozusagen als „Allgemeine Geschäftsbedingungen“. Lesen oder überspringen? Das wäre die Frage. Denn wie die AGBs kommt auch dieser Text eher kompliziert daher. Hören Sie selbst, Kolosser 1, die Verse 24 bis 27:

 

24 Jetzt freue ich mich, wenn ich für euch leiden muss, denn damit bringe ich stellvertretend an meinem Fleisch zur Vollendung, was der Bedrängnis Christi noch fehlt - seinem Leib zugute: der Kirche.

25 Ihr Diener bin ich geworden aufgrund des Verwalteramtes, das Gott mir übergeben hat, um an euch das Wort Gottes zu erfüllen,

26 das Geheimnis, das seit Urzeiten und Menschengedenken verborgen war - jetzt aber ist es seinen Heiligen offenbart worden,

27 denen Gott kundtun wollte, wie reich unter den Völkern die Herrlichkeit dieses Geheimnisses ist: Christus in euch, die Hoffnung auf die Herrlichkeit. (Zürcher Bibel 2007)

 

In der Tat: das ist umständlich; es ist langatmig, voller Hauptwörter und Schachtelsätze. Nicht flüssig zu lesen, mühsam zu verstehen. Wie Kleingedrucktes eben. Aber oft genug stecken im Kleingedruckten eben doch unverzichtbare Informationen.

 

Und vor dem Kleingedruckten steht ja meistens auch noch was, nämlich das, worum es eigentlich geht: Die Produktbeschreibung, wenn wir so wollen – das, was du bekommen oder erworben hast. Damit tun wir uns meistens leichter, das wollen wir ja auch genau wissen. Und auch hier, im Kolosserbrief, ist das ganz ähnlich:

 

Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung.

Denn in ihm wurde alles geschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, ob Throne oder Herrschaften, ob Mächte oder Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen.

Und er ist vor allem, und alles hat in ihm seinen Bestand.

Er ist das Haupt des Leibes, der Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene aus den Toten, damit er in allem der Erste sei.

Denn es gefiel Gott, seine ganze Fülle in ihm wohnen zu lassen

und durch ihn das All zu versöhnen auf ihn hin, indem er Frieden schuf durch ihn, durch das Blut seines Kreuzes, für alle Wesen, ob auf Erden oder im Himmel. (Kol. 1, 15-20)

 

Vielleicht geht Ihnen auch das nicht so ganz flüssig in die Ohren. Aber hier ist ein Lied, ein Hymnus. In der griechischen Originalsprache wird das ganz deutlich. Und deutlich wird auch: das Thema des Liedes ist Christus. Christus, nicht nur als das Kind in der Krippe oder als der Wander­prediger und Heiler, sondern Christus in seiner universalen Bedeutung. Was wird da alles besungen:

Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. … alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen.

… Er ist vor allem, und alles hat in ihm seinen Bestand.

Er ist das Haupt des Leibes, der Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene aus den Toten, damit er in allem der Erste sei.

 

Warum schreibt einer so was, möchte man fragen - und was geht uns das an?

 

Dazu müssen wir einen Moment in die Zeit des Kolosserbriefes hineinschauen. Da steht zwar Paulus obendrüber: „Paulus, ein Apostel Jesu Christi“. Aber viel spricht dafür, dass der Brief erst deutlich später geschrieben wurde, wohl von einem Paulusschüler: Die Sätze passen nicht zu Paulus, und viele der Themen auch nicht. Das lässt sich gut nachweisen. Enttäuscht? - Kann man sein – aber es war damals durchaus üblich, den Namen des berühmten Lehrers zu benutzen und sich auf seine Autorität zu berufen. Im Übrigen war das ein Ausdruck des Respektes.

 

Aber mit dem Namen geht auch der Auftrag einher: „Apostel Jesu Christi“ (Kol. 1,1). Es geht um Jesus Chri­stus. Je länger aber die Zeit dahinging, desto un­eindeutiger wurde, was denn über Jesus Christus zu sagen wäre. Die Botschaft breitete sich aus, im Laufe der Jahre und Jahrzehnte immer weiter. Immer neue Leute äußerten ihre Gedanken über den Glau­ben, über die Kirche über den Kosmos, über Schöp­fung, Bewahrung und Ziel. Und dabei gab es eben nicht nur „die reine Lehre“, sondern ganz viele ganz unterschiedliche Religionen und Kulte. (Das ist ja auch der Grund, warum später Glaubensbe­kenntnisse formuliert wurden, die besagten, was zum christlichen Glauben gehört – und was nicht.)

 

Viele bastelten sich ihr eigenes Häuschen „Glaube“ - und dann konnte es passieren, dass zwar „Christentum“ draufstand, aber Jesus und Mithras oder ägyptische Mythen oder gnostische Erleuchtungslehre mit drin waren.

 

Merken Sie etwas? Das ist gar nicht so viel anders als heute. Religiöser Supermarkt, spiritueller Selbstbedienungsladen: ein bisschen Jesus, ein bisschen Buddha, eine Prise Esoterik..... Gern von allem etwas – das halt, was mir am besten gefällt. Wir sind in vielerlei Hinsicht weit weg von der unbedingten Glaubensüberzeugung, die sagen konnte, ja musste: „Hier stehe ich, Gott helfe mir, ich kann nicht anders!“

 

Deshalb geht uns dieser Abschnitt aus dem Kolosserbrief auch an – er greift zurück auf die Autori­tät der Vorläufer im Glauben, aber er versucht, auf die Fragen seiner Gegenwart zu antworten. Und das nicht in der Wiederholung der alten Sätze, sondern indem er sie anwendet auf das „Hier und Jetzt“. Es war eine Umbruchzeit, so wie die unsere Zeit eine Umbruchzeit ist. Wie können wir Sprache für den eigenen Glauben gewinnen? Wie können wir ihm Gestalt und einen Ausdruck geben,der für uns und für die Inhalte passt, die uns anvertraut sind?

 

Der Kolosserbrief, dieses Dokument aus einer Umbruchzeit, kann uns weiterhelfen. Nicht unbedingt in den Begriffen, die er verwendet – die gehören in seine Zeit. Wohl aber in der Art, wie er sie verwendet. In unserem Abschnitt läuft alles auf eine ganz kurze Bemerkung hin, die man leicht überliest oder überhört: Christus in euch: Der Schreiber spricht über „das Geheimnis, das seit Urzeiten und Menschengedenken verborgen war - jetzt aber ist es seinen Heiligen offenbart worden, denen Gott kundtun wollte, wie reich unter den Völkern die Herrlichkeit dieses Geheimnisses ist: Christus in euch, die Hoffnung auf die Herrlichkeit.“

 

Wie gesagt: lange Sätze, schwer nachzuvollziehen. Aber was für eine Ehre wird uns da zuteil! Christus in euch, die Hoffnung auf die Herrlichkeit! Vor allem dann, wenn man weiß, dass die Gemeinde – denn die ist gemeint – kurz davor noch als „einst Fremde … und Feinde“ (so in V. 21) bezeichnet wird.

Da baut sich ein stabiles Dreieck auf zwischen Christus, der Gemeinde und dem Apostel. Über Christus kann er gar nicht groß genug schreiben: „alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Und er ist vor allem, und alles hat in ihm seinen Bestand.“ Die Gemeinde, das sind die, die Christus in sich tragen – wie, das ist Teil des Geheimnisses des Glaubens. Und der Apostel: nun, das ist der Theologe, der Missionar, der, der den Auftrag hat, die Botschaft, die gute Nachricht, das Evangelium weiterzusagen und für die jeweilige Situation verstehbar zu machen. Das ist sein Auftrag, nichts anderes.

 

Und wenn das gelingt, dann werden aus den ursprünglich Fremden Beheimatete, Nachbarn, Hausgenossen. Dann findet „Ent-fremdung“ der ursprünglich Fremden statt (wenn Sie mir dieses Wortspiel erlauben). Denn Christus, das sagt uns unser Abschnitt, ist nicht nur in der Wiederholung der immer schon bekannten Lieder, Gebete und Geschichten gegenwärtig, sondern in den fortlaufenden Veränderungen und Begegnungen mit dem Fremden – und mit den Fremden. Dann werden wir, um mit dem Epheserbrief zu reden, „Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“ (Eph. 2, 19b).

 

Wir reden hier nicht von „Friede, Freude, Eierkuchen“, so naiv werden wir nicht sein. So naiv ist auch der Kolosserbrief nicht. Er spült nicht weich. Der Theologe Thorsten Latzel hat das so formuliert: „Die 'Entfremdung der Fremden' ist nicht ohne Leiden, Kampf und Streit zu haben – nicht bei Christus, als er die 'Mächte der Welt' entmachtete; nicht beim Apostel, als er die Botschaft davon an die Gottlosen verbreitet; nicht für die Gemeinde, die in der Auseinandersetzung mit den Irrlehrern steht“[1]. Der christliche Glaube findet in der Welt statt und ist daher nicht schmerzfrei zu haben. Die Botschaft vom Christus im Kolosserbrief nimmt natürlich das Kreuz in die Mitte.

 

Die glückselige Erhebung funktioniert nicht. Von daher finde ich die derzeit geführte, (durch eine Twitternachricht von Ulf Poschardt entzündete[2]), Debatte darüber, wie „politisch“ Predigten sein dürfen oder sollen, ebenso entlarvend wie an der Sache vorbeigehend. Denn die „Sache“ ist die: wie gestaltet sich Leben, wie gewinnt die Botschaft Raum, dass „Christus in euch“ ist; und wie kann im Fluge unsrer Zeiten diese Botschaft immer wieder neu durch buchstabiert werden, in der Welt und für die Welt?

 

Eine Geschichte aus der Weisheit der jüdischen Mystik erzählt davon, wie das gehen kann mit der Weitergabe des Geheimnisses, des Wunders und der Hoffnung darauf, dass es sich bei uns wieder und wieder ereignen könnte – das Wunder des Glaubens:

 

„Wenn der Baalschem etwas Schwieriges zu erledigen hatte, irgendein geheimes Werk zum Nutzen der Geschöpfe, so ging er an eine bestimmte Stelle im Walde, zündete ein Feuer an und sprach, in mystische Meditationen versunken, Gebete - und alles geschah, wie er es sich vorgenommen hatte.

Wenn eine Generation später der Maggid von Meseritz dasselbe zu tun hatte, ging er an jene Stelle im Walde und sagte: ,Das Feuer können wir nicht mehr machen, aber die Gebete können wir sprechen'- und alles ging nach seinem Willen.

Wieder eine Generation später sollte der Rabbi Mosche Leib aus Sassow jene Tat vollbringen. Auch er ging in den Wald und sagte: ,Wir können kein Feuer mehr anzünden, und wir kennen auch die geheimen Meditationen nicht mehr, die das Gebet beleben; aber wir kennen den Ort im Walde, wo all das hingehört, und das muß genügen.' - Und es genügte.

Als aber wieder eine Generation später Rabbi Israel von Rischin jene Tat zu vollbringen hatte, da setzte er sich in seinem Schloß auf seinen goldenen Stuhl und sagte: ,Wir können kein Feuer machen, wir können keine Gebete sprechen, wir kennen auch den Ort nicht mehr, aber wir können die Geschichte davon erzählen.'

Und - so fügte der Erzähler hinzu - seine Erzählung allein hatte dieselbe Wirkung wie die Taten der drei anderen"[3].

 

Wir brauchen Brücken, Zugänge, Erzählungen. Wir brauchen das Staunen vor den Geheimnissen, denn Geheimnisse soll man bestaunen – lösen kann man Rätsel. Wir brauchen auch das Kleingedruckte, das uns hilft uns die großen Angebote verständlich und handhabbar zu machen.

 

Epiphanias – Gott macht sich auf den Weg zu uns, „nimmt an sich ein's Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding“, wie das Weihnachtslied singt. Christus soll und will „Christus in uns“ werden. Eine ganz große Sache. Und die legt uns das Kleingedruckte aus dem Kolosserbrief heute ans Herz.

Amen.

 

[1]    Thorsten Latzel, Auslegung zur Perikope, GPM 72. Jg., Heft 1, Göttingen 2017, S.113

[2]    Dokumentiert z.B.: https://www.ovb-online.de/politik/debatte-weihnachts-predigten-9479018.html

[3]    Bei Thorsten Latzel a.a.O. S. 110



Dekan Uland Spahlinger
Dinkelsbühl
E-Mail: uland.spahlinger@elkb.de

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