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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Epiphanias, 07.01.2018

Berufen: von der Krippe in den Werktag
Predigt zu 1. Korinther 1:26-31, verfasst von Kira Busch-Wagner

Liebe Gemeinde,

Jetzt liegen wieder die grünen Paramente, die grünen Antependien auf dem Altar und der Kanzel. Allerorten werden die Kirchendiener und Ältesten ein bisschen unter Stress gestanden sein. Gestern, zum Epiphanias-, zum Erscheinungsfest, zum alten, ursprünglichen Weihnachten, zum Fest der Heiligen drei Könige: noch Weiß. Heute gilt schon wieder kirchlicher Alltag.

Noch stehen bei uns der Weihnachtsbaum und die Krippe. Auch wenn manche Puristen alles schon wieder aufgeräumt haben. Es passt! Denn es geht um den Alltag, ja, um den Werktag, der doch vom Kind in der Krippe her bestimmt sein muss. Die Hirten kehren auch heim und müssen wieder arbeiten. Und gleichzeitig tragen sie die Erinnerung an die Krippe mit sich. Und an die Botschaft, dass allem Volk frohe Botschaft verkündet wird. Dass Gott nahe kommt. In Bethlehem, der kleinen Stadt. Begreifbar im schwachen Kind.

Wie sieht also für uns der Werktag aus? Wir haben ja auch erst Weihnachten gefeiert. Erzählt von der Armut der Krippe, von der Not der Kinder Bethlehems, wie Matthäus sie schildert, von der Flucht der Familie Jesu. Wie sieht vor solchem Hintergrund der Werktag der Kirche aus?

Mit der Frage beschäftigt sich auch Paulus. Selbst wenn er die Geschichte von der Krippe noch gar nicht gekannt hat. Aber die Kreuzigung hat er gekannt. Der Auferstandene war ihm begegnet. Ein Auferstandener von einem schmählichen Tod. Begonnen hat es mit der Armut und Schmach in Bethlehem. Darum können wir das durchaus als Auslegung der Weihnachtsbotschaft hören, wenn Paulus der Gemeinde nach Korinth schreibt (1.Kor 1,26-31) :

 

26 Seht doch, Brüder und Schwestern, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme sind berufen.

27 Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist;

28 und was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist,

29 auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme.

30 Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der für uns zur Weisheit wurde durch Gott und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung,

31 auf dass gilt, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«

 

Seht genau hin! „Wie der Herr, so’s G’scherr“ – das erwartet Paulus von der Gemeinde. Wenn Krippe, dann muss die Krippe der Gemeinde an Anliegen sein, weil sie Gottes Anliegen und Wahl ist. Wenn Kreuz, wenn Niederlage, wenn Schwäche dann müssen Kreuz, Niederlage, Schwäche zu Gott gehören und von ihm her verstanden und betrachtet werden.

Nun nicht, um sich im Selbstmitleid zu baden. Oder andere gar aufs Elend festzulegen. Freude und Festlichkeit zu verbannen. Das Leben möglichst trübsinnig zuzubringen.

Paulus ist das Kreuz wichtig, weil der Auferstandene durch Gottes Kraft und Ruf ein leeres Kreuz und ein leeres Grab hinter sich gelassen hat. Lukas ist die Krippe wichtig, weil das Kind in ihr geborgen ist, wie Mose einmal in dem Schilfkästchen. Und wie Mose zum Retter seines Volkes durch Gott berufen wird, so verkündet auch Lukas den Jesus berufen zum Retter. „Euch ist heute der Heiland geboren“ heißt es in der Weihnachtsgeschichte. Euch! Für euch! Zu eurem Nutzen! Und eben auch: Euch! Euch zum Vorbild! Zum Auftrag! Zur Mission, zur Aufgabe!

Und übrigens auch: euch, einer Gemeinschaft, einer Gemeinde, den Gliedern am Leib Christi. Euch, der Kirche.

Das ist nun fast schon doppelt gemoppelt: Weil Kirche auf deutsch „zum Herrn gehörend“ heißt. Zum Herrn Jesus Christus gehört ja nicht je und je ein Einzelner. Oder ein paar Einzelne. Da gehören immer viele dazu. „Geschwister“ redet Paulus sie an. „Unser Vater im Himmel …“ so überliefert auch Lukas den Gebetsauftrag Jesu. Wer sich auf Jesus bezieht, hat die Geschwister, die anderen Glieder Jesu immer neben sich. „Seht genau hin“ – so hat unser biblischer Abschnitt begonnen. Seht die Armut und Schwäche. Seht euren Herrn. Und ihr seht die andern.

Liebe Gemeinde, bei der Vorbereitung habe ich lange nach Liedern geschaut. Welche Lieder könnten zu dem Ruf, genau hinzusehen auf die anderen, was könnte zu der Situation, von der Krippe herzukommen und von ihr den Alltag zu gestalten, was könnte zu Kirche und ihrer Berufung passen? Im alten Gesangbuch von 1951 gab es einen eigenen Abschnitt „Kirche“. Im neuen von 1995 nicht mehr. Ein paar Lieder findet man in der Abteilung Ökumene. Aber Lieder zu Kirche und ihrer Gestalt und ihrem Auftrag? Nicht so einfach. 

Als Lehrvikarin habe viel mit meinen Schulkindern gesungen „Sonne der Gerechtigkeit“. Dann kam mal ein Gideonsbruder – also aus der Gemeinschaft derer, die Hotels mit Bibeln - leider in der Regel nur mit Neuen Testamenten -versorgen. Und der Gideonsbruder fragte meine Schulkinder (und natürlich die junge Vikarin auch), um wen es sich denn handle, bei der Sonne der Gerechtigkeit. Selbstverständlich – so seine Deutung der Prophetenstelle (Maleachi 3,20), wo von der Sonne der Gerechtigkeit die Rede ist, selbstverständlich ist es Jesus, der den einzelnen recht und gerecht macht, gerecht macht vor Gott.

Und die Gerechtigkeit zwischen den Menschen? Macht die Rechtfertigung von Gott her den Ruf nach größerer Gerechtigkeit unter den Menschen nun überflüssig? Nein, keineswegs! Liebe Gemeinde, wir dürfen Gerechtigkeit vor Gott und Gerechtigkeit unter den Menschen nicht auseinandernehmen. Wir müssen darauf bestehen, dass die, die zur Kirche gehören, berufen sind, gerechtfertigt, dass die in besonderer Weise zuständig sind für Gerechtigkeit. Es gibt einen Sonntag in der Woche. Er strahlt aus auf sechs Werktage. Die lassen sich nicht überspringen! Mit der Botschaft vom Kind in der Krippe, vom Auferstandenen aus dem Grab, weg vom Kreuz sind wir losgesandt. Genau hinzusehen. Und als berufene Geschwister aneinander und miteinander zu handeln. Dass Gerechtigkeit alle erreiche.

 



Pfarrerin Kira Busch-Wagner
Karlsruhe
E-Mail: Kira.Busch-Wagner@kbz.ekiba.de

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