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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Epiphanias, 06.01.2018

Das offenbarte Geheimnis
Predigt zu Kolosser 1:24-27, verfasst von Rainer Kopisch

Liebe Gemeinde,

das Zeichen für Christus ist der Fisch. Heute sieht man es an Autos, deren Besitzer damit öffentlich machen wollen, dass sie Christen sind. Früher, als die Christen verfolg wurden und es gefährlich werden konnte, als Christ erkannt zu werden, gab es eine Übereinkunft unter den Christen, die es möglich machte, einander zu erkennen. Der eine zeichnete einen Bogen beispielsweise in den Sand, der andere zeichnete den entsprechenden Bogen zur Vervollständigung des Fisch-Symbols. Dann wussten sie, dass sie einander vertrauen konnten und die Kenntnis von Geheimnissen teilten. Diese Geheimnisse waren ihnen durch die Predigten der Apostel offenbart worden. Diese Geheimnisse erklären uns unser Leben in der Weise, dass wir erkennen können: Wir sind mit Gott durch Christus verbunden. Wie diese Christusverbundenheit in unserem eigenen Leben zu einer immer größeren und tragfähigen Gewissheit und zu einer großen Lebenskraft werden kann, darüber nachzudenken, lade ich jetzt ein. Der Predigttext, der uns dabei unterstützt, ist aus dem Kolosserbrief im ersten Kapitel. Dort folgen wir unter der Überschrift „Der Auftrag des Apostels unter den Heiden“ den Versen 24 bis 27.

24 Nun freue ich mich in den Leiden, die ich für euch leide, und erfülle durch mein Fleisch, was an den Leiden Christi noch fehlt, für seinen Leib, das ist die Gemeinde. 25 Ihr Diener bin ich geworden durch den Auftrag, den Gott mir für euch gegeben hat, dass ich das Wort Gottes in seiner Fülle predige, 26 nämlich das Geheimnis, das verborgen war seit ewigen Zeiten und Geschlechtern, nun aber offenbart ist seinen Heiligen. 27 Denen wollte Gott kundtun, was der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Völkern ist, nämlich Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.

Einige beschleicht der leise Verdacht, dass dieser Text nicht von Paulus, sondern später geschrieben wurde. Er atmet nicht die Demut des Paulus, sondern ein starkes Selbstbewusstsein von besonderer Wichtigkeit. Schülern des Paulus wäre es nicht zu verübeln, wenn sie die Wichtigkeit ihres Lehrers besonders herausstreichen, denn das täte auch ihrem Selbstbewusstsein gut.

Der Kolosserbrief wird in der Tat zu den Deuteropaulinen gezählt, den Briefes des Paulus, die er möglicherweise nicht vollständig selbst geschrieben hat. Es werden Ideen des Paulus weitergedacht und seine theologischen Aussagen neu formuliert und ergänzt.

Wir können diesen Vorgang hier sehen.

Wir erkennen eine paulinische theologische Aussage über die Gemeinde als Leib Jesu Christi wieder. Das ist uns nicht neu. Auch wissen wir aus anderen Briefen des Paulus und aus den Berichten der Apostelgeschichte, dass Paulus in seiner Tätigkeit als Apostel und Missionar viel erleiden musste. Was hier steht, lässt uns aber doch erstaunen: „Nun freue ich mich in den Leiden, die ich für euch leide, und erfülle durch mein Fleisch, was an den Leiden Christi noch fehlt, für seinen Leib, das ist die Gemeinde.“ Paulus im Team mit Jesus Christus, um die Gemeinde endgültig zu erlösen. Dieses Denkmal für den hoch verehrten Lehrer von einem seiner Schüler geschaffen, konnte nur in einem Brief Bestand haben, der den Namen des Paulus trägt. Die Vorstellung von stellvertretendem Leiden und die Vorstellung, sich darin für andere Menschen opfern zu können, sind tief in der menschlichen Seele verborgene Vorstellungen. Sie sind der Ausdruck einer großen und tiefen Liebe von Menschen. Wir können die Umsetzung in das Leben besonders in familiären Zusammenhängen, Beziehungen und Gruppenzusammenhängen beobachten. Von solchen Beobachtungen her verstehen wir, was hier gemeint sein könnte.

Die Formulierung, dass Paulus den Rest der Leiden Christi für seinen Leib, die Gemeinde an seinem vergänglichen Leibe trägt, mag für den Briefschreiber eine guter Einfall zu inneren Vorstellungen des Paulus sein, sie ist aber eher ohne theologische Bedeutung. Martin Luther hat als entscheidendes Kriterium zum sinnvollen Verständnis von Bibeltexten die Frage genannt, ob eine Aussage das Verständnis für die Offenbarung von Jesus Christus fördere. Eine Bezugsaussage für unsern Zusammenhang ist die von Joh 3, 16: also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Leiden und Sterben gehört zur Geschichte des Lebens Jesu. Wir Christen wissen uns heute in seiner Nachfolge mit ihm verbunden. Das ewige Leben bei Gott ist uns eine Zusage Gottes, die uns im Glauben zur Gewissheit wird. Es bleibt eine Spanne Zeit, in der wir in unserem Todesleib leben und gleichzeitig wissen, dass wir nicht im Tod bleiben werden, sondern wie Christus auferstehen werden.

Die menschlich verstehbaren Wünsche, aus dieser Spanne von Leiden und Freude möglichst bald erlöst zu sein, haben zu Zeiten des Paulus zur Erwartung der nahen Wiederkunft Christi geführt. Im ersten Thessalonicher, dem ältesten uns erhaltenen Brief des Paulus, schreibt der Apostel am Ende des Kapitels 4 von der Auferstehung der gestorbenen Christen und fährt fort: „ Danach werden wir, die wir leben und übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken, dem Herrn entgegen in die Luft.“ Mit der Auferstehung der Toten und dem Entrücken der Lebenden ist die Heimholung der Christen in das Reich Gottes vollendet. Diese Vision des Paulus hat es ihm und vielen anderen Christen leichter gemacht, durchzuhalten und Leiden zu ertragen, in dem sie und auf die baldige Erlösung durch Christus hofften. Eine andere Antwort auf das Problem von Leiden zum Tode und Freude der Auferstehung hat am Ende des Jahrhunderts der Reformation der Thüringer Pfarrer Cyriakus Schneegaß gefunden.

Das bekannte Lied: In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ!, hat er 1598 auf die Melodie eines italienischen Tanzliedes gedichtet.

1) In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ! Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist; hilfest von Schanden, rettest von Banden. Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja. Zu deiner Güte steht unser G'müte, an dir wir kleben im Tod und Leben; nichts kann uns scheiden. Halleluja.

2) Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden Teufel, Welt, Sünd oder Tod; du hast's in Händen, kannst alles wenden, wie nur heißen mag die Not. Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren mit hellem Schalle, freuen uns alle zu dieser Stunde. Halleluja. Wir jubilieren und triumphieren, lieben und loben dein Macht dort droben mit Herz und Munde. Halleluja.

Dieses Lied aus vollem Herzen mitzusingen und seine Kraft zu spüren, fällt uns leicht, wenn es uns gut geht. Doch wenn wir leiden, finden wir schwer zu dieser freudigen Gewissheit. Die zentrale Aussage dieses Liedes ist die starke Hoffnung und Glaubensgewissheit: Die Wende all unseres Leidens ist eine unverbrüchliche Verbundenheit mit Jesus Christus. Unser Predigttext sagt es am Ende mit den Worten „Christus in euch, die Hoffnung auf die Herrlichkeit“.

Mit dem Auftrag, das Wort Gottes in seiner Fülle zu predigen, offenbart Paulus der Gemeinde das Geheimnis, das seit ewigen Zeiten und Geschlechtern verborgen war und jetzt ans Licht gekommen ist. Es ist Christus in euch, die Hoffnung auf die Herrlichkeit. Wie sehr dieses Geheimnis verborgen war, können wir verstehen, wenn wir in den Text der Evangeliumslesung des heutigen Epiphanias-Tages sehen. Die drei Weisen aus dem Morgenland sahen in ihrem Heimatland beim Beobachten des Sternenhimmels einen Stern, der ihnen einen Hinweis auf einen neugeborenen König der Juden gab. Sie kamen nach Judäa, um ihn anzubeten. Die Vorstellung, in Judäa sei ein göttlicher König geboren worden, rief großes Erschrecken nicht nur bei Herodes hervor. Von den eilig herbeigerufenen Hohenpriestern und Schriftgelehrten erfuhr Herodes, dass der Prophet Micha die Geburt eines Fürsten in Bethlehem vorhergesagt hatte, der sein Volk Israel weiden soll. Dass die Weisen dieses Kind in einer Krippe in einem Stall in Bethlehem finden, enthüllt ihnen das Geheimnis des Gottessohnes natürlich nicht. Das Geheimnis dieses göttlichen Kindes wird nach seinem Tod am Kreuz durch den Glauben an seine Auferstehung langsam enthüllt. Die ganze Tragweite der Tat Gottes, uns seine Liebe zu zeigen, zeigt sich in der Entstehung des Christusglaubens durch die gepredigte Offenbarung der Apostel. Dieser Glaube ist geprägt durch die Erkenntnis, dass Gott durch seinen Sohn Jesus Christus in diese Welt des Leidens und des Todes gekommen ist, um uns Menschen von der Verfallenheit an den Tod zu erlösen. Dies geschieht, solange Menschen noch in dieser Welt leben, allein durch den Glauben an Gott, der in seiner barmherzigen Liebe für uns die Macht des Todes über unser Leben aufhebt. Das Geheimnis dieses Glaubens ist eben Christus in uns als die Hoffnung der Herrlichkeit. Unser Leiden wird uns in diesem Leben zur steten Erinnerung daran, dass Jesus für uns gelitten hat und gestorben ist, damit wir in seiner Nachfolge den Weg in Gottes Herrlichkeit sicher finden können. Die Freude, Christus gerade im Leiden verbunden zu sein, kann alle Schmerzen und Leiden überstrahlen. Dies tief im Herzen zu wissen und zu spüren, und dieser spürbaren Gewissheit unbeirrbar folgen zu können, wie die drei Weisen ihrem Stern, das wünsche ich ihnen allen.

Amen



Pfarrer i.R. Rainer Kopisch
Braunschweig
E-Mail: rainer.kopisch@gmx.de

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