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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Estomihi, 03.02.2008

Predigt zu Jesaja 58:1-9a, verfasst von Ulrich Nembach

Das richtige Fasten

Liebe Gemeinde,

„Wenn Geld an Börsen man verbrennt, / man dies die "neue Wirtschaft" nennt.
Es kommt der Abschwung irgendwann / und trifft dann auch den kleinen Mann,
wenn große und auch kleine Leute / nur suchen eine fette Beute.
Wenn Aktien fallen in den Keller / sehn sie nicht einen roten Heller.
Wie soll man für die Zukunft sorgen, / wenn man nicht weiß, wo stehn sie morgen.
Kursstürze hin, Kursschwankung her, / wie`s weitergeht, weiß keiner mehr
Es schweigt der Makler ganz betreten. / Stürzt ab der Kurs, hilft nur noch beten.
Hat man zuvor noch profitiert, / wird Gott als Anker aktiviert."

1. Diese aktuellen Verse wurden vor 6 Jahren geschrieben. Sie stammen von einem Pfarrer aus Nürnberg. Er schrieb sie damals für den Sonntag vor Rosenmontag, Estomihi, also für denselben Sonntag im Kirchenjahr wie den heutigen, fast auf den Tag genau vor 6 Jahren. Damals wie heute stand die Fastenzeit vor der Tür. Die Mainzer Hofsänger hatten schon damals wie heute beklagt, dass bald wieder Aschermittwoch sei, die Fastenzeit beginne. Im Hinblick auf die noch andauernde Karnevalszeit und im Hinblick auf die kommende Fastenzeit schrieb der Pfarrer die Reime. Sie stehen seitdem im Internet und sind dort bequem nachzulesen (http://www.predigten.uni-goettingen.de/archiv-4/020210-3.html oder im Fall von Problemen: http://www.predigten.uni-goettingen.de/ >Archiv>ältere Predigten>Jesaja 58,1-9a). Unser heutiger Predigttext - derselbe wie damals - steht bei Jesaja, 58,1-9a:

1 Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden!
2 Sie suchen mich täglich und begehren, meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, daß Gott sich nahe.
3 »Warum fasten wir, und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib, und du willst's nicht wissen?« - Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter.
4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.
5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen läßt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?
6 Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Laß los, die du mit Unrecht gebunden hast, laß ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!
7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen, und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.
Der Predigttext blickt nach vorn in die Fastenzeit. Es geht dem Propheten um das richtige Fasten. Dabei hält er sich gar nicht bei Details auf wie etwa, wann was gegessen werden darf. Er schlägt auch nicht „7 Wochen ohne" vor. Es geht ihm um den Hungrigen, den Elenden, kurz um die Gerechtigkeit.

 

2. Das ist der Punkt, auf den der Pfarrer vor 6 Jahren schon hinwies und der heute sich wiederholt. Die Börse legt einmal eine Pause ihrer Talfahrt ein, einmal steigt sie gar etwas, aber die Richtung bleibt: abwärts. D.h. es wird Geld verloren, viel Geld. Der Pfarrer nennt das: man verbrennt Geld an Börsen.

Ich fahre fort und hole aus dem Internet zwei weitere Predigten hervor. Das Internet macht es heute möglich, schnell aktuelle und auch jüngere Predigten hervorzuholen. Warum ich früher gehaltene Predigten hervorhole, wird gleich deutlich werden.

Die 2. Predigt stammt ebenfalls von vor fast genau 6 Jahren (http://www.predigten.uni-goettingen.de/archiv-4/020210-1.html ). Damals wie heute geht ein Wintersemester zu Ende. Der Prediger hielt die Predigt im Gottesdienst, der das Semester damals abschloss. Er sagte zu Beginn gleich:

„Als ich den heutigen Predigttext aus Jesaja 58 zum dritten oder vierten Mal gelesen hatte, da war ich mir plötzlich sehr gewiss: Dieses Stück prophetischer Botschaft ... kann auch sehr direkt zu einer evangelischen Hochschulgemeinde am Ende eines Semesters im Jahr 2002 sprechen. Was der Prophet da seinem Volk in einer Zeit nach dem großen Exil und des wieder beginnenden Aufbaus zu sagen hat, kann auch uns in einer Weise treffen, die so konkret ist, daß es vielleicht sogar weh tut. Wenn ich es nun doch wage, die Botschaft des Propheten Jesaja in unsere Welt, ... , in unsere Hochschulgemeinde hineinzuholen, dann geht es mir vielleicht wie dem Propheten damals,..."

Der Prediger stellte der Gemeinde ihre Situation am Ende des Semesters vor Augen. Er weist auf Fehler und Versäumnisse hin, die jede, jeder im Laufe des Semesters begangen hat. Der Prediger fasst alles zusammen und kommentiert das Ganze mit den Worten:

„Liebe Gemeinde, diese Worte brauche ich wohl nicht mehr eigens in unsere Situation hinein zu übersetzen. Wir wissen alle, wo und wann und wem gegenüber wir auch in dem vergangenen Semester gefehlt haben. Da werden unsere üblichen Entschuldigungen ganz schnell fadenscheinig. "Wir wären gerne gut anstatt so roh, aber die Verhältnisse, die sind nicht so", dichtete Bert Brecht und die scheinbar zynische Feststellung war doch eigentlich eine bittere Anklage, denn wer ist denn für die Verhältnisse verantwortlich, wenn nicht wir."

Der Prophet stellt seinen Zuhörern ihren Alltag, ihre Praxis des Fastens vor Augen, und Gott ist damit nicht zufrieden.

Die 3. Predigt ist älter und wurde bei einer anderen Gelegenheit gehalten, dem Erntdankfest 1999 (http://www.predigten.uni-goettingen.de/archiv-2/991003.html). Der Predigttext ist derselbe: es ist unser Predigttext. Die Predigerin und ihre Gemeinde leben im Norden von Niedersachsen, und die Predigerin sagte u.a.:

„So kann und darf sich unser Erntedank auch nicht in einem Festgottesdienst erschöpfen. Ernte-Dank-Fest - das zu feiern - richtig zu feiern, dazu sei uns der Predigttext die beste Anleitung: "Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut".

Dieser Predigt geht es konkret Geld und mehr, erheblich mehr wie im Predigttext. Es geht um den Hungrigen, den Obdachlosen, den Nackten. Die Zahl der davon Betroffenen ist groß, größer als die Zahl der Reichen. Die Zahl der Starts und Landungen von Privatjets in einem Schweizer Nobelskiort ist hoch. Sie wird mit rund 150 pro Tag angegeben. Erheblich mehr Hungrige, Obdachlose, schlecht bekleidete hat allein Göttingen. Die Anleitung zum richtigen Feiern anhand des richtigen Fastens, die die Erntdankgottesdienst-Predigern anhand unseres Predigtextes gibt, trifft die Sache, indem sie den Predigttext zitiert, das Brechen des Brotes konkret nennt.

 

 

3. Liebe Gemeinde hier heute Morgen am 3. Februar 2008, es ist interessant, ja aufregend, dass sich nichts seit all den Jahren geändert hat, seitdem die zitierten Predigten gehalten wurden.

Wir können, müssen wieder, erneut, noch immer fragen: „Warum fasten wir?" Das fragten bereits die Menschen vor ca. 2.500 Jahren. So alt ist unser Text rund gerechnet. D.h. anders ausgedrückt: Seit 2.500 Jahren hat sich nichts im Verhalten der Menschen geändert!

Noch anders gesagt: Die menschlichen Wünsche abgelesen an ihren Taten stehen konträr zu Gottes Wünschen. Die Menschen reden anders als Gott. Noch einmal anders gesagt: Einmal geht es um Geld, hartes Geschäft - für Hartz IV-Empfänger, Rentner u.a. war kein Geld da, aber für nach oben gehende Börsenkurse fand sich Geld, viel Geld. Das andere Mal geht es um Liebe, konkret um Nächstenliebe.

Diesen Unterschied, der so klar ist, der geradezu ins Auge springt, gelingt uns Predigern offensichtlich nicht, den Menschen klar zu machen. Auch mir wird es nicht gelingen, den Unterschied klar zu machen. Ich mache mir nichts vor, aber ich hoffe trotzdem, dass es endlich gelingen möge und dabei der 2. Börsencrash in kurzer Zeit mir vielleicht zu Hilfe kommt, dass Menschen endlich, endlich ihr - wohlgemerkt: ihr - Brot brechen.

Das Brot zu brechen, bedeutet konkret, das Fladenbrot in die eine Hand zu nehmen, mit der anderen das Brot zu brechen und dem Hungrigen neben einem den abgebrochen Teil zu geben. Anders ausgedrückt - ich kann meine Aussage, mein Anliegen in immer neuen Bildern ausdrücken, weil die Bibel immer wieder und wieder das Thema des Nächsten nennt. Also dieses Mal so gesagt:

 

Es geht ums Teilen, wie St. Martin seinen Mantel mit dem neben ihm sitzenden Bettler teilt. Wir haben daraus eine Kinderunterhaltung gemacht, um die Lampionumzüge der Kleinen interessanter zu gestalten. Wir haben die Fastenzeit zu einer Gelegenheit gemacht, das überfällige Abspecken in Angriff zu nehmen - und dabei erwarten wir, dass Gott dazu Beifall klatscht. Das kann doch eigentlich nicht wahr sein!

Amen

 

Wir singen jetzt das Lied, dass die Gemeinde nach jener Erntedankpredigt sang: „Wo ein Mensch Vertrauen gibt, nicht nur an sich selber denkt, fällt ein Tropfen von dem Regen, der aus Wüsten Gärten macht" (EG für Niedersachsen und Bremen 604,1-3).



Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach
Göttingen
E-Mail: ulrich.nembach@theologie.uni-goettingen.de

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