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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Estomihi, 03.02.2008

Predigt zu Jesaja 58:1-9a, verfasst von Christofer Frey

Gehen Sie mit mir und mit Ihren Gedanken zurück durch die Zeit, um in einer halb zerstörten Stadt anzukommen, in Jerusalem, das sich vor mehr als 1400 Jahren gerade wieder aus den Trümmern erhob. In diese Stadt, halb verfallen und voller Provisorien, waren Deportierte aus einem Land im Osten zurückgekehrt; und nun suchten sie ihr altes Familieneigentum wiederzufinden. Jerusalem war damals eine Stadt voll kümmerlicher Häuser aus Lehmziegeln; von den früheren Palästen und einem Tempel war wohl kaum noch etwas zu sehen. Ganz menschenleer war die Stadt auch in den vergangenen Jahrzehnten nicht gewesen; vermutlich war nach der Zerstörung des Tempels auch ein Altar für den Gott Israels und seinem Opfergottesdienst bewahrt oder wieder aufgerichtet worden. Jetzt aber wohnten wieder mehr Menschen in dieser Stadt; ihre Lebensumstände waren wohl nicht erfreulich. Aber eines begleitete sie, ihre Religion. Im fernen Babylonien hatten sie mit Mühe ihren Glauben bewahrt; nun wollten sie wie bisher beten, opfern und zu Ehren ihres Gottes fasten.

 

Diese Rückkehrer waren nicht die einzigen Menschen in dieser Stadt. Es gab auch Leute, die in dem danieder liegenden Land und seiner kleinen Hauptstadt wohnen geblieben waren. Manche hatten sich vermutlich die verlassenen Ländereien rings um Jerusalem angeeignet; jetzt kamen die alten Besitzer wieder und vertrieben sie, sofern sie sich vor Gerichten durchsetzen konnten. Wohin sollten Menschen gehen, die weder Haus noch Arbeit hatten? In die Stadt! Vielleicht kam man da mit Betteln oder Gelegenheitsarbeiten über die Runden. Was heute in südlichen Ländern in großem Maßstab vor sich geht, geschah offenbar schon in alter Zeit, aber in weit geringerem Maße.

 

In dieser Stadt tritt nun ein Prophet auf, der mit dem Namen eines bekannten älteren Propheten, Jesaja, genannt wird. Weil auch heute die ‚prophetische Rede' den Kirchen nicht ganz fremd ist, könnten wir beim Titel eines Propheten leicht zu falschen Schlüssen kommen. Deshalb ist es notwendig zu wissen, wie das Leben damals aussah und welche Welt der Prophet vor Augen hatte: Es gab keine Arbeitsagentur, keine Sozialhilfe und auch keine Pfarrhäuser, an denen man vorsprechen und um Nahrungsmittelgutscheine bitten konnte. Eine Tafel für Bedürftige fand sich ebenso wenig wie eine Suppenküche, sondern nur milde Gaben, die von Fall zu Fall gegeben wurden. Und diese blieben sicher immer wieder aus. Die Rückkehrer hatten vielleicht ein wenig Besitz aus ihrem Exil mitgebracht - und dazu ihre durch die schlimmen Zeiten der Verbannung gerettete und erneuerte Religion. Sie werden auf einem Behelfsaltar geopfert, aber auch weitere alte und neue Riten beobachtet haben, so das Fasten.

 

Wozu fastet man? Heute könnte man das Fasten so begründen, dass der Körper entschlackt werden muss, damit die Seele freier wird, weil der allzu volle Bauch träge macht. In Israels alter Zeit werden andere Gedanken das Fasten bestimmt haben, etwa dieser: Es ist gut, sich selbst einen Verzicht aufzuerlegen, damit man von den Dingen dieser Welt nicht allzu abhängig wird. An bestimmten Tagen konnten die Heimkehrer auf diese Weise demonstrieren, dass sie fromme Israeliten waren.

 

Jedoch gibt es immer wieder Menschen, die auch die ernsthafteste Religion kritisieren oder stören. Und einige sind von Gott berufene Störer. In Jerusalem tritt nun ein Prophet mit seinem besonderen Auftrag auf: Gott gebietet ihm, er solle mit der Kraft einer Posaune in Jerusalem verkünden, dass Fasten nicht benutzt werden kann, um die eigene Frömmigkeit gegenüber anderen Menschen glaubhaft zu machen. Ein Protest gegen die öffentliche Religion! In Gestalt des Fastens ist sie uns heute in der Regel fremd, es sei denn, wir denken an den muslimischen Ramadan. Wenn ihr Innenleben öffentlich werden soll, dann schlagen viele Menschen lieber über die Stränge als dass sie fasten; die Kölner Narren haben das gerade vorgeführt.

 

Was hatte die Posaunenstimme damals zu sagen? Und was könnte ihre Botschaft heute bedeuten? Sie weist auf drei Arten von Menschen hin, die damals über der öffentlichen Religionsausübung offenbar vergessen werden: Arme, Elende, Heimatlose. Alle brauchen sie Speise und Dach. Was mit dem Brauch des Fastens zusammenhängt, mag uns heute fern sein; der Aufruf, den Armen zu helfen, ist jedoch immer noch zu verstehen ‑ und trotzdem gar nicht so leicht zu befolgen. Denn wer sind die Armen heute, für die wir Verantwortung tragen sollen? Und was sollen wir  verantworten?

 

Durch viele Jahrhunderte hat die Christenheit gehört, dass allein die Existenz der Armen wie eine Anklage in Person ist und das Gewissen herausfordert; aber wissen wir heute ‑ nach so langer ‑ Zeit genauer, wozu? Vor reichlich 1400 Jahren war die Antwort einfach: Die Armen brauchten etwas zu essen, die nötigste Bekleidung, einen Platz zum Schlafen auf einem gestampften Lehmboden unter einem Dach. Damals wie heute flohen Arme in die Stadt, weil das wohl ihre letzte Chance war und ist. Damals alle, die nicht mehr auf dem Lande zu ihrem Recht kamen, heute, weil die Zahl der Menschen immer mehr wächst und die Großgrundbesitzer von ihrem Land nicht lassen wollen, selbst wenn sie es nicht bebauen. Das gilt vor allem für Südamerika, wo eine Theologie für die Armen entstanden ist.

 

Jedoch geht es dem Prophetenwort nicht allein um milde Gaben, sondern um echte Verantwortung: Wir sollen füreinander Verantwortung tragen. Einer der Verse des Predigttextes spricht offensichtlich politisch Verantwortliche an: Sie sollen für Recht sorgen sowie Fesseln und Joche abnehmen, um die Menschen frei zu machen. Liefen seinerzeit gefesselte Sklaven durch Jerusalem? Oder nahm der Prophet ein Bild auf, das an jene Gefangenen erinnert, die von Jerusalem weggeführt wurden? Als wollte er sagen: So ist es euch ergangen und nun seht ihr Menschen, denen es ähnlich geht. Wer schmerzlich gelernt hat, wie schwer das Leben werden kann, sollte sich in die Schwierigkeiten Anderer einfühlen können.

 

Die Mahnrede des Propheten geht also vom konkreten Elend aus, blickt auf Recht und Unrecht und dann - wie bereits gesagt - auf religiöse Riten. Eigentlich ist Fasten gut, aber es kann auch zu einer bloßen Übung werden, eine Art öffentlicher Demonstration sein: So sind wir, das sind wir - unser Fasten sagt es doch. Der Prophet geht darüber hinaus: Statt sich auf äußerliche Riten zu stützen, sollen die Jerusalemer auf Gott aufmerksam werden, statt eine religiöse Handlung zu begehen, sich ihrem Mitmenschen öffnen.

 

Aber was tun die vom Propheten Angesprochenen, jene frommen Menschen in Jerusalem? Sie setzen sich in Szene und lassen ihre Köpfe demonstrativ hängen wie ein Schilfrohr, statt aufrecht zu gehen und der schwierigen Situation ins Gesicht zu blicken. Oder sie streiten und lassen die Faust sprechen, statt ihr Fasten ernst zu nehmen. Sie arbeiteten und arbeiten - als ob nicht das Fasten nicht dazu bestimmt sei, das Alltagsgeschäft zu unterbrechen. Dem setzt der Prophet den Ausdruck des Glaubens entgegen: Selbstverzicht und Solidarität.

 

Damit sind einige Eindrücke vom alten Jerusalem lebendig geworden. Und heute? Auf den ersten, flüchtigen Blick scheint es recht einfach zu sein, diese beinahe 1500 Jahre alten Worte in unserer Welt zu wiederholen. Aber die Welt hat sich seitdem deutlich verändert; und dieselben Wörter sind in der veränderten Zeit fast zu anderen Worten geworden. Das bewirkt der Lauf der Geschichte.

 

Verändert hat sich vor allem der Horizont der Menschen im einstigen Jerusalem und heute: Jerusalem war damals sehr klein, die Armen und Elenden waren den Bessergestellten täglich vor Augen. Sollten die Jerusalemer, vom Propheten angestoßen oder sogar provoziert, nun allein an die verarmten Volksgenossen, also Menschen im Stamm Juda, gedacht haben? Das wäre ein Fehlschluss; denn der Prophet spricht von "deinem Fleisch": „wenn du dich von deinem Fleisch nicht verbirgst...". Der Arme und Elende ganz allgemein ist Mensch wie du ‑ und nicht nur der Volksgenosse.

 

Die Armen waren also vor Ort zu finden; heute jedoch werden die Fernsten zu unseren Nächsten, und das manchmal plötzlich, etwa wenn ein Tsunami in vielen 1000 Kilometern Entfernung über zumeist arme Menschen hinweg rollt, deren Kinder wegreißt und Häuser zerstört. Jedoch kommen uns die fernen Leidenden nicht immer so nah; denn als kurz nach dem Tsunami die Erde in Pakistan bebte und manche Hilfsorganisation drohte, Al Qaida und andere Islamisten würden helfen, wenn wir es nicht täten, blieb die Motivation zur Hilfe aus ‑ mit einem gewissen Recht: Wir sollen uns frei und aus Mitgefühl für die Hilfe entscheiden und nicht unter Druck; die Einsicht gehört dazu.

 

Und da ist ein weiterer Unterschied: Der Prophet ist, wie andere in Jerusalem, mit äußerstem Elend konfrontiert: Ganz nackt werden einige der Bedürftigen auch damals nicht gewesen sein, aber sie werden in Lumpen an den Ecken gekauert haben. In der Zeit des Propheten ging es um Kleidung, Nahrung und zeitweise ein Dach. Wenn heute Armut in Deutschland aufgespürt wird (und darin üben sich unsere Zeitungen beinahe täglich), sagt man uns oft, dass es um relative Armut gehe. Sie sei dort zu finden, wo Menschen nur 60 Prozent oder weniger vom allgemeinen Durchschnitt des Einkommens hätten. Ausführliche Armutsberichte haben versucht, die Situation der Armut in Zahlen festzumachen. Aber Zahlen sagen den meisten wenig, sie sind ohne Anschauung. Viele sind arm an Mitteln, mit denen sie ihrem Leben einen Sinn geben, gute Arbeit finden oder etwas leisten können; sie sind ausgeschlossen von der Teilhabe an den Errungenschaften einer modernen Gesellschaft. Jenseits von Europa gibt es hingegen eine Armut, die daran gemessen furchtbar ist. Wer ihr unterliegt, kann sich nicht einmal in die erbärmlich überfüllten Boote drängen, die vor den Kanarischen Inseln und anderswo stranden oder so oft scheitern; denn die Ärmsten der Armen haben nicht einmal das Geld für einen so gefährlichen Ausflug.

 

Was ist angesichts dieser Armut zu sagen? Es ist verhältnismäßig leicht, zu spenden und auf diese Weise zu helfen, Säcke voller Nahrungsmittel in die Heimat der absolut Armen zu schicken. Aber damit wird oft nur das nackte Überleben gesichert. Unlängst hat der Papst wieder einmal betont, was wir nicht nur von ihm so oft gehört haben: Wir sollten alle Reichtümer dieser Erde teilen. Aber das ist leichter gesagt als getan und würde vielleicht der Armut gar nicht an der Wurzel abhelfen. Manches wird klarer, wenn eine andere Frage gestellt wird: Wie kommt man denn zu Wohlstand?

 

Es gibt Reichtum, der aus der Natur kommt. In dieser Hinsicht sind manche Länder und Völker, die heute bettelarm sind, im Grunde reich, etwa der Kongo mit seinen wertvollen Mineralien. Was heißt hier ‚teilen'? Wenn ein armes Land etwas für seine Bewohner tun könnte und wollte, indem es Bodenschätze zu fairen Preisen verkaufte, könnte es wohl nicht aufgefordert werden, seine natürlichen Reichtümer gleichmäßig über alle Menschen verteilen. Gerade die reichen Länder sind oft von Natur aus arm. Sie können in beschränktem Maß Wissen mit anderen teilen, technische Fähigkeiten und manche ihrer Produkte, vor allem wenn es um Leben und Tod geht (wie bei der HIV-Infektion).

 

Es gibt Reichtum, der an der Börse erworben wird. Heute mutet die Welt wie ein übergroßes Spielkasino an, in das allerdings nur wenige eingelassen werden. Auch wir bleiben vor der Tür. Aber in der Krise der Banken erkennen wir, dass sogar die Steuerzahler und die Sparer indirekt zur Kasse gebeten werden - übrigens ohne Gegenleistung. Spekulationen sind kein Beitrag zu einer wirtschaftlichen Entwicklung, die Arme aus der Armut führen könnte.

 

Es gibt Reichtum aus Vermietung und Verpachtung, und das sollte für beide Seiten gelten. Aber die Pächter und Mieter werden durchaus nicht immer wohlhabend, ja, in vielen Gegenden der Welt werden sie erpresst. Vielfach kann nur eine Landreform die Chance geben, sich selbst zu ernähren und seine Familie zu erhalten.

 

Vor allem sollte der Wohlstand aus der Arbeit und der Produktion kommen. Sollte die Arbeit deshalb gleichmäßig über alle Menschen verteilt werden? Dann hätte Nokia mit einem gewissen Recht sein Werk in Deutschland geschlossen, um den nicht nur an Arbeit ärmeren Rumänen etwas mehr Beschäftigung zu bringen. Aber eine Gesellschaft ist nur dann solidarisch, wenn alle in ihr eine faire Chance erhalten; in der Regel werden aber die weniger gut Gestellten Opfer von Firmenschließungen.

 

Nicht alles kann verteilt werden - und schon gar nicht gleichmäßig. Aber eines kann besser und menschenfreundlicher verteilt werden: die Chancen, an der eigenen Gesellschaft teilzuhaben, durch Bildung und Ausbildung und durch die Gelegenheit, eine befriedigende Arbeit aufzunehmen. Selbst wenn wir mit dem modernen Sozialstaat nicht zufrieden sind, so versucht er doch, die Appelle des Propheten auf seine Weise zu beantworten; der größere Teil des Bundeshaushalts wird im Ministerium für Arbeit und Soziales ausgegeben.

 

In der Armut liegt je nach Kultur eine besondere Herausforderung: bei uns zum Beispiel, Menschen aus Verhältnissen herauszuführen, wo bereits morgens die Bierdosen geöffnet werden und der Fernseher läuft, ja, die Kinder vielleicht nicht einmal zur Schule geschickt werden, sondern von Sozialarbeitern abgeholt werden müssen - und wenn es geschieht, dann bringen sie manchmal Hefte voller Zigarettengeruch mit.

 

In Kenia hingegen hieße das, endlich das System der Clanchiefs abzuschaffen, die für die Ihren sorgen und deshalb die Reichtümer des Landes und Bestechungsgelder einsammeln müssen, um ihren Verpflichtungen nachzukommen - bis diejenigen aufstehen, die niemals in das Netz der Verteilung gelangt sind. Das hat mit Kultur zu tun, und Kultur ist unterschiedlich, aber sie ist immer auch um der Menschen und ihres Zusammenlebens willen zu kritisieren, wie das einst der Prophet in Jerusalem tat: Die Kultur eures Fastens verletzt die Würde anderer Menschen, die auch Gottes Geschöpfe sind: Lernt verzichten - nicht um eures Ansehens willen, sondern für andere.

 

Vielleicht war der Prophet erfolgreich. Aber wenn er bei den Einen, die nicht arm sind, Erfolg gehabt hätte, so könnte dieser leider auf der anderen Seite, bei den Armen, ausgeblieben sein. So muss der Prophet Jeremia sagen: Brecht eine neue Furche (Jer 4,3) und wandelt euch und euer Leben, denn Gott hat euch eine Chance gegeben. Aber das ist ein weiteres Problem mancher, längst nicht aller Armer - sie sind arm an Motivation, weil sich Enttäuschungen sich tief in ihre Seele hinein gefressen haben.

 

Der wahre Reichtum, den Gott für sein Volk und für alle Menschen sucht, liegt im Miteinander, in dem alle für alle Verantwortung tragen können und ihre Freude und ihr Glück nicht durch Anhäufen von Reichtum finden wollen, sondern durch Teilen der Gaben, die allerdings sehr unterschiedlich auf die Menschen verteilt sind.



Prof. Dr. Christofer Frey

E-Mail: Christofer.Frey@ruhr-uni-bochum.de

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