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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Lätare, 11.03.2018

Predigt zu Johannes 6:24-35 (dänische Perikopenordnung), verfasst von Marianne Frank Larsen

Johannes 6, 24-35 (dänische Perikopenordnung)

 

Da steht Brot auf dem Tisch. Und Butter. Vom Kaffee gar nicht zu reden. Das macht den Unterschied. Und dann die herrliche Wärme vom Herd und den Öfen natürlich. Sie werden ganz glücklich, der neue Pastor und seine junge Frau, die in das Pfarrhaus auf einer fernen Felseninsel einziehen in den finnischen Ålandsinseln an einem frühen Frühjahrsmorgen 1946 in dem Buch von Ulla-Lena Lundberg, das den Titel Eis trägt. Sie hatten damit gerechnet, in ein kaltes und feuchtes Haus zu kommen und darüber nachgedacht, wo man den Schlüssel finden könnte. Und dann steht da ein ganzes Empfangskomitee auf dem Kirchsteg, als das Boot anlegt, der Organist und der Küster und seine Frau und einer von den Frauen im Kirchenvorstand. Sie waren noch vor Sonnenaufgang aufgestanden, aber das das wird wahrlich auch gewürdigt! Es ist eine dankbare Aufgabe, Gäste auf der Insel zu empfangen, denn wenn sie aus Åbo kommen, sind sie mehr als zwölf Stunden im Boot unterwegs gewesen. Sie sind „in allem Wetter herumgeworfen, und wenn sie schließlich an Land wanken, klebt ihre Kleidung kalt und feucht am Körper“, steht da, „ sie sind hungrig, aber ihnen ist auch übel, sie zittern vor Kälte und schwitzen, zanken sich und wünschen, dass sie nie gekommen wären“. So hat die Insel ihren Ruf der Gastfreundschaft bekommen. „Denn wenn Menschen, die hungrig sind, erschöpft und übermüdet, unter Dach kommen und die Wärme des Herdes spüren  und das Essen auf dem Tisch, dann glauben sie ganz aufrichtig, dass sie im letzten Augenblick gerettet sind, und können denen nicht genug danken, die sie empfangen haben“. Nein, wie herrlich, sagen der Pastor und seine Frau, was für ein Brot. Und die Butter. Und was für ein Kaffee, so heiß, dass er einen bis in die Fußspitzen wärmt.

Es ist eine ganz allgemeine Erfahrung, dass ein Stück Brot – und eine Tasse Kaffee – den Unterschied ausmachen zwischen Unbehagen und Wohlgefühl, zwischen Aufgeben und neuem Mut. Wir, die wir immer mehr als genug zu essen bekommen, spüren das nicht täglich. Aber manchmal, wenn man wirklich hungrig ist, erschöpft und übermüdet wie die Passagiere auf dem Schiff aus Åbo, wird deutlich, dass das Brot in Wirklichkeit den Unterschied ausmacht zwischen Leben und Tod. Deshalb erlebt das junge Pfarrerpaar das so als wären sie im letzten Augenblick gerettet, als sie endlich in die Wärme kommen und den ersten Bissen Brot bekommen. Und in diesem Sinne könnte man in Wirklichkeit alles Brot das Brot des Lebens nennen, denn davon leben wir ja, die Grundlage dafür, dass wir überhaupt auf die Beine kommen und in Gang kommen können, wie die Pfarrfrau, die nicht sich hinlegt, als das Empfangskomitee gegangen ist, sondern sofort beginnt, aufzuräumen und die Möbel zurechtzurücken. Ohne das Brot – und den Kaffee und die Wärme vom Ofen - hätte sie nicht auf den Beinen stehen können.

Es ist das ganz gewöhnliche Brot, ohne das wir nicht leben können, das Jesus aus Zeichen im heutigen Evangelium verwendet. Am Tage zuvor hat er an 5000 Menschen ausgeteilt von den kleinen Broten, so reichlich, dass sogar zwölf Körbe voll übrig blieben. Und die 5000 Männer und Frauen und Kinder erhielten neue Kräfte, mit leuchtenden Augen und heißen Wangen, während sie da saßen und sich satt aßen, und dort, im Grünen, haben sie einen Überfluss gesehen, der keine Grenzen kennt, einen Reichtum und eine Fülle, die sie genauso glücklich macht wie die neuen Pfarrersleute auf der Felseninsel. Deshalb kommen sie, um Jesus wieder zu finden und ihm zum König zu machen. Denn man denke – einen König zu haben, der das kann! Sein reich muss ein Reich ohne Mängel sein. Wo niemand hungern muss und entbehren und sich sehnen. Da, bei dem König, wollen sie gerne zuhause sein.

Sie haben Brot gesehen, sogar im Überfluss, aber sie haben nicht gesehen, wofür das Brot ein Zeichen ist. Und das ist ein Fehler, denn Zeichen ist ein Ding, das etwas anderes bedeutet. Ein Ring ist Zeichen für Treue. Der Gesang einer Amsel ist ein Zeichen für den Frühling. Und das Brot? Es ist natürlich Zeichen für Leben, denn das ist unsere tägliche Erfahrung. Aber das Brot in den Händen Jesu, das nie ausgeht, Brot im Überfluss, Brot, das alle ohne Ausnahme sättigt – was zeigt das an? Ja, wenn die Hungrigen einen Blick dafür gehabt hätten, hätten sie mitten im Überfluss ihn sehen können, wie er dem Vater im Himmel dankt. Aber das tun sie nicht. Sie sehen nur den phantastischen Mann mit den phantastischen Fähigkeiten. Sie sehen nicht, dass der Mann nie auf die Idee käme, für sich zu handeln, sondern stets an einen anderen als sich selbst dankt. Er ist unlöslich mit dem guten Gott verbunden, der Brot schuf, wo kein Brot war, für die Väter in der Wüste. Das ist der gute Gott, der nun wieder in seinen Händen Brot schafft, wo kein Brot ist, für Männer und Frauen und Kinder in der Wüste. Sie bekommen Brot. Aber sie bekommen auch ein Zeichen dafür, wer Jesus ist und was er geben will.

Das Brot, das im ewigen Leben besteht. Das Brot vom Himmel, das herabkommt und der Welt Leben schenkt. So offenbart Jesus allmählich, was das Brot vom Tage zuvor als Zeichen bedeutete. Bis er es schließlich direkt sagt: Ich bin das Brot des Lebens. In einem anderen Sinne als das Brot, von dem wir täglich leben. Denn das nährt zwar und wärmt und gibt neue Kräfte, und deshalb kann es auch als Zeichen dienen, aber es kann uns nicht davor gewahren, dass wir älter werden, schwächer, krank. Es kann uns nicht davor bewahren, dass wir etwas vermissen, Mangel leiden und Sehnsucht, und es kann uns nicht davor bewahren, dass wir sterben. Das tägliche Brot hält uns am Leben, solange es währt. Das Brot des Lebens aber gibt Nahrung für ein Leben, das nie endet. Und das ist nicht nur ein Brot, das Jesus gibt. Er selbst ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist, um der Welt Leben zu schenken. Mit diesen Worten weist das Wort mitten in der Passionszeit auf den Tag hin, an dem die Passionszeit endet. Den Tag, wo er sich selbst gibt und seinen eigene Leib, der zerbrochen wird wie das Brot, das in unseren Körpern zerbrochen wird. Er trägt eine Krone, und er hängt hoch erhoben über alle uns anderen. So wird er dennoch König, aber an diesem Tag ein König ohne Volk. Karfreitag bekommt niemand etwas. Und doch glauben wir, dass er gerade so das Leben hingibt, das der Schöpfer in seinen Leib und seine Worte und seine Hände gelegt hatte, das göttliche Leben, das nie vergeht. Und wir glauben, dass er hingibt, um es uns zu geben, alle wir, die wir abwechselnd ihm folgen und ihm den Rücken kehren, damals wie heute. Denn er weist niemanden zurück.

Dass das Leben für uns ist – dafür gibt er uns sein Wort, aber so wie die vielen in der Wüste erhalten wir auch Zeichen. Drei Hände voll Wasser, einen Mundvoll Wein, einen Bissen Brot, das nicht nach viel aussieht. Dann geht es darum, dass wir die Zeichen besser deuten als die Leute damals in der Wüste. Denn im Unterschied zu ihnen wissen wir, wie die Geschichte ausgeht, oder wie sie am Ostermorgen neu beginnt, mit einem Leben und einer Freude, die ohne Ende sind. Im Lichte der österlichen Morgensonne können wir vielleicht sehen, dass die kleinen Tropfen und die kleinen Bissen Zeichen sind für etwas so großes wie das Leben, das er von Gott hat und das der Tod nicht besiegen kann. Und wenn er uns das zu essen gibt, so dass es buchstäblich in unsere Körper hineinkommt, dann ist das ein Zeichen dafür, dass er das Leben schon jetzt in uns weckt, das sich einmal in seinem Reiche entfalten wird, wo uns nichts mangeln und fehlen wird. Zeichen, die zusammen mit den Worten Nahrung geben für unseren Glauben, unsere Hoffnung und unsere Liebe, damit wir uns aufrichten können und das Leben leben können, das wir leben sollen, mit Mängeln und Fehlern, die wir haben, aber auch mit der alltäglichen Freigiebigkeit, die es enthält.

Freigiebigkeit – das sind das Essen auf dem Tisch und die Kleider am Leib. Das sind die Amsel und der Buchfinke und die Kohlmeise, die man auch in der Innenstadt von Aarhus hören kann. Das sind die Osterblumen, die sich nun im Hof des Klosters draußen öffnen. Das sind feine kleine Kinder mit neuen Stimmen, die man jeden Tag hört. Das ist die Milde, mit der andre uns entgegenkommen. All das zusammen ist das tägliche Brot, das uns zum Leben gegeben wird, bis wir sterben. Und wir sind blind, wenn wir das nicht sehen können. Aber die völlig überwältigende Freigiebigkeit – das ist das Brot des Lebens, das uns zum Leben geschenkt wird, auch wenn wir sterben. Das ist ein Mensch. Eine Geschichte. Einige Worte. Ein keiner Mundvoll Brot. Kleine Zeichen für das größte von allem. Ach, was für ein Brot! So sagten der neue Pastor und seine Frau zugleich an dem Frühlingstag, als sie drinnen nach der endlosen reise über das Meer zu Tische kamen, entkräftet und erschöpft. Es war, als wären sie gerettet worden. Eben das sind wir. Amen.



Pastorin Marianne Frank Larsen
Aarhus, Dänemark
E-Mail: mfl(at)km.dk

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