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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Lätare, 11.03.2018

Am Leben ist mehr!
Predigt zu Philipper 1:15-21, verfasst von Stefan Knobloch

Paulus sitzt in Ephesus im Gefängnis. Nicht unter Erdogan, aber im Gebiet der heutigen Türkei. Vermutlich hat er Besuch bekommen von einer Abordnung der Gemeinde in Philippi, die Paulus in Griechenland selbst gegründet hatte. Nun wollte er der Abordnung wohl einen schriftlichen Gruß an die Gemeinde in Philippi mitgeben. So mag es zu dem Brief gekommen sein. Etwa um das Jahr 55 nach Christus.

 

Ein sehr persönlicher Stil

Im Stil erinnert der Brief passagenweise an den 2. Korintherbrief, in dem Paulus auch sehr persönliche  Töne anschlug. Das lag im Brief an die Philipper nahe. Paulus war in Haft. Er hatte Zeit, über sich nachzudenken, viel Zeit. Wir müssen uns wohl keine Einzelhaft vorstellen, unter erschwerten Bedingungen, wiewohl Paulus von seinen Ketten spricht. Er denkt über sein Leben nach. Dabei scheint für ihn sein Leben erst zu zählen ab dem Widerfahrnis vor Damaskus, das sein Leben umkrempelte.  Ab da zählte für ihn nur noch Christus, dem er im Leben nie begegnet war. Ab da zählte nur noch sein Evangelium, das Evangelium Jesu Christi, für das er sich die Hacken abrannte. Normalerweise. Nur jetzt nicht, während seiner Haft.

 

Paulus erlaubt sich bei seinem Blick auf sein Leben keinen anderen Gedanken als den an das Evangelium Jesu Christi. Er verspürt die Härte der Entbehrung, dieser Aufgabe aufgrund seiner Haft nicht nachkommen zu können. Er hört aber, Informationen darüber erreichen ihn wohl – oder sollten es bloße Vorstellungen, bloße Befürchtungen des Paulus gewesen sein? -, dass Verkündiger unterwegs seien, die sich aus sehr fraglichen Motiven der Verkündigungsaufgabe unterziehen. Nehmen wir eher an, Paulus hat tatsächlich von solchen Fällen gehört, dass Verkündiger aus Missgunst gegenüber anderen auftraten oder indem sie Streit über die richtige Auslegung des Evangeliums suchten. Kaum gehen Paulus diese unerfreulichen Dinge durch den Kopf, möchte er am liebsten an seinen Ketten zerren, um die Dinge draußen eigenhändig wieder ins rechte Lot zu bringen. Dann aber nimmt ein anderer Gedanke bei ihm breiten Raum ein, der ihn froh stimmt. Er denkt an die vielen, die sich lauter und in reiner Absicht in den Dienst der Verkündigung stellen. Ja, er erkennt sogar, dass es weniger auf die Motivlage ankommt, wenn nur die Botschaft Jesu unter die Leute kommt. Das erfüllt Paulus mit Freude, nicht bloß für den Moment, sondern nachhaltig sein ganzes Leben lang.

 

Sein persönlich gesegnetes Leben

Paulus verlässt in seiner Reflektion die Schiene seines Lebens nicht. Er fängt nicht an, über Aspekte des Evangeliums zu dozieren. Er bleibt bei sich. Er ist sich sicher – „ich weiß es“, wiederholt unser Text mehrmals -, er ist sich sicher, dass sein Leben gesegnet ist, vom Heil in Christus erfüllt ist. Er meint, diese Erfahrung denen zu verdanken, die für ihn beten, vor allem aber dem Geist Jesu Christi selbst. Paulus ist von einer ungebrochenen Erwartung und Hoffnung erfüllt, nicht in Scham und Schande zu enden, wie jemand, der sein Leben vor allem auf Irrwegen verbracht hat. Nein, er ist sich gewiss, anderen in allem Freimut und unerschrocken mit dem Einsatz seines Lebens die Botschaft Jesu zu verkünden, so dass die Botschaft groß herauskomme. Im Licht dieser Botschaft sieht Paulus nicht nur sein Leben, sondern auch seinen Tod. Leben heißt für ihn: Christus! Und Tod ist für ihn: Christus gewinnen! In das Leben Christi voll eintreten!

 

Unser Bedenken

Das mag ja alles die persönliche Überzeugung des Paulus gewesen sein, aber inwiefern kann und soll das alles mit uns, mit mir zu tun haben? Hört sich das alles nicht zu fromm, zu einseitig, für unsere Situation zu lebensfern an? Gewiss, wir finden bei uns, auch als Gläubige, eine andere Ausgangsbasis als bei Paulus vor. Wir leben im Heute, das ist wahr.

 

Sind wir nicht auch Gefangene?

Aber könnte es nicht sein, dass auch wir uns, im übertragenen Sinn, als Gefangene entdecken? Ja, können wir nicht entdecken, dass wir Gefangene sind? Gefangene des täglichen Auf und Ab? Gefangene unserer Sorgen um die Verlässlichkeit unserer Lebenssituation? Um den Erhalt unseres Arbeitsplatzes, um unsere Alterssicherung? Gefangen in unserer Sorge vor Altersarmut, vor der unsicheren gesamten Zukunft unserer Gesellschaft, vor dem Erhalt des Friedens, vor dem Verlust der Gesundheit und so weiter und so fort? Diese Sorgen müssen uns nicht alle auf einmal überfallen, sie sind hier nur beispielhaft benannt. Im Einzelfall kann uns der Schuh ganz woanders drücken.

 

Kann uns da die Lebenshaltung des Paulus weiterhelfen? Sicher nicht ohne weiteres. Vielleicht aber ermuntert er uns dazu, zu unserem Leben etwas auf Distanz zugehen, gewissermaßen von der Bahnsteigkante unseres Leben einen Schritt zurückzutreten. Um in uns hinter und in dem Vielen unseres Lebens die Frage zu vernehmen, wovon wir eigentlich leben.

 

Wovon leben wir eigentlich?

Wenn wir darüber – in dieser Fastenzeit – nachzudenken beginnen, könnte es sein, dass wir merken, wieviel Grund zur Dankbarkeit wir im Leben haben. Grund zur Dankbarkeit für die eigenen Eltern, für die Lebenspartnerin, für den Lebenspartner. Grund zur Dankbarkeit für die Entwicklung der Kinder. Grund zur Dankbarkeit für andere Menschen, in welchen Zusammenhängen auch immer, die uns beigestanden sind in schwierigen Situationen, die zu uns gehalten haben, wo andere von uns Abstand nahmen. Je länger wir darüber nachdenken, umso mehr kann in uns die Einsicht wachsen, wie angewiesen wir aufeinander sind, wie abhängig – in positivem Sinn – unser Leben von anderen ist. Wir sind letztlich nicht Herr bzw. Frau des eigenen Lebenshauses.

 

So etwas muss Paulus nicht nur durch sein Damaskus-Erlebnis klar geworden sein, sondern wohl auch durch und in seiner Gefangenschaft. Es war paradox: in Ketten konnte sich Paulus freuen, in Fesseln fühlte er sich frei. Und zwar aufgrund seines Glaubens an Christus, dem er im Leben nie begegnet war. Dabei war das Damaskus-Erlebnis ein merkwürdig inhaltleeres Erlebnis, bei dem nicht alles sofort für Paulus klar war. Es leitete einen Prozess ein, in den viele eingebunden waren. Ein Prozess, der sich durch seine Lebensjahre zieht, in dem ihm die Botschaft Jesu und sein Evangelium immer näher kamen. Schließlich fühlte sich Paulus – selbst in Fesseln – frei und froh.

 

„Strippen“, die nicht ins Leere führen

Darin können wir und werden wir Paulus nicht einholen. Aber auch aus dem Erfahrungsfeld unseres Lebens lösen sich gelegentlich Strippen – um es in diesem Bild zu sagen -, die gewissermaßen wie bei Paulus erst ins Ungewisse, ins Ungenaue, ja, in die Leere weisen, die aber nicht in der Leere enden. Sie finden, sie treffen irgendwo einen Punkt, der sie hält. Strippen, die eben keine Fesseln sind, sondern im Gegenteil die Ahnung, die Hoffnung übermitteln, dass unser Leben über das Wohlwollen, über die Annahme, über die Zuwendung, über den Respekt, ja, über die Liebe hinaus, die wir durch andere erfahren, in einer grundsätzlichen Annahme gründet, die Paulus im Evangelium Jesu gefunden hatte. Und zu der – es mag überraschend und gewagt erscheinen, so zu sprechen – auch wir suchend unterwegs sind. Vielleicht auf weitschweifige Art und Weise, aber auf  eine Art und Weise, in der wir es längst unbemerkt und unerkannt schon mit Gott zu tun haben.

 

Paulus überkam in Fesseln die Freude. Freude kann auch uns in den Fesseln des Lebens überkommen. Denn an unserem Leben ist mehr!



Prof. em. Stefan Knobloch
Passau, Deutschland
E-Mail: dr.stefan.knobloch@t-online.de

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