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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Lätare, 11.03.2018

Hauptsache, dem Evangelium geht es gut!
Predigt zu Philipper 1:15-21, verfasst von Marion Werner

Gnade sei mit euch und Frieden, von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen

 

Liebe Gemeinde

 

Ende Februar starb Billy Graham, der bekannte Evangelist, der mit seiner Christusverkündigung die grosse Stadien füllte, wie sonst nur ein Superstar. Er soll einmal gesagt haben: «Eines Tages werdet ihr lesen oder hören, dass Billy Graham tot ist. Glaubt kein Wort davon. Ich werde lebendiger sein, als ich es heute bin. Ich werde einfach nur meine Adresse geändert haben. Ich werden dann in die Gegenwart Gottes eingetreten sein». Ein eindrückliches Wort.

Ähnliches sagte Paulus lange vor Billy Graham in dem kurzen, ebenso eindrücklichen Satz: Christus ist mein Leben, mein Sterben, mein Gewinn.

 

Als Paulus diese Worte schrieb, hatte er auch seine Adresse geändert. Jedoch noch nicht in den Himmel. Nein, sondern an einen viel weniger schönen Ort. Paulus sass im Gefängnis. Seine Christusverkündigung hatte angeeckt. Doch damit nicht genug. Er erhält Nachricht aus der Gemeinde in Philippi, einer Gemeinde, die ihm sehr am Herzen liegt, die ihm eigentlich Freude bereitet und die ihn auch im Gefängnis materiell und im Gebet unterstützte.

Nach seiner Abreise ist das Leben in Philippi weitergegangen. Paulus muss erkennen, dass er nicht die einzige Stimme im Chor der Zeugen und Apostel ist. Das Evangelium kommt erfolgreich voran - offenbar auch ohne ihn. Andere Männer sind aufgetaucht, die ebenfalls das Evangelium verkündigten. Manche predigten in guter Absicht und in seinem Sinne. Andere aber predigten aus Neid und Streitsucht, aus Eigennutz, um ihren Einfluss auszuweiten. Paulus hat keinen Einfluss darauf, was gepredigt wird und wie das Evangelium verpackt wird. In dieser Situation schreibt Paulus folgendes:

 

Text: Philipper 1,15-21

15 Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht:

16 diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege;

17 jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft.

18 Was tut's aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.

Aber ich werde mich auch weiterhin freuen;

19 denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi,

20 wie ich sehnlich erwarte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod.

21 Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.

 

Gott segne sein Wort an uns. Amen

 

Kaufen wir ihm das ab, dass er gar nicht beleidigt oder ärgerlich ist? Können wir Paulus seine Gelassenheit und Selbstvergessenheit abnehmen? Ja seine Freude sogar? Hauptsache Christus wird verkündigt, dann freue ich mich? Er hatte doch in seinem Brief an die Korinther und Galater ganz heftig gegen Konkurrenzprediger geschrieben. Hat ihn nun die Gefängnissituation milde, ja grosszügig gestimmt? Was steckt dahinter?

 

Das von Paulus angesprochene Problem kennen wir auch gut. Es geht darum als Zeuginnen und Zeugen des Evangeliums glaubwürdig und echt zu sein. Es geht um die Frage: Mit welchen Hintergedanken bin ich bei der Sache des Glaubens? Warum engagiere ich mich haupt- oder ehrenamtlich? Geht es mir um das Evangelium, um Jesus Christus allein, oder mischen sich vielleicht doch Ehrgeiz und das Bedürfnis nach Anerkennung und Ansehen mit hinein? Bin ich mit allem Eifer beim Planen und Vorbereiten von Veranstaltungen dabei, weil ich mich freue an der lebendigen Gemeinde, oder erwarte ich insgeheim zu hören «Ohne doch läuft hier nichts!». Erhebe ich meine Stimme um Bedürfnisse bestimmter Gemeindemitglieder nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, oder will ich die sein, die alles bestimmt, weil ich ja bereits so viele Jahre in der Gemeinde bin, dass ich jeden kenne und sowieso weiss, was das Beste für diese Gemeinde ist? Was ist mein Beweggrund im Tun des Guten und Lobenswerten. Von welchen Motiven ist mein Lebenszeugnis durchsetzt – bewusst oder unbewusst? Geht es mir wirklich nur um Gott, um Jesus Christus und weiter nichts?

 

Ich glaube, das „reine Evangelium“ gibt es nicht und auch nicht die «absolute Nächstenliebe». Die Verkündigung, das Zeugnis, das von allem Menschlichen unberührt ist, gibt es gar nicht. Immer spielen unser Denken und unser Leben, unsere Existenz mit hinein. Während meiner Jugendzeit und im jungen Erwachsenenalter habe ich ungern über Gott als Vater und Mutter geredet. Das schien mit veraltet und verstaubt. Gern sprach ich über Jesus als den Freund, der mich begleitet, der berät, der mit mir durch Dick und Dünn geht. Jesus der mir die Freiheit schenkt. Jesus, der sich gegen Ungerechtigkeit stellt. Und dann bekam ich selber Kinder. Und plötzlich verstand ich Gott als Vater und Mutter von uns Menschen in einer Tiefe, die mir vorher nicht möglich war: ich verstand seine grosse Liebe. Sein Herz hängt einfach an uns, seinen Kindern. Ich verstand sein Ringen um uns, das Erbarmen, das Verzeihen, die Inkonsequenz und das Verhandeln. Auch das Strafen. Einfach, weil ich es in meinem Alltag erlebte und erlebe. Das Evangelium geht durch uns hindurch. Und dabei nimmt es Spuren von uns auf, unser Herzblut, unsere Eigenheiten, unsere Grenzen und Vorlieben. Erst im Durchgang durch mein Innenleben wird es mein Zeugnis von Christus, meine Verkündigung. Ich bin überzeugt, Gott will uns gerade so haben als seine Zeuginnen und Zeugen – er geht dieses Risiko der Verkündigung mit „persönlicher Note“ ein.

 

Wie schafft Paulus es gelassen und fast schon selbstvergessen zu sagen: Wenn nur Christus verkündigt wird, dann freue ich mich! Er kann so sprechen, weil er Christus als die Hauptsache seines Lebens entdeckt hat und ihm den Erfolg gönnt, von so vielen verkündigt zu werden! Wenn nur Christus verkündigt wird, dann freue ich mich!

Sicherlich lernt Paulus aber auch eine Lebenslektion im Gefängnis: Ich bin nicht unersetzlich, sondern vorläufig. Das Evangelium verbreitet sich weiterhin, es steht und fällt nicht mit Paulus allein. Christus findet seinen Weg.

Paulus macht im Gefängnis den Lernprozess des Täufers Johannes durch: „Jener muss größer werden, ich aber geringer.“ (Johannes 3,30).

Weil er seine Lektion lernt, kann Paulus sich darüber freuen, dass Christus „auf allerlei Weise“ verkündigt wird. Frei nach dem Motto: Konkurrenz, besser: gegenseitige Ergänzung, belebt das Geschäft. Egal, wie manche Gegner gegen mich auftrumpfen – darauf kommt es jetzt nicht mehr an! Was zählt, ist der Erfolg, ist der Sieg Christi. Hauptsache, „dem Evangelium geht es gut“ – so legte Karl Barth 1928 diese Stelle aus.

Weil Paulus seine Lektion lernt, kann er es dem andern abnehmen, dass es ihm auch um Christus geht, selbst wenn sein oder ihr Zeugnis eingebunden ist in eine persönliche Note - die sympathisch ist oder abstösst. Paulus ist klar geworden, es gibt nicht nur seine eigene Auslegung, sondern durchaus auch andere Wege, sich Jesus Christus zu nähern. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes haben schliesslich auch innerhalb des Evangeliums dem Wort Gottes eine neue Klangfarbe gegeben. Sie setzten Akzente anders als Paulus. All diese Stimmen sind jedoch nötig um uns zu beschreiben und auch ahnen zu lassen, was Christus für uns bedeutet und wer er in unserem Leben sein will.

 

Liebe Gemeinde, wir sind Gott sei Dank keine Gefangenen, wir sind frei und feiern Lätare, den kleinen Freudensonntag mitten in der Passionszeit. Uns lädt der Sonntag Lätare mit seinem Aufruf «Freuet euch!» im Sinne des Paulus ein: blickt geduldig aufeinander. Nehmt euch nicht zu wichtig. Christus ist frei und nimmt uns in den Dienst, er lässt uns Teil seiner Geschichte werden und nutzt vielfältige und kreative Wege um Menschen zu erreichen und das Evangelium voran zu bringen.

Billy Graham, der einst Stadien füllte, hat mit seiner Verkündigung auch angeeckt. Besonders die traditionellen Kirchen fanden es suspekt in welcher Freiheit und Offenheit er predigte, betete, in den Stadien gesungen und um Heilung gebetet wurde. Davon liess Billy Graham sich nicht beeindrucken. Ihm war allein wichtig, dass die Menschen Christus kennen lernen und ihren Weg mit Gott und nicht ohne ihn gehen.

Darum freut euch wenn jemand etwas aus Liebe tut, ein dankbares oder wertschätzendes Wort sagt, wenn Menschen einander ansehen und sich annehmen, so wie sie sind. Freut euch daran, dann so gewinnt Christus unter uns Gestalt.

 

Amen

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn. Amen



Pfrn. Dr. Marion Werner
Zürich, Schweiz
E-Mail: pfarrerin@luther-zuerich.ch

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