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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Lätare, 11.03.2018

Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade
Predigt zu Philipper 1:15-21, verfasst von Rudolf Rengstorf

Liebe Leserin, lieber Leser!

Meine Predigt hält sich an den Abschnitt eines Briefes, den Paulus aus dem Gefängnis geschrieben, nein diktiert hat. Hinter Schloss und Riegel saß oder lag er. Sogar die Hände waren ihm gebunden. Ein Verbrechen hatte er nicht begangen. Als Missionar war er in die Stadt Ephesus gekommen und hatte dort eine christliche Gemeinde gegründet, so wie ihm das in anderen Städten auch schon gelungen war.

Zu jener Zeit in der Mitte des 1. Jahrhunderts war das noch nicht lebensgefährlich, sich zu Jesus Christus zu bekennen und für ihn zu werben. Dazu war der noch viel zu unbekannt, und neue religiöse Gruppierungen gab es überall. Die ließ man alle großzügig gewähren, solange sie einander nicht in die Quere kamen. Paulus aber landete im Gegensatz zu anderen christlichen Missionaren immer wieder irgendwo im Gefängnis.

Weil er - wie es schien - seine Sache gar zu fanatisch betrieb. So geriet er mit den Menschen aneinander, die mit der Gutgläubigkeit anderer Geschäfte machten. Den Wahrsagern, die ihren Herren gutes Geld einbrachten, trieb er den Wahrsagegeist einfach aus und ruinierte das Geschäft. Wegen solcher Aktionen zog er sich Gefängnisstrafen zu.

Da saß er nun, zur Untätigkeit verurteilt, und es war ganz ungewiss, ob er noch mal wieder mit dem Leben davon käme. Das war dann wirklich der Fall. Den Tod hat er ja erst während der Gefangenschaft in Rom gefunden. Doch das konnte er jetzt noch nicht wissen.

Er hatte Besuch bekommen aus Philippi, der ersten Gemeinde, die er in Europa gegründet hatte und die ihm besonders ans Herz gewachsen war. Dort wollte man wissen, wie es ihm ging und wie er die Lage der kleinen jungen Gemeinden einschätzte. In dem Brief, den er seinen Besuchern diktierte, hieß es dazu:

 

Einige predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch aus guter Absicht; diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft. (Phil.1,15-17)

 

Mit der Predigt von Jesus Christus - so antwortete Paulus - geht es zwar weiter, aber die Sache sieht nicht gut aus. Denn neben redlichen Predigern macht der Mann im Gefängnis Evangelisten aus, denen es nur um den eigenen Vorteil geht. Sie legen es seiner Meinung nach drauf an, ihn, der bisher die Leitung der Gemeinde innehatte, auszustechen. Ob die das auch so sahen, ist eine ganz andere Frage. Paulus jedenfalls beurteilte die anderen Prediger und ihre Motive danach, wie sie zu ihm standen, also rein subjektiv. Und damit zeigte er - in seiner extremen Situation sehr verständlich – , dass er mit seinem Urteil über andere durchaus kein Heiliger war. Von uns „Durchschnittschristen“ hat er sich in diesem Punkt jedenfalls kaum unterschieden. Wenn andere uns mit dem, was sie sagen und tun, in die Quere kommen, sind wir ja auch schnell dabei, sie abzuqualifizieren.. Und so verbreiten wir den Geist des Hochmuts und der Geringschätzung, der so schwer aus unseren Gemeinden auszutreiben ist.

Da lässt sich zum Beispiel jemand für den Kirchenvorstand aufstellen, der oder die bisher in der engeren Gemeinde kaum in Erscheinung getreten ist. Das führt nicht nur zu Beifallskundgebungen, sondern hier und da auch zu Stirnrunzeln und zu der Frage: Na, was der oder die wohl im Schilde führt? An keiner Stelle sind Christen davor gefeit, dass ihnen für das, was sie mit bestem Wissen und Gewissen tun, unlautere Motive unterstellt werden. Diese dunkle Seite einer dem Evangelium verpflichteten Gemeinde, sie war auch damals schon präsent und selbst einem Apostel nicht fremd.

Ja, Paulus, und nun? Was sagst Du auf diesem Hintergrund zu der Frage, wie die Kirchenleute sein sollten? Müssen es nicht durchweg Menschen sein, an deren Frömmigkeit kein Zweifel bestehen kann? Lebt Kirche nicht davon, dass die allseits Anerkannten und Vorbildlichen das Sagen haben? Und ist es nicht verheerend, dass in unseren Gemeinden neben allem Engagement auch viel Eitelkeit, Rechthaberei und Cliquengeist im Spiel ist?

 

Erstaunlicher Weise sagt Paulus trotz der Kritik, die er selber an solchen Zuständen geübt hat:

Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.(Vers 18)

 

Paulus macht also einen klaren Schnitt zwischen dem Evangelium und denen, die es weitergeben. Und das finde ich enorm entlastend für uns alle, die wir auf diese oder jene Weise versuchen, als Christen zu leben und damit im Glauben auch weiterzuwirken. Als Leute, die wissen, wie sehr sie dabei immer von kritischen Blicken begleitet werden, die unser Leben nur zu oft im Widerspruch sehen zu dem, was wir sagen und glauben.

Kirche lebt also zuerst und vor allem anderen durch das Evangelium, lebt davon, dass sie weiter erzählt von Jesus Christus. Gewiss, dazu braucht sie Menschen, die dem Evangelium Hand und Fuß geben und natürlich auch ein Gesicht. Ohne Menschen geht es nicht weiter. Aber das Evangelium entwickelt dabei eine Kraft, die über uns hinaus geht über ihre Zeugen und die es aufnehmen kann mit unseren Fehlleistungen, unserer Unzuverlässigkeit, unserer Eitelkeit, unseren Zweifeln, unserer inneren Müdigkeit.

Das erleben wir doch darin, dass Menschen, die wir kritisch beurteilen und bei denen wir im Stillen denken: Was da wohl bei heraus kommt? - das erleben wir doch, dass sie bei aller Stümperhaftigkeit in unseren Augen Menschen ansprechen und im Sinne Jesu weiterbringen, wo wir mit unserer vermeintlichen Tüchtigkeit und Überlegenheit nie eine Chance hätten. Ist das nicht wirklich ein Grund zur Freude! Denn da ist keine und keiner unter uns und unter Christen überhaupt, über die das Evangelium nicht weiterkäme! Denn Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade.

Und das Schönste daran: nicht nur die Kirche lebt durch das Evangelium. Es nimmt seine Boten, so fragwürdig sie auch sein mögen, mit ins Leben mit Jesus Christus. Es nimmt sie mit in die Herrlichkeit Christi, wie Paulus bezeugt:

 

Ich werde mich auch weiterhin freuen, denn ich weiß dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi, wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn. (Verse 19-21)

 

Nein, mit Todessehnsucht und Lebensverachtung hat das nichts zu tun, sondern mit dem Blick auf eine Herrlichkeit, die hinausgeht über die unserem Leben gesetzte Grenze. Die ist ja nicht irgendwo hinter dem Horizont - die Grenze des Todes. Wir haben sie im Blut von Anfang an und oft genug verstellt sie mit der von ihr ausgehenden Angst das Leben. Das Evangelium weicht nicht zurück vor dieser Grenze, sondern hofft und glaubt, dass sie uns nicht trennen kann von der Welt, in der die Menschen bei Gott zu ihrem Recht kommen und ganz so werden, wie Gott sie haben will.

Diese Herrlichkeit ist jetzt schon zu spüren an der Kraft, die unserer Sehnsucht Auftrieb gibt bei allem, was uns enttäuschen mag. Sie ist zu spüren an der Kraft, die das Herz zum Beten bringt bei allen Bedenken, die sich vom Kopf aus dagegen erheben mögen. Sie ist  zu spüren an der Kraft der Liebe, mit der wir uns Menschen zuzuwenden vermögen, auch wenn sie keine Chance mehr haben. In dem allen spüren wir die Nähe Jesu Christi. Und er wird mit uns gehen. So ist er. Und das ist herrlich!



Superintendent i.R. Rudolf Rengstorf
Hildesheim, Deutschland
E-Mail: Rudolf.Rengstorf@online.de

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