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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Lätare, 11.03.2018

Freude in allem Leide ?
Predigt zu Philipper 1:15-21, verfasst von Wolfgang Winter

Liebe Gemeinde,

 

Die Passionszeit ist von alters her die Zeit der Erinnerung an die Leidensgeschichte Jesu, an seine Verfolgung und Verurteilung, an seine Todesangst und schließliche Kreuzigung. Zugleich geht es aber auch um die Besinnung auf uns selbst: Worauf verlasse ich mich im Leben und im Sterben? Was grundiert und fundiert mein Leben jenseits von Alltagsgewissheiten und Alltagsroutinen?

Der heutige Sonntag trägt den Namen Lätare, zu Deutsch: Freue Dich!

Passt das Gefühl der Freude zum Ernst der Passionszeit?

 

Von der Freude ist auch die Rede in unserem heutigen Predigttext. Er steht im Brief des Paulus an die Gemeinde in der griechischen Stadt Philippi in der damaligen und heutigen Provinz Makedonien. Paulus schreibt aus einer besonderen Situation heraus. Er sitzt im Gefängnis, wahrscheinlich in Ephesus, ungefähr 200 km weiter südlich an der Westküste der heutigen Türkei. Ein Prozess steht unmittelbar bevor und es ist ungewiss, ob er zum Tode verurteilt wird oder mit dem Leben davonkommt. Wer, wie er, Christus als den Herrn der Welt verkündigte, verweigerte ja dem römischen Kaiser die religiöse Verehrung und nahm am Kaiserkult nicht teil. Das galt den römischen Behörden vielfach als todeswürdiges Verbrechen.

Paulus wird in seiner bedrohten Lage intensiv unterstützt von der Gemeinde in Philippi. Boten gehen hin und her, auch Geld schicken sie ihm. Auf die Frage, wie es ihm gehe, antwortet er: gut - weil es dem Evangelium gutgehe, nämlich deswegen, weil es nun öffentlich bekannt sei, dass er seine Fesseln um Christi willen trage und auch andere Brüder nun Mut gewonnen hätten, ohne Scheu Gottes Wort zu verkünden.

Daran knüpft nun unser Predigttext an:

Lesung Phil. 1, 15-21

 

Das sind sehr persönliche Worte. Wir bekommen hier freimütigen Einblick in die innere Welt eines Menschen. Paulus legt offen, wie er mit der Gefangenschaft, mit der Angst, mit seiner Mission zu scheitern und mit seiner Todesangst fertig wird: nämlich durch die Gemeinschaft mit Jesus Christus.

Und zugleich fordert er die Gemeinde in Philippi auf, ihn als Modell zu nehmen und den gleichen Kampf wie er zu kämpfen, wie er später im Brief sagen wird (Phil.1,30).

Was ist das für ein Kampf, was für ein Konflikt, in dem Paulus sich befindet?

Lassen Sie uns den Briefabschnitt dazu genauer ansehen.

 

Zunächst: Paulus ist offensichtlich verärgert über einige Brüder. Gemeint sind andere Missionare in Philippi. Ihre Motive seien nicht lauter, sondern seien von Rivalität, Eigennutz, Missgunst verdorben. Ihr Wirken sei gegen ihn gerichtet, um ihm eine Betrübnis zuzufügen. Es gebe allerdings auch wahrhaftige und liebevolle Brüder, die, so können wir wohl ergänzen, zu ihm stehen.

Aber nun kommt eine überraschende Zäsur im Brief: Paulus hält gewissermaßen ein und sagt: Was machen diese Streitereien schon, wenn nur Christus verkündigt wird, auf welche Weise auch immer. Und darüber freue ich mich.

 

Wenn wir als heutige Hörer diesen Abschnitt auf uns wirken lassen, werden wir vielleicht ebenfalls angesteckt von der aufgewühlten Atmosphäre. Vielleicht erleben manche unter uns ebenfalls einen Ärger auf diese fragwürdigen Gegner und identifizieren sich innerlich mit Paulus. Manchen ist dessen moralische Abwertung dieser Gegner vielleicht unangenehm und sie solidarisieren sich mit ihnen und interessieren sich für sie. Vielleicht ärgern sie sich auch über Paulus.

Manche heutige Exegeten meinen, es handele sich um Judenchristen, die die Gemeindeglieder im Judentum halten wollten, auch um ihnen die Verfolgung und Hinrichtung durch die römischen Behörden zu ersparen. Mitglieder von jüdischen Gemeinden wurden nämlich vom Staat toleriert. Es ist also durchaus möglich, dass die von Paulus abqualifizierten Brüder aus sehr menschenfreundlichen Motiven handelten. Paulus hätte dann den Frieden zwischen verschiedenen christlichen Gruppen gestört. Und dieser Friede ist allerdings, wie gerade wir Heutigen wissen, ein hohes Gut.

 

 Aber nun doch: Paulus gelingt es, sich aus dem Konkurrenzstreit und den heftigen Gefühlen zu lösen. All das tritt zurück hinter der gemeinsamen Christuspredigt. Es ist so, als ob er auf einen Schemel steigt und die Streitszenerie nun von oben betrachtet. Von dort, aus dem Abstand, gewinnt er eine neue Perspektive.

Wir kennen dies Einhalten auch, nämlich wenn jemand mitten im heftigen Streit sagt: Moment, was tun wir hier eigentlich. Worum geht es denn eigentlich? Dann besteht meistens die Chance zu neuen Sichtweisen. Für Paulus geht es um die Christuspredigt. In ihr sind alle persönlichen und gruppenspezifischen Glaubensweisen relativiert auf Christus hin und verlieren ihren Anspruch auf alleinige Geltung.

Ich denke, Manche unter uns haben etwas Vergleichbares im letzten Jahr erlebt, als im Rahmen des Reformationsjubiläums ökumenische Gottesdienste als Christusfeste gefeiert wurden und die alten konfessionellen Abgrenzungen durchlässig und relativ wurden und sogar alte Verletzungen bekannt und vergeben werden konnten. Allerdings: die konfessionellen Unterschiede wurden nicht einfach obsolet, sie behielten ihr - relatives - Recht. Als Protestantin oder Protestant wird beispielsweise wohl kaum jemand unter uns die Überzeugung aufgeben wollen, dass wir freien Zugang zu Gott haben, ohne priesterlich-sakramentale Vermittlung. Wir müssen deswegen aber keine Katholikin oder keinen Katholiken als Teufelsanhänger (wie Luther es seinerzeit tat) betrachten. Wir können sogar von ihnen lernen.

 

Paulus sagt weiterhin: Ich freue mich, wenn nur Christus verkündigt wird, sei es unter einem Vorwand, sei es in Wahrhaftigkeit.

 Ist das eine reine Freude? Wohl kaum, denn die Vorwürfe und die damit verbundenen negativen Gefühle sind ja nicht einfach verschwunden. Vielleicht kann man sagen: es ist eine Gefühlsmischung in der Freude enthalten, es ist eine gemischte Freude, in der die positiven Gefühle die negativen aber überlagern.

Wir kennen solche gemischten Gefühle auch. Sie entstehen im Zusammenleben mit anderen. Wir merken dann, dass wir das Andersdenken und Anderssein anerkennen müssen, wenn das Zusammenleben gelingen soll. Das geht aber nur, wenn wir Abneigung und Zuneigung, innere Nähe und Fremdheit, ja Liebe und Hass zu mischen lernen und Toleranz für ambivalente Gefühle entwickeln.

 

Wie kommt es bei Paulus zu dieser Entwicklung? Wie wird aus einer theologischen Einsicht (allein die Christuspredigt ist wichtig) eine auch im Gefühl verankerte Überzeugung?

Darüber geben die nächsten Verse Aufschluss.

Paulus sagt: Ich bin gewiß, dass die gegenwärtige Situation mir zum Heil gereichen wird, nämlich durch euer Gebet und den Beistand des Geistes Jesu Christi.

Wer spricht hier? Offenbar nicht mehr der um seine Gemeinde besorgte Missionar, nicht mehr der machtvolle Kämpfer gegen Abweichler. Hier schöpft einer seine Kraft nicht aus der eigenen Glaubensstärke. Die Gewissheit, dass es letztlich gutgeht mit ihm, kommt anderswo her.

Da ist einmal das Gebet der Gemeinde. Sie hält Fürbitte für ihn. Fürbitten haben eine gemeinschaftliche Ausrichtung. Sie überwinden die Vereinzelung und Vereinsamung und übermitteln dem Getrennten: Du bist nicht allein und hast mit uns zusammen Anteil an etwas Größerem, das uns verbindet. Deshalb gehört das Fürbittengebet auch in unseren heutigen Gottesdienst mit hinein.

Trennungen kennen wir alle, sie gehören zum Alltag des Lebens. Das fängt schon früh an. Wenn das Schulkind sich morgens allein auf den Weg macht, sagen mancher Vater oder manche Mutter wohl: Tschüss, das ist eine Kurzform von Adieu, oder: Gott behüte dich - auch eine kleine Fürbitte. Das Wort „Gott“ steht hier für die Gewissheit, miteinander verbunden zu bleiben über alle Trennung hinweg.

 

Zum anderen: Für Paulus kommt die Gewissheit, dass es letztlich gut wird, auch aus dem Wirken des Geistes Jesu Christi. Dieser Geist ist für ihn eine machtvolle Gegenkraft gegen alle Angst, zuschanden zu werden. In dieser Gegenmacht weiß er sich aufgehoben, sei es im Tod oder im Leben. In ihr hat er Anteil an der Herrschaft Christi über alle zerstörerischen Kräfte. Die Nähe zu Christus ist schließlich so groß, dass Christus selbst zum Subjekt seines Lebens wird: Christus ist mein Leben, ja sogar Sterben ist mein Gewinn. In der Identifikation mit Christus ist auch das Sterben keine Bedrohung mehr, sondern auch in äußerster Not die Erfahrung unzerstörbarer Verbundenheit mit Christus.

 

Ist das eine wahnhafte Verleugnung seiner realen Lage im Gefängnis? Ich denke: nein.

Denn man spürt doch deutlich hinter einer großen Glaubensgewissheit eben auch die peinigende Angst davor, zuschanden zu werden. Zuschanden werden: das griechische Wort (aischyne) bedeutet ursprünglich Scham und Beschämung. Es geht nicht nur um die Angst vor schrecklichen Schmerzen bei der Hinrichtung, sondern um die Angst vor öffentlicher Beschämung, nämlich sozusagen nackt und hilflos, entblößt von Achtung und Würde, vorgeführt zu werden zum Gespött der Leute. Die Römer (und nicht nur sie) waren sehr findig bei ihren Hinrichtungsarten in der Demütigung von Menschen.

Die Gewißheit der unzerstörbaren Verbindung mit Jesus Christus löscht die Angst nicht aus, sondern hilft sie zu ertragen und ihr standzuhalten.

 

Die Angst, ohnmächtig anderen ausgeliefert zu sein, in beschämender Weise die Kontrolle über unseren Lebensvollzug zu verlieren, ist wohl keinem unter uns fremd. Wir erleben bei uns, Gott sei Dank, als Christen keine Verfolgung. Aber etwa auch das sozusagen normale Sterben kann ängstigen. Nicht so sehr die Atemnot oder die Schmerzen - die können heute meist gut behandelt werden. Vielmehr ängstigt Viele, mit der wachsenden Abhängigkeit von anderen auch die eigene Selbstbestimmung zu verlieren.

Und für Manchen erweist sich dann das Gottvertrauen, wiedergefunden vielleicht in einem solidarischen Gespräch, neu als Lebenskraft - nämlich als Gegenkraft gegen bedrohliche Gefühle von Hilflosigkeit und Scham und zugleich als Teilhabe an der kraftvollen Gegenwart Jesu Christi mitten im Leiden. Und Manchem bietet das einfache Kreuz an der Wand im Krankenzimmer einen Halt für die eigenen herumirrenden ängstlichen Gedanken und Fantasien.

 

Liebe Gemeinde, am Ende steht bei Paulus die Freude, die alles Leiden einschließt, aber auch alles Leiden überwiegt.

Freude gehört also durchaus in die Passionszeit. Und auch wir können an dieser Freude teilnehmen. Ich finde, am besten drückt sie der Dichter des folgenden Liedes aus, und wir können es in der freudig klingenden italienischen Melodie gut mitsingen:

 

In dir ist Freude in allem Leide,

O du süßer Jesu Christ!

Durch dich wir haben himmlische Gaben,

Du der wahre Heiland bist.

Hilfest von Schanden, rettest von Banden.

Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben, Hallelujah.

Zu deiner Güte steht unser G´müte,

An dir wir kleben in Tod und Leben, nichts kann uns scheiden. Hallelujah.

(EG 398,1)

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen



Pastor i.R. Wolfgang Winter
Göttingen, Deutschland
E-Mail: wolfgang-winter@gmx.de

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