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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Lätare, 11.03.2018

Auf die Plätze, fertig, Christus verkündigen!
Predigt zu Philipper 1:15-21, verfasst von Paul Wellauer

Predigttext: Phil 1,15-21 [Luther 2017]

15 Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht:
16 diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege;
17 jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft.
18 Was tut's aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber. Aber ich werde mich auch weiterhin freuen;
19 denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi,
20 wie ich sehnlich erwarte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod.
21 Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.

 

Liebe Gemeinde

Von Sportlerinnen und Sportlern wissen wir, dass sie alles ihren sportlichen Zielen unterordnen: Die angestrebte Teilnahme an olympischen Spielen bestimmt ihr ganzes Leben. Der Alltag besteht aus Trainings, vor allem für den Körper, aber auch Seele und Geist werden «mental» auf dieses Ziel hin diszipliniert und motiviert. Paulus zeigt sich uns in diesem Abschnitt des Philipperbriefs wie ein Olympiasportler: Klar fokussiert auf sein Ziel, mögliche Störungen haben sich dem unterzuordnen. (Vgl. Phil 3,14)

«Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise!», so lautet das Ziel und der Leitsatz des Apostels. Die Gemeinde in Philippi bereitet ihm diesbezüglich viel Anlass zu Freude und Dankbarkeit. Die Menschen in Philippi haben die frohe Botschaft von Jesus Christus bei seiner zweiten Missionsreise (Apg 16,11-40) mit grossem Interesse aufgenommen. Die Purpurhändlerin Lydia und ihre Hausgemeinschaft bilden ab dem Jahre 49/50 die erste christliche Gemeinde auf dem europäischen Festland. Ein erstes Ziel seiner sportlich-ehrgeizigen Pläne hat er demnach erreicht: Seine Gemeinde gedeiht und wächst, die von ihm «trainierten» Christinnen und Christen teilen seine Ambitionen und verkündigen wie er «auf jede Weise Christus».

 

Paulus unterhält offenbar einen sehr regen und positiven Kontakt mit den christlichen Geschwistern in Philippi: Sie haben ihn verschiedentlich finanziell unterstützt und sind daran interessiert, wie es ihm persönlich und in seiner Tätigkeit als Apostel ergeht. Und auch er hat von ihnen Bericht erhalten und reagiert mit seinem Schreiben darauf. In diesem Brief wird deutlich: Die Gemeinde in Philippi ist eine seiner «Lieblingsmannschaften»; sie lebt ihren neu gewonnenen Glauben beherzt, engagiert und mehrheitlich glaubwürdig.

«Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise!» Paulus’ Leitsatz wurde auch von den Philippern verinnerlicht und zeigt Früchte. Allerdings gibt es Christen in Philippi, die mit ganz unterschiedlicher Motivation diesem Auftrag nachkommen: Wie Paulus schreibt, tun es die einen aus Neid, Streitsucht und Eigennutz und wollen Paulus damit Sorgen bereiten. Andere predigen Christus mit guter Absicht und in grosser Aufrichtigkeit. Paulus freut sich über beides.

 

«Geht das denn?», frage ich mich. «Wie kann man Christus aus Neid, Streitsucht und Eigennutz predigen – und noch erstaunlicher: Wie kann sich Paulus darüber freuen?»

Ich versuche mir vorzustellen, wie das aussieht, wenn jemand aus Neid Christus predigt: Möchte er oder sie damit Anteil am Erfolg des Evangeliums, ohne wirklich zu begreifen, worum es inhaltlich geht? Vor meinem inneren Auge sehe ich Bemühungen von Kirchgemeinden, mit Methoden von hippen Eventchurches zu arbeiten. Dies wirkt aber oft mehr oberflächlich als nachhaltig, wenn nur kopiert wird, ohne zu kapieren, wie diese modernen Gemeinden funktionieren. Und ich ertappe mich beim Gedanken: «Muss ein tolles Gefühl sein, vor so begeistertem Publikum predigen zu können!» Paulus lässt dies offenbar kalt, vielmehr freut er sich mit den vermeintlichen Gegnern und stellt das Ziel über jegliche fraglichen Motive und Methoden: «Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise!»

Und wie sieht es aus, Christus aus Streit und Eigennutz zu predigen? In den weiteren Kapiteln des Philipperbriefes wird deutlich, dass Christen mit jüdischen Wurzeln nach Philippi kommen, die den jungen Christen aus anderer religiöser Herkunft die jüdischen Regeln und Gebote auferlegen wollen. Das führt zu Streit. Diese jüdisch-christlichen Verkündiger werten es wohl als Erfolg, wenn ihren Argumenten gefolgt wird. Doch auch hier ist Paulus’ Urteil zunächst neutral: «Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise!» Ja, er setzt sogar noch einen drauf: «Ich werde mich auch weiterhin freuen!»

Mich fordern diese Sätze von Paulus heraus, meine Haltung gegenüber Schwesterkirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu hinterfragen: Wie rasch maße ich mir ein Urteil an und schütte das Kind mit dem Bade aus, ohne genauer hinzuschauen oder zu hören.

Paulus wird im weiteren Verlauf seines Briefes unterschiedliche Haltungen zu Glaubensfragen erörtern und Stellung beziehen, doch vorerst und grundsätzlich herrscht für ihn die Freude vor, dass die frohe Botschaft, das Evangelium von Jesus Christus weitererzählt wird. Ich will mich von Paulus ermutigen lassen, die grossen Ziele im Auge zu behalten und mich nicht zu leicht von Details ablenken und aufhalten zu lassen.

 

Das Gleichnis vom Unkraut im Weizen (Math 13,24-43), das Jesus seinen Jüngern erzählt, lehrt mich ein Ähnliches: Erst zur Zeit der Ernte wird deutlich, was Unkraut und was Weizen ist. Das Erstere wird verbrannt, der Weizen eingesammelt. Wenn die Knechte zu früh ausjäten, gefährden sie damit auch die guten Pflanzen. In seiner Deutung des Gleichnisses macht Jesus klar: An uns ist es, als guter Samen Gottes in der Welt zu wirken, doch es ist Gottes Sache zu entscheiden, was imGericht  nicht besteht und als Unkraut ins Feuer geworfen wird.. Dem guten Samen ist verheissen, «im Reich des Vaters zu leuchten wie die Sonne» [V43]. In diesem Sinne wollen wir unseren Auftrag ernst nehmen: «Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise!»

 

Paulus zählt weitere Gründe auf, die in ihm die Hoffnung nähren, dass es am Ende gut kommt: Er rechnet mit dem Gebet der christlichen Gemeinde in Philippi und mit dem Beistand des Heiligen Geistes. Seit Pfingsten lebt die christliche Gemeinde mit der Kraft des Heiligen Geistes, der tröstet und «in aller Wahrheit leitet». (Joh 16,13) Paulus und die anderen Apostel erleben den Heiligen Geist als den, der sie in ihrem Leben und Auftrag begeistert, leitet und lehrt. Oft erleben die Apostel im Gebet für christliche Geschwister, wie der Heilige Geist diese spürbar erfüllt und sichtlich verändert.

Damit Getreide wachsen und Frucht tragen kann, müssen verschiedene Faktoren zusammenstimmen: Die Bodenbeschaffenheit, das Saatgut, Regen, Dünger und Witterung. Auf einige der Faktoren kann ein Bauer Einfluss nehmen, andere stehen nicht in seiner Macht. Übertragen auf das geistliche Ackerfeld in unseren Kirchen: An uns ist es, vertrauensvoll zu beten, mit der Fürbitte unserer Glaubensgeschwister und mit dem Beistand des Heiligen Geistes zu rechnen; Segen, Gedeihen und Wachstum liegen in Gottes Hand. *)

 

Der Apostel Paulus hat einen reichen Erfahrungsschatz, welche Wirkung Gebet und Gottes Geist entwickeln können, wenn man vertrauensvoll auf sie baut: Während er den Brief an die Philipper schreibt, sitzt er im Gefängnis [sehr wahrscheinlich in Rom, evtl. in Ephesus]. Und er erinnert sich an seine Missionstätigkeit in Philippi. Auch dort ist er am Ende seiner Verkündigungsarbeit im Gefängnis gelandet, wird aber auf wunderbare Weise daraus befreit. Sein Begleiter Silas und er beten und singen Loblieder. Ein Erdbeben erschüttert das Gefängnis, die Türen springen auf. Der Gefängniswärter will sich das Leben nehmen, weil er befürchtet, die Gefangenen seien geflohen. Stattdessen erzählen ihm die Gefangenen von Jesus Christus und führen ihn und die Menschen in seinem Haus zum Glauben.

Erlebnisse wie dieses bestärken Paulus im Glauben, dass Gott so oder so einen guten Weg mit ihm und der frohen Botschaft von Christus gehen wird. Nicht einmal das Äusserste und Letzte eines menschlichen Lebens – der Tod – kann den Lauf der Verkündigung bremsen. Paulus formuliert aus dieser Überzeugung in äusserster Konsequenz, «dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.» [VV20b-21]

 

In mir lassen diese Worte die letzten Szenen aus dem Film «Bonhoeffer - Die letzte Stufe» [Eric Till, 1999] aufleuchten. Dietrich Bonhoeffer wird zum Galgen geführt, der Ankläger sagt zu ihm: «Das ist das Ende!» - Bonhoeffer entgegnet: «Nein!» und geht festen Schrittes in den Tod.

Dietrich Bonhoeffer weiss wie Paulus: Gott denkt und lenkt in grösseren Dimensionen als wir. Und Gottes Auferstehungskraft ist grösser und stärker als die Macht des Naziregimes oder der römischen Obrigkeit.

 

Kraft dieser Hoffnung konnte Bonhoeffer die letzten Schritte seines irdischen Lebens hoffnungsvoll gehen;

Kraft dieser Hoffnung hält Paulus an seiner Berufung fest: «Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise!»

 

Sportlich habe ich meine Predigt begonnen, mit der Ziellinie des Lebens und  der Kraft und Perspektive derAuferstehungshoffnung will ich sie schliessen. All unser irdisches Leben und Glauben ist gemäss Paulus Trainingsvorbereitung für ein grösseres, himmlisches Spiel. Unsere vermeintlichen Gegner im sportlichen Wettkampf können unseren Auftrag und unser Ziel nicht in Frage stellen; auch wenn ihre Theologie und Spiritualität weit von unserer entfernt ist und sie ihr «Training» ganz anders gestalten als wir. Gott wird unser Schiedsrichter sein. An uns ist es, unseren Lauf gut zu vollenden.

Das Gebet der Gemeinde und die Kraft des Heiligen Geistes sind die Proteine für unsere erste Disziplin: «Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise!»

 

 

*) Liedvorschlag: Wir pflügen und wir streuen (Alle gute Gabe)



Pfr. Paul Wellauer
Bischofszell, Schweiz
E-Mail: paul.wellauer@internetkirche.ch

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