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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Estomihi, 03.02.2008

Predigt zu Jesaja 58:1-9a, verfasst von Anke Fasse

Liebe Gemeinde,

Mit Leib und Seele feiern?

In dem sonst beschaulichen Dorf ist eine besondere Zeit angebrochen. Seit Jahren, Jahrzehnten schon ist das so: die Karnevalszeit wird von allen besonders gefeiert. Tänze, Sketche und Büttenreden werden mit viel Zeit und Liebe vorbereitet. Der Saal wird geschmückt, der Kartenvorverkauf läuft, die Abendgarderobe wird mit Bedacht ausgewählt. Und dann kann der lustige, närrische, ausgelassene Abend beginnen. So war es eine lange Zeit lang. So sollte es sein - ein ungeschriebenes Gesetz der Dorftradition.

Doch inzwischen nehmen sich immer weniger Leute die Zeit all das vorzubereiten. Die Beiträge verlieren an Witz und an Niveau. Der Saalschmuck, für den sonst zwanzig Leute eine Woche gebraucht haben, wird jetzt von zweien an einem Nachmittag fertig gestellt. Wo man sonst kaum ein Bein auf den Tanzboden bekommen konnte - jetzt gähnende Lehre. Lohnt es sich da überhaupt noch hinzugehen? Die Verpflichtung und Verbundenheit mit dem einen oder der anderen bringt doch noch einige auf den Saal, aber mit Leib und Seele gefeiert wird da nicht mehr.

 

Mit Leib und Seele arbeiten?

Arbeiten und Geld verdienen gehört halt zum Leben dazu. Seit 35 Jahren schon geht Herr Schmidt in den Betrieb. Er hat dort seine Ausbildung gemacht, war froh, erstes Geld zu verdienen und dann  - zwar im überschaubaren Rahmen, aber immerhin - mehr Verantwortung zu übernehmen. Der Kontakt mit den Kunden viel ihm zunehmend leichter und machte auch Freude. Doch dann, als Jahr um Jahr verging, jeden Tag der gleiche Trott... Immer mehr Einsparungen, immer mehr Auflagen, die zu beachten waren.

Nach wie vor geht Herr Schmidt jeden Morgen in den Betrieb. Die Lust und Freude ist ihm dabei aber meist vergangen. Wenn er daran denkt, dass das noch mindestens 1fünfzehn Jahre so weitergehen soll, wird ihm ganz anders. Jeder Tag wird zur reinen Pflichterfüllung. Eine große Last! Dass Herr Schmidt mit Leib und Seele gearbeitet hat, ist lange her.

 

Mit Leib und Seele Gottesdienst feiern?

Ihr Freund hat sie wieder überredet. Und wieder hat sie ihm nachgegeben. Warum nur? Jetzt sitzt sie wieder hier in der unbequemen Kirchenbank. Kalt ist es außerdem noch in diesem alten Gemäuer. Dann diese Musik, mit der sie gar nichts anfangen kann. Diese komischen Texte. Sie hört schon gar nicht mehr hin, sehnt sich nur ins warme Bett an diesem Sonntagmorgen. Ob es den anderen, die da sind denn wirklich anders geht? Oder wollen die es vielleicht auch nur irgendjemanden oder gar Gott recht machen? Mit Leib und Seele kann sie auf jeden Fall heute keinen Gottesdienst feiern.

 

Mit Leib und Seele fasten?

Gott spricht vor vielen hundert Jahren zu einem seiner Propheten:

„Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! Sie suchen mich täglich und begehren meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, dass die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, dass Gott sich nahe."

(Anderer Sprecher:) „Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib, und du willst's nicht wissen?"

„Siehe, an dem Tag, an dem ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt all eure Arbeiter. Siehe, wenn ihr fastet, hardert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag an dem der Herr Wohlgefallen hat?"

Mit Leib und Seele fastet Gottes Volk nicht. -------
Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe, spricht Gott:

Lied: 420, 1+2 (von einer Stimme gesungen):

Brich mit den Hungrigen dein Brot
sprich mit den Sprachlosen ein Wort,
sing mit den Traurigen ein Lied,
teil mit den Einsamen dein Haus.

 

Such mit den Fertigen ein Ziel,
brich den Hungrigen dein Brot,
sprich mit den Sprachlosen ein Wort,
sing mit den Traurigen ein Lied.

 

420, 3 (von allen gesungen):

Teil mit den Einsamen dein Haus,
such mit den Fertigen ein Ziel,
brich mit den Hungrigen dein Brot,
sprich mit den Sprachlosen ein Wort.

„Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen, und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe hier bin ich!"

Mit ganzem Leib und ganzer Seele etwas zu tun, mit Herz und Hand, mit Hingabe und vor allem mit Liebe, das ist der Schlüssel.

Mit Leib und Seele z. B. Karneval feiern, heißt ganz dabei zu sein, mit Engagement, mit Lust und Freude sich auf dieses Fest und dieses Treiben einzulassen, es mitzugestalten. Wo das fehlt, warum auch immer - wo das Fest nur eine Pflichterfüllung des Terminkalenders oder der gesellschaftlichen Verpflichtung ist, wird es mühsam und trocken bleiben.

Mit Leib und Seele arbeiten bringt Erfüllung, schenkt Sinn und Freude am Leben. Wo im besten Fall zwar das Geld stimmt, aber die Aufgaben langweilen, überfordern oder gar unsinnig erscheinen, schwindet die Zufriedenheit, das Leben wird schwer und mühsam.

Mit Leib und Seele Gottesdienst zu feiern schenkt Freude und Kraft. Nur wenn ich offen bin für mich, für die Gemeinschaft der Gläubigen und natürlich für Gott, wie er sich offenbart in den Liedern, in den Texten, in der Stille werde ich angesprochen und kann mich erfüllen lassen.

Und natürlich heißt mit Leib und Seele fasten mehr als eine Ordnung oder einen Verzicht zu erfüllen. Das gilt für das Fasten, das der Prophet der Bibel anklagte, das gilt für die Fastenzeit die am kommenden Aschermittwoch beginnt. Äußere Veränderungen des Alltäglichen sollen andere Veränderungen, neue Wege mit mir, mit meinen Mitmenschen und mit Gott möglich machen. Fastenzeit ist weit mehr als Verzicht. Es ist die Vorbereitung für neues, für ein anders Leben, das im Kirchenjahr mit der Osterzeit anbricht. 

Und das Fasten weit mehr ist als Verzicht macht die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche unter dem Titel „Verschwendung" besonders gut deutlich. Weiter heißt es bei dieser Aktion: „Sieben Wochen ohne Geiz." Es wird dazu aufgerufen, Menschlichkeit, Zeit,  Ideen, Kraft für andere, für ein besseres Klima miteinander zu verschwenden. Fasten als Verschwendung, als „brich mit den Hungrigen dein Brot, sprich mit den Sprachlosen ein Wort" so wie es der Prophet Gottes gemeint hat, und vor allem ein Tun mit verschwenderischer Liebe, mit ganzem Herzen, eben mit Leib und Seele. Ein Tun das mich und das Angesicht der Welt verändern kann.

 

Liebe Gemeinde, wo das gelingt, mit Leib und Seele etwas zu tun, mit ganzer Hingabe, zu feiern, zu arbeiten, zu glauben, zu fasten, da ist erfülltes Leben: Sinn, Einklang mit sich selbst, mit anderen, mit Gott - da spricht Gott zu uns „Siehe, hier bin ich."

 Natürlich schaffen wir es leider nicht, immer und überall alles so zu tun, eben mit voller Hingabe, mit Leib und Seele. Aber die alten Worte des Propheten wollen uns auch heute wieder auf diesen Weg schicken, wollen uns vor Augen führen: dieser Weg ist gangbar, wenn auch nicht ohne Mühen. Dieser Weg- mit Leib und Seele zu leben, mit verschwenderischer Liebe, mit Hingabe, Gott und den Nächsten im Blick, - der lohnt sich, denn Gott lässt sich darauf finden und spricht zu uns: Siehe, hier bin ich.

Amen



Pfarrerin Anke Fasse
Wilhelmshaven/Sengwarden
E-Mail: pastorin@ev-kirche-sengwarden.de

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