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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Estomihi, 03.02.2008

Predigt zu Jesaja 58:1-9a, verfasst von Gerlinde Feine

Liebe Gemeinde -
das ist schon ein merkwürdiger Sonntag, den wir heute feiern! Er ist so merkwürdig, dass die Predigt heute zwei Anläufe nehmen muß, um sich ihm zu nähern - erst braucht es einen längeren Weg zum Predigttext hin, und dann will dieser ja auch noch in seiner Eigenart gewürdigt werden! Der Grund für diesen doppelten Anlauf liegt in der Zeit, die uns der Sonntag Estomihi ansagen will: Er gehört in die Passionszeit, er markiert ihren Auftakt; mit allen Texten, die ihm zugeordnet sind, mit allen Gebeten und Lesungen will er hinführen zum Nachdenken über Jesu Weg ans Kreuz, will sich vergewissern, dass Gott dabei ist im Leben, ein starker Fels ist und eine offene Hand bietet - unsere Zeit in Gottes Hand, das ist das Motto des Wochenpsalms, und das haben wir gerade gesungen.
Wenn wir aber hinausgehen aus der Kirche, wenn wir vielleicht gleich darauf hinü-berfahren (ich sag es mal polemisch) „ins Katholische", nach Rottenburg oder Rich-tung Süden, besonders morgen, dann sagt uns das, was auf den Straßen und Plätzen passiert, dass eigentlich eine ganz andere Zeit ist. Jetzt, so sagen es die Tücher und Fetzen, die über die Straße gespannt sind, jetzt ist Fasnet. Und jetzt, so sagen es die Reden und Umzüge in Fernsehen und auf den Straßen, jetzt wird einmal so richtig abgetanzt, jetzt wird gefeiert bis zum Abwinken, jetzt kommt es schließlich auch nicht mehr drauf an, auf ein Küchle mehr oder weniger, auf ein Glas hin oder her. Von der politischen Dimension der Fasnet oder besser des Karneval, da will ich gar nicht reden, man merkt sie ohnehin immer seltener. Die Albernheiten bestimmen das Geschehen, und in einer Demokratie ist der Protest gegen die ja eigentlich vom Volkssouverän gewählte Obrigkeit sowieso immer ein wenig halbherzig, und sie muß es auch sein. Was übrig bleibt, ist höherer Blödsinn und eine Art Freibrief für kollek-tive Lustigkeit, der man sich kaum entziehen kann, auch wenn einem der Sinn ganz und gar nicht danach steht. Woher sollen es die Hexen und Ahlande denn auch wis-sen, ob der, dem sie gerade an den Schlips wollen, auch wirklich in der richtigen Ver-fassung dafür ist? Vielleicht hat er gerade eine traurige Nachricht bekommen? Viel-leicht muß er noch auf eine Beerdigung? - Egal! Er muß mittun, sonst gilt er als Spielverderber. Erst am Aschermittwoch ist alles vorbei. Dann wird die Fasnacht zu Grabe getragen (oder verbrannt), dann waschen die Narren weinend ihre Geldbeutel im Dorfbrunnen, dann beginnt die Fastenzeit, und das war früher die Zeit von ge-meinsamen Einschränkungen, denen sich auch niemand entziehen konnte, ob er woll-te oder nicht (carne vale - Fleisch, leb wohl!).
In der Fastenzeit wurde verzichtet - auf bestimmte Lebensmittel, die früher Luxus waren, auf besonderen Schmuck oder Kleidung, auf Feste, auf laute Fröhlichkeit: keine Hochzeiten bis Ostermontag, z.B., aber auch kein besonderer Anblick im Got-teshaus: Flügelaltäre, wie der in der Tübinger Stiftskirche, die wurden (und werden) geschlossen und zeigten auf der Außenseite Bilder, die zu dem passten, was gepredigt wurde. Verzicht war angesagt auf alles, was ablenken konnte von der Vorbereitung auf die Karwoche. Und weil alle fasteten, war es für den einzelnen wohl nicht so schwer, diesen Verzicht auch durchzuhalten. Wir kennen das ja auch heute noch - beobachten es an anderen Religionen, zum Beispiel am Islam, wie da gemeinschaft-lich verzichtet wird. In der Kirche war man sich bewusst, dem Vorbild Jesu zu fol-gen, der selbst 40 Tage in der Wüste gefastet hatte, ehe sein Weg in der Öffentlich-keit begann. Und die wenigsten waren der Meinung, sich durch das Fasten den Him-mel verdienen zu können; auch in der evangelischen Kirche gab es daher immer Fas-tenzeiten und -tage. Ältere unter uns erinnern sich vielleicht noch daran, dass das Fasten zur Vorbereitung auf die Feier des Abendmahls gehörte.
In den vergangenen Jahren ist auch versucht worden, der christlich bestimmten Fas-tenzeit wieder etwas abzugewinnen, reflektiert zu fasten, nicht unbedingt beim Essen (obwohl es das ja auch gibt, aber dann in den seltensten Fällen religiös motiviert), sondern bei den Dingen, die uns selbstverständlich geworden sind oder die wir im Überfluss haben, auf die wir scheinbar nicht verzichten können. Die Aktion „7 Wo-chen ohne" gehört da mit hinein, und in diesem Jahr gibt es (so weit ich weiß, zum ersten Mal) etwas, das nennt sich „7 Wochen mit", nämlich 7 Wochen mit der Bibel: sich bewusst Zeit nehmen zum Bibel lesen (und dafür anderes zurückstellen), auch das ist „Fasten", und auch in unserer Gemeinde wird es dazu ein Angebot geben, das gemeinsam zu tun.
Der Sonntag Estomihi will uns die Fastenzeit ansagen als eine Zeit, in der wir uns beschränken sollen auf das Wesentliche im Leben. Eine Zeit, die wir bewusst erleben als von Gott bestimmte und getragene Zeit - keine Zeit der Einschränkung um des Sparens willen oder des Abnehmens, sondern eine Zeit, in der der Verzicht reich ma-chen kann an Erfahrung und an einem vertieften Bewusstsein. Der Wunsch nach ei-ner intensiveren Gotteserfahrung steht dahinter, nichts anderes. In diesem Sinne wur-de schon zur Zeit des Alten Testaments gefastet, und nun bin ich (nach dem ange-kündigten „langen" Anlauf) beim Predigttext auf den heutigen Sonntag. Er steht beim Propheten Jesaja im 58. Kapitel, die Verse 1-9a:
Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkün-dige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! Sie su-chen mich täglich und begehren meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, dass Gott sich nahe. »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst's nicht wissen?« Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottlo-ser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat? Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!  Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voran-schreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten.

Liebe Gemeinde!
Was wir aus diesem Abschnitt zunächst herauslesen können, ist eine Fastenpraxis, wie man sie heute eher selten findet. Und bevor wir die Kritik wahrnehmen, die der Prophet da im Namen Gottes übt, wollen wir das doch festhalten und würdigen, dass es den Leuten, die da fasten, ernst ist mit ihrem Tun - wichtig ist es ihnen! Sie fasten nicht, weil es alle tun, weil es dazugehört oder weil in der Fastenzeit vor der ersten Ernte des Jahres ohnehin die Vorräte knapp sind - nein, sie fasten, weil sie wollen, „dass Gott sich nahe". Das ist ihre Sehnsucht, und damit ist es ihnen ernst, sonst wür-den sie nicht durchhalten. Richtig streng halten sie das Fasten ein, und das hat seinen Grund.
Der Predigttext, der ja zum dritten Teil des Jesajabuches gehört, richtet sich an die Israeliten, die nach dem Babylonischen Exil das Recht zur Rückkehr in ihr Land er-halten haben. Nun erinnern sie sich an den alten Bund, den Gott am Sinai mit ihnen geschlossen hatte, und sie erinnern sich auch an die Regeln und Weisungen, die zu diesem Bund gehörten. Nie wieder wollen sie eine solche nationale Katastrophe he-reinbrechen sehen, nie wieder wollen sie aus dem Land gejagt und ins Exil verbracht werden - nie wieder Flüchtlinge sein und heimatlos mit allem, was da noch dazuge-hört. Ihre Rückkehr verstehen sie als zweite Chance, die Gott ihnen gibt, und diese zweite Chance wollen sie nicht vertun. Deshalb ist es ihnen ernst mit dem Einhalten der alten Regeln. Sie wollen Gottes Zorn nicht provozieren, nicht noch einmal von ihm verlassen werden. Sie wollen heil werden und in seiner Nähe bleiben. Deshalb fasten sie, deshalb vergewissern sie sich der alten Gebote, deshalb versehen sie sie mit einem Schutzwall aus Regeln und Vorschriften, um ja nicht, auch nicht aus Ver-sehen, wieder schuldig zu werden und ihr Heimatrecht zu verwirken - aus der Nähe Gottes zu fallen, die ja nach der Vorstellung des Judentums am Zion in Jerusalem zu finden ist.
Liebe Gemeinde, ich denke, dass es wichtig ist, dass wir das festhalten, auch wenn wir uns im Laufe der Fastenzeit immer wieder mit dem religiösen Leben in Israel zur Zeit Jesu beschäftigen - wenn wir von den Pharisäern hören und ihrer Gesetzlichkeit. Das sind ja Stichworte, da hebt sich der warnende Zeigefinger fast von selbst: „So sollt ihr nicht tun - Gesetze um ihrer selbst willen beachten!" Und schon der Prophet Jesaja hat ja so den Zeigefinger gehoben in Gottes Namen. Aber so richtig das ist, was da kritisiert wird - dass das Fasten nichts bringt, wenn es auf sich selbst fixiert bleibt, wenn sich einer selbst quält und andere noch dazu - so anerkennenswert ist doch, was dahintersteckt: Die ernsthafte und aufrichtige Suche nach Gott, das Be-dürfnis, ihm nahe zu kommen und ihm allein die Ehre zu erweisen. Deshalb fasten die Leute so streng, deshalb sind sie sich auch einig darin, dass es so sein muß. Und darin können sie uns auch Vorbild sein: Es ist wichtig, ernst zu machen mit dem Fas-ten, es ist gut und heilsam, Gottes Nähe zu suchen, und zwar nicht halbherzig und ein bisschen, sondern sorgfältig und mit voller Konzentration.
Es tut uns gut - ganz egal, ob 7 Wochen ohne Schokolade oder 7 Wochen mit der Bibel. Es tut den Konfirmandinnen und Konfirmanden gut - ein Jahr Teilnahme am Gemeindeleben (mindestens). Gottes Nähe zu suchen und in ihr bleiben zu wollen, auch nach dem Fasten, das ist eine wichtige und auch von Gott geschätzte Sache. Dieses Anliegen ist zu würdigen, und auch die Konsequenz, mit der es durchgezogen wird.
Was Jesaja kritisiert im Auftrag dessen, der ihn gesandt hat, das ist die Perspektive dieses Fastens. Sie richtet sich nämlich ausschließlich auf Gott und verfehlt ihn gera-de wegen dieser Ausschließlichkeit. Wer sich allein auf Gott konzentriert, ohne nach links und rechts zu sehen, der versäumt ihn gerade dadurch. Das ist ja das Paradoxe - an einem Fasten, an einem Gottesdienst, der Gott allein die Ehre gibt, an dem will Gott sich nicht freuen, wenn die Kehrseite dieses Fastens in der Missachtung oder auch nur dem Nicht-Beachten der anderen besteht. Wir wissen das alle, wie das aus-sieht. Und wir haben auch Namen dafür. Scheinheilig nennen wir so ein Verhalten, bigott oder frömmelnd die Menschen, die so arg auf ihre Frömmigkeit bedacht sind, dass ihnen die praktische Seite dieser Frömmigkeit abhanden gekommen ist. In den Auseinandersetzungen Jesu mit den Pharisäern gibt es dafür viele Beispiele (ich nen-ne jetzt nur die Heilungen am Sabbat und das Gleichnis vom barmherzigen Samari-ter), und auch uns fallen Situationen und Menschen ein, aus unserer Zeit und in unse-rer Nähe, an denen wir das beobachten können. - Ich muß es nicht benennen, aber ich will noch etwas dazu sagen: Was da angesprochen ist, will zuallererst mir einen Spiegel vorhalten - und mir nicht ein Spieglein in die Hand geben, mit dem ich die anderen blenden könnte.
Jesaja nennt ganz präzise, was Gott gefällt an frommem Tun: !  Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Dann erfüllt sich die Verheißung Gottes an seinem Volk, und dann ist das Fasten nichts, was uns in Sack und Asche zwingt, sondern ein Anlaß zur Freude und zum Fest - auch und gerade in der Passionszeit! Denn dann kommt Gott uns nahe, wenn wir die Nähe derer suchen, die ihn am dringendsten brauchen. Dann gefällt ihm unser Fasten - dann ist es nicht vergeblich, sondern gesegnet, dann ist es keine Quälerei, sondern eine Zeit, die uns bereichert und andere mit unserer Freude ansteckt.
Wenn die Narren morgen und übermorgen am ausgelassensten Fasnet feiern - und am Aschermittwoch brechen sie in kollektive Trauer aus -, dann haben sie etwas zeit-lich auseinanderdividiert, was doch nicht zu trennen ist. Da wollen wir klüger sein und bewusster fasten:  Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Ob-dach sind, führe ins Haus! Wo und wie das für jeden und jede einzelne von uns kon-kret werden wird, das gilt es ganz individuell herauszufinden. Gemeinsam ist uns a-ber die Verheißung, die über solchem Fasten steht: Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Wenn du deinen Mitmenschen heilsam und freundlich begegnest, dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herr-lichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Amen.



Gerlinde Feine
Rohrgasse 4
D-72131 Ofterdingen

E-Mail: gerlinde.feine@t-online.de

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