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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Okuli, 24.02.2008

Predigt zu 1. Könige 19:1-8, verfasst von Martina Janßen

Liebe Gemeinde!

1:Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte. 2: Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast! 3: Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort. 4: Er aber ging hin in die Wüste eine Tagesreise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun Herr meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter. 5: Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iß! 6: Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. 7: Und der Engel des Herrn kam zum zweitenmal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. 8: Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.

(1 Kön 19,1-8)

 

Liebe Gemeinde!

I.

Was ist da passiert? Elija, Gottes bester Mann, bis vor kurzem noch eifrig, siegreich, himmelhochjauchzend, ist außer Gefecht gesetzt, zu Tode betrübt streckt er die Waffen unter einem Wacholderstrauch irgendwo in der Wüste. Wo liegen die Gründe für einen solchen Absturz, diesen freien Fall von ganz oben nach ganz unten? Der sich da jetzt zu sterben wünscht, ist nicht irgendjemand. Elija gilt als Powermann, ein unerbittlicher Streiter für Gottes Sache. Auch und gerade unter schwierigen Umständen. Und die Zeiten sind nicht einfach für Propheten wie Elija. Der König Ahab hat Isebel zu seiner Frau genommen. Mit ihr bekommt Israel nicht nur eine First Lady, sondern auch Baal, ihren Gott. Während die meisten Menschen unentschlossen sind, Jhwh dienen und Baal verehren - besser ist's, sich mit keinem zu verderben -, setzt der Prophet Elija alles auf eine Karte. Alles auf seinen Gott. Und er streitet für ihn. Fordert ein Gottesurteil heraus und gewinnt. Und alle sehen: Es kann nur einen geben. Elijas Gott. „Und als das alles Volk sah, fielen sie auf ihr Angesicht und sprachen: Der Herr ist Gott; der Herr ist Gott (1 Kön 18,39)!" Und das ist Elijas Erfolg. Doch dieser Erfolg ist dem entschlossenen Kämpfer nicht genug. Ein Gotteseiferer auf der Überholspur macht keine halben Sachen. Es reicht ihm nicht, auf Gottes Macht verwiesen zu haben. Es reicht ihm nicht, dass nun die Menschen alles auf seine Karte setzen, nämlich auf Jhwh, den Herrn Israels. Elijas Offensive für Gott gerät außer Kontrolle, der Sieg scheint dem Propheten zu Kopf zu steigen. Sein Erfolgsrausch wandelt sich in einen Blutrausch. Alle Priester Baals mordet er hin, bringt sie um mit dem Schwert, vergießt Ströme von Blut. Damit schlägt sein überwältigender Sieg in Gewalt um. Der Bogen ist überspannt. Elija im Abseits. Die First Lady schlägt zurück. „Was du kannst, kann ich schon lange. Mordest du meine Priester, morde ich dich." Eindeutig ist die Drohung. Elija im Visier. Der flieht wie ein verwundetes Tier. Gehetzt. Angeschossen. Lässt alles zurück, irrt in die Wüste, läuft um sein Leben, um es aufzugeben. Elija im freien Fall. Israels Hoffnungsträger endet im Niemandsland. Statt „Jhwh ist der Herr!" in den Himmel gejubelt und aller Welt verkündet - nur ein paar müde Worte, gemurmelt irgendwo unter einem Wacholderstrauch. „Es ist genug, Herr. Nimm mein Leben! Ich kann nicht mehr." Gottes Powermann ist ausgepowert. Wer so redet, ist nicht nur angezählt. Der ist k.o. Dem bleibt nichts als zu hoffen, dass es bald vorbei ist. Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Todmüde ist Gottes Kämpfer geworden. Amtsmüde. Lebensmüde. Gottesmüde.

II.

Und Gott? Lässt er Elija fallen, seinen Kämpfer an vorderster Front, der nun außer Gefecht gesetzt bedingungslos die Waffen streckt? Erhört er Elijas Bitte, diese letzte Kapitulationserklärung eines Generals auf verlorenem Posten? Gott erhört Elija, indem er ihn überhört. Gott lässt Elija nicht sterben, gibt den nicht auf, der sich selbst aufgibt. In tiefster Angst, in Scheitern und Ausweglosigkeit. Wie tief Elija auch fällt, er „kann nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand (Arno Pötzsch [EG 533])." Die fängt ihn, trägt ihn und richtet ihn auf. Gottes Empowerment setzt dabei auf Zärtlichkeit. „Doch ein Engel rührte ihn an!" Kein aufdringliches Auf-die-Schultern-Klopfen. Kein unsanftes Wachrütteln. Kein Tritt. Keine schallende Ohrfeige. Sondern die anrührende Geste eines Engels. Sanft, aber bestimmt klingen auch seine Worte. Keine Durchhalteparolen. Kein Marschbefehl. Kein Kommando: „Zeig' jetzt keine Schwäche! Bleib am Ball!" Gottes Engel ist kein Drill-Instruktor. Er spricht die Sprache eines Liebenden, der weiß, was der andere braucht: „Steh auf und iss!" Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Wasser und Brot. Kein Zaubertrank, kein himmlisches Red Bull, das allzu brüchige Flügel verheißt. Weder Doping noch bittere Medizin. Sondern klares Wasser und Brot, noch ofenwarm. Lebens-Mittel. Nicht mehr und nicht weniger. Elija isst und trinkt. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. So müde ist der Held. So sehr ficht ihn seine Anfechtung an. Gott lässt ihn schlafen. Und weil's sein muss, auch zweimal. Und weckt ihn wieder. Elija isst und trinkt. Nun fasst der Lebensmüde neuen Lebensmut. Elija bricht auf, geht dem Gottesberg, dem Horeb, entgegen, direkt in Gottes Angesicht. Er hat die Kraft.

 

III.

Liebe Gemeinde!

Gott sei Dank, ich bin nicht Elija! Aber, ich gebe es gerne zu: Auch ich bin manchmal müde. Arbeitsmüde, vergnügungsmüde, risikomüde, konsummüde, ja, mitunter auch kirchenmüde. Dann leuchten die Alarmlampen auf; die Signale stehen auf Dunkelgelb. Plötzlich scheint es mir überlebensnotwendig, zwei Gänge runterzuschalten, damit mein Motor nicht ausbrennt und ich nicht auf eine Katastrophe zurase. Wenn das Leben auf dem Spiel steht, muss man sich manchmal vom Leben zurückziehen, um es nicht zu verlieren. Da muss ich die Augen schließen, um weiterhin einen klaren Blick zu haben für die Schönheit des Lebens. Da muss ich mir die Ohren zuhalten, um gegen den Lärm meines Alltags „den inneren Ton in allen Dingen" zu hören (Romano Guardini), muss meinen Mund versiegeln, um wieder die passenden Worte zu finden, die Hände ruhen lassen, um auch Morgen die Welt gestalten zu können. Es gibt Zeiten, da ist man einfach k.o. Ausgeschaltet. Ausgeschlossen. Ausgesetzt. Dann findet das Leben ohne einen statt, freiwillig oder unfreiwillig. Elija wurde ins Exil gezwungen. Zuviel hat er gefordert, sich und andere überfordert. Übers Ziel weit hinausgeschossen. Das schlägt zurück, fordert seinen Preis, bedroht das Leben. Doch es müssen nicht immer die großen Katastrophen sein, die Lebenskrisen, die Ausnahmezustände, das totale Burnoutsyndrom. Auch wenn jener Funke nur zu erlöschen droht, der einem das Herz brennen lässt und die Seele wärmt, ist das Leben in Gefahr. Dann muss man fliehen.

 

IV.

Elija floh in die Wüste. In die Einsamkeit. Auch ich suche mir meine Wüsten. Das sind die Zeiten, da ist k.o. für mich o.k. Ich nehme mir eine Auszeit von dem, was mich hetzt. Wüstenstunden, Wüstentage, Wüstenwochen. Sonntage können solche Tage sein. Ich erkämpfe mir einen Freiraum von dem, was mich besetzt. Räume fernab der Metropolen des Alltags. Solche Wüsten sind Überlebens-Orte. Lebensschutzgebiete. Keine Orte zum Leben und auch keine Orte zum Sterben. In der Wüste lebt man nicht auf Dauer. Da richtet man sich nicht ein. Da lässt man sich aufrichten. „Steh auf und iss!" In der Wüste kann man wieder auf die Füße kommen, gerüstet für die „Rückreise in die Welt" (Dorothee Sölle). Neugeboren - vielleicht verwandelt - alten und neuen Wegen vertrauen. Doch dazu muss ich mich erst ausklinken aus der Logik, die mein Leben bestimmt. Den Kreislauf von Soll und Haben durchbrechen. Entschleunigungsoasen suchen im Trubel der Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint. Keine Reizüberflutung mehr, sondern Luft zum Atmen. Keine Möglichkeiten, mich zu verzetteln. Sondern die Pflicht, mich zu sammeln. „Es liegt im Stillsein eine wunderbare Macht der Klärung, der Reinigung, der Sammlung auf das Wesentliche (Dietrich Bonhoeffer)." Dazu gehe ich auf Tauchstation: Abtauchen von der Welt und Eintauchen in Gottes Tiefe. Kirchen können solche Orte sein. Um mich fallen zu lassen. Aus mir und aller Welt heraus hinein in Gott. Tiefer kann ich nicht fallen. „Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir die andre an: es ist in allen. Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält (Rainer Maria Rilke)."

 

V.

Liebe Gemeinde

„Es passiert viel, wenn wir nichts tun" (Hannah Arendt). Wenn wir von der Welt absehen, von uns selbst, da ist plötzlich Raum und Zeit. Dann können ungeahnte Träume wachsen, die beflügeln. Dann sind plötzlich längst vergessene Wurzeln zu spüren, die Halt geben. Wenn ich Kopf und Sinne frei halte für das, was mich leben lässt. Wenn ich mein Herz öffne für Gott. All meine Immunisierungsstrategien aufgebe, mich anrühren lasse. Und auf all die Engel hören, die mir sagen „Steh' auf und iss!" Worte des Heils. Brot des Lebens. Fastenzeit ist so eine Gelegenheit, wieder den Hunger zu spüren und satt zu werden an Herz und Seele.

Amen.



Dr. Martina Janßen
Göttingen
E-Mail: mjansse@gwdg.de

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