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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

16. Sonntag nach Trinitatis, 16.09.2018

Du kommst aus dem Gefängnis frei
Predigt zu Apostelgeschichte 12:1-11, verfasst von Michael Nitzke

Apostelgeschichte 12,1-11

1Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. 2Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert. 3Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote. 4Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Abteilungen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Passafest vor das Volk zu stellen. 5So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott. 6Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis. 7Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. 8Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir! 9Und er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen. 10Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Gasse weiter, und alsbald verließ ihn der Engel. 11Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete.

 

Liebe Gemeinde,

eine Gefängnisgeschichte bekommen wir heute aus der Apostelgeschichte erzählt. Auf den ersten Blick erscheint sie vielleicht etwas kurios, irgendwas zwischen abenteuerlich und unglaubwürdig.

Die Engel führen Petrus aus dem Gefängnis? Kann so etwas gehen? Das ist doch heute oft die Frage, wenn wir über biblische Geschichten sprechen, sei es mit Jugendlichen oder Erwachsenen: Kann sowas überhaupt gehen?

Tasten wir uns langsam an diese Geschichte heran, und je näher wir kommen, merken wir vielleicht, dass Gefängnisse zum menschlichen Leben gehören. Nicht weil das so sein muss, oder so sein sollte, sondern weil es so ist, weil immer wieder die einen Menschen die anderen ins Gefängnis gesteckt haben. Nüchtern betrachtet, ist das bei vielen wohl nötig, aber dem Missbrauch ist hier auch Tür und Tor geöffnet. Und genau diese Türen und Tore schließen sich hinter einem Menschen, der im Gefängnis sitzt, und oft ist seine einzige Frage: „Wie und wann komme ich hier wieder raus?“

Diese Frage steht sicher noch über der anderen Gefängnisfrage: „Warum bin ich hier überhaupt reingekommen?“ Die Antwort: „Ich sitze unschuldig hier drin!“, wird sicherlich häufiger ausgesprochen, als dass sie der Wahrheit entspricht.

Aber natürlich gibt es zahlreiche Unschuldige in Gefängnissen. Nicht nur Journalisten in Ländern, denen es an Demokratie fehlt, sondern auch in vielen Geschichten der Bibel.

Josef, einer der zwölf Söhne des Erzvaters Jakob, sitzt unschuldig im Gefängnis. Die Frau eines Herrn Potifar beschuldigte ihn wegen Übergriffen, die er wirklich nicht getan hatte. Aber er kann nicht beweisen, dass er nichts getan hat.

Im Gefängnis zeigt sich, dass er Träume deuten kann. Er wird zum Berater des Pharaos, und rettet Ägypten vor der Hungersnot. (1. Mose 39 ff)

Im Neuen Testament schweigt Johannes der Täufer nicht vor den Machenschaften des König Herodes, der ihn ins Gefängnis steckt. Später wird er wegen grausamer Intrigen enthauptet.

„Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.“ (Mt 25,36) Jesus selbst fragt nicht, ob einer schuldig oder unschuldig hinter dicken Mauern sitzt, wenn er ein solches Verhalten als Vorbild herausstellt.

Der Apostel Paulus hat selbst zahlreiche seiner späteren Glaubensbrüder ins Gefängnis stecken lassen, und als er selbst unschuldig einsitzt, erlebt er wie Gefängnismauern einstürzen. Aber er nutzt nicht die Möglichkeit zur Flucht, sondern kümmert sich seelsorglich um den Gefängnisdirektor.

In unserer Geschichte wird Petrus, von Engeln auf wundersame Weise aus dem Gefängnis geführt. Die Ketten fallen von ihm ab, er hat sogar noch Zeit sich die Schuhe anzuziehen und sich den Mantel umzulegen. Die Gefängnistüren öffnen sich respektvoll von selbst, als der Engel sich anschickt ihn aus dieser ungastlichen Schlafstätte herauszuführen.

Bei diesem Engel fällt mir eine Geschichte aus unserer Zeit ein. Besser gesagt, es ist ein alter Film vor meiner Zeit, den ich aber früher dann und wann im Fernsehen gesehen habe, Die Geschichte, die er erzählt soll über hundert Jahre alt sein.

Zwei Bösewichten gelingt die Flucht aus einem Gefängnis. Es liegt weit weg, irgendwo da, wo der Pfeffer wächst, auf einer kleinen Insel. Die bösen Buben haben Böses vor, aber das gelingt ihnen nicht so recht. Und so beschützen sie die braven Bürger, die sie ausrauben wollten, vor ihren bösen Verwandten. Die werden bald vom Schicksal bestraft, und das gleiche Schicksal meint es gut mit den armen rechtschaffenen Leuten, denen die beiden eigentlich Böses wollten. Eine verkehrte Welt, in der sich die beiden nicht mehr zurechtfinden. So treten sie den Weg zurück an, zu dem Ort, der von dicken Mauern umgeben ist. Auf der einen Seite ist das Böse auf der anderen das Gute. Der Zuschauer weiß bald selbst nicht mehr, auf welche Seite er gehört, da sieht er über den Köpfen von Humphrey Bogart und Peter Ustinov zwei Heiligenscheine aufblinken. Er blickt den reumütigen Bösewichten hinterher und sieht den Abspann des Films „Wir sind keine Engel.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Wir_sind_keine_Engel_(1955)[Stand: 11.9.2018]

Ein humorvoller Film über eine der schlimmsten Haftanstalten der Welt. Frankreich hat sie auf einer Insel vor Südamerika errichtet. Die Insel hat den Namen Teufelsinsel. Es ist also kein Ort für Engel, und doch gehört dieser Ort zu den Inseln des Heils, den Îles du Salut.

https://de.wikipedia.org/wiki/Teufelsinsel[Stand: 11.9.2018]

Die Stätte wurde 1953 geschlossen. Zwanzig Jahre später, füllt ein Film über die grausamen Umstände auch die deutschen Kinokassen. Papillon trägt einen Schmetterling als Symbol der Freiheit auf dem Körper. Er ist genauso wie die Zuschauer davon überzeugt, dass er unschuldig ist. Schließlich gelingt sein letzter Fluchtversuch, aber zuvor sorgt ausgerechnet die Äbtissin eines Klosters, dass er wieder hinter die Gefängnismauern kommt. Wahrlich ein Ort ohne Engel, diese Teufelsinsel.

https://de.wikipedia.org/wiki/Papillon_(1973)[Stand: 11.9.2018]

Ein Engel kann aber auch solche Mauern überwinden. Ein Engel kommt zu Petrus und es öffnen sich die Türen des Gefängnisses.

Menschen sind zu allen Zeiten fasziniert von Gefängnisgeschichten. Und die meisten von ihnen sind es wohl deshalb, weil sie sich ihrer Freiheit erfreuen.

Petrus hätte in seinem Gefängnis aber seine Befreiung fast verschlafen. In dem dunklen Verlies strahlt der Engel das Licht der Freiheit aus, aber Petrus wird davon nicht wach. Der Engel muss ihn unsanft in die Seite stoßen, bis Petrus merkt, dass die Stunde seiner Befreiung geschlagen hat. Die Wachen haben dem Engel nichts entgegenzusetzten und stehen wie teilnahmslos herum, als Petrus das Tor durchschreitet. Als sie eine Straße weiter sind, hat der Engel seine Aufgabe erfüllt und entschwindet, erst da kommt Petrus richtig zu sich.

Nun erst merkt er, dass Gott hinter seiner Befreiung steckt. Die junge christliche Gemeinde betete intensiv für seine Befreiung und Petrus hatte die Kraft dieses Gebetes erfahren.

Diese Geschichte ist für mich mehr, als nur eine faszinierende Gefängnisgeschichte. Sie ist auch mehr als eine humorvolle Gefängnisgeschichte über einen Mann, der fast seine eigene Befreiung verschlafen hätte.

Diese Geschichte hat für mich ganz deutliche Parallelen zur Jesus-Geschichte und gewinnt ganz besonders dadurch ihre Kraft.

Zunächst taucht hier ein König Herodes auf. Es ist ein Enkel des Herodes, der den Kindermord zu Bethlehem befohlen hatte. Der sah damals durch den neugeborenen „König“ Jesus sein eigenes Königtum in Gefahr.

Der Enkel des damaligen Königs will nun seine Macht festigen und meint, es gefalle seinem Volk, wenn er einige seiner Kritiker töte und quäle.

Zunächst trifft es einen Mann Namens Jakobus. Es ist einer der beiden Brüder, für die ihre Mutter einen Ehrenplatz im Himmel an der Seite Jesu sichern will. Der Evangelist Matthäus schildert die Reaktion Jesu (Mt 20,22f): „Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Sie antworteten ihm: Ja, das können wir. Er sprach zu ihnen: Meinen Kelch werdet ihr zwar trinken, aber das Sitzen zu meiner Rechten und Linken zu geben steht mir nicht zu.“

In unserer Geschichte wird wahr, was Jesus vorhersagt. Jakobus wird zum Opfer von Machtintrigen. Und auch die Verhaftung des Petrus ist eine Fortsetzung einer Politik empfindlicher Nadelstiche. Petrus wird, wie Jesus, in den Tagen der ungesäuerten Brote gefangen genommen. Der König, will ihn vor das Volk stellen wie Pontius Pilatus, der das Volk wählen ließ, ob Jesus oder Barabbas die Freiheit bekommt. Allerdings wollte dieser Herodes bis nach dem Passahfest damit warten. Das gab dem Engel die Möglichkeit, Petrus genau vorher zu befreien. Wenn der Engel ihn in die Seite stößt, um ihn zu wecken, dann erinnert das an den Stich mit dem Speer in Jesu Seite. Der Soldat wollte damit seinen Tod feststellen. Aber Petrus hat natürlich nur geschlafen. Das aufweckende Wort erinnert aber an die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Denn die Sprache der Bibel macht keinen Unterschied zwischen Aufwecken und AufERwecken, und es gibt nur ein Wort für die beiden Worte Aufstehen und AufERstehen aus unserer Sprache. Wir bekommen hier eine Ahnung, wie die Auferweckung Jesu hätte geschildert werden können. Aber es ist lediglich das Aufwecken des Petrus, was wir hier erleben. Und wir sind dankbar, dass das Geschehen der Auferstehung Jesu ein Geheimnis bleibt. So können sich die Menschen nicht an Einzelheiten festbeißen, wenn sie fragen: Kann sowas überhaupt gehen?

Und wenn sich das eiserne Gefängnistor von selbst öffnet, denke ich an die Frage der Frauen, die den Leichnam Jesu versorgen wollten: „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ (Mk 16,3)

Und wieder sind es die Frauen, die als erste Bescheid wissen. Der erste Weg des Petrus führt zu den Frauen, ihnen gibt er den Auftrag zu verkündigen, dass er frei ist.

Petrus hat die Befreiung durch den Engel erlebt. Er hat damit wieder Jesus ein Stück auf dem Weg begleitet, Er hat erlebt, wieviel Leid entstehen kann, nur weil ein Herrscher vermeintlich dem Volk gefallen will. Er hat erlebt, wie das Gebet der Gemeinde wirkt. Viele erinnerte das heute an die Gebete der Bekennenden Kirche für ihre Pfarrer und Mitglieder, die von den Nationalsozialisten in Gefängnisse und Konzentrationslager gefoltert wurden. Ja, auch Petrus wird den Kelch noch trinken müssen, den Jakobus trank, der den Ehrenplatz bei Jesus wollte. In Rom wird auch er sein Martyrium erleiden. Aber er hat hier Befreiung erlebt. Befreiung, die auch wir heute erleben können, wenn wir in unserem Leben auf Gott vertrauen.

Das zeigt doch, Gott schafft Gemeinde auch in auswegloser Situation, er erhält seine Kirche, wenn andere meinen, dass sie unterginge. So wie Petrus spricht können auch heute Menschen sprechen, die Hilfe erfahren haben: „Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich […] errettet hat“ (Apg 12,11)

Das ist nicht immer die spektakuläre Rettung aus dem Gefängnis. Das kann auch die Rettung davor sein, nicht dem Bösen zu verfallen, so dass im Extremfall ein Gefängnis noch besser erscheint, als in den Fängen der vermeintlichen Freiheit unterzugehen. Doch Freiheit des Glaubens und Freiheit unserer Person ist unser größter Wunsch. Ich denke an ein Lied, von dem ich bei schönen Anlässen oft Strophen weglasse. Zu unserer Gefängnisgeschichte ist es die passende Erläuterung. (eg RWL 663: Ernst Hansen 1970 dt., Anders Frostenson 1968, schwed.)

3. Und dennoch sind da Mauern zwischen Menschen,

und nur durch Gitter sehen wir uns an.

Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis

und ist gebaut aus Steinen unsrer Angst.

4. Herr, du bist Richter! Du nur kannst befreien,

wenn du uns freisprichst, dann ist Freiheit da.

Freiheit, sie gilt für Menschen, Völker, Rassen,

so weit wie deine Liebe uns ergreift.

Lassen wir uns von Gottes Liebe in die Seite stoßen. Wir sind keine Engel! Aber Gottes Engel kann uns befreien. Er weckt uns „aus dem Schlaf der Sicherheit“ (eg 263,2), wie Paulus schreibt:  Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten. (Eph 5,14).  -   Amen.

 

 

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Michael Nitzke, geb. 1962, Pfarrer in der Ev. Kirche von Westfalen. Seit 1992 tätig an der Ev. Patrokluskirche zu Dortmund-Kirchhörde, jetzt Teil der Ev. Philippus-Kirchengemeinde Dortmund ( www.philippusdo.de). Daneben Tätigkeit in der Verkündigung im Rundfunk ( www.nitzke.de/radio).



Pfarrer Michael Nitzke
Dortmund, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
E-Mail: michael.nitzke@philippusdo.de

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