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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Okuli, 24.02.2008

Predigt zu 1. Könige 19:1-13, verfasst von Paul Geiss

 

Elia am Horeb

19 1 Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte. 2 Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast! 3 Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort.

 

4 Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.

5 Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iß! 6 Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.

7 Und der Engel des HERRN kam zum zweitenmal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iß! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. 8 Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.

 

9 Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier, Elia?

10 Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet, und ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten danach, daß sie mir mein Leben nehmen.

11 Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen.

Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. 12 Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.

13 Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia?

 

Er muss sehr einsam gewesen sein, der arbeitslose Mann, der vor kurzem tot auf einem Hochsitz tief in den Wäldern in Niedersachsen gefunden wurde. Tagebuch hat er geschrieben, wochenlang hat er auf dem Hochsitz ausgeharrt, hat wohl ausser Wasser keine Nahrung zu sich genommen und ist verhungert. Die letzte Eintragung in seinem Tagebuch war vom 13. Dezember 2007, sechs Wochen später wurde seine bereits mumifizierte Leiche gefunden. Ein verzweifelter einsamer Mann, geschieden, zerstritten mit der Tochter, mit den Behörden hat er auch nicht mehr gekämpft, um sein Lebensminimum zu erhalten, Hartz IV, er hat offenbar ganz bewusst seinen Tod gewollt und herbeigeführt.

Gott ist ihm nicht erschienen und hat ihm einen Auftrag zum Leben gegeben, Gott hat ihm keine Hilfe angeboten, wie dem Elia, hat Gott ihn wirklich allein gelassen?

Oder hat sich der Mann bewusst von allen Lebensquellen abgeschnitten, sein Herz verhärtet, Augen und Ohren verschlossen und im Widerstand gegen die Art zu leben, zu der er sich gezwungen sah, seinem Leben ein Ende gesetzt?

Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, was er in sein Tagebuch geschrieben hat, wie er abgerechnet hat mit seinem leben, seinen Mitmenschen, seinem Gott.

 

Auch der eindrückliche Film „Into the wild", der kürzlich in unseren Kinos angelaufen ist, berichtet von einem Mann, der sich in die Wildnis zurückgezogen hat, weil er dem spiessbürgerlichen Leben mit seinen Freuden und Belastungen entfliehen und in Alaska den Traum von Einsamkeit, Freiheit und Unabhängigkeit verwirklichen will. Er endet tragisch, weil er der Natur und diesem freien Leben nicht gewachsen ist.

Hier die Aussteiger, die Lebensverweigerer, die einsamen Sucher in der Wüste des Lebens und der Zivilisation, die einfach wegwollen bis hin zum Tod, dort eine andere Gestalt.

Ein Prophet aus dem alten Testament, aus dem Buch der Könige, ein Prophet, der den Mund nicht halten kann und sich gegen das Volk Israel und seine Könige stellt, auch er verweigert sich der spiessbürgerlichen Mentalität des „Allen Wohl und niemand weh", auch er verweigert sich den Kompromissen, die das eine zulassen und das andere auch, Gott und die Götter, ein bisschen Frieden, ein bisschen Gerechtigkeit, ein bisschen Spenden. Elia will den richtigen Gottesglauben, die richtige Gottesverehrung, die verherrlichung des Gottes, der mit Israel seinen Bund geschlossen hat. So entlarvt er die falschen Propheten und überwindet im Namen des Gottes Israels, im Namen Jahwes die falschen Priester des Baal, des Fruchtbarkeitsgottes der Kanaanäer.

Das duldet weder König Ahab noch seine Königin Isebel, sie glauben sich über Recht und Gesetz erhaben und verfolgen Elia. Der fürchtet um sein Leben. Sein Leben ist ihm lieb, sein Leben ist er nicht bereit im Auftrag der Wahrheit einfach zu opfern. Er verzweifelt und flieht in die Einsamkeit.

Wie es weitergeht, das haben wir am Anfang gehört, Wunder über Wunder, Elia soll nicht so enden, wie der arbeitslose Mann im Wald, wie der junge Zivilisationsverweigerer in Alaska, er behält sein Leben wie durch ein Wunder, er behält seine nackte Existenz, aber mit dem Essen kommt die Kraft und

  

so lange Gott uns am Leben erhält, haben wir eine Aufgabe!

 

Essen bekommt er und Kraft, vierzig Tage und Nächte zu wandern weit weg von den Bedrohungen durch die Königin Isebel, weit ab von seinem normalen Alltag bekommt er eine Gnade geschenkt, die nur wenigen zuteil wird, er darf Gott begegnen, er darf von Mann zu Gott, ihm oder ihr, gegenübertreten und seine Verzweiflung schildern. Er hat geeifert, er hat Gottes Auftrag erfüllt, er hat alles getan, wozu ihn dieser Gott verpflichtet hat, sein Wort und seine Aufträge hat er verkündet, aber jetzt kann er nicht mehr, will er nicht mehr, aber: Er verweigert Gott nicht den nötigen Respekt. Er verhüllt sein Haupt, er erwartet den, von dem er Leben und Auftrag hat.

Und was macht dieser Gott: Er rechtfertigt sich nicht. Er liefert keine Begründung für Elias Verzweiflung, für Elias lebensbedrohliche Aufgabe, er schickt ihn einfach weiter.

  

Was hast Du hier zu tun?

  

Rückzug, Stärkung in der Wüste, Gottesbegegnung ist die eine Seite, Meditation, mystische Begegnung, Herzensgebet, Yoga, Rückzug ins Kloster, ins Haus der Stille ist die eine Seite, die uns hilft, sich immer wieder von Gott fragen zu lassen: Was hast Du hier zu tun? Und dann...

Los, wieder zurück ins Leben. Und wenn Du wirklich alt und müde wirst, dann organisiert Gott einen Nachfolger, lesen Sie einfach, wies weitergeht im Buch der Könige. Ein zwölfjähriger Junge wird sein Nachfolger, gerade konfirmiert, gerade mit ersten grösseren Einsichten ins Leben konfrontiert, bekommt er schon den Prophetenmantel übergeworfen und wird erwählt. Elia weiss nun, dass auch der Weg der Flucht, der Einsamkeit, der Verzweiflung nur eine Station seines ganzen Lebens war, es geht mit Gottes Hilfe weiter, er muss sich nicht verweigern und im Widerstand gegen Gott und die Welt zu grunde gehen.

Was hast Du hier zu tun?

Er gewinnt wieder Kraft für seine weiteren Aufgaben durch die Begegnung mit Gott, die ihm gewährt wurde, die wir oft vergeblich erflehen, erzwingen wollen in unseren kontemplativen Phasen.

Elias Erfahrungen und seien sie noch so alt, sie können uns den Weg weisen.

 

So lange Gott uns am Leben erhält, haben wir eine Aufgabe!

  

Mitten in die Gottesbegegnung hinein verfolgt uns die Frage: Was hast Du hier zu tun. Mystik und Versenkung, Flucht und Widerstand sind nicht Selbstzweck, sie sind eine Phase auf dem Weg, seinen Auftrag vor Gott in jeder Lebensphase neu zu entdecken, in jeder Lebensphase: Am Anfang schenkt uns Gott das Leben, lässt uns in seiner Welt aufwachsen, weist Gott uns unsere Aufgaben zu, ER gibt uns Kraft, die Aufgaben auszuführen, ER lässt uns auch in der Verzweiflung nicht allein, wenn wir uns seinen Weisungen nicht verschliessen, und am Ende des Weges entlastet ER uns durch einen Nachfolger, dem wir im Augenblick vielleicht noch nicht alles zutrauen, weil er so jung und unerfahren scheint, aber die Begegnung mit Gott hilft, wieder aufzutanken und nach vorn zu blicken.

Eine solche Erfahrung hätte ich dem arbeitslosen Mann im Wald auch gewünscht, Gott weiss, warum er ihn so enden liess, eine solche Erfahrung hätte ich auch dem jungen Mann, der in die Wildnis flieht, gewünscht, die eindrücklich mit berückenden Naturaufhnahmen verfilmte Geschichte beruht ja auf einer wahren Begebenheit von 1992. Gott hat sie diesen beiden nicht geschenkt oder sie hatten keine Ader dafür entwickelt, denn ich bin mir sicher, Gott kann zu jedem reden und wir sollten unsere Antennen für seine Wahrnehmung in unserer Welt schärfen durch den Glauben daran:

So lange Gott uns am Leben erhält, haben wir eine Aufgabe! Und durch seine bohrende Frage: Was hast Du hier zu tun? Auf, los, weiter! ER lässt Dich nicht allein.

 

Lassen Sie Sich mithineinnehmen in unseren Sonntagspsalm heute am Sonntag Oculi, an dem Sonntag, an dem wir wieder einmal neu gesagt bekommen: Meine Augen sehen stets auf den Herrn in der Versenkung und im Alltag:

 

Psalm 34

16 Die Augen des HERRN merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien.

17 Das Angesicht des HERRN steht wider alle, die Böses tun, daß er  ihren Namen ausrotte von der Erde.

18 Wenn die Gerechten schreien, so hört der HERR und errettet sie aus all ihrer Not.

19 Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.

20 Der Gerechte muß viel erleiden, aber aus alledem hilft ihm der HERR. 21 Er bewahrt ihm alle seine Gebeine, daß nicht eines zerbrochen wird.

22 Den Gottlosen wird das Unglück töten, und die den Gerechten hassen, fallen in Schuld.

23 Der HERR erlöst das Leben seiner Knechte und Mägde, und alle, die auf ihn trauen, werden frei von Schuld.

 

AMEN



Pfarrer Paul Geiss
Jugenheim
E-Mail: geiss.ev.kirche@t-online.de

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