Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Lätare, 02.03.2008

Predigt zu Jesaja 54:7-10, verfasst von Karin Klement

Die Lesung des Predigttextes findet in Abschnitten innerhalb der Predigt und im Wechsel mit einer zweiten Liebesgeschichte statt. Die Gedanken Gottes werden symbolisch im Bild eines liebenden Mannes aufgenommen, der auf dem Rückweg zu seiner Frau ist, von der er sich aufgrund ihrer Untreue getrennt hatte. Damit nehme ich die alttestamentliche Vorstellung eines Ehebundes zwischen Gott und seinem Volk Israel auf. Auf dieser Beziehungsebene war Israel seinem Gott untreu geworden, hatte sich aus politischem Kalkül mit den Großmächten seiner Umgebung verbunden inklusive deren Gottheiten. Gottes berechtigter Zorn strafte sie mit Zerstörung ihrer Heimat und Verbannung nach Babylonien.

Gottes „innere Rede" wechselt sich ab mit den Gedanken und Erinnerungen eines Menschen unserer Zeit. Was durch beide Bildergeschichten hindurchstrahlen soll, ist die unbeschreiblich hingebungsvolle, unaufhörliche und vergebende Liebe, die der Deuterojesaja-Text Gott ins Herz legt. Diese göttliche Liebe überdauert alle „Erosionen" irdischer Zeiten, alle Berg- und Hügelabbrüche, denen unsere Erde - genau wie wir selbst - ausgeliefert sind. Sie ist Vorbild und Basis unserer menschlichen Liebesfähigkeit.

Liebe Gemeinde!

Er verlässt die Kirche mit einem neuen Impuls. Jener biblische Text, von dem der Pfarrer sprach, geht ihm nicht aus dem Sinn. Ihm ist, als wäre da etwas von Gott erzählt, was er sehr gut kannte, was ihm selbst ganz ähnlich widerfahren war.

Nun ist er auf dem Wege zu seiner Frau. Weit und kraftvoll schreiten seine Beine aus. Freude durchströmt seine Gedanken. Er hat sich entschieden. Endlich wird er sie wieder in seinen Armen halten, den Duft ihrer dunklen, lockigen Haarpracht tief einatmen, ihre weiche Haut sanft berühren und in ihren Augen lesen, was sie fühlt. Ein Lächeln umspielt seine Mundwinkel. Für einen kurzen Moment verharrt sein Lächeln, seine Schritte zögern. Erinnerungen drängen sich in seine Gedanken, die ihn langsamer gehen lassen. Wie war das damals, als sie sich dauernd gestritten hatten? Als er sie verließ, weil er es nicht mehr aushalten konnte? Als er von seiner Verbitterung so überwältigt wurde, dass sie fast den ganzen Raum seines Herzens einnahm und die Liebe beiseite drängte?

So spricht der HERR: Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser.

Seine Enttäuschung hatte sich damals, in den ersten Jahren ihrer Ehe tief eingegraben. Er hatte sich schon fast daran gewöhnt, dass sie dauernd mit anderen flirtete. Dass sie die Bestätigung brauchte, auch für andere Männer attraktiv zu sein. Doch den Schmerz darüber spürt er immer noch, sogar bis jetzt. Manchmal war sie wie ein kleines Mädchen. Ängstlich darauf bedacht, es sich mit niemandem zu verderben. Hilflos, schwach, beinahe ohnmächtig angesichts der normalen, alltäglichen Herausforderungen. Gewiss, sie hatte es nicht leicht gehabt in ihrer Kindheit. Immer die Jüngste, Kleinste, die Zerbrechlichste zwischen starken Geschwistern. Das Leben erscheint hart, wenn man ohne menschlichen Beistand aufwächst, wenn man viel zu früh für sich selbst sorgen muss und kein Vertrauen wagt. Als sie heranwuchs, flogen die Männer auf ihre zarte, zerbrechliche Schönheit. Sie umschwärmten sie, benutzten sie, ohne ihr jene Stabilität zu geben, derer sie bedurfte. Kein Wunder, dass sie flatterhaft, unzuverlässig mit ihrem eigenen Leben umging, genauso wie mit dem Leben jener Menschen, die sie wirklich liebten.

Ihre Verletzlichkeit hatte sein Herz berührt. Er fühlte sich für sie verantwortlich und zugleich von ihrer kindlichen Begeisterungsfähigkeit zutiefst angerührt. Als er ihr seine Liebe gestand, ließ sie sich darauf ein. Ein Sohn wurde ihnen geboren, ein Kind, das ihnen beiden unendlich kostbar ist, bis heute. Und dennoch reichte ihr seine Liebe nicht. Immer wieder suchte sie neue Beziehungen, „flatterte" von einem sie bezaubernden Verführer zum nächsten; blind und gefühllos für jene Liebe, mit die ihr Mann sie in den vielen Jahren ihrer Ehe hingebungsvoll einhüllte. Seine zärtliche Werbung, seine Geduld, seinen Schmerz und die grenzenlose Traurigkeit, wenn er sich wieder einmal von ihr verraten fühlte, hatte sie ignoriert, ja sogar verspottet. Er fühlte sich von ihr wie gekreuzigt, zutiefst verletzt. Irgendwann hielt er es nicht mehr aus, zog einen Schlußstrich und verließ sie. Er wollte sie aus seinem Leben verstoßen, sie vergessen.

Ich habe dich verlassen. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns vor dir verborgen. Er war gegangen, hatte sie verlassen. Genauso wie GOTT sein geliebtes Volk im Zorn verlassen hatte. Doch die Liebe brannte weiter in seinem Herzen. Sein leidenschaftlicher Zorn, seine Eifersucht war ja immer nur die Kehrseite seiner Liebe. Sie glüht in ihm, droht ihn zu verbrennen, gerade weil er diesen Menschen so sehr liebt. Zur Leidenschaft Gottes - so hatte der Pfarrer in seiner Predigt erzählt - gehört auch, dass Gott selbst nach einer Möglichkeit sucht, aus dem Kreislauf von Abweisung und Enttäuschung herauszufinden. Dass Gott sich niemals zufrieden gibt mit dem Nein seiner Menschenkinder, vielmehr sein Herz öffnet mit grenzenloser Weite durch Zeit und Raum.

Aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln; mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser. Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.

Kann es sein, dass die Liebe zu einem Menschen immer größer ist als jede Schuld, als jedes Versagen, ja weit umfassender als jeder noch so berechtigte Zorn? Seine Schritte verlangsamen sich bis zum Stillstand. Er weiß nicht, ob seine Frau in dem einen Jahr seit ihrer Trennung sich wirklich geändert hat, ob sie zuverlässiger, treuer, verantwortungsbewusster geworden ist. Doch im Grunde ist ihm das egal. Er wird es ertragen, weil er spürt, wie groß seine Liebe zu ihr ist, weitaus stabiler als ihre Flatterhaftigkeit. Mit ihr zu streiten, war nie erfolgreich gewesen. Sie ändern zu wollen, hat keinen Zweck. Denn diese Möglichkeit bleibt ihr - wie jedem Menschen - nur selbst vorbehalten. Aber den „Erosionen" seiner Liebe zu widerstehen, dem Abbruch seiner Gefühle ihr gegenüber etwas entgegenzusetzen, das liegt in seiner Kraft. Er will ihr die Treue bewahren, die er ihr vor Jahren geschworen hat. Er ist bereit, ihren gemeinsamen Bund zu erneuern. Frieden soll endlich einkehren in sein Herz - und so Gott will - auch in ihres. So schreitet er voran, einer neuen Zukunft entgegen. Ob seine Ehe hält? Ob alles gut ausgehen wird? Ob das Schwanken zwischen Zuwendung und frustrierender Ablehnung, zwischen Trennung und Wieder-zu-einander-finden endlich ausgependelt ist? Darauf kommt es jetzt nicht an. Nur auf die Liebe, - und die hält ewig.

AMEN



Pastorin Karin Klement
Göttingen
E-Mail: Karin.Klement@evlka.de

(zurück zum Seitenanfang)