Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Lätare, 02.03.2008

Predigt zu Jesaja 54:7-10, verfasst von Wolfgang Vögele

Gnade - Zorn - Lebenserfahrung 

Der Predigttext für den Sonntag Laetare steht beim Propheten Jesaja (54,7-10):

„Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser. Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, daß die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, daß ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer."

Liebe Gemeinde,

Die Erde bebt. Berge weichen. Hügel fallen. Gottes Gnade aber kann kein Erdbeben erschüttern. Mit dieser Gnade gelingt Gott das Wunder, das über alle seine Widersacher triumphiert. Der Prophet Jesaja stimmt seine Brüder und Schwestern im babylonischen Exil neu auf die Liebesgeschichte zwischen Gott und den Menschen ein. Nach einer Zeit bitteren Zorns spricht Gott ein gnädiges Wort seines Erbarmens. Aber bevor wir das ungeheuer Begeisternde und die überwältigende Tiefe dieser nicht zu erschütternden göttlichen Gnadenzusage verstehen, müssen wir zunächst über die unausgesprochenen Sehnsüchte im Verlauf eines Menschenlebens reden.

Die meisten Menschen verbergen diese Sehnsüchte tief in ihrem Innern. An der Oberfläche ihres Sprechens und Handelns sind sie nicht zu sehen. Dennoch ist darüber zu reden. Wir müssen reden, worüber sonst keiner redet, öffentlich schon gar nicht und meist auch nicht privat, im kleineren Kreis der Freunde und Bekannten, oder . Es ist diese spannende, faszinierende und uns beunruhigende Seelenlandschaft in unserem Innern. Meist verschweigen wir sie anderen, aus Scham und aus falscher Rücksichtnahme, aber auch aus dem Gefühl heraus: Was dort in mir wächst und Blüten treibt, das muß ich für mich behalten. Sonst müßte ich mich in einer Weise vor anderen offenbaren, die mich verletzbar macht und schwächt.

Dieses Innere des Menschen, das ich meine, kann sich auf ganz unterschiedliche Weise zeigen.  Bei jüngeren Menschen, Schülern, Kindern und Konfirmanden kommt sie auf eine Art und Weise zum Vorschein, die vor allem auf die Zukunft, auf das kommende Leben bezogen ist. Im Sog dieser Sehnsucht ist der Wunsch nach einer wunderbaren Zukunft für mich selbst enthalten. Kino, Radio und Fernsehen scheuen sich nicht, jungen Menschen die kitschigen Bilder für eine solche Zukunft vor Augen zu stellen:  als singender Popstar, als Germany's Next Topmodel, als aufstrebender Fußballprofi mit Aussicht auf die Nationalmannschaft. Wer solche Projektionen durchschaut, der hofft als Schüler wenigstens auf einen guten Abschluß. Und er nimmt eine viel versprechende Lehrstelle oder einen begehrten Studienplatz mit folgender Karriere in Aussicht.

Im Kontakt mit der Wirklichkeit lösen sich diese Wünsche und Sehnsüchte sehr oft zu Seifenblasen auf. Trotzdem lassen sich aus der Seele nicht verdrängen, auch wenn keiner gerne darüber spricht. Denn je großartiger und weitausgreifender ein junger Mensch mit seinem Wunschziel in die Zukunft hineinprescht, desto größer erscheint die Gefahr, auf dem Glatteis der Wirklichkeit mit Wunsch und Sehnsucht auszurutschen und unsanft auf dem Hosenboden zu landen. Kein Popstar, kein Topmodel, keine Lehrstelle - das sind die häufigen Ausgangspunkte einer tristen und drögen Wirklichkeit. Von dort kann ein junger nur mit großen Schwierigkeiten weiterführende Schritte gehen. 

Darauf kommt es an: Junge Menschen bewegen sich oft stolpernd und unsicher auf einer schiefen Ebene. Oben stehen hochfliegende Wünsche, Träume, Phantasievorstellungen, unten wartet eine graue Wirklichkeit, die die meisten Träume unnachsichtig verschluckt, und viele Menschen auf den Boden der Tatsachen herunterzieht.

Und diese schiefe Ebene reicht von der Wirklichkeit, die wir täglich erleben, bis in verborgenen Bereiche der Seele hinein. Sehnsüchte, Pläne und Träume, nicht nur von Jugendlichen liegen in diesen verborgenen Bereichen oft unausgesprochen und unbewußt. Sie wirken im Schatten der eigenen Gefühle und Gedanken. An einem ausgesprochenen Traum muß sich ein Jugendlicher  messen lassen, ein unausgesprochener Traum, der nicht verwirklicht wird, zieht nicht noch zusätzlich den Spott der Kumpel und Freundinnen auf sich.

Aber es ist nicht so, daß nur die Jugendlichen mit ihren Träumen und Sehnsüchten leben müssen, das gilt auch für die älteren. Doch je älter ein Mensch wird, desto mehr wechselt für ihn die Perspektive, mit der er auf seine Träume blickt. Er schaut nicht mehr in die Zukunft, sondern er schaut viel eher auf die Vergangenheit. Seine Frage lautet nicht: Welche Träume kann ich noch verwirklichen? Seine Frage lautet: Welche Träume habe ich verwirklicht? Was ist mir gelungen? Und was mache ich in der Zeit, die mir noch bleibt, mit den Träumen, die weiterhin meine Seele bestimmen?

Nach fünfzig, sechzig, siebzig Lebensjahren stellt sich vieles anders dar als noch für die Vierzehn-, Fünfzehn-, Sechzehnjährigen. Nach sechzig blicken viele auch mit einigem Befremden auf diejenigen, die gegenwärtig vierzehn, fünfzehn oder sechzehn sind. Für die Älteren ist vor allem die Zukunft der Lebensjahre kleiner geworden.

An die Stelle des hoffnungsvollen Blicks in die Zukunft tritt der manchmal nostalgische Blick zurück, auf die erlebte Lebensgeschichte, auf verwirklichte Träume und verpaßte Chancen, auf erfüllte Wünsche und gescheiterte Pläne. Beides, das Gelungene und das Gescheiterte, das Geplante und das Ungeplante, mischen sich im Rückblick zu einem  umfangreichen, vielschichtigen Bild eines lange währenden Lebenswegs. Die Sehnsüchte, Wünsche und Pläne verändern sich mit den gewonnenen Jahren an Lebenserfahrung, aber es ist nicht so, daß sie mit zunehmendem Alter vollständig verschwinden. Auch älter gewordene Menschen haben Sehnsüchte, Wünsche und Pläne gerade so wie Vierzehnjährige. Und noch diese Sehnsüchte, Wünsche und Pläne bestimmen ihr Leben.

Bevor ich auf Jesaja zurückkomme, ist diese Bemerkung wichtig: Die Lebensgeschichte eines Menschen von der Geburt bis ins hohe Alter, das sind weit mehr als nur die trockenen Fakten und die schwer zu merkenden Jahreszahlen.

Wir verstehen eine lange Lebensgeschichte nicht richtig, wenn wir nicht die geheimen und offenen Wünsche, die großen Pläne und die unerfüllten Sehnsüchte kennen, die ein solches Leben vorantreiben.

Erst wenn wir so die Lebensgeschichte von Menschen, angefangen bei der je eigenen Lebensgeschichte, verstanden haben, dann können wir auch die Rede Gottes beim Propheten Jesaja in ihrem genaueren Sinn verstehen und  annehmen.

Die Lebensgeschichte eines Menschen samt seinen vielen Sehnsüchten und Hoffnungen findet sich im Licht der großen und wunderbaren Aufmerksamkeit Gottes. Glaubend verbringen wir unser Leben nicht unter einem Schirm der Gleichgültigkeit und des banalen Zufalls. Ganz und gar nicht gleichgültig sind dem barmherzigen Gott die vielen Lebensgeschichten von alten wie jungen, von planenden wie rückblickenden Menschen. Gott taucht geradezu in diese Lebensgeschichten ein, sagt Jesaja. Er blickt mit Gnade und Zorn darauf. Und gerade diese Mischung, nein, der Widerspruch zwischen Gnade und Zorn löst bei den verunsicherten Menschen ein banges Gefühl vieler Befürchtungen aus. Denn niemand möchte gerne im Bannstrahl des göttlichen Zornes stehen. Niemand möchte seine Pläne und Hoffnungen zum Scheitern verurteilt sehen. Niemand wünscht sich die Erdbeben, von denen Jesaja spricht, weil sie Lebenswege ins Wanken bringen und einen Menschen in den Abgrund der Verzweiflung stürzen lassen können.

Trotzdem bin ich überzeugt: Wir können froh sein, daß Jesaja überhaupt vom Zorn Gottes redet. Viele Menschen rücken sich Gott zu einem lieben Gott zurecht. Dieser vermeintlich liebe Gott heißt alles und jedes gut, was die Menschen auf Erden zu Wege bringen. Aber einem Gott, der alles gutheißt, was geschieht, dem ist im Grunde alles gleichgültig. Deswegen ist das Nebeneinander von Zorn und Barmherzigkeit Gottes von so großer Bedeutung. Gott nimmt Anteil an den Sehnsüchten und Plänen der Menschen, mit denen sie sich auf ihrem Lebensweg vorantasten. Keineswegs läßt er die Menschen gleichgültig und kalt allein. Das bedeutet: Weder heißt Gott alles gut, was auf Erden geschieht, noch verdammt er alles.

Nun darf man aber nicht meinen, Zorn und Barmherzigkeit seien bei Gott verteilt wie zwei gleich große Gewichte auf der rechten und der linken Seite einer Waage. Und die Gerechtigkeit des richtenden Gottes bestünde darin, daß er Zorn und Barmherzigkeit ausgewogen und in gleich großen Mengen unter die Menschen verteilt. Jedem das Seine an Zorn. Jedem das Seine an Gnade. Der biblische Gott des Jesaja hat seine Waage so eingestellt, daß die Barmherzigkeit viel mehr ins Gewicht fällt als der Zorn. Das Leichtgewicht des Zorns gewinnt nicht die Oberhand über das schwere Gewicht der Gnade. Der göttliche Zorn dauert nur einen kleinen Augenblick, die Gnade dagegen eine Ewigkeit lang. Im Zorn verbirgt sich Gott vor den Menschen Israels, in der Gnade schließt er einen neuen, ewigen Bund mit ihnen.

Man darf sich nun allerdings über das Wort Augenblick zeitlich nicht täuschen. Manche Dinge brauchen lange Zeit. Wer von Ihnen schon älter ist, dem muß ich das nicht mehr sagen. Dieser biblische Autor, den wir den zweiten, griechisch den Deuterojesaja nennen, sprach zu den Israeliten im babylonischen Exil. Nach einer verheerenden militärischen Niederlage war die gesamte theologische und politische Elite des Volkes nach Babylon in Gefangenschaft abtransportiert worden. Die Hoffnung bewahrheitete sich nicht, daß dieses Exil nur wenige Jahre währen würde. Die Gefangenschaft sollte Jahrzehnte dauern, über eine Menschengeneration hinweg. Man darf also manchmal die Dauer von Augenblicken nicht unterschätzen.

Trotzdem: Es ist das Entscheidende, daß göttlicher Zorn und göttliche Barmherzigkeit nicht ausgewogen ausbalanciert sind. Zwischen beiden herrscht nach Jesaja ein Ungleichgewicht, zugunsten der Menschen, zugunsten der Gnade.  Auf den kleinen Augenblick des Zorns folgt die große Ewigkeit der Gnade.

Das bringt einen zu der Frage: Wozu braucht Gott überhaupt den Zorn, wenn die letzte Ewigkeit durch die Gnade bestimmt ist? Und bezogen auf die Lebensgeschichte, verwandelt sich die göttliche Frage in eine menschliche: Wozu diese ganzen Erfahrungen von sinnlosem Leid, unermeßlicher Trauer und verzweifeltem Sterben? Haben sie etwa auch ihren Sinn?

Auf diese Fragen werden wir in diesem Leben keine zureichende Antwort finden, jedenfalls wenn wir nach dem Zweck des Leidens suchen wie der Mathematiker in der Gleichung nach einer berechenbaren Unbekannten sucht.

Im Zorn verbirgt sich eine dunkle, den Menschen abgewandte Seite Gottes, die uns unverständlich ist und bleiben muß. Nicht nur Jesaja, die meisten biblischen Autoren sprechen das immer wieder ganz nüchtern aus. Und dennoch: Nirgendwo in der Bibel ist Gott nur und allein der zornige Zerstörer, der in seiner Wut den Menschen keine Chance mehr läßt. 

Es bleibt bei diesem gnädigen göttlichen Ungleichgewicht: Die Gnade liegt Gott näher als sein Zorn. Viele Theologen haben darum versucht, den Zorn Gottes als eine Art Liebe mit negativem Vorzeichen zu verstehen. Gott wendet sich nicht gegen die Menschen. Deren Würde erkennt er an. Aber er wendet sich gegen die Sünde des Menschen, gegen das, was den Menschen von Gott trennt. Auch das stellt die Bibel in großer Nüchternheit als eine belastende und den Menschen quälende Wirklichkeit fest. Es gibt etwas, das das Leben des Menschen von Gott trennt. Es gibt ein bewußtes Sichabwenden von Gott, das die Bibel Sünde nennt. Und dem begegnet Gott mit Zorn und Gnade zugleich, mit einem - wie Jesaja sagt - „kleinen Augenblick" des Zorns und mit einem ewigen Augenblick der Gnade.

Es ist gut, sich dieses Übergewicht göttlicher Gnade immer wieder in Erinnerung zu rufen. Denn Gnade und Barmherzigkeit Gottes bestimmen unser aller Lebensweg, auch wenn wir das für Augenblicke nicht merken oder vergessen, wenn wir uns elend und verletzt fühlen.

Wichtiger und gewichtiger ist stets die Gnade Gottes. Amen.



PD Dr. Wolfgang Vögele
Karlsruhe
www.Christuskirche-Karlsruhe.de
E-Mail: wolfgang.voegele@aktivanet.de

(zurück zum Seitenanfang)