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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Lätare, 02.03.2008

Predigt zu Jesaja 54:7-10, verfasst von Stefan Knobloch

Begründete Freude

 An diesem frohgestimmten vierten Sonntag in der Fastenzeit - er trägt ja den Namen „Lätare", „Freue dich" - scheint uns die Lesung aus dem Buch Jesaja (54,7-10) weit in das 6. Jahrhundert vor Christus, in die Zeit der so genannten Babylonischen Gefangenschaft, entführen zu wollen. Juda, das so genannte Südreich - das einstige Reich des großen Königs Salomo war schon seit mehr als dreihundert Jahren in das Nordreich Israel und in das Südreich Juda zerfallen -, Juda also, das Südreich, war 586 in die Babylonische Gefangenschaft geführt worden und darbte vor sich hin in religiös-kultureller Entbehrung, ohne Perspektive, verlassen von Gott Jahwe.

Wir können uns trotz des gewaltigen Zeitsprungs über zweieinhalb Jahrtausende unschwer in die Lage Judas in Babylon versetzen. Wir, die wir im Zeitalter der größten Migrationsbewegungen leben, die es je gegeben hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Europa ganze Regionen durch staatliche Willkür vertrieben und umgesiedelt. Und bis heute sind Menschen in vielen Regionen der Welt auf der Flucht vor ethnischer Verfolgung, vor Genozid und Völkermord, wie in Ländern Afrikas, und wie vor Jahren in Jugoslawien, in einem Teil Europas. Menschen verlassen aus ökonomischen und ökologischen Gründen ihr Land, oftmals unter dramatischen Umständen, bei denen viele zu Tode kommen.

Wir müssen das aktuelle Szenario gar nicht weiter ausmalen. Die Situation Judas in Babylon hatte alle Dimensionen von Unterdrückung, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit an sich.

Und diese kollektive Hoffnungslosigkeit wird uns heute am frohgestimmten Sonntag Lätare zugemutet? Wo wir augenblicklich doch, auch wenn wir persönlich unser Schäfchen im Trockenen haben sollten und vielleicht von keinen größeren Sorgen geplagt werden, von gesellschaftlichen Skandalen erschüttert werden, so dass wir des Rückgriffs auf die Situation Judas in Babylon in der Tat nicht bedürften! Schon gar am Sonntag Lätare!

Exakt in die damalige Hoffnungslosigkeit hinein thematisiert Gott das Neue, das Unerwartete, die Wende. So unerwartet, wie uns 1989 die Wende überraschte, der Fall der Mauer und alles, was danach kam. Gott kündigt seinem Volk in Babylon durch einen Propheten, den wir Deuterojesaja nennen, weil uns seine historische Gestalt unbekannt ist, die Rettung, das Ende der Gefangenschaft an, nach knapp fünfzig Jahren, also nach zwei Generationen, die im Elend der Gefangenschaft ausgehalten hatten.

Ich habe dich, so spricht Jahwe durch den Propheten, nur eine kleine Weile verlassen - fünfzig Jahre immerhin, zwei Generationen! -, doch jetzt hole ich dich mit großem Erbarmen heim.

Wenn der türkische Präsident Erdogan mit seiner Rede in der Köln-Arena Mitte Februar eine solche emotionale Bewegung auslösen konnte, vor Menschen, die alles andere als in Gefangenschaft leben, die allenfalls unter selbstgewählten ghettoisierenden Verhältnissen leben, die zudem zu einem nicht geringen Teil als Deutsche und als in Deutschland Geborene gar nicht mehr im wörtlichen Sinn „Landsleute" des türkischen Präsidenten sind, wenn gleichwohl seine Rede solche Emotionen freisetzte, wie mag - um den Vergleich heranzuziehen - es Juda emotional, ja existentiell getroffen haben, als ihm Jahwe die Heimkehr zusagte. Mein Erbarmen holt dich heim!

Durch dieses eine Wort wurden alle unterdrückten und zurückgehaltenen Hoffnungen auf eine Wende, auf die Rückkehr in die Heimat mächtig an die Oberfläche gespült. Und keine Geringerer als Jahwe hatte diese Zusage gegeben!

Unser Text spricht von seinem Erbarmen. Wir hören - im Gegensatz zu den Menschen damals - die Bedeutungstiefe nicht mehr mit, die dieses Wort, hebräisch rachamim, für die Menschen damals hatte. Das hatte nichts von der Kühle eines göttlichen Dekrets an sich, wenn wir so sagen dürfen. In dem Wort rachamim, Erbarmen, das Jahwe seinem Volk zusagte, schwang die zarte emotionale Liebe einer Mutter zu ihrem Kind mit, eine zärtliche verlässliche Liebe. Eine Liebe bis zuletzt. Es mag nicht herpassen und passt doch. In einer Gaskammer in Auschwitz, als alles Schreien der Opfer verstummt war und man die Kammer öffnete, um die Toten herauszuholen, hörte man das Wimmern eines Kindes. Es hatte, an der Brust seiner Mutter saugend, das tödliche Gas überlebt. Die Liebe einer Mutter bis zum Schluss. Dass dann ein Wachsoldat das Kind durch einen tödlichen Schuss niederstreckte, ist freilich die andere, die empörend unmenschliche Seite dieser Begebenheit.

Gott zeigt sich in verlässlicher Liebe, so sagt Deuterojesaja.

Wie berührt uns das? Berührt es uns überhaupt? Trifft die behauptete Liebe Gottes nicht eher auf unsere Abwehr? Meldet sich nicht unser Einwand, so hätten wir Gott eigentlich noch nie erfahren? Vielleicht bleibt uns angesichts der Erwähnung von Auschwitz die Rede von Gottes Erbarmen im Halse stecken. Vielleicht möchten wir unsere Jesajastelle als eine am Leben nichtbewährte Stelle auf sich beruhen lassen. Es wäre nur zu verständlich. Aber was sagen wir, wenn gläubige Juden nach Auschwitz auf die Treue Jahwes setzten? Und was sagt uns der Tod Jesu am Kreuz? Fragen sind's, die die Antwort eigentlich schon in sich tragen.

Gott setzt nach. Nur einen Augenblick habe er sein Gesicht vor dem Volk verborgen, aber nun habe sein Erbarmen ewig Bestand. Darauf sei Verlass. So ist Gott, seinem zeitweisen Liebesentzug setzt er sein ewiges, nie mehr rücknehmbares Erbarmen entgegen. Zorn komme nicht mehr in Frage. Ja, er schwört sogar, er bindet sich durch einen Schwur. Ich werde dir nie mehr zürnen, dich nie mehr schelten. Auch wenn Berge von ihrem Platz weichen, und Hügel zu wanken beginnen, seine Huld werde nie mehr wanken. Das ist Poesie, aber eben mehr als Poesie. Es benennt Gottes Wirklichkeit.

Chesed, das andere hebräische Wort für Gottes Erbarmen, steht hier gegen all unsere Erfahrungen und Einwände als das Wort, das die damals nach Babylon Entführten in eine unglaubliche Hoffnung versetzte, in ihnen eine neue Dynamik weckte. Es handelte sich um ein Erbarmen, in dem Gott seine unerwartete überraschende Güte und Freundlichkeit zeigte, ein Erbarmen, das in Freiheit setzt, das in einer konkreten Situation konkrete Taten setzt und nicht bloß Gedanken des Erbarmens hat, die nie konkret werden. Das Erbarmen, von dem hier die Rede ist, charakterisiert Gott als Gott der Menschen, als Gott auf Seiten der Gefangenen, der Unterdrückten, der Rechtlosen, der Schuldiggewordenen.

Lätare, freue dich - liefert dieses geglaubte und im Leben eben doch bewährte Erbarmen Gottes nicht die eigentliche Begründung der Freude, zu der uns der heutige Sonntag auffordert? Wenn wir anfingen nachzudenken, ob sich nicht auch in unserem Leben Spuren des Erbarmens Gottes finden lassen - ich denke, wir würden fündig werden, wenn auch nicht mit der Klarheit, mit der zwei und zwei vier ist, aber mit einer tieferen, gewisseren Klarheit, die weiter reicht und unser Leben verlässlicher trägt als die Übereinkunft, dass zwei und zwei vier ist. In dieser Erfahrung des Erbarmens Gottes, nicht als eines von oben herablassend gewährten Erbarmens, sondern eines, in dem sich Gott uns ganz persönlich schenkt, in dieser Erfahrung sollte unser Leben gründen. In Dankbarkeit und Freude.

Aber das wäre noch nicht alles. Wie damals mit dem Ende der Babylonischen Gefangenschaft eine unglaubliche Dynamik losgetreten wurde, so soll und will das Erbarmen Gottes nicht bloß als unsere Erfahrung bei uns ankommen, die wir dann gleichsam unter Verschluss halten, damit sie uns nicht abhanden komme. Das von Gott kommende Erbarmen zielt, so wie es selbst konkret ist, auf konkrete Veränderungen in unserem Leben, ja darüber hinaus in unserer Gesellschaft.

Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist, sagt Jesus. Das soll unsere Orientierung sein, nicht aus moralischen Gründen, sondern aus einem glaubensdynamischen Grund, der uns Gottes Erbarmen in unsere Lebensführung aufnehmen lässt. Gottes Erbarmen legt also die Basis, nicht unsere eigene Großmütigkeit, auf die wir dann auch noch meinten stolz sein zu dürfen.

Wie, in welchen Äußerungen, in welch konkreter Gestalt wir unser Erbarmen, unsere Barmherzigkeit, realisieren, das ist eine Frage an jeden einzelnen, an die unterschiedlichen Herausforderungen und Anforderungen unseres Lebens. Da haben wir auf unser Leben zu hören.

Und dies im Licht des heutigen Sonntags: Lätare, freue dich! Freuen wir uns des Erbarmens Gottes als dem uns angebotenen Lebensraum, den wir real und entschieden betreten sollen.

 



Prof. Dr. Stefan Knobloch

E-Mail: dr.stefan.knobloch@t-online.de

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