Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Okuli, 11.03.2007

Predigt zu Jeremia 20:7-11a, verfasst von Angelika Überrück

Liebe Gemeinde,

die Worte unseres Predigttextes sind hart: "Du hast mich verführt." "Du hast mir Gewalt angetan." Wenn ich solche Worte höre, denke ich an Vergewaltigung und Folter. Ich denke daran, dass Menschen körperliche Gewalt angetan wird. Oder ich denke an Menschen, die unter seelischer Gewalt leiden. Die einer Sekte angehört haben und nicht wieder frei gekommen sind. Sie haben oft erst spät gemerkt, dass sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in die Gruppe gekommen sind. Und nun ist der Druck, der auf sie ausgeübt wird, groß und es ist schwer, sich dagegen zu stellen.

Aber die Worte unseres Predigttextes richten sich nicht an Menschen, sondern sie sind an Gott gerichtet. Der Prophet Jeremia beschuldigt Gott. Er behauptet von Gott "Du hast mich verführt." "Du hast mich gepackt und mir Gewalt angetan." Er meint damit unseren Gott, von dem wir sagen, dass er gütig und gerecht ist. Wie kann Jeremia Gott so gewalttätig hinstellen?

 

Jeremia ist nicht jemand, der nichts mit Gott zu tun hat, sondern er hat sein ganzes Leben in den Dienst Gottes gestellt. Er hat sich als junger Mann von Gott berufen lassen und tritt nun mit seinem ganzen Leben für ihn ein. Er warnt sein Volk vor den Koalitionen der anderen Völker, die eine Bedrohung aus dem Norden darstellen und das Ende Jerusalems bedeuten. Und er macht deutlich, dass das Volk sich von Gottes Geboten abwendet. Aber dabei belässt er es nicht. Jeremia kämpft leidenschaftlich für Gott, er wirft sich mit seinem ganzen Leben in die Waagschale. Er wird handgreiflich, zerbricht einen Krug, um deutlich zu machen, dass so auch Jerusalem und das ganze Volk zerbrechen werden. Er kritisiert den Tempelkult. Er hält dem Volk vor, dass auch der Tempel keinen Schutz bietet, wenn die Gebote Gottes nicht gehalten werden. Dafür wird er gefoltert. Aber kaum lässt ihn der Tempelaufseher wieder frei, verkündet er neues Unheil über ihn und seine Familie. Er kann nicht anders, er muss weitermachen und verkünden, was er als seinen Auftrag von Gott sieht.

Dennoch ist Jeremia jetzt am Ende seiner Kräfte. Er ist verzweifelt. Er sieht sich, sein Leben und sein Eintreten für Gottes Sache nur noch negativ. Seine Freunde verspotten ihn, sie trachten danach, wie sie ihm aus seinen eigenen Worten einen Strick drehen können. Jeremia fürchtet um sein Leben. Und deshalb greift er Gott an.

Ich habe mich beim Lesen und Nachdenken über diese Worte des Jeremia gefragt, ob wir als heutige Gottesdienstbesucher so etwas überhaupt nachempfinden können. Natürlich haben wir unseren Glauben. Aber so leidenschaftlich ist das bei uns eher nicht. Der Glaube gehört ganz selbstverständlich zu unserem Alltag. Über unser Engagement in einer Kirchengemeinde wird vielleicht mal getuschelt, so nach dem Motto: "Die oder der hat es wohl nötig." Aber damit ist es denn auch gut. Wir gehen zum Gottesdienst, zu Veranstaltungen in der Kirchengemeinde, aber es gibt auch eine Menge anderer Dinge, die unseren Alltag bestimmen. "Man muss es ja nicht gleich übertreiben. Es reicht doch, wenn man weiß, wo der Pastor oder die Pastorin wohnt und wie ich sie erreichen kann.", so oder ähnlich habe ich das immer wieder zu hören bekommen.

In manchen anderen Ländern ist das anders. Da kostet es auch heute noch Mut und Überwindung, zum Gottesdienst zu gehen oder sein Kind taufen zu lassen. Da werden auch heute noch Menschen benachteiligt, verfolgt oder bedroht, wenn sie sich zu ihrem Glauben bekennen. Der Besuch einer Bibelstunde ist da nicht so einfach möglich wie hier bei uns.

Jeremia jedenfalls wird hart attackiert für seinen Auftrag von Gott und er weiß nicht mehr weiter. Aber - und auch das gehört bei diesem Mann dazu: er kann nicht anders. Sein Herz brennt wie Feuer von Gottes Wort, so heißt es in unserem Predigttext. Er muss einfach von Gott erzählen, ohne Rücksicht. Aber dass er damit keinen Erfolg hat, dass die Menschen nicht auf ihn hören, sondern ihn sogar verspotten und ihm nach dem Leben trachten, das zerreißt ihn, das lässt ihn verzweifeln. Er fragt sich immer wieder, welchen Sinn dieser Auftrag Gottes hat. Er leidet an Gott. Er versteht nicht, warum Gott ihm das zumutet. Dennoch wendet er sich nicht ab.

Solche leidenschaftlichen Eiferer für Gott sind wir nicht. Von daher können wir die Ausbrüche von Jeremia eher weniger verstehen. Andererseits, wie es ist, verzweifelt zu sein, wie es sich anfühlt, am Ende seiner Kräfte zu sein, dieses Gefühl kennen wir.

Ich denke an den Mann, dessen Frau bei einem Unfall ums Leben gekommen ist und der nun mit seinen kleinen Kindern allein dasteht. Wer soll ihnen die Mutter ersetzen? Wer soll die Kinder versorgen? Wie soll er es schaffen, Geld zu verdienen und den Kindern ein liebevoller Vater sein? Wie die eigene Trauer bearbeiten und gleichzeitig den Kindern Trost spenden?

Oder den Ehemann, dessen Ehe nach außen hin vorbildlich ist. Immer gibt er mit seiner Frau ein strahlendes Ehepaar ab. Und plötzlich bricht diese Welt zusammen. Der äußere Anlass ist eine berufliche Versetzung des Mannes in eine andere Stadt, der einen Umzug bedeuten würde. Sie möchte nicht weg und so geht er allein. Es kommt zum Bruch. Und wie geht es nun weiter? Wie soll er ein neues Leben beginnen, wo doch bisher alles funktionierte? Auch privat neu starten? Noch einen Versuch wagen?

Oder die Familie, deren Ernährer plötzlich arbeitslos geworden ist, nachdem er einen gut bezahlten Beruf hatte. Von einem auf den anderen Tag ist kein Geld mehr da. Die Ersparnisse sind schnell aufgebraucht bei allen Verpflichtungen, die bestehen. Eine neue Stelle ist nicht in Sicht: zu alt, zu qualifiziert, zu wenig flexibel. Aber was soll man denn machen mit Familie ohne Geld?

Oder Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und nun vor dem Nichts stehen. Die große Hoffnungen in den Neubeginn gesteckt haben. Aber es ist alles ganz anders und die Menschen begegnen ihnen nicht so, wie erhofft. Sie bleiben Fremde, so wie sie in der alten Heimat auch schon Fremde waren.

Oder eine Frau, die sich ihr Leben lang immer darauf verlassen hat, dass der Mann alles regelt und macht und die nun nach dem Tod des Partners völlig hilflos vor den Aufgaben des täglichen Lebens steht.

Ihnen fallen wahrscheinlich ganz andere Erlebnisse ein. Jede und jeder von uns hat vermutlich schon Menschen erlebt, die verzweifelt sind.

Oder der eine oder die andere von Ihnen hat selbst Situationen erlebt, wo Sie am Ende der Kräfte waren und nicht mehr weiter wussten. Körperlich oder seelisch. Und ich denke, diese Situationen sind wirklich die schlimmsten, die Menschen passieren können. Mit Leid und Trauer, mit Selbstanklagen und Selbstzweifeln, mit Perspektivlosigkeit und Hoffnungslosigkeit fertig werden zu müssen.

Also: Wie es ist, verzweifelt zu sein, ähnlich wie Jeremia, das können viele von uns nachempfinden.

Aber was tun wir in solchen Situationen, in den wir verzweifelt sind? Würden wir Gott anklagen? Würden wir so leidenschaftlich wie Jeremia mit Gott reden? Manchmal erlebe ich es, dass Menschen sagen: "Wenn Gott da wäre, dann würde er mich nicht so leiden lassen." Und dabei reden sie über ihn, über sein Handeln. "Wie konnte Gott das zulassen?" "Wo war da Gott?" Das sind Fragen, die Menschen haben und die manchmal in Zeitungen als Überschrift stehen, wenn ein Unglück passiert ist. Aber sie bleiben an der Oberfläche. Denn sie wenden sich nicht an Gott.

Und was tun wir, wenn wir verzweifelt sind? Reden wir über Gott oder klagen wir Gott selbst an? Bringen wir unser Leben so wie Jeremia mit Gott in Beziehung?

Zunächst erwägt auch Jeremia einen anderen Weg, einen Weg an Gott vorbei. "Ich will nicht mehr an Gott denken und nicht mehr in seinem Auftrag reden.", so versucht der Prophet einen Ausweg aus seiner Verzweiflung.

Aber er merkt, das geht nicht. Denn, so sagt er, "dann brennt dein Wort in meinem Innern wie ein Feuer". Jeremia kann gar nicht anders als sich auch in seinem Unglück, in seiner Verzweiflung an Gott zu wenden. Er ist sauer auf Gott und wendet sich dennoch an ihn. Er macht es, weil er weiß, weil er erlebt hat, dass Gott zu ihm hält: "Doch du, Herr, stehst mir bei, du bist mein mächtiger Beschützer." Er bekennt sich zu Gott, obwohl er so viel Schweres erfährt, obwohl er sich gerade durch Gott in diese missliche Situation versetzt fühlt. Man kann sich natürlich fragen, ob Jeremia sich gerne selbst quält, indem er sich gerade an den wendet, der ihm das Leid zugefügt hat. Ich denke nicht, dass es dabei darum geht, sich zu quälen, sondern darum, denjenigen in die Verantwortung zu nehmen, der ihm das zugefügt hat. Jeremia vertraut felsenfest auf Gott und seine Hilfe, die er bis dahin immer wieder erfahren hat. Und deshalb schreit er ihn an, deshalb klagt er ihn an und schleudert ihm seine Niedergeschlagenheit entgegen.

Das finde ich das Faszinierende. Jeremia redet nicht über Gott, sondern ganz intensiv zu Gott. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, er überlegt nicht, wie er Gott anreden kann oder ihm seine Verzweiflung mitteilen kann, sondern er sagt es so, wie er es empfindet. Das kann auch uns Mut machen, uns in den schwierigen und schweren Situationen direkt an Gott zu wenden. Jeremia kann uns zeigen, was wir machen können, wenn es uns schlecht geht. Wir brauchen nicht über Gott zu reden, sondern wir können mit ihm reden. Und das ist etwas anderes, denn wer mit Gott hadert, wer ihn anklagt und anschreit, der rechnet mit ihm. Der bleibt nicht objektiv, sondern der behandelt Gott wie einen Freund, dem man auch die Meinung sagt, wenn man sauer ist. Gott kann das ab. Und er lässt uns an sich heran. Das ist das Wunderbare an unserem Gott, dass er bei uns bleibt, gerade dann, wenn es uns schlecht geht und wir uns im Stich gelassen fühlen. Gott kommt uns dann vielleicht auch sehr nahe. Vielleicht erleben wir dann wie Jeremia, dass unser Innerstes wie Feuer brennt.

Die Erfahrung, dass Gott ihnen beisteht und hilft, die haben nach Jeremia noch viele Menschen in den Krisen ihres Lebens gemacht. Die Krisen und schweren Zeiten im Leben, die bleiben uns nicht erspart. Davon können wir auch überall in der Bibel immer wieder lesen. Trauer, Tod, Verzweiflung, Not und Leid gehören zum menschlichen Leben dazu. Es ist ganz normal, dass wir nicht immer auf Wolke Sieben schweben oder das Leben auf geraden Wegen verläuft. Aber die Menschen, die sich in diesen tiefen Tälern ihres Lebens an Gott gewandt haben, haben immer wieder erlebt, dass Gott trotzdem da ist. Sie haben erlebt, dass Gott sie vor harte Aufgaben gestellt hat, aber sie dennoch nicht hat fallen lassen.

"Doch du, Herr, stehst mir bei, du bist mein mächtiger Beschützer", so fasst Jeremia dieses Vertrauen zu Gott in Worte. Dieses Vertrauen können wir von Jeremia für unser Leben übernehmen. Und dann brauchen wir auch, wenn unser Leben nur aus Tränen und Verzweiflung besteht, nicht über Gott zu reden. Dann können wir zu Gott kommen und ihn anklagen, anschreien und ihm unser Leid entgegen schleudern.

Amen

Pastorin Angelika Überrück
Eschenweg 3
59423 Unna

E-Mail: RUeberrueck@t-online.de

(zurück zum Seitenanfang)