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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Karfreitag, 21.03.2008

Predigt zu Jesaja 53:1-12, verfasst von Michael Rambow

Auf Hallig Hooge habe ich verstanden, was das Kreuz uns sagt. Verstanden habe ich es natürlich nicht. Das wäre zu viel gesagt. Denn wer kann verstehen, was da geschieht und der Prophet Jesa­ja so beschreibt:

Textlesung Jesaja 53, 1-12.

Unsere Krankheit. Unsere Schmerzen. Unsere Missetat. Unsere Sünde. Am Kreuz wird ein Drama zur Schau gestellt, von dem man sich abwenden möchte. Am Kreuz hält Gott uns den Spiegel vor: Sieh her, Mensch. Hier bist du. Und hier in Jesus Christus bin ich stellvertretend in deinem Elend, deiner Angst, deiner Not. So haben die Christen von Anfang an dieses Lied über den leidenden Gottesknecht verstanden.

Im Oktober 1634 wurde die gesamte Nordseeküste von Tondern bis Brunsbüttel heimgesucht. Die Hooger waren Sturm und Land unter gewöhnt. Sie konnten was aushalten. Nun bekamen sie es doch mit der Angst. Einmal ist es genug mit der Angst und dem Elend, die regelmäßig mit solchen Fluten verbunden waren. Einmal muss das Leben sicherer sein und andere Perspektiven bieten als nur bis zum nächsten Land unter. Wir geben alles auf. Hier können wir nicht leben. Das stand für sie fest draußen in der Nordsee.
Da fanden sie am Strand ein Kruzifix ange­schwemmt, erzählt der alte Mann in der Inselkirche. Wahrscheinlich von einem Schiff. Vielleicht kam es auch von weiter her. Auf Hallig Hooge jedenfalls waren sie sich einig: Wenn Gott hierher zu­rückkommt und das ganze Elend hier mit uns aushält, dann können auch wir blei­ben.

Kritiker werfen regelmäßig den Christen eine Leidensmentalität vor wegen dem, was auf Golgatha geschah. Von Anfang an stachelte das Kreuz die Versuchung an, ausschließlich von Wünschen und Gefühlen sich leiten zu lassen statt hinzusehen.
Bettina Rheims, französische Starfotografin und berühmt für ihre provozierende Bildsprache, hat die Passion Jesu mit professionellen Models inszeniert und fotografiert. Die beachtliche Schau „INRI" zeigt schöne, glatte, junge Körper. Das wirkt jedoch auf seltsame Weise zurecht gemacht und unecht nicht nur wegen der Schminke.

Die Fragen nach Leiden und Schönheit sind nicht einfach aufzulösen in Bildern oder Events. Leiden und Kreuz lassen sich nicht inszenieren. Das Kreuz zeigt wie in einem schrecklichen Spiegel den Irrtum einer schönen heilen Welt, wenn nur alle lieb sind; den Irrtum vom Fortschritt zum Wohle aller, wenn nur alle fleißig sind; den Irrtum, alle Widerwärtigkeiten könnten weg geschminkt werden und der Mensch sich selbst heil machen; den Irrtum, dem Tod zu entkommen, wenn nur alle sportlich genug sind und im übrigen sich auch sonst gesund halten.
Wer auf die Welt und das Leben etwas kritisch sieht, stößt unweigerlich immer wieder auf die Unfähigkeit zum Guten, den Unwilligkeit zum Frieden und die teils katastrophal überheblich Selbstüberschätzung. Wenn es doch so viel über­zeugender ist, Zeichen des Guten aufzurichten, warum verletzen Männer Frauen, Frauen und Männer Kinder? Warum beuten Reiche Arme aus? Warum streiten, raffen und suchen wir einander zu beherrschen?

"Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet." Jesaja erzählt von unheilvollen Verflech­tungen: Der eigene Vorteil, sobald sich Gelegenheiten bieten und die programmierte Ungerechtigkeit, der Egoismus und die eingefleischte Gleichgültigkeit; die kleine Schummelei und die systematische Steuerhinterziehung.  Bosheit, Krankheit, Leiden, Intrigen waren immer unansehnlich.
Er war der Allerverachtetste schreibt Jesaja. Niemand wollte hinsehen. Die Gefahr lauert ständig, sich abzuwenden. Nur noch das faltenlos, glatte Leben wird geachtet. Doch dann stehen alle gottverlassen da, denen das Leben alles weg gespült hat an Schönheit und Kraft und Leistung. Keine Gestalt, die uns gefal­len hätte. Das haben sie übrigens schon dem sterbenden Christus am Kreuz entgegen gehalten: Steig herab, wenn du Gottes Sohn bist!
Im Gottesspiegel des Kreuzes von Golgatha offenbart sich der Irrtum des Menschen über sich selbst. Wir brauchen den Mann am Kreuz um zu sehen, was ringsum los ist. Die Falten unter der glatten Oberfläche. Der Egoismus beim Vorankommen. Die Verzweiflung über Enttäuschungen. Die Tricksereien, Lügen, Machtspiele.
Was ist das für ein Gott, der seinen Sohn bluten lässt für Vergebung und Versöhnung? Von Anfang an haben sich Menschen das im Blick auf das Kreuz Jesu gefragt. Das Gute und An­sehnliche wäre doch menschlich viel überzeugender und leichter an­zunehmen. Wir liefen alle in die Irre. Jeder sah nur auf sei­nen Weg. Vor dem Kreuz kann sich niemand mehr etwas vormachen. Es gab keinen anderen Weg, um den Unglauben und das Weglaufen vor sich selbst zu stoppen.

Vielleicht müssen wir uns angewöhnen, das Kreuz als Zeichen zu sehen, mit dem Gott uns stoppt, immer wieder wegzulaufen davor, was man nicht wahrnehmen und sehen will. Mein Eindruck ist, dass wir heute uns die Welt zurecht denken nach unseren Wünschen. Wir sind gefähr­det, die Augen zu verschließen vor dem, was die Wunsch­bilder stört. Wir sind gefährdet, das Anstößige des christlichen Glaubens immer mehr zu verdrän­gen. Darum stehen Kreuze in den Kirchen und sind auch andernorts so wichtig um hin zu sehen und zu erkennen.
Vielleicht müssen wir Gottes Solidarität sehen lernen mit dem Leidenden, den Schmerzen, den Krankheiten, den Schwächen zum Guten zu wenden, was verdorben ist. Wir müssen lernen, die menschliche Schuld zu erkennen an den verheerenden Zuständen. Dann lernen wir sehen, dass da auch Leben möglich ist, weil Gott in den Verwüstungen, in der jäm­merlichen Angst mit aushält.

Den Menschen auf Hooge wurde das Kreuz zu mehr als einem Schwemmgut. Weil Gott da ist, lässt es sich hier leben. Weil Gott sich einlässt auf Schuld und Elend der Welt, gibt es Hoffnung. Wo das Kreuz ist, kann Leben ehrlich gelebt werden. Das Kreuz wird zur Lebens­botschaft, wenn man es erst einmal wahrnimmt und hinsieht.
Das Kreuz war immer ein Zeichen dafür, dass Gott sich an den unansehnlichsten Ort begibt. Solange wir nur  die menschliche Seite sehen stehen das Ärgerli­che, Unansehnliche deutlicher vor Augen. Wir müssen Gott am Kreuz sehen, um leben zu können. Die auf Hooge sahen so weit - und einer erzählt es noch nach Jahrhunderten - wenn es dich packt, dann hilft nur, auf die­sen Gott am Kreuz zu sehen.

Ich dachte auf Hooge hätte ich es begriffen. Das habe ich natürlich nicht. Ich kann nur sagen, dass ich hoffe, es einmal zu verstehen. Obwohl auch das schon wieder sehr gewagt ist.
Sagen darf ich bestimmt: ich hoffe zu lernen hinzusehen auf Leiden und Krankheit und Schuld und Übel, um zu erfahren, was Gott im Kreuz sagt: Ich bin hier. Darum kannst du auch da sein.




Pastor Michael Rambow
www.kirchengemeinde-ramelsloh.de
E-Mail: kirche.ramelsloh@gmx.de

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