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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Karfreitag, 21.03.2008

Predigt zu Jesaja 52:13-53,12, verfasst von Reichert

Liebe Gemeinde,

zwei Sätze voraus,

wenn wir den Karfreitag begehen, steht nicht unser Leiden im Mittelpunkt, soviel es davon auch gibt. Um uns herum, fern und nah. Und es geht auch nicht um Christi Leiden, sondern es geht darum, was durch sein Leiden hindurch über sein Sterben hin in die Auferstehung für uns geschieht.

Dabei können wir das Leiden nicht ausblenden, - auch nicht unsere immer wiederkehrenden  Fragen, nach dem Warum,  - die nicht nach dem so schwer nachzuvollziehenden Einsehen,  dass gelitten sein  muss, wo es doch um das Leben gehen soll, - auch um unser Leben. Wir können das so wenig ausblenden wie auflösen und doch begehen wir den Karfreitag in unseren Gottesdiensten aus gutem Grund.

Denn in ihnen wird in unsere Fragen hinein Gottes Rede laut, wird das Evangelium laut, will es gehört werden, auch wenn wir uns schwer tun damit und es ihm, der redet, schwer machen.

Es wird Karfreitag auch von uns geredet, aber es geht nicht allein um unsere Fragen. Es geht um unser Hören, um die Überwindung unserer eigenen Unfähigkeit dazu, um die Aufhebung unserer  Taubheit und die Öffnung des Zugangs zum Leben.

Und das Zweite: Von  C h r i s t u s  wird erzählt im Evangelium, in der Passionsgeschichte, an Karfreitag  und von  u n s  ist dabei die Rede, -  und von  u n s  wird erzählt und dabei ist von  C h r i s t u s  die Rede.

Von diesen beiden Blickpunkten aus möchte ich mit ihnen auf den Predigttext hören. Es sind Verse aus dem Buch des Propheten Jesaja, - eines der Gottesknechtslieder, Jesaja 52/53.

Es sind lange Verse, - ich lese sie langsam.

                                     (Textlesung Jesaja 52,13- 53,12)

Eines drängt sich unmittelbar auf, so wie hier der alttestamentliche Prophet redet, lange vor Christus, - es drängt sich der Gedanke auf und verbindet sich mit dem Bild, dass hier wie von dem Gekreuzigten geredet wird, `dem von allen Verachtetsten und für unwert Gehaltenen, der gemartert wurde und seinen Mund nicht auftat´, einschließlich der langen Beschreibung seines Leidens, die folgt. Sehr viel mehr noch als für uns, muss sich dies für die ersten Christen nahe gelegt haben, denen das Alte Testament ihr Glaubensbuch war, und die nach allem, was sie mit Jesus erlebt hatten,  durch seine Passion und sein Sterben zuerst einmal um ihr Leben gebracht schienen und sich neu wieder hatten heranführen lassen müssen durch die Auferstehungsbotschaft zu neuem Glauben.

Das alte Prophetenwort als sinnstiftende und tröstliche Linie zu sehen, die die Passion Jesu beleuchtet, sie deutet, und diese Worte dann so zu begreifen, wer könnte das nicht nachvollziehen. So wie in den langen Jahrhunderten nach Ostern das Leiden Jesu selbst als sinntragender Blick Vielen immer wieder in ihrem Leiden und Durchleiden tröstend und hilfreich gewesen ist, - der Blick auf den Gekreuzigten, der Halt gibt, wo der Boden unter den eigenen Füßen zu schwinden droht.

Gott redet bei Jesaja von seinem Knecht am Anfang dieser Verse und an ihrem Ende, `siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein´, -  `durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den vielen Gerechtigkeit schaffen,  er (hat) die Sünde  der Vielen getragen und für die Übeltäter gebeten.´ Das ist seine Botschaft.

Und der Prophet beschreibt diesen Leidenden in seiner Tiefe. Er redet von seiner Not, der Verachtung, der Qual und dem Tod und - dem Sinn.

Und er redet da mitten in diesen Versen von uns selbst, - , `aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, - wir sahen ihn, aber das war keine Gestalt, die uns gefallen hätte, - darum haben wir ihn für nichts geachtet, - wir alle gingen in die Irre wie Schafe, ein jeder auf seinen Weg´. Und dies dann nicht ohne die gleiche, jetzt uns betreffende, deutende Linie - `die Strafe liegt auf ihm,  dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.´

Nichts fehlt in diesen Worten, was unsere Karfreitagsgottesdienste ausmacht.

Wie nahe liegt in ihnen die Verbindung zum Leidensweg Jesu, wie er seinen Weg ging,  weder in stumpfer Resignation noch in panischem Getriebensein, sondern - wenn auch begleitet  von Angst und Bitten und einem erst leisen und langsamen Einstimmen - so doch in Frieden mit Gott und in Frieden mit sich und in Frieden auch mit den Menschen um sich herum, bis hin zur Vergebung.

Die Passion Jesu mit den Worten des Jesaja zu betrachten ist Lebenshilfe , `dass  w i r  Frieden hätten´. Sie lässt nachvollziehen, wie das ist, wenn von seinem Frieden etwas übergeht auf uns, wenn es gilt, unsere Lasten zu tragen, die kleinen und die schweren. Und es lässt begreifen, wie das ist, seinen Frieden zu haben, wenn es darum geht, mit unseren Grenzen zu leben, denen der Gesundheit, der Arbeitskraft, der Entfaltung, mit den Grenzen, die zwischen uns bestehen, und die wir immer wieder aufrichten und so selten niederlegen können. Und noch einmal dasselbe in anderer Perspektive, es lässt erkennen, was es bedeutet, seinen Frieden zu haben, gegenüber der Wirklichkeit der Welt in all den Nachrichten und realen Bildern und Zahlen  von Hunger, Folter und  Krieg und Kriegsbereitschaft und dem Sterben der Vielen.

Damit im Blick auf das Kreuz leben, das nimmt die Last nicht weg, die eigene nicht, und nicht die, die andere tragen müssen, - aber es befähigt, diese Last in Frieden zu tragen. Nicht dass mir die Last damit gleichgültig wird, - aber: Wo ich weiß, dass wie am Kreuz darin auch Gott selbst mitleidet, dies ändert. Dies ändert auch zum Mittun dagegen mit den Kräften, die ich habe, abgeschattet, - die er mir gibt zu meinem Teil, eben, weil er für mich durch das Kreuz hindurchgegangen ist. 

Was im leidenden Gottesknecht anklingt, das gilt voll bei Jesu von Nazareth, dem Christus  am Kreuz: Er war mehr als nur einer von uns. Gott selbst hat in ihm am Kreuz mitgelitten. Dazu gibt es keinen Aufweis. Dazu gibt es nur das biblische Zeugnis. Und dazu gibt es nur ein Ja oder ein Nein des eigenen Glaubens. Aber, wo wir im Glauben dazu ja sagen, dass in Jesus Gott gelitten hat, trägt dieser Glaube. Gott selbst nimmt am Tragen der Lasten teil, und wo wir sie tragen, nehmen wir teil an Gottes Schmerz.

Mögen wir unsere Fragen dabei auch anders formulieren, hier geht es um diese Antwort und darum, sie hören zu können und wahrzunehmen.

Schon von dem Gottesknecht bei Jesaja gilt, dass das, was ihn ausmacht, - das, was ihm zugesprochen wird, dass dies von Gott selbst kommen muss. Deswegen redet Gott am Anfang und am Ende dieser Verse selbst. Wir haben aus unserer eigenen Erfahrung heraus keine andere Möglichkeit als die, jemanden, der so geschunden, ausgegrenzt und ausgestoßen ist, zu sehen und zu begreifen  als einen, der von Gott gestraft geschlagen und geplagt ist. Erst Gottes eigener Hinweis kann dies ändern, umwerten, zum Umdenken bringen,  sodass Gemeinde sich zu einer solchen Gestalt bekennen kann und ihn so begreifen, wie es Jesaja vom Gottesknecht tut und dann von ihm redet.

Noch einmal, natürlich redet der Prophet nicht von Christus und nicht vom Kreuz,  aber verwunderlich ist es eben nicht, dass christliche Gemeinde von Beginn an diese Verse, dieses Lied vom Gottesknecht immer auf Christus bezogen hat. Er, der Schmerzensmann, der leidende Gottesknecht, der sterbende Gottesssohn. Spätestens von da ab, als Philippus, wie es die Apostelgeschichte erzählt, dem Kämmerer der Kandake Verse aus diesen Jesajakapitel vom Gottesknecht auslegt, antwortet die christliche Gemeinde: Er, dieser Jesus, der Verachtete, der Ausgestoßene, der Gemarterte und Gekreuzigte ist der Gottesknecht, - er ist es für uns.

In der langen Geschichte, in der Menschen immer wieder versucht haben und versuchen, Gott zu verstehen, zeigt sich in seiner entstellten Gestalt der Anspruch auf endgültige Geltung. Religionen haben immer nach Gestalt und Schönheit gesucht, nach dem, worin der Mensch sich selbst übertrifft. Das was der Glaube in dem Gekreuzigten findet, ist der, der unsere Schmerzen auf sich genommen hat  und um unserer Sünde willen zerschlagen worden ist, und darin Gottes Weg gegangen. Das Bekenntnis zu Jesu Christus am Kreuz ist ein Bekenntnis des wirklichen Umdenkens, das auch dies sieht: Er ist nicht einer von uns, aber er ist für uns, er ist es bis in den Tod.

Das Dunkel des Karfreitags mit seinem Schmerz, seiner Qual, dem Tod ist nicht ein abgeschlossenes Ganzes, das darin zum Ende kommt. Das Kreuz als Anfangszeichen des Untergangs wird zum Weiterzeichen des Lebens, zum Zeichen der Rettung des Lebens. 

Der Glaube an ihn, der stellvertretend für uns leidet, `damit wir Frieden haben´,  - er verändert -wie die Wertung des Leidenden- so auch unsere Lebensrichtung. Wir gehen nicht mehr wie die Schafe in die Irre. Wir kommen zum Ziel. Vorher heißt es, jeder sieht auf seinen Weg, jeder ist sich selbst der Nächste, jetzt heißt es, jeder sieht auf seinen Weg, den er stellvertretend für uns vorausgegangen ist.

Wohl können wir nicht stellvertretend für andere sterben, der Tod ist einmalig, der der anderen wie mein Tod, aber wir können stellvertretend eintreten im Leben für andere.

Eintreten für Mitmenschen mag verschiedene Gründe haben können. Der christliche Glaube hat das stärkste Motiv und den zwingenden Grund dafür, für andere da zu sein und einzutreten für sie, in dem Kreuz auf Golgatha. Er hat es in dem stellvertretenden Leiden des Gottesknechtes, Jesu Christi, der Stellvertretung gelebt und durchlitten hat. Deswegen ist das Kreuz von christlichen Glauben unablösbar. Denn seit Golgatha und der Auferstehung gilt dieses Andere: Durch sein grenzenloses Eintreten für uns sind wir frei dazu, einzutreten für andere. Er für uns und wir für einander.

Amen



Superintendent Dr. Reichert

E-Mail: Superintendent-gt@kirchegt.de

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