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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Quasimodogeniti, 30.03.2008

Predigt zu Jesaja 40:26-31, verfasst von Günter Goldbach

Vorbemerkung: Israel im babylonischen Exil - das ist in seiner politisch-religiösen Dimension einmalig - und damit für eine christliche Predigt nur schwer adaptierbar; ebenso die Israel geltenden Verheißungen. Die darin eingeschlossenen menschlichen Schicksale und Verhaltensweisen lassen sich in ihrer gesellschaftlich-religiösen Dimension schon eher parallelisieren - als Variationen menschlicher Grundsituationen. Eben das wird in der Predigt versucht darzustellen - auch in Aufnahme des vorfindlichen Textvokabulars.


(I)

„Die auf den Herrn hoffen, kriegen neue Kraft" (v 31). Sie können es nicht mehr hören: die Jugendlichen in der Fürsorgeerziehung. Die von zu Hause Weggelaufenen. Die straffällig Gewordenen. Die Ausgeflippten und Drogenabhängigen. Sie sind ohne jede Hoffnung. Und: Sie können es einfach nicht mehr hören - wenn ich gelegentlich einen solch „frommen Spruch" riskiere.

„Die auf den Herrn hoffen, kriegen neue Kraft" (v 31). Sie können nichts damit anfangen, aber gar nichts: die verlassenen, betrogenen, geschlagenen Frauen, die zu mir in die Ehe- und Lebensberatung kommen. Der Mann ist verschwunden mit einer anderen. Unterhalt will er nicht zahlen. Das Haus oder die Wohnung ist verkauft. Zu wenig Geld ist da, oft fast gar nichts. Die Kinder neben ihnen sind unruhig oder schreien. Was helfen da Worte?! Fromme schon gar nichts.

„Die auf den Herrn hoffen, kriegen neue Kraft" (v 31). Sie sehen mich ungläubig und verständnislos an: die Pflegebedürftigen, Altersverwirrten, Abgeschobenen in der „Seniorenresidenz", die ich betreue. „Neue Kraft"?! Die Kraft ist zu Ende. Bald ist alles vorbei. Was gibt es da noch zu glauben?!

Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. In jedem Lebensalter und in jedem Lebensbereich: Die Zahl der Hoffnungslosen, Verzweifelten, Ungläubigen ist Legion. Genügend Beispiele sind uns allen zu Hand.


(II)

Das war schon immer so. Wie wir gerade gehört haben: Dass Menschen in Resignation, Hoffnungslosigkeit und Unglauben erstarren. Sich nicht wirklich trösten lassen wollen:
Da sind Menschen, die sehen sich dem Untergang geweiht. Ihre klugen Überlegungen haben sich als töricht erwiesen. Das politische Kalkül ist gescheitert. Du Jakob und du Israel: „Dein Weg ist dem Herrn verborgen und dein Recht geht vor deinem Gott vorüber"? (vgl. v 27). Nun wenn, dann ja: Dann gibt es keine Hoffnung mehr. Dann bleibt nur, sich resigniert zu fügen in das Unabänderliche. - Eben so wird die Abwesenheit Gottes in der erfahrbaren Wirklichkeit zu eigentlichen Frage. Was hilft da der Hinweis auf Zusagen und Versprechungen aus alter Zeit?! Die Erinnerung an Gottes Schöpfertaten? Jetzt sind Taten vonnöten. Tröstende Worte allein bewirken gar nichts. Sie machen alles eher noch trostloser (vgl. Jes. 40, 26-31).

Das war schon immer so. Dass Menschen in Resignation, Hoffnungslosigkeit und Unglauben erstarren. Sich nicht wirklich trösten lassen wollen. Wie wir sogar aus dem Evangelium gehört haben (Mark. 16, 9-20; den für Quasimodogeniti Reihe V vorgesehenen Text will ich als Evangelium lesen lassen statt Joh. 20):
Die Jünger haben sich eingeschlossen. Sie glauben ihre Sache total gescheitert. Dem sie vertraut haben, den haben sie am Kreuz sterben gesehen. „Seine Macht und Stärke ist groß" (v 26) ?! Wo denn ?! Da widerstreiten Behauptung und Erfahrung auf eklatante Weise.
Dass Er lebt, glauben sie der Maria Magdalena nicht. Und den Emmaus-Jüngern glauben sie nicht. Was dem Glauben widerspricht, ist übermächtig. In der Heiligen Schrift lesen sie auch nicht, um sich an Gottes Verheißungen zu erinnern. Sie sitzen zu Tisch und essen und trinken. Nun ja, irgendwie muss es ja weiter gehen.

Das war schon immer so. Dass Menschen in Resignation, Hoffnungslosigkeit und Unglauben erstarren. Sich nicht wirklich trösten lassen wollen:
Sie nennen sich Christen, „Deutsche Christen". Das Ende des 1. Weltkriegs ist für sie das „Golgatha des Deutschen Reiches". Der 30. Januar 1933 ist für sie ein „österliches Ereignis" und Adolf Hitler „der Mund eines Heilandes, der im deutschen Volk Fleisch und Blut geworden ist" (Zitate nach H. J. Sonne, Die pol. Theologie der DC, 1992, 95ff). Aber: Falsche Hoffnungen. Trügerische Sicherheiten. Offenkundiger Irrglaube „der Müden und Unvermögenden, die straucheln und fallen" (vgl. v 29f). - Sich über das schwere Schicksal eines verlorenen Krieges „Kraft und Stärke" aus dem Evangelium zu holen, das einen aus dem Judentum stammenden Herrn und Heiland bezeugt - das ist für sie ersichtlich hoffnungslos, absolut unglaubhaft, völlig unmöglich.


(III)

Doch ja, es gibt Gegenbeispiele: Glaubensvorbilder, die uns in Erstaunen versetzen. Bekannte und unbekannte Christinnen und Christen, die unserer Erinnerung wert sind. Die uns zum Nachdenken bringen können - womöglich zur Einsicht? - Einige will ich vor Ihre Augen stellen:

Markus, und noch eindrucksvoller Matthäus, haben in ihren Evangelien die Erinnerung an eine namenlose kanaanäische Frau bewahrt. Angehörige einer Primitivreligion also, ohne Rechte, ohne Privilegien in der israelischen Gesellschaft, ohne Beziehungen, ohne jedwede Hilfe.
Diese Frau schildern sie als unerschütterlich in ihrem Glauben an göttliche Hilfe und an sein Erbarmen durch den „Sohn Davids". Dabei: Sie muss sich abweisen, sie muss sich beleidigen, sie muss sich demütigen lassen. Ausgerechnet von dem, für den sie alle ihr möglichen Voraussetzungen seiner Hilfe erbringt (vgl. Mark. 7, 24-30; Matth. 15, 21-28). Luther nennt sie in seiner bildhaften Sprache deshalb eine „Fürstin von Anhalt"; weil sie durch allen Widerspruch und alle Widerwärtigkeiten hindurch Jesus bis zur Erfüllung ihrer Bitte „angehalten" hat.

Der Mann sitzt seit vielen Monaten seines Glaubens wegen im Gefängnis. Ihm droht die Todesstrafe. Immerhin: Freunde sorgen für ihn. Sie schicken ihm etwas zum Lebensunterhalt. Vor allem schicken sie ihm Briefe, die ihn trösten und ermutigen wollen: Wie geht es dir? fragen sie. Er antwortet: Dem Evangelium geht es gut. Die Freunde fragen voller Teilnahme: Wie wird dein Prozess ausgehen? Er antwortet: Das Evangelium wird den Sieg davontragen. Die Freunde wollen wissen: Fürchtest du ein Todesurteil? Er antwortet: Christus siegt, einerlei ob ich lebe oder ob ich sterbe (vgl. Phil. 4, 10ff; 1, 20).
Paulus war ein erstaunlicher Mann. Er konnte persönliche, gut gemeinte Fragen abwehren und zu grundsätzlichen Antworten ausweiten. Er konnte die Fragen seines äußerlichen Wohlergehens relativieren und in einen ganz anderen Zusammenhang übertragen.

Die militärische Lage ist verzweifelt. Die ganze Stadt und in ihr eine ganze Armee sind hoffnungslos eingeschlossen. Entlastung, ja Befreiung durch andere Kräfte, das ist aussichtslos. 280.000 Mann sitzen zu Weihnachten 1942 unter schwerem Beschuss im Kessel von Stalingrad.
Da dreht einer von ihnen eine große russische Landkarte herum und zeichnet auf der Rückseite mit Kohle eine Madonna mit Kind. „Licht, Leben, Liebe" schreibt Dr. Kurt Reuber an den Rand seiner Zeichnung. Und Arnold Pötzsch kommentiert: „Lichtlose Nacht, die Herzen haßerregt, das arme Leben schon in Todeshand - das ist die Welt, in der die Männer feiern... Und einer wagt's und glaubt für sie an Gott, reißt ihre Blicke hin zu diesem Kind, weil Gott die Welt will in dem Kind erneuern" (A. Pötzsch, Die Madonna von Stalingrad, 1953, 14).

Doch ja, es gibt sie gewiss: diese unerschütterlichen Christinnen und Christen, die „nicht müde werden"; die „nicht auf das Sichtbare sehen, sondern auf das Unsichtbare"; die konzentriert sind „nicht auf das Vergängliche, sondern auf das Ewige" (vgl. 2. Kor. 4, 16ff).


(IV)

Doch was ist mit uns?! Die wir alle keine „Fürstin von Anhalt" sind; eher Kleinbürger des Glaubens. Was ist mit uns?! Die wir vielleicht keinen so langen Atem haben. Die wir es womöglich nicht ertragen können, so klein gemacht zu werden. Vielleicht - oder sogar bestimmt - fehlt uns das ja alles: dieser Mut der Verzweiflung, diese nicht enttäuschbare Hoffnung, dieser Glaube gegen allen Augenschein. Was hilft uns da der Blick auf die Weltschöpfung Gottes (v 26), wenn unsere kleine „Welt" zusammen bricht?!

Was ist mit uns?! Die wir es einfach nicht bringen, uns wie Paulus daran zu halten: „Auch wenn unser äußerer Mensch zerfällt, wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert" (2. Kor. 4, 16). Was ist mit uns?! Denen die Heilstaten Gottes nicht mehr so unmittelbar präsent erscheinen. Und sein Heilswirken nicht mehr so unmittelbar einleuchtend. Die wir verunsichert und irritiert bleiben von den persönlichen Konflikten in uns und den gesellschaftlichen Konflikten um uns her, die sich als unlösbar erweisen. Die wir aber auch nicht greifen wollen nach den Anästhetica, die unsere Gesellschaft bereit hält; von denen sich die angepasste Mehrheit längst hat betäuben lassen.

Was ist mit uns?! Die wir womöglich nicht befähigt werden, durch den „Einfall von oben" (theologisch: durch die intercessio Spiritus Sancti) in einer verzweifelten Situation uns und andere zu trösten. Den Müden Kraft und den Unvermögenden Mut zu vermitteln (vgl. v 29) - wie es dem Dr. Kurt Reuber in Stalingrad offenbar gelang. Was ist mit uns?! Die wir die Frage nach dem Sinn, die Frage nach dem Warum und Wozu nicht einfach ignorieren können. Die wir unseren Kleinglauben gegen eigene und fremde Anfeindungen und Infragestellungen nur mühsam behaupten. Und aus deren Glaubensüberzeugungen man den Grauschleier des Zweifels einfach nicht heraus bekommt. Was ist mit uns?!


(V)

Es ist überaus deutlich: Wir können uns nicht selber retten. Und uns auf keine Weise selber helfen. Es gibt keine Möglichkeit, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen - das ist bekanntlich eine Lügengeschichte.
Wirklich zu helfen, ist uns nur „von außen". Durch einen, der anders ist als wir alle. Es heißt: Dieser Eine kam in unsere Welt und war doch anders als diese Welt. Von Gott ist er gekommen. Und zu Gott ist er wieder gegangen. Und doch anwesend und wirksam geblieben über seinen Abschied hinaus. Das ist das österliche Evangelium. Von dem der alttestamentliche Prophet womöglich schon das Wichtigste erahnte (vgl. Jes. 52, 12ff). Aber für uns - auch nach Ostern - ist seine rettende Gegenwart ein Geheimnis. Sie ist paradoxerweise zugleich sichtbar und unsichtbar. Sie ist Wirklichkeit und doch eine verborgene Wirklichkeit. Ich zitiere einen Lehrer der Theologie: „Nur wer die Macht in der Schwachheit, das Ganze unter dem Fragment, das Leben unter dem Tod zu sehen vermag, kann sagen: Meine Augen haben dein Heil gesehen" (Paul Tillich, Das neue Sein, 1957).

Ich weiß: Das alles ist schwierig für unsereinen. Darum: Eigentlich nur Eines ist von alles entscheidender Bedeutung: sich von IHM, der so ganz anders ist als wir, retten lassen zu wollen! Wie? Auf welche Weise? Quasi modo geniti! Luther hat es unnachahmlich auf den Punkt gebracht: in kritischer Situation, sein Leben und seinen Glauben in äußerster Gefahr wissend, in seiner abschließenden Verteidigungsrede auf dem Reichstag zu Worms 1521. Doktor Martinus: „Ich muß verzweifeln. Aber das laß ich bleiben. Wie Judas an den Baum hängen, das tu ich nicht. Ich hänge mich an den Hals oder Fuß Christi wie die Sünderin. Ob ich auch schlechter bin als diese, ich halte meinen Herrn fest. Dann spricht er zum Vater: Dieses Anhängsel muß auch durch. Es hat zwar nichts gehalten und alle deine Gebote übertreten, Vater, aber er hängt sich an mich. Was will's! Ich starb auch für ihn. Lass ihn durchschlupfen. Das soll mein Glaube sein" (Hervorhebungen vom Zitierenden).

Doch. Vielleicht so. Nein, nur so könnte es auch uns Müden, uns Gestrauchelten, uns Unvermögenden gelingen - wie der kanaanäischen Frau; wie dem gefangenen Apostel; wie dem deutschen Arzt im eingekesselten Stalingrad - ihnen näher zu kommen: der mythologischen Geschichte, der unsichtbaren Gegenwart, der versprochenen Zukunft SEINES HEILS.



Dr. Dr. Günter Goldbach

E-Mail: guenter.goldbach@uni-osnabrueck.de

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