Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Quasimodogeniti, 30.03.2008

Predigt zu Jesaja 40:26-31, verfasst von Jorg Christian Salzmann

I
Die Stimmung ist nicht gut im Ghetto von Babylon. Jahrzehnte dauert es nun schon, dass sie hier und nicht im heimatlichen Jerusalem ihr Dasein fristen. Jerusalem ist zerstört. Es gibt keine Aussicht auf Besserung. Die Herren von Babylon werden wohl Recht behalten, wenn sie behaupten: unser Gott Marduk, der Sonnen- und Sternengott Babylons, ist stärker als euer Gott. Gebt es doch auf mit dem Gott Israels! Uns so sagen die Leute im Ghetto: Wo bleibt die Rettung? Wo die Hoffnung? Gott kümmert sich nicht um uns, er hat uns vergessen, er sieht uns nicht. Wir haben verloren, niemand steht uns bei. Wenn es Ärger gibt mit den Oberen von Babylon, dann brauchen wir gar nicht erst zu versuchen, uns zu wehren. Gott greift nicht ein, wir bekommen unser Recht nicht, es ist ihm egal. - Die Stimmung ist nicht gut. Depression allenthalben. par
Wie soll der Prophet dem begegnen, was sagt Gott dazu? Wie wärs mit: „Kopf hoch, es wird schon wieder!"? Doch Jesaja macht etwas ganz anderes. Er zeigt auf den Nachthimmel mit seinem Sternenglanz. Dorthin, wo die Astrologen von Babylon das mächtige Himmelsheer verfolgen und auf seine Schicksalswirkung hin untersuchen. Wer hat das alles geschaffen? Weißt du es nicht, Israel? Dein Gott war es. Seine Schöpfung ist es, er kennt sie alle mit Namen, er hat die Macht - und nicht Marduk und niemand sonst. Und er ist immer noch derselbe Gott wie damals bei Abraham: auch ihm hatte er den Sternenhimmel gezeigt und ihm versprochen: einmal werden deine Nachkommen so zahlreich sein wie die Sterne am Himmel. Warum denn, Israel, verzweifelst du an dem langen Atem Gottes? Wer will die Wege dessen erforschen, der die Wege der Sterne bestimmt? Er hat dich nicht vergessen, dein Leben ist ihm nicht egal. Du kannst dich an ihm festhalten und brauchst nicht zu verzagen.

Und noch etwas sagt der Prophet: schaut nicht auf die Macht der Menschen, haltet euch nicht an die, die jetzt so stark sind. Denn auch sie sind nur Menschen, auch sie werden einmal müde und verzagt wie ihr jetzt. Der Spitzensportler war nur gedopt, der Fitnessjünger bekommt einen Herzinfarkt, Superman landet im Rollstuhl, und militärische Macht, sie wird's nicht richten. Worauf es ankommt, ist etwas ganz anderes: „die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden." Auf den Herrn harren, also ausdauernd und voll Hoffnung warten, alle Sehnsucht und Vertrauen auf Gott setzen, das ist der Weg.

II
Doch wir werden misstrauisch, wenn jemand uns verheißt, dass wir laufen können und nicht matt werden. Ist das nicht bloß wieder so ein Werbespruch? Wir sind auch skeptisch bei dem Hinweis auf den langen Atem Gottes; ist das nicht nur Vertröstung? Und was die Erfüllung der Verheißungen aus dem Jesajabuch angeht, mögen wir wohl fragen: war das wirklich die Hilfe Gottes, als Israel zurückkehrte zu den Trümmern Jerusalems, um jahrhundertelang als Vasall der Großmächte in deren Schatten zu leben? Schließlich kennen wir auch die Angst, dass wir bei dem Blick in den Sternenhimmel nur schwarzes Universum sehen, leeren Raum mit Gestirnen und sonst nichts. Wer kann das noch singen: „Weißt du, wieviel Sternlein stehen" und dass Gott der Herr sie gezählet hat, dass ihm auch nicht eines fehlet?!

Man kann in der Tat all das in Frage stellen, was der Prophet hier sagt. Dazu brauchen wir nicht einmal so deprimiert und am Boden zu sein wie die Israeliten damals; es reicht schon der Stachel des Zweifels. Dagegen helfen auch nicht Bemerkungen wie die, dass man eben die Hoffnung nicht aufgeben dürfe; schließlich geht es ja gerade darum, ob wir überhaupt Grund zum Hoffen haben. In Wallfahrtsorten im Devotionalienhandel sieht man wohl den Spruch: Immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Aber genau dies vage Irgendwo ist überhaupt kein Trost. Wenn, dann muss unser Licht, muss unsere Hoffnung von Gott kommen. Wie aber finden wir den Grund zum Hoffen?

III
Solcher Grund findet sich in der Erinnerung an das, was Gott schon getan hat. Der Prophet fragt: weißt du nicht, hast du nicht gehört? Er erinnert an Abraham und zeigt auf das, was Gott geschaffen hat. Für uns gehört zu solchem Erinnern jetzt in der Osterzeit auch die Erinnerung an das Kreuz Jesu und an seine Auferweckung. „Bist du Gottes Sohn, so steig herab vom Kreuz!", hatten die Leute gespottet. Da war nichts vom Auffliegen wie ein Adler, da war nur noch Müdigkeit und Mattheit, da war nicht Vitalität und Spannkraft, sondern nur noch Schmerzen und Tod. Dann aber eben doch: die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft. Die Auferstehung Jesu ist der Sieg über den Tod; da ist dies Wort endgültig wahr geworden.

Zugleich erfüllt es sich für uns mit neuem Sinn. Schon damals beim Propheten Jesaja ging es ja nicht um ein Fitnessprogramm, sondern um Wege aus der Depression. Dazu gehörte auch die Erkenntnis, dass Gottes Verstand unausforschlich ist und wir nicht einfach unsere Bedingungen und Grenzwerte setzen können, die Gott erfüllen müsste. In der Auferweckung Jesu aber zeigt sich vollends, dass die Hilfe Gottes unsern Erfahrungshorizont übersteigt. Denn sie greift über die Grenze des Todes hinaus.

Das bedeutet nun keineswegs, dass Gott uns in diesem Leben hängen lässt und aller Trost in das Leben nach dem Tod gehört. Vielmehr ist der Sieg über den Tod der sichere Grund für unser Leben. Das gilt in guten wie in schlechten Zeiten. Das gilt, wenn du beschwingt bist und voller Elan. Aber das gilt eben auch in Elend und Verlassenheit, wenn es keine Hoffnung mehr gibt und nur noch Mattheit und Müdigkeit.

So magst du den Himmel anschauen und nichts sehen als leeren Raum. Der aber diesen Raum geschaffen hat, der hat die Macht und die Kraft, auch den tiefsten Zweifel zu überwinden. Wir werden erinnert an die großen Taten Gottes, und in solchem Erinnern wächst unser Glaube. Es ist der Glaube, der auf den Herrn harrt; da bekommen wir Grund unter die Füße, da wachsen uns Flügel, da können wir wieder laufen und werden nicht müde.

Eine schöne, heile Werbewelt für den Glauben, die uns da vorgegaukelt wird? So wäre es, wenn das Leid und die Depression verschwiegen würden. Doch das Leiden Christi und die Depression der Jünger gehören zu unserer Glaubensgeschichte dazu. Eine vorgegaukelte heile Welt: so wäre es, wenn Gottes Wort einfach nur dastünde und nicht eingelöst wäre. Doch in dieser österlichen Zeit feiern wir genau das: dass Gott zu seinem Wort steht und dass er dem Tod nicht einfach das Feld überlassen hat.

IV
Diese Botschaft gilt auch und gerade dann, wenn die Stimmung nicht gut ist, wenn Depression sich breit macht. Wenn Menschen auf Menschen ihr Leben gründen, dann wird es zu Enttäuschungen kommen. Helden ermüden, Patentrezepte vergehen, Krisen stellen sich ein und machen das Leben schwer. Die Finanzen, auf die du gestern noch gebaut hast, sind morgen schon in einer Bankenpleite abgeschrieben. Die Partei, die alles so gut regiert hat, ist plötzlich nicht mehr stark genug. Die eigene Gesundheit, auf die du dich immer verlassen konntest, steht in Frage oder ist gar schon verloren. Die Hoffnung auf den Herrn aber lässt uns nicht in der Depression, sondern verleiht neuen Lebensmut. Da werden ungeahnte Kräfte frei, da entsteht mitten im Elend ein Stück Himmel.

Du meinst, du verspürst von alledem nichts? Mag sein. Es war ja schon in Babylon so, dass die Leute müde wurden, die Hoffnung erlahmte und sie meinten: Gott tut nichts. Trotzdem aber ist da der Ruf des Propheten: „Weißt du nicht, hast du nicht gehört?"



Prof. Dr. Jorg Christian Salzmann

E-Mail: salzmann.j@lthh-oberursel.de

(zurück zum Seitenanfang)