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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Quasimodogeniti, 30.03.2008

Predigt zu Jesaja 40:26-31, verfasst von Reiner Kalmbach


Liebe Gemeinde!

Wir kommen von Ostern her! Und mit solchem Wind in den Segeln las ich das heutige Predigtwort. D. h. man macht sich schon beim lesen seine „Gedanken"...Ich möchte Sie alle einladen dieses Wort so zu hören..., mit der Osterbotschaft noch im Ohr...

Das Wort steht im Jesaiabuch, d.h. im Alten Testament und ist an die Exilierten Israels in Babylonien gerichtet...alles, nur nicht nachösterlich..., aber hören wir hinein!, es steht im Kapitel 40, die Verse 26 - 31

„Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und Stärke ist so gross, dass nicht eins von ihnen fehlt.

Warum sprichst du denn, Jakob, und du Israel, sagst: Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber.?

Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen;

Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden."

Danach las ich den Text noch einmal, diesmal aber den ganzen Abschnitt, also von Vers 12. Und da begann es in meinen Gedanken zu rauschen wie bei einem Wasserfall..., das musste alles aufs Papier: die Weltpolitik, die Argumente unserer Politiker und Funktionäre, Banker und Wirtschaftskapitäne..., als ob es „über" ihnen nichts mehr gebe..., als ob sie niemandem Rechenschaft schuldig seien, als nur sich selbst und ihren Lobbys..., und dann tauchten in meinen Gedanken auch jene auf, die am anderen Ende stehen: die „Verlierer" dieses Systems (das sich unschuldig „Globalisierung" nennt), die Wort - und sprachlosen...; auf der einen Seite Hochmut, Arroganz, Gleichgültigkeit, unermessliche Gier nach immer mehr, Gottlosigkeit..., und auf der anderen Seite scheint da von Resignation die Rede, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit..., Glaubensverlust und Gottverlassenheit..., da fragen sich doch welche: steht Gott auf der falschen Seite, auf der Seite der Mächtigen, der Gewinner...?

Und dann lesen meine Augen und meine Gedanken Worte die ganz anders klingen..., es kehrt sich alles um: die Ersten werden die Letzten sein und die scheinbar ewigen Verlierer treten ins Licht.

Aufrütteln..., das ist wohl die Absicht des Profeten, er will ihnen nichts Neues erzählen, er will sie aus ihrer Resignation und Frustration wachrütteln, damit sie mit ihren Augen sehen und mit ihren Sinnen ergreifen was sie ohnehin schon wissen, weil es da ist, schon immer da war! Gottes Macht, Gottes Heilshandeln in der Welt und an seinem Volk! Ja, ich stelle ihn mir vor, den Profeten, wie er, die Arme weit ausgebreitet, seine Botschaft hinauspredigt..., „schaut, erhebt eure Augen..., die ganze Welt, es ist Gottes Welt, ER hat sie geschaffen, da ist nichts was ihm entgeht..!"

 

Zurück zu meinen ersten „Eindrücken" beim Lesen des Abschnitts: wenn die Botschaft damals ein Apell, ein Zuruf an das Volk Israel im Exil war, also an solche Menschen die, angesichts der Ausweglosigkeit ihrer Lage, nur noch resignieren können, dann täten wir gut daran, heute diejenigen miteinzubeziehen, die sich einen Dreck um die Existenz Gottes kümmern. Das Wort Jesaias will nicht nur aufrichten, aufrütteln, sondern auch warnen..."Wer Ohren hat der höre!"

Denn noch ein Gedanke ging mir durch den Kopf, diesmal zeige ich mit dem Finger auf uns selbst. Wie steht es denn um die Kirchen...?, versuchen wir nicht all zu oft einen „Spagat" zustandezubringen zwischen den Mächtigen dieser Welt, den Systemlenkern, und denen da unten (ganz zu schweigen von denen da draussen...)...?

Die Botschaft Jesaias lenkt unsere ganze Aumerksamkeit auf jene hin, die eben nicht die Kraft haben von selbst aufzustehen, die schon nicht mehr, oder noch nie dazugehört haben..., die Schwachen.

Augen auf! Wir kommen von Karfreitag und Ostern her, wie die Emmausjünger, wir habens gehört und gesehen, in den Gottesdiensten, Andachten, beim Abendmahl..., aber „glauben wirs...?". Viele von uns Christen marschieren durchs Leben wie die Emmausjünger, resigniert, d. h. den Blick auf den Boden gerichtet, nach dem Motto: „war ja alles ganz schön und gut..., aber ändern tut sich doch nichts..." Da muss erst noch einer hinzutreten, muss uns ansprechen, muss uns aufwecken: „sagt mal, seid ihr denn blind?!, seht und spürt ihr nichts?!, schaut euch doch mal um!"

So merkwürdig das jetzt klingen mag (angesichts der Exilsituation, oder dessen was in der Welt passiert), aber ich denke, es wird uns nicht schaden, wenn wir einfach den Blick nach draussen richten, in die Natur...Bei uns in Südamerika ist gerade Erntezeit, vor der Haustüre biegen sich die Äste beladen mit Äpfeln, Birnen, Pfirsichen, Weintrauben..., und bei Ihnen in Europa zeigt sich bereits das neue Leben. Hier wie dort erleben die Menschen dies mit einem Gefühl der Freude und wenn wir noch einen kleinen Funken Glauben in uns haben, werden wir in Dankbarkeit unsere Augen in die Höhe erheben, dann werden die Grossen und die Kleinen Gottes Handschrift erkennen: Gottes Welt! Das ist der erste Schritt zur Veränderung: Gott wahrnehmen, seine Existenz!

So wie das Volk Israel sich von Gott verlassen vorkommt, „wir existieren für ihn gar nicht.., wir kommen in seinen Gedanken nicht mehr vor..., wir sind Luft für ihn...", (und nicht wenige werden an der Existenz dieses Gottes gezweifelt haben...), so geht es sicherlich auch vielen von uns. Wenn die Verzweiflung, die Angst oder Depression uns umhüllen, wie ein schwarzer Mantel..., wer sich von Gott verlassen fühlt, wer - in Konsequenz -, den Glauben an ihn verliert, dem bleibt nur noch die Hoffnungslosigkeit, die totale Resignation.

Dem wirkt der Profet entgegen, dem muss die Kirche, die Gemeinde Christi entgegenwirken! Es gilt den Gott Jesaias zu verkünden, der sich durchaus nicht zurückgezogen oder abgewandt hat, sondern machtvoll und unablässig am Werke ist und den Seinen neue Kraft zum Leben zuführt. Dabei geht es nicht um die Allgemeinheit, so nach dem Motto „stünde es besser um die Welt und die Gesellschaft, ginge es auch mir besser.", sondern: Gott gibt mir Kraft und Energie, nicht nur um das „jetzt" zu ertragen, sondern auch um Besseres zu hoffen und zu bewirken...Wenn wir das „von Ostern her" ernst nehmen, dann sind wir erneuerte Menschen, „WIR" sind das Thema des Sonntags!

Jesaia will das im Volk (und somit im Einzelnen) aufwecken, was bereits schlummernd in ihm vorhanden ist: die Glaubenserfahrung, das Wissen um die grossen Dinge die Gott an ihnen und durch sie getan hat. Und dazu knüpft der Profet an den Schöpfungsglauben an: vom Staunen über die Schöpferkraft Gottes, entdecken wir wieder, oder neu, den Gott der uns im Glauben beisteht, der uns heil macht, wir entdecken die Kraft des Heilandes in uns.

Deshalb: So wie das Volk Israel begriffen hat, dass das „jetzt" noch lange nicht das letzte Wort hat, dass Gott Partei ergreifen wird, weil er es immer getan hat (habt ihr denn vergessen...?!), so dürfen wir glauben, dass das Kreuz von Karfreitag zwar einmalig ist, aber nicht der Schlusspunkt!

...auf IHN blicken! Es geht um uns Menschen! Gott gibt den Müden Kraft, er teilt sich mit, von seiner Kraft, unerschöpflich..., genug für mich. Wie oft bitten wir im Gebet um Kraft!, und das ist nicht falsch. Wir sollten Seine Kraft jedoch nicht für unsere egoistischen Wünsche missbrauchen wollen. Neulich sah ich einen Ausschnitt einer Wochenschau aus dunklen Zeiten, die Kamera zeigte eine Kirchenfahne mit der Aufschrift: „Deutschland unser Ziel, Christus unsere Kraft". Dafür stellt Gott sich bestimmt nicht zur Verfügung, es steht bei ihm allein, worin er wirken will. Und gerade das sollten die Kirchen im Blick haben, wenn es um Globalisierung oder Resourcensicherung geht..., der Zweck rechtfertigt eben nicht die Mittel!

Und dann steht da, dass ER mich jung macht. Das ist kein falsches Versprechen. Sich alt und verbraucht fühlen, hat heutzutage kaum noch etwas mit dem Alter zu tun, wer ständig von seinen physischen und psychischen Reserven lebt, zehrt sie auf, verbraucht sie. Vielleicht auch deshalb, weil er mit einer „externen" Kraftquelle gar nicht rechnet..."Das Leben ist ja so kurz...und so will es auch gelebt sein...", versuchte mir einmal ein Freund seinen Lebensstil zu erklären.

Wer an den Schöpfergott glaubt, weiss, dass sein Leben seinen Urgrund „ausserhalb" hat. Das heisst doch ganz einfach: Gott will mich! Ich darf leben und wirken, weil Gott - erstaunlicherweise -, Freude an mir hat. Wenn mein Urgrund ausserhalb meiner selbst ist, dann ist das so bei allen Dingen, bei der ganzen Schöpfung. Gott hat in allem seine Hand im Spiel. D.h. für mich persönlich: ich muss nicht mehr gegen Windmühlen ankämpfen, ich darf Dinge unerledigt lassen, manche Türen werden für immer verschlossen bleiben, ich muss nicht unablässig gegen sie anrennen, dafür werden sich andere öffnen. Wer das begreifen kann der wird sich wirklich befreit vorkommen, denn er „muss" nicht mehr, sondern er „darf", der wird das Leben führen für das er geschaffen ist. Ich darf „ja" zu mir sagen, weil ER schon lange „JA" zu mir gesagt hat.

Dies alles ist jenen zugesagt die „auf den Herrn harren". Wenn Jesaia die Israeliten auffordert ihre Augen zu erheben..., dann werden diese Augen auch sehen was kommen wird: nämlich ihre Befreiung!, die Rückkehr in die Heimat..., Zukunft, Hoffnung, Neuanfang, Leben...

Ist es nicht so?!: manche unter uns leben in Resignation und sind ohne Hoffnung, und das zeigt sich oft genug an der Körperhaltung oder am Gesichtsausdruck, weil sie eben nicht wissen, wie es weiter geht, sie wissen nicht was sie vor sich haben. Da ist einfach zu viel was uns den Blick nach vorne verperrt, wir wissen nicht, was uns nach der nächsten Wegbiegung erwartet..., wir können kein Vertrauen in die Zukunft finden, weil wir alles von uns selbst erwarten.

Dabei kommen wir doch von Ostern!, hat das denn gar nichts zu sagen?! Wir schauten auf das Kreuz und danach sahen unsere Augen das leere Grab. ER ist uns vorausgegangen. Die Auferstehung Christi von den Toten erschliesst uns die Zukunft. Wenn ER bereits dort ist, wo ich auch hinkomme, dann habe ich keine Angst mehr vor dem was mich nach der nächsten Wegbiegung erwartet. Das „Jetzt" ist zwar wichtig (schliesslich geht es um ein Leben in Würde), aber es ist nicht mehr entscheidend. Ich weiss, dass alles Körperliche vergänglich ist, ich kann es nicht festhalten...Als Christ kann und darf ich deshalb „auf Hoffnung" leben. Darin offenbart sich die österliche Freude. Wir alle kennen das: am Vorabend einer langen Fahrt in den Urlaub sind wir voller Tatendrang und Ungeduld, haben wir mehr Energie, als wenn wir von ihr zurückkehren...Den Hoffenden wachsen „Schwingen", sie werden „beschwingte" Menschen.

Was auch immer wir aus Gottes Händen empfangen werden: seine Kraft, neue Energie, Mut für die Zukunft, das Eigentliche, das er zu geben hat, ist er selbst und damit ist uns alles geschenkt! „Er wird nicht müde noch matt..., die auf ihn harren kriegen neue Kraft..." Warum? Gottes eigenes Leben in uns, in mir! Wir kommen von Ostern her: der Osterglaube ist der Glaube an das neue Leben, deshalb sind wir die „Neugeborenen", in Christus Jesus.

Amen.



Pfarrer Reiner Kalmbach
Allen, Provinz Río Negro
Patagonien / Argentinien
E-Mail: reikal@neunet.com.ar

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