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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Quasimodogeniti, 30.03.2008

Predigt zu Jesaja 40:26-31, verfasst von Berthold W. Köber


Neuwerden aus Gottes Kraft

Liebe Gemeinde!

Gute Worte wirken Wunder. Wie wahr das ist, haben wir schon als Kinder erfahren. Da kamen wir aus der Schule, müde vom vielen Lernen, voller Auflehnung gegen die uns widerfahrene ungerechte Behandlung und klagten der Mutter: „Ich kann nicht mehr." Wenn uns dann die Mutter über den Kopf strich und sagte: „Ich bin bei dir, ich helfe dir und gemeinsam schaffen wir das schon", und nahm uns in die Arme, dann war alle Müdigkeit und Verzagtheit wie weggeblasen und wir fühlten uns wieder stärker und mutiger. Wir wussten: unsere Mutter stand ganz hinter diesen guten aufmunternden Worten, und darum konnten wir ihnen auch ganz vertrauen.

Guter, aufmunternder und tröstender Worte bedürfen wir auch als Erwachsene, ob von Seiten des Ehegefährten oder eines guten Freundes oder von sonst jemand - und wir wissen: sie können Wunder wirken, uns aufrichten und wieder neue Kraft und Zuversicht schenken und wir können wieder mutig weiter machen, wo wir dachten, es ginge nicht mehr.

Gute Worte sprechen auch aus dieser Lesung zu uns. Es sind wunderbare Worte, voller Trost, Ermunterung und Ermutigung und wir nehmen sie dankbar und mit allen Fasern unsres Herzens auf. Wir fühlen uns von ihnen voll angesprochen, sprechen sie doch gerade unsere gegenwärtigen Erfahrungen, unsere Müdigkeit und Kraftlosigkeit und unsere Zweifel an, die für viele von uns zu ständigen Lebensbegleitern geworden sind und uns unseres Lebens nicht mehr so recht froh werden lassen. Es ist nicht jene wohltuende Müdigkeit, die wir nach einem anstrengenden Arbeitstag empfinden, die uns auf einen erquickenden Schlaf freuen lässt. Es ist jene bleierne und bleibende Müdigkeit, gegen die kein Ausruhen, keine Abwechslung und kein Entspannen hilft, eine Verzagtheit, Kraft- und Hoffnungslosigkeit, die den Lebensmut raubt, die resignieren und auch an Gott zweifeln, wenn nicht sogar verzweifeln lässt.

Gerade im Blick darauf sagen diese großartigen Worte das Neuwerden aus Gottes Kraft zu.

Wie geschieht das? (1) Angefochten durch die Gegenwartserfahrungen - werden wir
(2) gewiesen auf Gottes machtvolles Wirken und (3) gestärkt durch Gottes persönliche Zuwendung. - Das wollen wir im Folgenden miteinander näher bedenken.

I.

Adressat dieser wunderbaren Botschaft ist das Volk Israel. Es bedarf dieses großen Trostes und Zuspruchs, denn es befindet sich bereits über zwei Generationen, also schon länger als 50 Jahre in der babylonischen Gefangenschaft, ganz weit weg vom Heimatland. Täglich muss es erleben, wie viel unsägliches Leiden und Elend, Unrecht und Ungerechtigkeit eine solche Verschleppung in ein fernes Land und ein Leben unter einer fremden Herrschaft mit sich bringt. Die Israeliten sind der Willkür ihrer Herren schutzlos ausgeliefert und somit rechtlos.

Noch mehr leiden sie daran, dass sie heimatlos sind. Heimat schenkt Geborgenheit und Sicherheit. Man weiß, wohin man gehört und erfährt Sinnhaftigkeit und Erfüllung. Man hat seine Familie und Freunde, seinen Besitz und sein Auskommen, nimmt Teil an Festen und Feiern und findet seine letzte Ruhe bei den dort begrabenen Vätern und Vorvätern. Das alles ist den Israeliten genommen worden. Zwar konnten sie auch in der Fremde ihre religiösen Traditionen zumindest zum Teil pflegen. Viele von denen aber, die die Heimat und diese religiösen und Rechtstraditionen noch aus eigenem Erleben gekannt noch selbst im Tempel angebetet und geopfert hatten und sie weitergeben konnten, starben weg - und mit ihnen die unmittelbaren Erinnerungen daran.

Diese ältere Generation musste zusehen, wie die jüngere, bereits in der Verbannung geborene Generation zunehmend weniger Verständnis für diese Traditionen und Identität aufbrachte. Dafür aber nahm ihr Interesse an Babylon, seinem religiösen und gesellschaftlichen Leben und seinen Göttern zu. Mit der Zeit mitgehen und selbst auch diesen Lauf mitzubestimmen - das ist besonders für die jungen Menschen weitaus interessanter als Altes zu bewahren. Warum sich also den Babyloniern gegenüber immer nur abkapseln und etwas anderes, Besseres zu sein beanspruchen!? Je stärker diese Tendenzen wurden und je länger die Verbannung dauerte, ohne dass es eine begründete Hoffnung auf eine baldige Heimkehr gab, umso aussichtsloser und also zukunftsloser musste den Israeliten ihre Lage erscheinen.

Rechtlos, heimatlos und zukunftslos zu sein - kann es Härteres geben?! Was diese Verbannten wohl aber am meisten bedrängte, war etwas anderes: das vermeintliche Schweigen Gottes. Hatte er sie ihren Feinden ganz preisgegeben? Bedeutete ihre Exilierung auch die Verbannung aus seiner Nähe? Warum verschloss er die Augen vor dem Unrecht, das sie erleiden mussten? Oder hatte er zu wenig Macht gegenüber Marduk, dem obersten babylonischen Gott? Waren nicht nur Gottes Augen und sein Mund, sondern auch seine Hand und sogar sein Herz verschlossen? Waren sie nun auch noch Gott-los? Fragen, in denen sich die Angefochtenheit der Israeliten durch ihre Gegenwartserfahrungen ausdrückte, ihre Verzagtheit und Resignation und im Besonderen ihre Glaubensmüdigkeit. Hatte es überhaupt noch Sinn, an den Gott ihrer Väter Abraham, Isaak und Jakob zu glauben und ihm zu vertrauen?

Verzagtheit, Angst, Resignation und Müdigkeit, besonders aber Glaubensmüdigkeit - das kennen wir auch. Auch wir sind angefochten durch die Gegenwartserfahrungen, die wir machen müssen, als Gemeinschaft wie auch als einzelne. Zwar befinden wir uns nicht in der babylonischen Gefangenschaft, wie die Israeliten. Und doch sind auch wir bestimmten wirtschaftlichen und politischen Zwängen ausgesetzt, mit denen Unrecht und Ungerechtigkeit einhergehen, denen gegenüber wir machtlos sind. Es ist der Zeitgeist, dessen Herrschaft man sich beugt und dem man Überzeugungen und Werte opfert. Neue Götter sind auf dem Plan und fordern ihre Opfer: Rationalisierung und Globalisierung heißen sie. Das Schlagwort von der Jugend ohne Zukunft geistert herum, wohl nicht ganz zu Unrecht.

Der Glaube an den lebendigen Gott tritt immer mehr zurück und verliert immer mehr an Relevanz. Vor kurzem sagte ein Superintendent in einer Osterpredigt, dass an die 50 Prozent der Deutschen nicht mehr wüssten, was Ostern bedeutet. Und dieses ist unser wichtigstes christliches Fest! Stattdessen erstarken Aberglaube und neuheidnische Religiosität und schlagen die Menschen, hauptsächlich jüngere, in ihren Bann.

Aber auch ganz persönlich müssen wir Erfahrungen machen, die an unseren Kräften zehren und uns unserer Machtlosigkeit bewusst werden lassen. Es sind die stetigen Anforderungen und Herausforderungen, vor die wir uns gestellt sehen und denen wir nur schwer entsprechen. Es sind die beruflichen wie persönlichen Misserfolge, die Vergeblichkeit unserer Bemühungen: unsere gescheiterte Beziehung, das Wegziehen der Kinder, Mobbing im Beruf, schwere Krankheit und alle anderen Schicksalsschläge, die uns mutlos und müde werden lassen.

Vor alledem scheint Gott die Augen zu verschließen, es geschehen zu lassen und zu schweigen. Wir leiden an der offenbaren Gottlosigkeit der Gesellschaft und an der scheinbaren Machtlosigkeit Gottes auch in unserem persönlichen Leben.

II.

Diesen verzagten, resignierten und angefochtenen Menschen ruft der Prophet zu: Hebt eure Augen in die Höhe. Lasst eure Blicke nicht mehr nur auf dem Boden haften wie Menschen, die eine schwere Last auf ihrem Rücken zu tragen haben, und nichts anderes mehr wahrnehmen, sondern blickt auf! Sehet das herrliche Himmelszelt mit seinen unzähligen, prachtvoll leuchtenden, ihre ehernen Bahnen nach ewigen Gesetzen ziehenden Sternen. Gott ist es, der sie alle geschaffen hat. Er kennt sie alle einzeln, und ihm gehorchen sie alle, wie einem mächtigen Heeresführer und Gebieter. Er ist der Herr Zebaoth, der Herr der himmlischen Heerscharen.

Dieses schöne, einprägsame Bild ist zugleich eine subtile, aber sehr deutliche Anspielung. Für die Babylonier waren die Gestirne die alles beherrschenden Götter, ihre eigentlichen Herren. Von ihnen leiteten die Politiker ihre Macht ab. Nun wird gesagt, dass diese Gestirne nichts anderes als Gottes Schöpfung sind und ihm gehorchen müssen. Deutlicher kann die Überlegenheit Gottes über die babylonischen Gottheiten kaum ausgedrückt werden. Es ist zugleich die stärkste Relativierung des Machtanspruches Babylons - auch über Israel.

Zugleich wird den Israeliten in Erinnerung gerufen, was sie eigentlich schon wissen und schon vielfach erfahren haben, was sie anscheinend aber in aller Angefochtenheit vergessen haben. Gott, der auch die ganze Erde mit allem, was es darauf gibt, geschaffen hat, hat geschichtsmächtig an Israel gewirkt. Er hat es mit starker Hand aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit geführt, es immer wieder aus der Hand seiner mächtigen Feinde befreit und ihm Lebensraum und Zukunft geschenkt. In seiner Macht über Raum und Zeit ist Gott unermesslich und unergründlich, hoch erhaben über alle menschlichen Vorstellungen und alles menschliche Verstehen.

Angesichts ihrer Gegenwartserfahrungen ist die Klage der Israeliten über Gottes scheinbare Abwesenheit und Machtlosigkeit zu verstehen. Aber sie werden deswegen nicht zurechtgewiesen, sondern auf dieses machtvolle Wirken Gottes gewiesen. Wenn er der Schöpfer Himmels und der Erde und seine Macht über Raum und Zeit unermesslich und ohne Ende ist, dürfen die Israeliten darauf vertrauen, dass er die Kraft hat, auch ihnen zu helfen und dass sie sein machtvolles Wirken auch an sich erfahren werden.

Sind diese ermunternden und tröstlichen Worte nur den Israeliten gesagt? Auch wir sind doch ähnlich wie sie durch unsere Gegenwartserfahrungen angefochten und zweifeln an Gottes Anwesenheit und Macht. Inwieweit dürfen wir diese Prophetenworte auch auf uns beziehen, die wir hier und heute leben? Inwieweit sind auch wir in unserer Glaubensmüdigkeit und Resignation angesprochen?

Wir glauben an denselben Gott wie die Israeliten. Er ist auch unser Herr. In seinen Absichten und seinem Handeln bleibt er sich selbst treu. So sind auch wir an die wunderbaren Werke seiner Schöpfung gewiesen, in denen wir ihn als den Mächtigen und Unergründlichen erkennen. Seine Kraft wird in diesem seinem Schöpfungshandeln offenbar. Ob es der unermessliche Weltenraum mit seinen hunderten von Milliarden Sternen ist oder die winzigen Gene als Träger der gesamten Erbinformationen der Lebewesen, die Erhabenheit der Alpen oder der wunderbare Duft einer Frühlingswiese...

Auch wir werden daran erinnert, dass wir Gottes Kraft und machtvolles Wirken in unserem persönlichen Leben wie auch in der Geschichte unseres Volkes und unserer Kirche auf vielfältige Weise erfahren durften; wie er uns immer wieder Zukunft, Kraft und Zuversicht geschenkt, neue Wege und Lebensräume eröffnet hat und wir gestärkt und getröstet weiter machen konnten.

Jedoch, das alles wird weit überboten durch den größten Erweis von Gottes unvergänglicher Macht und Kraft. Es ist die Auferweckung Jesu Christi von den Toten! Durch sie sind Vergänglichkeit und Tod, die mit der bisherigen Schöpfung gegeben waren, überwunden - und das endgültig. Mit ihr hat die neue Schöpfung angefangen, in der es keinen Tod, keine Trauer, keinen Tränen und kein Leid mehr gibt, sondern Leben in neuer Kraft, Freude und Frieden. Hier ist die endgültige Macht Gottes offenbar geworden, der keine Grenzen gesetzt sind. Dessen möchte uns diese Osterzeit aufs Neue vergewissern.

III.

Das alles klingt sehr tröstlich und überzeugend, man möchte meinen, dass es fast zu schön ist. Doch was hat der einzelne Mensch, was haben die verbannten Israeliten, was haben wir persönlich von diesem allmächtigen Gott und diesem seinem großartigen Wirken?

Dieser Gott, der nicht müde noch matt wird und dessen Kräfte unerschöpflich sind, ist nicht nur allmächtige Schöpfer von Himmel und Erde und Herr über Raum und Zeit, wie das an seinem machtvollen Wirken erkannt wird. Gott übt diese Macht nicht um seiner selbst willen aus. Er ist derjenige, der sich auch dem Einzelnen in seiner persönlichen Not zuwendet. Jeder einzelne Mensch ist ihm unsagbar wichtig. Er gibt dem Müden neue Kraft und richtet den Erschöpften auf.

Menschliche Kraft kommt an ihre Grenzen. Auch die jungen Menschen und die durchtrainierten Sportler, die ein Übermaß an eigenen Kräften und einen großen Kräftevorrat besitzen, werden müde und straucheln. So konnten wir etwa bei der Tour de France sehen, wie der starke Jan Ullrich kurz vor einem Etappenziel völlig unverständlich von der Straße abkam und sich mit dem Rennrad überschlug.

Im Gegensatz dazu ist die Kraft, die Gott dem Menschen schenkt, unerschöpflich. Sie gibt ihm neuen Auftrieb, wie es das eindrückliche Bild von dem seine Schwingen ausbreitenden, kraftvoll in die Lüfte sich erhebenden Adler zum Ausdruck bringt. Sie befähigt ihn zum Durchhalten und Überwinden.

Wer in solcher Weise Gottes Wirken an sich erfährt, fühlt sich von Grund auf erneuert. Alle Müdigkeit und Verzagtheit ist gewichen, und der Mensch geht zuversichtlich der Zukunft entgegen. Diese wunderbare Zusage ist den Israeliten in ihrer Glaubensmüdigkeit und Resignation gegeben. Sie ist allen Vertrauens wert, denn der machtvoll wirkende Gott steht selbst dahinter.

Diese Zusage ist auch uns gegeben. Mehr noch: Sie ist für uns bereits in Erfüllung gegangen. Gott hat sich uns persönlich zugewendet in Jesus Christus. In seinem Wirken ist Gottes Kraft lebendig geworden: wie er dämonische Kräfte, die die Menschen knechteten, besiegte, Kranke und Behinderte heilte, die Mühseligen und Beladenen zu sich rief, um sie zu erquicken und Tote zu neuem Leben erweckte. Das Reich Gottes, die Gottesherrschaft, die in Jesu Wirken angebrochen ist, ist das kraftvolle Wirken Gottes am Menschen zu seiner Rettung. Seine Kraft ist gerade in den Schwachen und Kraftlosen mächtig, wie das viele Menschen und unter ihnen gerade auch der glaubensstarke Paulus erfahren mussten (2 Kor 12,9).

In Jesus Christus sind wir in das Kraftfeld des Wirkens Gottes hineingenommen und von ihm persönlich angenommen. Das ist in unserer Taufe geschehen. Durch sie wird uns der Heilige Geist geschenkt, die Kraft, durch die Gott Jesus Christus von den Toten auferweckt und die ganze Schöpfung erneuert hat. Es ist die in und durch Jesus Christus wirksame Kraft Gottes, die uns zu neuen Menschen macht, zu Menschen, die nicht mehr aus ihrer eigenen Kraft, sondern aus der Kraft des Heiligen Geistes leben. Von daher wird die Heilige Taufe als Wiedergeburt geglaubt. Das bezeugt auch der Wochenspruch: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten (1. Petrus 1,3).

Das ist auch die Botschaft des heutigen Sonntages, Quasimodogeniti, d.h. wie die neugeborenen Kinder. Er heißt auch der >weiße< Sonntag, weil in den Anfangszeiten des Christentums die Gläubigen in der Osternacht getauft wurden und in ihren weißen Taufgewändern als Zeichen ihres neuen Lebens zum Gottesdienst kamen.

Das heißt nun freilich nicht, dass wir als solche neue Menschen keine Augenblicke der Schwachheit, der Mutlosigkeit und der Müdigkeit mehr erleben und in unserem Glauben nicht mehr angefochten würden. Aber wir wissen um die Quelle der Kraft, die für uns nie versiegt. Es wird uns zugesagt, dass uns aus unserer Verbundenheit mit Christus immer wieder neue Kräfte zuwachsen, durchzustehen und zu überwinden.

 

Liedvorschlag: EG 303 (Regionalteil RWL auch 630)



Prof. Dr. Berthold W. Köber
Köln
E-Mail: bwkoeber@gmx.de

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