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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Advent, 03.12.2006

Predigt zu Psalter 25:1-10, verfasst von Sara Olson-Smith

Nach dir, Herr, verlanget mich.

Mein Gott, ich hoffe auf dich; lass mich nicht zuschanden werden, dass meine Feinde nicht frohlocken über mich.

Denn keiner wird zuschanden, der auf dich harret; aber zuschanden werden die leichtfertigen Verächter.

Herr, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige!

Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich! Denn du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich.

Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.

Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen, gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit, Herr, um deiner Güte willen!

Der Herr ist gut und gerecht; darum weist er Sündern den Weg.

Er leitet die Elenden recht und lehrt die Elenden seinen Weg.

Die Wege des Herrn sind lauter Güte und Treue für alle, die seinen Bund und seine Gebote halten (Psalm 25, 1-10, Lutherübersetzung).

 

Ich betrat das Eulenhaus völlig verblüfft. Es ist ein kleines Haus, in ein Museum umgewandelt, nur eine Küche und zwei weitere Räume. Es unterscheidet sich nicht sehr von den anderen kleinen Häusern, die es umgeben in der kleinen südafrikanischen Stadt Nieu Bethesda. Und doch ist dieses Haus ganz und gar anders. Als ich hineinging in die kleinen Räume, wurde ich unvermittelt von den strahlendsten Farben getroffen - Goldgelb wie Sonnenschein, Tiefblau wie der Himmel, Grüntöne, Orangetöne und Rot. Farben nicht nur an die Wände gemalt, sondern auch an die Decke, die Fußböden, die Möbel. Und es war nicht nur die Farbe, die so beeindruckend war, sondern auch die Spiegel, die an seltsamen Plätzen in den Räumen aufgestellt waren. Und nicht nur Spiegel, sondern auch kleine Stücke zerbrochenen farbigen Glases, wie funkelnde Splitter in Mustern aufgeklebt - hervorbrechender Sonnenschein, Spiralen, Sterne und Monde.

 

Als wir durch das Haus gingen, erzählte uns der Museumsführer von Miss Helen - der Frau, die in diesem erstaunlichen Haus gelebt und es geschaffen hatte. Sie hatte ihr ganzes Leben mit Depressionen zu kämpfen, führte eine Ehe, die endete, als sie noch jung war. Nach ihrer Ehe kehrte sie in dieses Haus zurück, um sich um ihre kranken Eltern zu kümmern. Unmittelbar nachdem ihre geliebten Eltern gestorben waren, begann sie an ihrem Haus zu arbeiten. Anstatt diese Stadt zu verlassen, die mit solchem Leid verbunden war, anstatt an einen neuen Ort zu ziehen, wartete sie in ihrer Dunkelheit, bei einer kleinen brennenden Kerze, und sie wartete auf Weisung, wartete darauf zu sehen, was sie vielleicht inspirieren könnte. Sie vertraute darauf, dass Gott hier, ausgerechnet hier, zu ihr kommen würde.

 

Und wie sie so wartete und das Licht einer einzelnen Kerze betrachtete, sah sie, wie die Kerze von einem Spiegel reflektiert wurde. Und das Licht lehrte sie noch mehr, sie saß und sah, wie es sich im Glas spiegelte, wie es durch kühnere Farben strahlender wurde. Und geführt durch ihr Warten und Betrachten begann sie zu erschaffen, zu malen, Spiegel genau an die richtigen Stellen zu stellen, verschiedenfarbiges Glas in einer Kaffeemühle zu mahlen, um eine Art funkelnde Splitter herzustellen, und diese reflektierenden Teilchen klebte sie an die Wand.

 

Da wir am Tage dort waren, brachte der Museumsführer ein großes Tuch mit, um das Buntglasfenster zu bedecken, so dass der Raum völlig dunkel wurde. Und dann entzündete er eine Kerze - nur eine Kerze - und der Raum wurde lebendig und licht. Die Spiegel waren genau an den richtigen Stellen, um die Kerzenflamme aufzufangen und sie zu einem anderen Spiegel zu werfen und dann zu einem weiteren - und das reflektierte Licht tanzte im Raum herum. Und die funkelnden Glassplitter teilten und vervielfachten das Licht zu winzigen Sternen. Nachdem sie in der Dunkelheit gewartet hatte, geführt und inspiriert durch das Licht dieser kleinen Kerze, war Gott dort zu Miss Helen gekommen, im Raum herumtanzend und ihre Dunkelheit zerschlagend. Gott war wirklich in diesen kleinen Raum gekommen, zu einer verzweifelten Frau, und hat sie zur Hoffnung geführt, zum Licht, zur Erschaffung einer Welt voll Licht und Farbe.

 

Nach dir, oh lebendiger Gott, verlanget mich. Ich hoffe auf dich.

Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich, denn du bist der Gott, der mir hilft;

täglich harre ich auf dich.

Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.

 

Inmitten von Schmach und Feinden äußert die Beterin des Psalms Vertrauen und Hoffnung, stellt ihr Sein in die Obhut Gottes. Die Beterin des Psalms wartet auf Gott, wartet auf Gottes Wahrheit, sie zu führen, wartet auf Gottes Barmherzigkeit, sie zu segnen, wartet auf Gottes Unterweisung und Lehre. Die Beterin des Psalms wartet, sogar in ihrer Angst und im Wissen um ihre Sündhaftigkeit, im Vertrauen darauf, dass Gott, sogar dort, zu ihr kommen wird. Gott wird zu ihr kommen, während sie wartet, und Gott wird es sein, der sie auf ihrem Weg führt, sie unterweist. Sie wartet, weil sie weiß, dass Gott kommen wird um sie in Güte zu führen. Und sie wartet, weil sie weiß, dass Gott kommen wird, denn das ist es, was Gott tut. Gott ist barmherzig, Gottes Güte ist seit Generationen bekannt. Gott ist früher gekommen und Gott wird wiederkommen. Im Vertrauen darauf betet die Psalmistin auch im Warten.

 

Miss Helen malte einen Psalm an ihre Wand. Auch sie saß und wartete, sie erhob ihre Seele zu Gott in Farbe und Hoffnung und Muster. Ihre eigene Gebrochenheit in dem gebrochenen Glas, Spiegel, die ihre eigene erkannte Sündhaftigkeit und ihre Hoffnung reflektierten, kühne Farben, die von neuem Leben zu sprechen wagten, Farbe und das Versprechen von Barmherzigkeit. Sie wartete, wartete und hörte, und Gott kam zu ihr, Gott kam in ihre Angst und Verzweiflung und brachte Licht, Licht, das in Barmherzigkeit und Güte tanzte. Und indem sie dem ihr aufgezeigten Weg folgte, brachte sie weitere Licht- und Farbkreationen hervor. Und nachdem sie zuvor darauf gewartet hatte, dass Gott zu ihr käme, ging sie jetzt über die Wände ihres Hauses hinaus und baute Statuen in ihrem Garten, Statuen von Eulen und Meerjungfrauen, Weisen und Kamelen, skurrile Gestalten. Ihre Kunst trägt dabei das Zeugnis von der Macht der Farbe, der Hoffnung und des Lebens in ihre kleine Stadt.

 

Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich, denn du bist der Gott, der mir hilft;

täglich harre ich auf dich.

 

Am ersten Sonntag im Advent beginnen wir nach unserem christlichen Kalender ein neues Jahr, und anstatt mit Listen von Vorsätzen ins neue Jahr zu gehen, mit neuen Plänen, was wir tun werden, wie wir uns verändern werden, beginnen wir Christen das Jahr mit Warten. Wir beginnen das Kirchenjahr, indem wir uns um einen Kranz mit Kerzen versammeln, beten und sitzen und warten. Wir beginnen unser neues Jahr mit Warten, erinnern uns an die Geschichten von Gott, erzählen von Gottes Barmherzigkeit und Güte, sinnen nach über die Wege, auf denen Christus zu uns kommen wird um uns zu leiten, zu unterweisen, uns auf unserem Weg zu führen.

 

Wir erheben unsere Seele zu Gott, vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit und Güte, vertrauen darauf, dass Gott zu uns kommen wird, ausgerechnet zu uns, vertrauen darauf, dass Gott hierher kommen wird, ausgerechnet hierher.

 

Dies ist nicht der Ort, den wir uns für Gottes Kommen vorstellen würden. Diese Welt ist ganz und gar zerrissen von Gewalt und Krieg, Völkermord und Kampf. Unser Land ist voll von Ungleichheit, Hunger, Rassismus und Klassendenken und Sexismus. Unsere Wälder und Flüsse und die Luft sind täglich der Zerstörung ausgesetzt. In unseren Wohnvierteln findet keine Kommunikation statt, und viele sind einander fremd. Und wir leben mit unserer eigenen Gebrochenheit, unser eigenen Teilnahme an Systemen der Macht und der Privilegien, mit unserem Stolz und unserer Angst, die gleichermaßen schädlich sind, wenden uns in Ärger und Selbstgerechtigkeit von unseren Nachbarn ab. Und wir sind gebrochen in Verzweiflung, Einsamkeit und Sorge, wir sind erschöpft und verloren. Wir sind mit unserer ständigen Begierde in einer Konsumgesellschaft gefangen, sind immer enttäuscht und enttäuschend. Wir sind ganz und gar nicht die, die wir gerne wären, nicht der rote Teppich, auf dem wir Christus gerne willkommen heißen würden. Und doch, meine Lieben, wird Christus hierher kommen, ausgerechnet hierher. Christus wird zu uns kommen, ausgerechnet zu uns.

 

Und so warten wir, vertrauen nicht auf unsere eigene Macht oder unseren eigenen Weitblick für die Zukunft, um die Welt zum Besseren zu verändern, sondern warten, vertrauen darauf, dass nur Gott dies tun kann; nur Gott kann uns auf diesen Wegen führen. Und wir warten, dass Gott kommt und uns unterweist, denn nur durch Gottes Weisheit können wir die Systeme der Zerstörung, Gewalt und Ungleichheit verwandeln. Und wir warten, dass Gott uns die Augen öffnet, denn nur, wenn wir sehen wie Gott will, dass wir sehen, wird der Weg sich öffnen. Und wir warten, ungeduldig bereit zu handeln, denn Gott wird hierher kommen, zu uns, um uns zu führen und zu unterweisen.

 

Und wir warten, aufrichtig unser eigenes Versagen, unsere Kämpfe sehend, unsere Seele zu Gott erhoben, denn nur Gott kann uns Vergebung und die Kraft zur Veränderung geben. Wir warten, ehrlich unsere Verzweiflung und Trauer und Müdigkeit sehend, unsere Seele zu Gott erhoben, denn nur Gott kann unser Leben aus dem Tode herausbringen, so dass wir aus unserer Trauer heraustanzen. Wir warten, offen und bereit zu empfangen, denn Gott wird kommen, um uns Barmherzigkeit und Mitgefühl zu geben.

 

Wir warten in ungeduldiger Sehnsucht und wissen, dass Gott kommen wird, sogar zu uns, sogar an diesen Ort. Wir wissen es, weil es bereits passiert ist. Wir warten jetzt in der Erwartung der Feier der Zeit, als Gott als ein winziges Kind in die Welt kam - die gebrochene und unvollkommene Welt - und so die Welt verwandelt hat, Weisung und Weisheit und Hoffnung gegeben hat. Als Lehrer, Seher, Prophet, Heiler bekannt, kam Christus in die Welt - zu den Armen und Hungrigen, zu den Verlorenen und Sündern, um Vergebung zu bringen, um Hoffnung zu bringen, um Rettung zu bringen. Und Christus kam und hat in seiner Kreuzigung und Auferstehung alles verändert, hat uns einen ganz neuen Weg ermöglicht, uns die Augen geöffnet. Christus ist gestorben. Christus ist auferstanden. Christus wird wiederkommen.


 

Miss Helen wartete in ihrem dunklen Haus, mit einer kleinen brennenden Kerze - und Gott kam zu ihr, und öffnete ihr die Augen für Licht und Farbe und Hoffnung, eine Seinsweise, die vielen anderen Hoffnung brachte und ihnen die Augen öffnete. Wir sitzen jetzt, in dieser Adventszeit, um diese brennende Kerze, warten auf den Einen, der uns offene Augen geben wird, eine Seinsweise, eine Mission. Und wir glauben, dass Christus hierherkommen wird, ausgerechnet hierher. Wir glauben, dass Christus zu uns kommen wird, ausgerechnet zu uns.

 

Und auch während wir hier warten, ist Christus unter uns anwesend, anwesend in gebrochenem Brot, in vergossenem Wein, im Taufwasser, das immer fließt. Christus ist anwesend, auch jetzt, während wir hier warten, ein Licht in unserer Mitte brennend, um uns herum tanzend, wenn Christus sich in unseren Augen widerspiegelt, in den kühnen Farben eines versammelten Volkes in Gebet und Gesang, unsere Gebrochenheit schön gemacht durch die Gnade Christi. Wir warten, ungeduldig zu folgen, ungeduldig zu lernen, ungeduldig verwandelt zu werden. Wir warten, im Vertrauen darauf, dass Christus hierherkommen wird, ausgerechnet hierher. Christus wird zu uns kommen, ausgerechnet zu uns.

 

Dank sei Gott.

Rev. Sara Olson-Smith
Pastor, St. Peter’s Lutheran Church
E-Mail: stpetersnp@gmail.com

Bemerkung:
Übersetzung: Susanne Riemenschneider-Petersen


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