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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Rogate, 27.04.2008

Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 32:7.8.10-14, verfasst von Rainer Stahl

1.  Der Text:

            „Und es redete JHWH zu Mose:
            »Geh!
            Steig hinab!
            Denn verdorben ist dein Volk, das du heraufgeführt hast aus dem Land Ägypten.
            Ungestüm sind sie abgewichen von dem Weg, den ich ihnen befohlen hatte.
            Sie haben sich gemacht einen gegossenen Jungstier.
            Und sie beteten ihn an.
            Und sie opferten ihm.
            Und sie sprachen:
            ‚Diese sind deine Götter, Israel, die dich heraufgeführt haben aus dem Land
Ägypten.' ...
Und jetzt, lass mich.
Und es soll brennen mein Zorn gegen sie.
Und ich will sie fressen.
Und ich will machen dich zu einer großen Nation.«
Und es besänftigte Mose das Angesicht JHWHs, seines Gottes,
und er sprach:
»Warum, JHWH, soll brennen dein Zorn gegen dein Volk, das du herausgeführt hast
aus dem Land Ägypten mit großer Kraft und mit starker Hand?
Warum sollen sagen [können] die Ägypter folgendermaßen:
‚Im Bösen hat er sie herausgeführt, um sie zu töten in den Bergen und um sie zu
vertilgen von der Oberfläche des Bodens?'
Kehr um vom Brennen deines Zorns,
und es sei dir leid über das Böse für dein Volk!
Gedenke Abrahams, Isaaks und Israels, deiner Sklaven, was du geschworen hattest
ihnen bei dir und geredet hattest zu ihnen:
‚Ich will groß machen euren Samen wie die Sterne des Himmels,
und dieses ganze Land, von dem ich gesagt habe, ich will es geben eurem Samen,
sollen sie zum Erbe haben für ewig'.«
Und es wurde leid JHWH über das Böse, das er geredet hatte, um es zu tun an
seinem Volk.
"


2.  Die Predigt:

Liebe Leserin, lieber Leser,
liebe Schwester, lieber Bruder,

wie gehen wir um mit der Schuld anderer an uns?

Wir verlangen Einsicht in diese Schuld. Wir erwarten »Wiedergutmachung« - so weit diese möglich ist. Wir lösen diese »Wiedergutmachung« häufig ab von der Beziehung zwischen uns und denen, die an uns schuldig geworden sind, und schieben sie hinüber auf die Ebene des Geldes und verlangen »Entschädigungen« - oder lassen uns von unserem Anwalt zu einer Art  finanziellem Ausgleich überzeugen.
All das geht normaler Weise nie direkt vor zwischen uns und denen, die an uns schuldig geworden sind, sondern über Gerichte und Prozesse.

Alle diese Vorgänge haben ihr Recht und ihre Bedeutung. Sie sind auch nötig, um Schuldeinsicht bei den Verursachern und Aufarbeitung von Verlust und Schädigung bei den Opfern zu ermöglichen.

Wir als Christen werden solche Vorgänge nicht anstoßen und gestalten, uns in solchen Vorgängen nicht verhalten und entscheiden, ohne dass wir sie einrücken in unser Gespräch mit Gott, in unsere Beziehung mit Gott.

Was bedeutet das, wenn zwischen uns und denen, die an uns schuldig geworden sind, zwischen uns Schuldig-Gewordenen und unseren Opfern - das gilt ja immer auch! -, Gott tritt? Was bedeutet das?

Dazu vermittelt uns dieser kunstvolle Dialog eine großartige Lektion, ein Dialog, den jüdische Theologen der Zeit der Wiedereinrichtung in Juda nach dem babylonischen Exil - also etwa im Jahr 500 vor Christus - geschrieben haben.

Gott verkörpert hier die Rolle - Sie gestatten, dass ich das einmal so ausdrücke -, die Rolle des Menschen, des Menschen, der durch die Schuld anderer geschädigt wurde. Er bringt zum Ausdruck: Die an mir schuldig Gewordenen will ich strafen, aus meiner Nähe verbannen, ja: vernichten. Sie sollen zu nichts werden und durch andere, durch bessere, durch nicht schuldig Gewordene ersetzt werden.

Wir reden als Christen viel von Versöhnung. Das ist richtig. Ich denke aber, dass es Konflikte und Problemsituationen zwischen uns Menschen gibt, in denen schon etwas ganz anderes die Lösung sein kann:

Dass es gelingt, von nun an getrennte Wege zu gehen.
Dass da nichts versöhnt wird, aber man sich einfach nicht mehr in die Quere kommt.
Jeder nun den eigenen Weg geht. Jeder nun - befreit vom Ballast, den der andere oder die andere für einen bedeutete - das eigene Leben selber gestaltet.

Wenn das gelingt - dann ist das schon viel! Ist nicht auch das letzte Ziel vieler psychologischer Betreuung, dass man die innere Fesselung an den anderen, an die Person, die an einem schuldig geworden war, zerschneiden kann und frei wird? Vielleicht hat mancher von Ihnen - liebe Schwester, lieber Bruder - die Fernsehsendung „Für mich bist Du gestorben" gesehen, die am 20. Februar um 20.15 Uhr bei Phoenix ausgestrahlt wurde. Sie hat das Problem vor allem aus dem Blickwinkel der Verlassenen thematisiert, aber auch - meist indirekt - den Weg derjenigen anklingen lassen, die sich getrennt haben und nun eigene Wege gehen. Solche eigenen Wege sind möglich und haben ihren Sinn.

Natürlich wird man dabei nicht heil. Man bleibt verletzt. Aber man kann - wenngleich als gezeichnete Person - doch leben. Und sind wir nicht alle irgendwie Gezeichnete?

Jetzt erst - liebe Schwester, lieber Bruder - verstehen wir, was in unserem Dialog Mose in den Mund gelegt wird, was seine Rolle ist:

Mose stört dieses Konzept.
Mose deckt auf, dass Gott sozusagen »menschlich« geredet hatte.
Mose erinnert Gott an seine Göttlichkeit.
Mose eröffnet einen neuen Horizont, der sich über allen Konflikten doch noch wölbt - den Horizont der Versöhnung, der wirklichen Versöhnung.

Mose „besänftigte das Angesicht Gottes". Hier wird der Fachausdruck für die Verehrung einer Götterstatue mit Öl und Kränzen verwendet. Und das heißt:
Mose wendet die Emotion Gottes von einer menschlichen zu einer wahrhaft göttlichen. Denn Gott ist - wenn er denn Gott ist - barmherzig!

Im Zusammenhang des langen Prozesses des Zusammenbruchs des Regimes der Sowjetunion wurde Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ganz neu an die »Barmherzigkeit« erinnert: Das Wesentliche sei - wurde damals von einem Denker in der Sowjetunion hervorgehoben -, dass über den Jahren der schlimmen kommunistischen Diktatur den Menschen der Sinn, ja: der Begriff für »Barmherzigkeit« verloren gegangen sei. Und das, obwohl die Russische Orthodoxe Kirche vor allem die Barmherzigkeit Gottes erbat und verkündigte, erbittet und verkündigt! So sehr war das Wirken dieser Kirche aus der Gesellschaft verbannt, marginalisiert, dass die Menschen Barmherzigkeit verlernt hatten. Nun aber, nach dem Ende dieser schrecklichen Diktatur, bestehe die Chance, ganz neu »Barmherzigkeit« kennen und leben zu lernen.

Mit diesem gesellschaftlichen Beispiel in unserer Erinnerung begreifen wir, welch große Lektion hier dargestellt ist, welche Lektion wir beginnen müssen.

Gott selbst wir hier zum Schüler der »Barmherzigkeit«. Diese Lektion der »Barmherzigkeit« für Gott wird in unserem Gebetsdialog durch die Verwendung von „dein" und „sein" und den Wechsel zwischen „dein" und „sein" dargestellt:
Die unbarmherzige Beziehung Gottes wird dadurch zum Ausdruck gebracht, dass Gott Israel von sich weg rückt und dem Mose aufbürdet, so dass dieses Volk von Gott „dein" Volk - nämlich Moses Volk - genannt wird.
Die Anmahnung von Barmherzigkeit durch Mose wird dadurch treffend zur Sprache gebracht, dass sich Mose durch diese Anrede durch Gott und die »Lösung« Gottes nicht hat »in Versuchung führen« lassen: Weder hat er akzeptiert, dass dieses Volk seines sei, noch lässt er sich dazu »verführen«, aus sich selbst ein neues Volk machen zu lassen.
Sondern Mose hat dieses Volk ganz und ausschließlich als das Volk Gottes angesehen, als „dein" Volk.
So resümiert der Erzähler, dass Gott am Ende doch „seinem" Volk gegenüber gnädig wird.

Dieses Hin und Her zwischen „dein" und „sein" erinnert uns in unseren menschlichen Konflikten an unsere Verantwortung füreinander. Da erkennen wir, dass getrennte Wege, die ja die Beziehung aussetzen, letztlich keine Lösungen bieten.

So hat dieser große Gebetsdialog den Sinn, uns zu ermutigen, selbst in und nach schweren Konflikten und Krisen die Beziehungen wieder aufzunehmen. Oder vorsichtig zu sagen: Offen zu bleiben für die Chance, dass sich Beziehungen wieder ergeben können. Wir wieder fähig werden, aufeinander zu zu gehen und dabei alte Verletzungen zu überwinden - sich des Bösen, das wir empfunden und gewünscht hatten, Leid tun zu lassen. Das ist die große Hoffnung, das ist der »Regenbogen« der Hoffnung, der heute über unserem Leben gezeichnet wird:

Dieser Sonntag heute öffnet uns diese große Dimension und stärkt unseren Mut, uns auf eine Beziehung zu Gott einzulassen, in der wir Barmherzigkeit uns gegenüber begreifen können. Und uns auf eine Beziehung zu denen einzulassen, die an uns schuldig geworden sind, in der wir Barmherzigkeit gewähren, leben und verwirklichen können.

Unser Gott - um in diesen alten Worten zu sprechen - ist ein besänftigter Gott. Leben auch wir in dieser Rogate-Woche als besänftigte Menschen.                                         Amen.


Wenn Sie mögen, lesen Sie das Lied EG 98 nach:

„... Liebe lebt auf, die längst erstorben schien:
Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

...

Im Gestein verloren Gottes Samenkorn,
unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn...
Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün."



Dr. Rainer Stahl

E-Mail: rs@martin-luther-bund.de

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