Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Rogate, 27.04.2008

Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 32:7-14, verfasst von Hans Martin Müller

Rogate  -   27. April 2008  -  Zweites Buch Mose 32, 7 - 14.

 

„Daß wir nichts vom Zorne Gottes zu lehren haben" - so hat Friedrich Schleiermacher seine zweitletzte Predigt zur Dreihundertjahrfeier der Augsburgischen Konfession überschrieben. (Dogmatische Predigten der Reifezeit, hsg. von Emanuel Hirsch, KSP Bd. III, Berlin 1969, S. 123 ff.). Als Predigttext hatte er sich 2. Kor. 5, 17 u. 18 ausgewählt: Die von Gott in Christo gestiftete Versöhnung hat alles neu gemacht. Das Alte ist vergangen, auch die alten Vorstellungen vom strafenden und rächenden Richtergott, der den Kübel seines Zorns über die sündige Menschheit ausgießt. Vielleicht, so Schleiermacher, hätten die Menschen des alten Bundes gemeint, der zornige Gott wolle die Menschen durch Androhung von Strafen vom Sündigen abhalten. Aber was wäre von einer solchen Frömmigkeit zu halten, die der Angst vor göttlichen Strafen entspringt? Wenn doch der Glaube an die Liebe Gottes die Furcht austreibt? Das Amt, das die Versöhnung predigt, der Dienst, den die Christenheit der Menschheit leistet, wenn sie Gottes Liebe preist, kann also nicht mit der Predigt von der Furcht einflößenden Zornesmacht Gottes verbunden werden. Also hat der christliche Prediger vom Zorne Gottes nichts zu lehren.

 

Wirklich nicht? Die Bibel jedenfalls, und nicht nur das Alte, sondern auch das Neue Testament, spricht ganz unbefangen vom Zorne Gottes. So auch unser heutiger Text aus dem zweiten Buch Mose. Darf die christliche Predigt dann davon schweigen? Sie tut es heute weithin, wie sie auch von der Sünde und dem Gericht Gottes schweigt. Es scheint ihr peinlich geworden zu sein, unser Gottesbild als des allgütigen Vaters, des guten Hirten, der uns beschützt, der uns hilft, der alles verzeiht, mit solch ernsten Zügen zu verunstalten. Aber, hörte ich neulich einen Prediger fragen, „machen wir es uns mit dem Glauben damit nicht zu bequem?" Dietrich Bonhoeffer hatte einst die Prediger vor der Verkündigung einer „billigen Gnade" gewarnt, die so wohlfeil zu haben ist, daß sie schließlich niemand mehr achtet. Vielleicht müssen wir heute auch vor einem bequemen Glauben warnen, der jeder Anstrengung aus dem Wege geht und jede Prüfung meidet, der zum Diener unseres Wohlbehagens gemacht wird und darum dem Ernst des Lebens auch nicht mehr gewachsen ist. Den wir darum auch nicht mehr brauchen.

 

So ähnlich muß es auch dem Volk Israel ergangen sein, wie es uns unser heutiger Text schildert. Als sich Moses auf der Wüstenwanderung sich auf den Berg Sinai zurückgezogen hatte, damit der Herr mit ihm rede, und er lange ausblieb, wurde es dem Volk unheimlich und die Leute sprachen zu Aaron: „Auf, mache uns einen Gott, der vor uns hergehe!" Und Aaron hatte nichts Eiligeres zu tun, als ihnen ein goldenes Stierbild vor Augen zu stellen, wie das Volk es von den Götterbildern in Ägypten kannte: „Siehe, das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat". Und schon wurde ein Fest ausgerufen, dem goldenen Stier zu Ehren, man brachte ihm Opfer dar, führte Reigentänze auf und das Volk „setzte sich zu essen und zu trinken, und sie standen auf, um ihre Lust zu treiben". Dieser „Tanz um das goldene Kalb" ist seither zu einem Sprichwort geworden für eine Gesellschaftsverfassung, die dem äußeren Wohlbehagen alles zu opfern bereit ist; wo für jeden nur noch eines zählt: daß jederzeit genug Geld auf dem Konto ist. Daß es mit einer solchen Lebenseinstellung auf die Dauer nicht gut gehen kann, ahnt wohl jeder. Doch was soll`s: „Nach uns die Sintflut". Oder mit einem Bibelwort ausgedrückt: „Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot". (1. Kor. 15, 32). Wir haben also keinen Grund, mit dem Finger auf das Volk Israel zu zeigen und seine Gottesvergessenheit anzuprangern. In dem, was uns hier vor Augen geführt wird, sehen wir uns selbst wie in einem Spiegel. So hält es Paulus der Gemeinde in Korinth vor: Uns zum Vorbild ist das alles geschehen, damit wir nicht am Bösen unsere Lust haben und auch Götzendiener werden. (1. Kor. 10, 6 f.). Und Luther weist in einer Predigt über unsern Text auf Aaron hin, den Bruder Mosis und geweihten Priester, dem Urbild des Priestertums: Er macht sich als erster zum Diener des sinnverwirrten Volkes und spricht über sein eigenes Machwerk: „Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat." Wenn selbst ein Aaron nicht standhaft bleiben konnte, meint Luther, „dann darf gewiß niemand auf sich selbst vertrauen" und wenn selbst Aaron gefallen ist, „kannst du ganz gewiß auch fallen, wer immer du auch seiest." (WA 16, 614 f.).

 

Soll Gott dem untätig zuschauen? Soll er sein Volk fallen lassen und ins Verderben rennen lassen? Denn daß es im Taumel des Tanzes um das goldene Kalb seinem Untergang entgegentorkelt, wie es die ganze Menschheit tut, liegt auf der Hand. Das weiß auch Moses, als er mit den Tafeln des ewigen Gottesgesetzes vom Berge heruntersteigt. So hört er die Stimme seines Gottes, der mit ihm redet, wie man mit einem Freunde spricht (2. M. 33, 11): Ich will dich zu meinem Volk machen, denn Israel hat sich von mir abgekehrt, ich will es ausrotten und vom Erdboden vertilgen. Das ist das erste, was wir vom Zorne Gottes zu lehren haben: Es ist ihm nicht gleichgültig, wenn sein Volk, wenn die ganze Menschheit sich ihrem Wahn hingibt, ihren Schöpfer und Herrn vergisst, um ihren eigenen Neigungen und Ängsten in den Abgrund zu folgen. Sollen sie dahinfahren, wenn nur einer übrig bleibt, mit dem Gott einen neuen Anfang machen will? - So vernimmt es Moses, als er vom Berge herabsteigt, und er erschrickt. Hat Gott damit nicht sein eigenes Werk verleugnet? Hat er damit nicht alles zunichte gemacht, was er mit diesem Volk angefangen hat?

 

Der zornige Gott, der einem Mose hier vor Augen tritt, ist uns nicht fremd. Es ist der Gott des heiligen Gesetzes, der die Sünden der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied. Nicht aus Rachsucht oder in einer Gemütsaufwallung, wie sie uns Menschen geläufig ist. Darüber ist der allein heilige Gott erhaben. Aber es ist ihm nicht gleichgültig, welche Wege seine Geschöpfe einschlagen, und er sieht darauf, wohin wir gehen. Mit seinem ewigen Gesetz sorgt er dafür, daß alles, was geschieht, seinem Willen folgt. „Was er sich vorgenommen und was er haben will, das muß doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel." (EG 361, 5). Die Gedanken, die er hat, sind nicht unsere Gedanken und die Mittel, deren er sich bedient, sind nicht unsere Mittel. Das Gesetz, unter das er unser Leben gestellt hat, ist einfach: es ist das der unerbittlichen Folgerichtigkeit, wie wir sie an den Naturgesetzen ausmachen können. Sie gilt auch für unser menschliches Leben: Alles, was wir Menschen tun und lassen, hat seine ehernen Konsequenzen, denen wir uns nicht entziehen können und die keine Folgeabschätzungen, wie sie heute so beliebt sind, kalkulieren können. Wer den falschen Göttern nachläuft, rennt in sein Verderben und muß die Folgen auf sich nehmen, ob er will oder nicht. Das führt Gott Mose vor Augen, als er vom Berg Sinai herabsteigt und das Volk Gottes beim Tanz um das goldene Kalb erblickt. Moses erfährt und empfindet es als Zorn Gottes, wir heute erfahren und empfinden anders: als Abwesenheit Gottes. Wenn wir nach dem Sinn unseres Schicksals und unseres Ergehens fragen und keine Antwort bekommen, weil Gott schweigt, dann gibt es keinen Gott mehr für uns. Was bleibt, ist die Angst. Als Kant den gestirnten Himmel über sich erblickte, empfand er Ehrfurcht. Pascal aber, beim selben Anblick, empfand etwas anderes und steht uns damit näher: „Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mir Angst." (aus den „Pensées" ?) So sieht der Zorn Gottes für uns heutige Menschen aus, als Schweigen Gottes, das uns Angst macht. „Sometimes I feel like a motherless child" - so haben die Sklaven Amerikas in ihrer großen Not es ausgedrückt. Aber so genau wollen wir es meist ja gar nicht wissen. Wir verdrängen unsere Angst und geben uns lieber dem Taumel hin.

 

Moses wollte es genau wissen. Er kann sich nicht damit abfinden, daß Gott sein Volk erbarmungslos ins Verderben rennen lässt. So wagt er es, Gott im Gebet zu widersprechen: „Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und laß dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst." Aber Moses weiß auch, daß er gegen Gott nichts vermag, daß sein Widerspruch Gottes heiligen Willen nicht brechen kann. Der einzige, der gegen Gott etwas ausrichten kann, ist Gott selbst. Darum flieht er in seinem Gebet zu ihm hin und erinnert ihn an sein Verheißungswort: „Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig." Gott im Gebet widersprechen kann nur der, der weiß, daß Gott sich nicht selbst widersprechen kann, und sich darum gegen allen Augenschein und gegen alle Hoffnung an sein Wort klammert: „Du hast es gesagt, nun mache wahr, was du gesagt hast, dein Wille geschehe." Dein Wille - den ich im Wort der Verheißung vernommen habe.

Gott bleibt seinem Worte treu. Moses darf erfahren, wie der Gott des Zornes sich in den Gott der Vergebung verwandelt. Aber das heißt nicht, daß das untreue Volk ungestraft davonkommt. Moses zerschlägt das goldene Kalb, zermahlt es zu Pulver, streut es aufs Wasser und gibt es dem Volk zu trinken. Es muß die Suppe auslöffeln, die es sich eingebrockt hat. Gottes vergebende Liebe ist heiliger Ernst: Wer dem Golde vertraut, muß lernen, daß niemand davon satt wird. Wer sich dem Taumeltanze hingibt, muß erfahren, daß am Ende der Sturz in den Abgrund steht.„Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend immer Böses muß gebären." (Fr. Schiller, Wallenstein. Die Piccolomini V. Akt). Unter diesem Gesetz des Todes leben wir in dieser Welt.

 

„Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden", sagt uns unser Herr Jesus Christus. Der Fluch des Todes ist nicht das letzte Wort über uns. Moses hat gewagt, in seinem Gebet vom Gott des Zornes zu dem Gott der vergebenden Liebe zu fliehen. Nehmen wir all unsern Mut zusammen und fliehen in unserem Gebet hin zu ihm, dessen wahres Gesicht uns unser Herr Jesus Christus gezeigt hat. Amen

 



Prof. Dr. Hans Martin Müller

E-Mail: muellerhm@gmx.de

(zurück zum Seitenanfang)