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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Trinitatis, 25.05.2008

Predigt zu Deuteronomium 6:4-10, verfasst von Elisabeth Tobaben

Liebe Gemeinde!

Sieben Mal - so haben kluge Werbestrategen herausgefunden - sieben Mal muss der Mensch durchschnittlich etwas wiederholen oder an etwas erinnert werden bis er es sich wirklich langfristig merken kann!
Das soll so sein, wenn man bewusst etwas lernen will, Vokabeln einer Fremdsprache z.B., mathematische Formeln, den Stoff für irgendeine Prüfung, oder wenn die SängerInnen im Chor ein neues Stück einüben...
Das soll aber auch zu bei mehr „unfreiwilligen" Lernvorgängen zutreffen, von denen sich Werbung Erfolg verspricht.
Ich kann mir das vorstellen: wenn ich oft genug - vielleicht das 7. Mal auf Plakaten, Handzettel oder in Zeitungsartikeln auf eine Veranstaltung hingewiesen werde, sage ich vielleicht doch: schon wieder dieses blaue Plakat von der Inselkirche, ach ja, da wollte ich doch schon längst mal hin...

Der Text, der uns heute Morgen zum Nachdenken vorgeschlagen ist, hört sich fast so an, als hätte der Verfasser vor Jahrtausenden diese Theorie auch schon gekannt!
Auch im 5. Buch Mose geht es um einen Erinnerungstext und um Methoden des Erinnerns und Lernens.
Nahezu 40 Jahre Wüstenwanderung liegen hinter Israel nach der Flucht aus Ägypten, so erzählt das AT- das gelobte ist Land zum Greifen nah, und nun soll Mose seine Leute noch einmal erinnern an die Vereinbarungen, die Gott mit ihnen getroffen hat, an den Bund, den Gott mit Israel geschlossen hatte.
Mose zählt noch einmal auf, woran sie sich halten sollen, damit ihr Leben gelingen kann, es geht um die Texte, die er damals vor langen Jahren mitgebracht hatte aus seiner Begegnung mit Gott im Hochgebirge des Sinai.
Er zählt die Gebote, die Anweisungen zum Leben, noch einmal auf.
Und immer wieder heißt es dazu: das sollt ihr lernen und darauf achten, damit es euch wohl ergehe.
Und das alles auf der Grundlage der Erinnerung: vergiss nicht, der Herr, unser Gott, ist der, der dich aus Ägypten geführt hat!
Nicht irgendein anderer, unberechenbarer Gott, sondern der, der dich schon einmal gerettet und befreit hat.
Und schließlich kommt - wie in einer kompakten Zusammenfassung:

Deuteronomium/ 5. Mose 6
4. Höre, Israel, Jahwe unser Gott, Jahwe ist einzig.
5. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deiner Kraft.
6. Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. (Luther: du sollst sie dir zu Herzen nehmen).
7. Du sollst sie deinen Söhnen und Töchtern wiederholen. Du sollst von ihnen reden, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst. Sie sollen Schmuck auf deiner Stirn werden.
9. Du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses schreiben und in deine Stadttore.

Wiederholen, einschärfen, immer wieder sprechen - fromme Jüdinnen und Juden tun das mit diesem Text bis heute, jeden Morgen und Abend, allein oder gemeinsam im Gottesdienst - das „Schema Israel" - das „Höre, Israel" gehört zu ihren regelmäßig gesprochenen Gebeten!
Die Anfangsworte des hebräischen Textes haben ihm seinen Namen gegeben, vergleichbar unserem Vaterunser.
„Höre, Israel, der Herr, unser Gott ist einzig" das steht auch in den kleinen Kapseln an den Gebetsriemen, die sie sich zu diesem Gebet umlegen, das steht auch in den etwas größeren, länglichen Kapseln, die sie an ihre Wohnungstüren hängen und die sie kurz berühren, wenn sie die Wohnung betreten. (viele von Ihnen und Euch werden das kennen, von Israelreisen, aus Filmen, aus Begegnungen mit jüdischen Gemeinden hier bei uns).
Sie entnehmen diesem Text ganz konkrete Anweisungen, die ja vergleichsweise leicht zu befolgen sind: bestimmte Texte sprechen, Erinnerungszeichen umhängen oder anbringen, das kann man gut tun ;
und: häufig wiederholte Texte, Zeichen und Symbole, die uns regelmäßig begegnen, sie können uns auch gut-tun...
Denn dahinter steckt die Überzeugung, dass äußere Zeichen und Haltungen auch im Innern von Menschen etwas bewirken können;
So wie wir in unserer Tradition unterschiedliche Haltungen kennen beim Beten: Knien oder Händefalten, Aufstehen oder Hände erheben;
Zeichen und Haltungen können hilfreich sein, wenn es darum geht, sich auf etwas ganz zu konzentrieren, zur Ruhe zu kommen, sich die Worte zu Herzen zu nehmen, sich ihnen zu öffnen und etwas anzufangen damit für die Gestaltung des eigenen Lebens.
Es reicht natürlich nicht aus, Worte immer wieder vor sich hin zu sagen, sie auswendig zu wissen und irgendwo aufzuschreiben, vielleicht sogar in künstlerisch gestalteter Form.
Das kann nur ein erster Schritt sein, die Vorbereitung sozusagen auf das, was daraus erwachsen, entstehen soll.
Das Ziel ist, dass diese Worte in uns auch etwas bewirken.
So ähnlich haben vermutlich auch die Erbauer unserer niedersächsischen Bauernhäuser und Hansestädte gedacht, als sie auf die Giebelbalken ihrer Häuser neben Namen und Daten Bibelsprüche gesetzt haben, Leitverse für das Leben.
Ich finde das sehr schön, erinnern sie uns doch daran, dass ihre Inhalte hier wichtig sind, in diesem Haus, wo sich das Leben abspielt - und nicht nur in einer frommen Ecke oder in der Kirche.
Und warum nicht auch auf einem Giebelbalken schreiben:
„Höre, Israel, der Herr, unser Gott ist einzig"!
Mose beschreibt Gott als einzig, d.h. als ungeteilt, heil und ganz.
Und so möchte Gott auch seine Menschen, ungeteilt, heil und ganz,
- ihm entsprechend, Ebenbild Gottes,
- nicht mehr zerrissen und verfolgt von Bildern der Vergangenheit, von Spuren der Sklaverei in Ägypten, von Enttäuschungen und zerbrochenen Träumen.
„Darum sollst du den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft-," damit das gelingen kann

Überhaupt irgend etwas „von ganzem Herzen, von ganzer Seele und all seiner Kraft" tun zu können, das scheint mir zu den ganz großen Sehnsüchten unserer Zeit zu gehören.
„Aaach ja, wenn man das doch könnte!" höre ich des Öfteren in Gesprächen „sich so richtig mit Haut und Haaren einer Sache verschreiben, völlig aufgehen im Einsatz für ein Problem, sich mit allen Fasern an einer Stelle engagieren..."
Oft ist das auch mit dem tiefen Seufzer verbunden: „Aber dafür hab ich einfach keine Zeit. Ich würde ja soooo gerne regelmäßig... laufen oder singen oder malen... oder auch irgendwas in der Kirche mitmachen- aber (schulterzuckend resigniert): es geht eben leider nicht."
Die Sehnsucht ist da, aber das Paradoxe ist, dass in unserer Gesellschaft im Gegensatz dazu immer noch die Leute am angesehensten sind, die den vollsten Terminkalender haben, sich völlig zu zerreißen versuchen, auf tausend Hochzeiten gleichzeitig tanzen und oft genug nichts richtig zu Ende kriegen.
Es kann angehen, dass das etwas damit zu tun hat, dass oft andere an einem zerren und ziehen (Hast du dies schon gemacht, versuch doch mal jenes und du solltest aber auch...) und man versucht, all diesen (vermeintlichen) Ansprüchen gerecht zu werden.
Das ungute Gefühl, das dabei entsteht, führt wohl dazu, dass Menschen, die es dann wirklich schaffen und nichts anderes im Kopf haben als... Fußball, ihren Verein, zumindest mit vorsichtiger Skepsis betrachtet werden.
Mitunter heißt es dann sogar über so jemand: der ist ja vielleicht fanatisch!

Und jetzt gar noch: Gott lieben von ganzem Herzen, ganzer Seele und aller Kraft... Aber wie?
Jetzt kann man natürlich daherkommen und versuchen, diese Anweisung einfach in die Reihe der anderen mit hineinzustellen, so als könnte man das auch leicht befolgen und einfach tun.
Doch es wird sich bald zeigen, dass dies so einfach nicht ist.
Denn wir versuchen damit, etwas Ungreifbares fassbar und uns verfügbar zu machen.
So als könnte man Liebe produzieren, einfordern oder gar herstellen mit dem „du sollst..." - oder mit bestimmten Texte und Symbolen.
Aber Gott ist nicht verfügbar, sodass er in unsere Vorstellungen verpackt werden könnte!
Zuerst wendet sich Gott seinen Menschen zu so wie am Sinai, so wie in der Befreiung aus ägyptischer Sklaverei - und das wird im Hebräischen viel deutlicher und klingt ganz anders, denn da steht gar nicht so die Forderung im Vordergrund, vielmehr (schwer zu übersetzen): „Du wirst..." Weil da diese Befreiungstat in der Geschichte war, weil Gott der ist, der so etwas kann und vollbringt, am Sinai und wo auch immer, darum wirst du ihn lieb haben.
Deswegen ist es wichtig, davon etwas zu wissen, und darum sind die alten Geschichten so wichtig, das Wiederholen und Erzählen - und sich darin wieder finden, sie zu verknüpfen mit der eigenen Geschichte.
Es gibt ein Buch einer jüdischen Theologin mit dem Titel: „Und wieder stehen wir am Sinai" - und sie greift die alte Anweisung damit auf, das Fest der Befreiung so zu feiern, als wäre man selbst dabei gewesen. Am Sinai.
Und dabei vielleicht irgendwann zu erleben, dass sich das Fest und die Geschichte einem plötzlich erschließt, Relevanz gewinnt für die eigene Geschichte.
Auch wir wiederholen unsere Feste im Kirchenjahr, feiern jedes Jahr Weihnachten, Ostern - uns erinnern lassen an die Geschichten und Erfahrungen, die damit verbunden sind.
Wir wiederholen - nicht nur siebenmal , sondern immer wieder. Jahr für Jahr.
Und in allem klingt es letztlich mit:
„Höre, Israel, höre Mensch, der Herr, dein Gott ist einzig!"
Und der Friede Gottes...
Amen

 



Pastorin Elisabeth Tobaben
Juist
E-Mail: Tobaben.Juist@t-online.de

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