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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Trinitatis, 25.05.2008

Predigt zu Deuteronomium 6:4-9, verfasst von Martin Weeber

In zwei kleinen Sätzen faßt sich für unsere jüdischen Glaubensgeschwister die ganze Bibel zusammen. Mit diesen beiden kleinen Sätzen beginnt unser heutiger Predigttext:
„Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft."
Äußerste Reduktion. Alles Überflüssige ist weggelassen.
Wie bei einem Spickzettel, auf den man sich vor einer Klassenarbeit die wichtigsten Formeln notiert. Solch ein Spickzettel muß klein sein. Man muß mehr wissen, als auf solch einem Spickzettel draufsteht. Aber von dem aus, was da draufsteht, kann man sich alles andere wieder zusammenreimen und zusammensetzen.
„Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft."
Alles andere ist eine Entfaltung dieses Grundgedankens.
Alles andere ist im Blick auf diese beiden Sätze Vorgeschichte oder Folgerung.
In diesen beiden Sätzen faßt sich der Glaube Israels zusammen.

Diese beiden Sätze muß man sich einprägen.
Diese beiden Sätze darf man nicht vergessen.

So fährt der Predigttext fort:
„Diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst."
Diese beiden Sätze sind das tägliche Brot für die Seele, sie sind der tägliche Begleiter auf allen Wegen. Mit ihnen soll der Tag beginnen, mit ihnen soll er enden.
Die Zuneigung zu diesen beiden Sätzen gewinnt eine ganz konkrete Gestalt. Die wird am Schluß des Predigttextes beschrieben. Ich will zunächst lesen - und dann erklären:
„Du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an deine Tore."

So sieht das aus: An den Türpfosten des jüdischen Hauses oder der Wohnung befindet sich eine kleine Kapsel. Und in dieser Kapsel, da ist ein kleiner Pergamentstreifen aufbewahrt. Und auf dem stehen diese beiden Kernsätze des Glaubens. Auch das mit dem Zeichen auf der Hand und mit dem Merkzeichen zwischen den Augen wird von frommen Juden bis heute ganz konkret umgesetzt: Kleine Kapseln mit diesen beiden Bibelversen bindet man sich zum Gebet in Herznähe an den Arm und auf die Stirn. Wenn man Leuten glauben darf, die sich da auskennen, dann gewinnt diese Sitte heute wieder an Verbreitung.

Wir mögen vielleicht lächeln über solche handgreiflichen Annäherungen an das Bibelwort. Als neuzeitliche Protestanten sind wir geneigt, im Bereich des Glaubens alle äußerlichen Zeichen, Gesten und Gebräuche geringzuschätzen. Wir meinen, es käme doch vor allem auf die Innerlichkeit an, darauf daß man die Worte der Bibel im Herzen bewahrt. Das stimmt schon, aber wir unterschätzen manchmal den Nutzen und den Sinn solcher Sichtbarkeit und Greifbarkeit.

Manchmal geht das bei uns ja so weit, daß man nicht einmal die Worte im Herzen und im Geiste bewahren mag. Man spielt dann den Sinn gegen das Wort aus. Jahrelang hat unter dieser Einstellung etwa das Auswendiglernen gelitten, diese alte Kulturtechnik. „Hauptsache", so sagte man, „der Sinn der biblischen Texte ist verstanden. Wie sie genau lauten, das muß man nicht wissen."

Da ist schon etwas dran. Aber allmählich merken wir auch wieder, wie traurig es ist, wenn uns gar keine geprägte Sprache zur Verfügung steht: Kein Gebet, kein Trostwort, kein Psalm. Aber auch kein Gedicht, kein Lied, kein Sprichwort. Unsere Kultur lebt davon, daß wir uns die geprägte Sprache aneignen, daß wir auf sie zurückgreifen können. Auch für die religiöse Kultur, für die Kultur des Glaubens, gilt das. Wir brauchen die geprägte Sprache.

Die Einsicht, die in unserem Predigttext zum Ausdruck kommt, ist also von großer Klugheit:
Unser Glaube braucht die feste Formulierung. Er braucht sie nicht als ein Gefängnis, in das er eingeschlossen würde. Aber er braucht sie als eine Form, die ihn vor dem Zerfließen bewahrt.
Daneben braucht unser Glaube gewiß auch die großen und ausschweifenden Geschichten. Er braucht die Erzählungen, die dem Flug unserer Fantasie Auftrieb geben. Er braucht die Bilder, die sich immer wieder neu auslegen lassen. Er braucht die tiefgründigen Symbole.
Aber die knappe und kurze Formel, die mit festem Griff das Wesentliche erfaßt, die braucht er eben auch.

„Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft."

Das ist so eine Kern-Form, eine Kern-Formel des Glaubens. Für unsere jüdischen Glaubensgeschwister faßt sich darin das Wesen des Glaubens zusammen.

Der Jude Jesus hat diese Formel aufgenommen. Er hat sie ergänzt. Aber diese Ergänzung ist eine solche, die den Sinn dieser Formel einfach sinngemäß entfaltet und erweitert. Nichts völlig Neues:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." (Mt. 22, 37-39)
Jesus knüpft an und ergänzt. Er ergänzt freilich durch Rückgriff auf eine andere Zentralformulierung des jüdischen Glaubens. Er fügt das Gebot der Nächstenliebe an, wie er es im Gesetz des Mose vorfindet. Nichts völlig Neues. Aber doch eine Verwahrung gegen ein Mißverständnis. Eine Verwahrung gegen das Mißverständnis, der Glaube an Gott sei eine gänzlich private Angelegenheit. Nein: Wenn wir auf Gott schauen, dann gerät der Mitmensch immer auch in unseren Blick. Gottesliebe und Nächstenliebe: Das ist nicht das gleiche - aber sie gehören zusammen, die Gottesliebe und die Nächstenliebe. Und weil der Nächste ein Mensch ist wie wir, deshalb wird durch Jesu Ergänzung die Grundstruktur des Gedankens nicht zerstört: Die Grundstruktur, die Gott und den Menschen aufeinander bezieht.

Es ist nicht so, daß sich unser christlicher Glaube nicht vom jüdischen Glauben unterschiede. Gewiß nicht. Aber es gibt Stellen, an denen sich die beiden Glaubensweisen ganz, ganz nahe sind.
Unser Predigttext führt uns an eine solche Stelle:
„Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft."

Es geht im Glauben darum, daß wir uns mit unserem ganzen Leben auf Gott einlassen; daß wir uns (mit allem, was wir haben und können, wollen und wünschen) auf Gott beziehen, uns von Gott angesprochen fühlen. Es kommt darauf an, daß wir ihn hören und ihm antworten.

Gott und der Mensch. Der Mensch und Gott.
Gott nicht ohne den Menschen. Der Mensch nicht ohne Gott.
Auf diese Grundstruktur läßt sich der Glaube immer wieder bringen.
Diese Grundstruktur läßt sich verschieden akzentuieren.
Aber sie bildet immer das tragende Gerüst.

Beim Kirchenvater Augustinus heißt es einmal:
„Gott und die Seele begehre ich zu erkennen." „Sonst nichts?" „Sonst nichts."
Gott und die Seele, Gott und der Mensch.
Der große Johannes Calvin eröffnet sein Lehrbuch über die Christliche Dogmatik 1536 mit dem Satz: „Die Summe des christlichen Glaubens besteht in zweierlei: Der Erkenntnis Gottes und unserer selbst."
Und bei Martin Luther begegnen sehr oft und durch sein ganzes Werk hindurch Sätze der genau gleichen Struktur: Gotteserkenntnis und Erkenntnis des Menschen - das ist das eine doppelte Grundthema des Glaubens und der Theologie.
Der Herr, unser Gott und wir selbst, unsere Seele:
Darum geht es.
Amen.



Dr. Martin Weeber

E-Mail: m.weeber@gmx.de

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