{"id":10001,"date":"2021-02-07T19:49:42","date_gmt":"2021-02-07T19:49:42","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10001"},"modified":"2022-10-03T09:27:55","modified_gmt":"2022-10-03T07:27:55","slug":"matthaeus-19-16-26","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-19-16-26\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 19, 16-26"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>(d\u00e4nische Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Den reichen J\u00fcngling k\u00f6nnen wir mit zwei verschiedenen Brillen sehen. Eigentlich ist es ja sehr lobenswert, da\u00df er etwas mit seinem Leben will. Das ewige Leben erben, sagt er. Er spricht nicht von Unsterblichkeit, sondern davon, ins Leben zu kommen. Er begn\u00fcgt sich nicht mit weniger, er geht aufs Ganze. Nicht das halbe Leben &#8211; da ist eine Sehnsucht und Unruhe mitten im Alltag, die ihn treibt. Und er war reich &#8211; wir verstehen es nun viel besser: Er hatte so viele M\u00f6glichkeiten. Welchen Weg sollte er gehen?<\/p>\n<p>Denn das Leben ist so kostbar, deshalb ist es wichtig, da\u00df man es richtig gebraucht. Wie komme ich zum Eigentlichen, zum heiligen Gral? Ohne mich selbst oder meine Umwelt dabei zu verleugnen. Wo geht der Weg?<\/p>\n<p>Suchende Menschen haben zu allen Zeiten weise oder heilige M\u00e4nner befragt &#8211; hier kommt der Mann zu Jesus.<\/p>\n<p>Jesus aber sieht ihn mit anderen Brillen. Er nennt seine Sehnsucht Rastlosigkeit und Drang nach Vollkommenheit. Denn er verweist den reichen J\u00fcngling an das t\u00e4gliche Leben mit den Geboten als Rahmen f\u00fcr dieses Leben, damit es w\u00e4chst und gedeiht. Aber das reicht dem J\u00fcngling also nicht. Und dann legt Jesus noch einen drauf.<\/p>\n<p>Nun sind es ganz andere Forderungen, und wir haben das Gef\u00fchl, da\u00df Jesus fast eine Falle stellt, oder jedenfalls den Preis so anhebt, damit sowohl der J\u00fcngling als auch wir anderen merken, was sich abspielt. Jesus macht das zu einer Frage des Entweder Oder: Entweder Gott &#8211; oder der J\u00fcngling. Entweder das Leben verlieren oder das Leben gewinnen, Heil oder Verdammnis.<\/p>\n<p>Das alles, weil der J\u00fcngling kein Sowohl als auch akzeptieren will. Er hatte die Ewigkeit nicht im Alltag sehen k\u00f6nnen und wollte eben mehr.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen hoffen, da\u00df seine Traurigkeit eine sch\u00f6pferische Erkenntnis enthielt, da\u00df er in seiner Sucht nach <em>Mehr<\/em> gebremst wurde und den Mut erhielt, in sich zu gehen.<\/p>\n<p>Diese M\u00f6glichkeit haben wir jedenfalls, mit ihm als einem abschreckenden Beispiel. Ein spannendes Schreckbild, weil er nicht genug kriegen kann und dem Ruf nachgeht, den er h\u00f6rt. Abschreckend, weil er den Gral finden will, indem er selbst vollkommen wird.<\/p>\n<p>Jesus antwortet dem J\u00fcngling zun\u00e4chst nicht, da\u00df das Gebot der N\u00e4chstenliebe unerf\u00fcllbar ist, wie wir wohl geantwortet h\u00e4tten, da\u00df n\u00e4mlich die Vollkommenheit eine Unm\u00f6glichkeit ist. Nein, er bietet die Ewigkeit umsonst an: &#8222;Du sollst ja nur das tun, was du schon tust. Du h\u00e4ltst ja die Gebote. Bleibe dabei, dann kommt die Ewigkeit&#8220;.<\/p>\n<p>Aber das war nicht genug. Er selbst und das Leben sollten perfekt sein. Das allgemeine Leben war zu billig zu gew\u00f6hnlich. Und wenn er nicht Turistklasse reisen will, dann wird das Heil unendlich teuer. Denn Perfektion und Vollkommenheit kosten nach seiner eigenen Logik immer das, was man sich leisten kann &#8211; perfekte G\u00fcte, perfekte Schuldfreiheit oder das perfekte Recht. So ist das eigene Wesen der erl\u00f6senden Liebe: Sobald die Liebe etwas Quantitatives wird, verschwindet sie aus unserem Blick, denn dann ist sie etwas anderes geworden als Liebe.<\/p>\n<p>Wenn wir nicht von selbst uns der Welt geben, die Gott geh\u00f6rt, dann fordert Gott das, was wir glauben, was wir besitzen &#8211; hier in dieser Geschichte das Geld des J\u00fcnglings. Jesus h\u00f6rt in der Sehnsucht und dem Vollkommenheitsstreben des J\u00fcnglings eine Ablehnung des Lebens, das er lebt. Und deshalb mu\u00df Jesus das entscheidende Mi\u00dfverst\u00e4ndnis korrigieren: Die Welt geh\u00f6rt nicht ihm, und deshalb kann er sie auch nicht verwerfen. Und will er sie kaufen &#8211; dann wird es teuer!<\/p>\n<p>Es klingt sch\u00f6n, da\u00df er die Ewigkeit haben will, aber er wird dar\u00fcber zu einem Tyrannen in bezug auf die Welt.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte sein, da\u00df uns der J\u00fcngling gar nicht so fern steht. Und es geht nicht nur um Geld! Auch wir suchen nach der Innenseite des Lebens, der Ganzheit, dem Gl\u00fcck oder dem Reich Gottes. Wir verhalten uns nur zur Ganzheit, wenn sie uns teilweise betrifft. Wir sagen, da\u00df wir uns zum Ganzen verhalten, aber wir wagen es nicht, die Ganzheit \u00fcber uns bestimmen zu lassen. Wir suchen das, was voll und ganz ist, aber es darf uns nur st\u00fcckweise und teilweise angehen. Denn wir m\u00f6gen die Konsequenzen nicht: Wenn die Welt Gott geh\u00f6rt, mu\u00df sie dies ganz tun &#8211; nicht nur teilweise und st\u00fcckweise.<\/p>\n<p>Aus dieser Geschichte wird deutlich, da\u00df uns die Sehnsucht an ganz verschiedene Orte f\u00fchren kann. Die Sehnsucht ist eine Art Nabelschnur, die uns an unseren g\u00f6ttlichen Ursprung erinnert, aber wir k\u00f6nnen uns ganz unterschiedlich zu ihr verhalten. Es gibt eine Sehnsucht, deren Ruf dich von der Erde wegzieht, aus der Welt, aus der Wirklichkeit, die deine ist, eine Sehnsucht, die die Welt verwirft, so wie sie ist. Eine Sehnsucht, die das t\u00e4gliche Leben mit Mi\u00dftrauen begleitet, damit sich die Ewigkeit in ihm zeigt. Und dieses Mi\u00dftrauen bestimmt den Preis, den wir bezahlen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Jesus kehrt die Richtung der Sehnsucht um, weil er darauf besteht, da\u00df die Welt Gott geh\u00f6rt. Damit wird das allt\u00e4gliche Leben zum dem Nadel\u00f6hr, durch das wir die Ewigkeit sehen k\u00f6nnen. Eben dieses allt\u00e4gliche Leben und nicht etwas neben oder \u00fcber ihm. Eben dieses irdische Leben, dieses Nadel\u00f6hr, durchlief Christus in seinem Leben und Sterben. Dadurch \u00f6ffnete er die Pforte der Ewigkeit &#8211; mitten in deinem Leben. Weil Gott ein k\u00e4mpfender Gott ist, h\u00e4lt er dieses Tor offen &#8211; mitten in unserem Leben.<\/p>\n<p>Das kann man so sagen:<\/p>\n<p align=\"center\">Gott ist keine Metapher f\u00fcr die Poesie.<br \/>\nPoesie ist selber ein Sandkorn in Gott,<br \/>\nwenn auch funkelnd, sch\u00f6n und gef\u00e4hrlich,<br \/>\nmehr als die anderen.<br \/>\nGott<br \/>\nist die Metapher f\u00fcr eine Wirklichkeit,<br \/>\ndie Gott hei\u00dft, Gott ist,<br \/>\ndessen Liebe unser Leiden durchbricht<br \/>\nund in ihm wohnt.<br \/>\n(<em>K. Sivert Lindberg<\/em>, 1999)<\/p>\n<p>Dann hat die Sehnsucht einen anderen Charakter: Dann sehnen wir uns danach, tiefer in das Leben einzudringen, weil uns die Ewigkeit schon geschenkt ist, dann macht die Sehnsucht Entdeckungen in ihrer Herrlichkeit und Gr\u00f6\u00dfe. Wer gefunden hat, kann um so mehr suchen, denn nun kennt er die Glut der Perle.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnen innere und \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde sein, die zu \u00e4ndern sind, damit die Ewigkeit Raum gewinnt, aber die Ewigkeit hat begonnen. Deshalb m\u00fcssen du und ich die F\u00e4higkeiten, M\u00f6glichkeiten und die Geschichte nutzen , die gerade deine und meine sind.<\/p>\n<p align=\"center\">Ich habe die Sonne hervorbrechen sehen,<br \/>\num einen Augenblick<br \/>\neinen kleinen Fleck zu erleuchten,<br \/>\nund bin dann meines Weges gegangen<br \/>\nund habe es vergessen. Aber sie war<br \/>\ndie leuchtende Perle. Eben das Feld,<br \/>\nin dem der Schatz verborgen war. Ich sehe nun ein,<br \/>\nda\u00df ich alles geben mu\u00df, was ich habe,<br \/>\num ihn zu besitzen. Leben ist nicht streben<br \/>\nnach einer fl\u00fcchtigen Zukunft, auch nicht<br \/>\nsich sehnen nach einer eingebildeten Erinnerung.<br \/>\nLeben ist, sich wie Moses beugen<br \/>\ndem Wunder im brennenden Dornenbusch,<br \/>\neinem Licht, das genauso fl\u00fcchtig erscheint,<br \/>\nwie einmal deine Jugend in der Welt war,<br \/>\ndas aber die Ewigkeit ist, die auf dich wartet.<br \/>\n(<em>R.S. Thomas<\/em>)<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Pfarrerin Birte Andersen<br \/>\nEmdrupvej 42<br \/>\nDK-2100 K\u00f8benhavn-\u00d8<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 39 18 30 39<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:bia@km.dk\">bia@km.dk<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(d\u00e4nische Perikopenordnung) Den reichen J\u00fcngling k\u00f6nnen wir mit zwei verschiedenen Brillen sehen. Eigentlich ist es ja sehr lobenswert, da\u00df er etwas mit seinem Leben will. Das ewige Leben erben, sagt er. 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