{"id":10005,"date":"2021-02-07T19:49:32","date_gmt":"2021-02-07T19:49:32","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10005"},"modified":"2022-10-22T15:12:15","modified_gmt":"2022-10-22T13:12:15","slug":"roemer-63-11-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-63-11-2\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 6,3-11"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Unser heutiger Predigttext steht in R\u00f6mer 6 die Verse 3-11. Es ist neben dem Taufbefehl Christi und dem Bericht \u00fcber die Taufe Jesu der wichtigste Text zum Verst\u00e4ndnis der Taufe im Neuen Testament. Der Apostel Paulus schreibt:<\/p>\n<p>Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.<br \/>\nDenn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein. Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der S\u00fcnde vernichtet werde, sodass wir hinfort der S\u00fcnde nicht dienen. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der S\u00fcnde.<br \/>\nSind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, und wissen, dass Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod kann hinfort \u00fcber ihn nicht herrschen. Denn was er gestorben ist, das ist er der S\u00fcnde gestorben ein f\u00fcr alle Mal; was er aber lebt, das lebt er Gott.<br \/>\nSo auch ihr, haltet daf\u00fcr, dass ihr der S\u00fcnde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde und heute besonders: liebe Tauffamilien!<\/p>\n<p>(1) Ernst und schwer kommen die Worte des Apostel Paulus \u00fcber die Taufe daher. Da ist vom Tod die Rede, von der S\u00fcnde und vom Sterben, vom Kreuz und gar vom Begrabenwerden. Der leichte, freundliche Tonfall, den wir heute zumeist mit der Taufe verbinden, fehlt in den Worten des Apostels fast v\u00f6llig.<\/p>\n<p>Bei der Taufe denken wir Heutigen ja eher an Gottes Segen und Schutz f\u00fcr die getauften Kinder. Der Taufspruch von N.N. bringt dies deutlich zum Ausdruck: \u201eDer Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich beh\u00fcten auf allen deinen Wegen.\u201c (Psalm 91,11) In der Taufe sagt Gott dem Getauften seine N\u00e4he und Begleitung zu. Gottes Engel werden um ihn sein und ihn besch\u00fctzen. Auch der Taufspruch f\u00fcr N.N. markiert in seinem zweiten Teil ganz klar, dass es bei der Taufe um Gottes Segen und Schutz f\u00fcr das Kind geht: \u201eIch bin mit dir, und niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden.\u201c (Apostelgeschichte 18,9+10) Der erste Teil von N.N.s Taufspruch bringt noch einen anderen Aspekt der Taufe zur Geltung, n\u00e4mlich den mit der Taufe verbundenen Anspruch, dass die Getauften als Kinder Gottes leben sollen. Deshalb gilt f\u00fcr sie: \u201eF\u00fcrchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht!\u201c Die Taufe sagt uns nicht nur Gottes Geleit zu, sie soll uns auch mit dem Mut ausstatten, vor andere hinzutreten und klare und deutliche Worte zu finden, wenn es denn n\u00f6tig ist.<\/p>\n<p>Aber von Tod, von Kreuz und Begr\u00e4bnis ist in den Taufspr\u00fcchen der beiden heute getauften Kinder nicht die Rede. Und auch sonst kommen diese ernsten Themen eigentlich bei unseren Taufen nicht vor. Der Unterschied im Tonfall ist dabei so deutlich, dass man sich fast fragt, ob Paulus und wir \u00fcberhaupt dasselbe meinen, wenn wir von der Taufe sprechen.<\/p>\n<p>Schauen wir also genauer hin, was der Apostel Paulus mit seinen schweren und ernsten Worten meint. Denn Paulus hat seine Worte immer mit Bedacht gew\u00e4hlt, an ihm kommen wir nicht vorbei, wenn wir wirklich verstehen wollen, was es mit der Taufe und mit Gottes Schutz und Geleit auf sich hat.<\/p>\n<p>(2) Die Taufe ist f\u00fcr den Apostel Paulus ein Zeichen, ein Symbol. Die Taufe verbindet unser eigenes Leben und Ergehen mit dem Leben und Ergehen Christi. Durch die Taufe wird Jesu Schicksal auch zu unserem Schicksal. Die Taufe ist ein Akt der Identifikation mit Christus und zwar sowohl mit seinem Leiden und Sterben als auch mit seiner Auferstehung und mit seinem Leben in Herrlichkeit bei Gott. Beide Seiten des Schicksals Jesu eignen wir uns in der Taufe an.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle Kenner der Antike sei hier angemerkt, dass es \u00e4hnliche Vorstellungen auch in den Mysterienreligionen des Altertums gab. Eine Schicksalsgemeinschaft zwischen der Kultgottheit und ihren Anh\u00e4ngern findet sich auch im Isis-Kult und in anderen antiken Kulten. Paulus greift zur Erkl\u00e4rung der Taufe mithin auf bekannte Muster seiner Zeit zur\u00fcck. Die Akzente werden dann allerdings anders gesetzt.<\/p>\n<p>Nun aber zum Kern der Sache: Die Taufe verbindet uns mit Jesus und seinem Schicksal. Symbolisch gewinnen wir in ihr Anteil am Sterben, aber auch an der Auferstehung Jesu. Wir werden bei der Taufe nat\u00fcrlich nicht selbst gekreuzigt und begraben, wir identifizieren uns nur mit dem, der gekreuzigt und begraben wurde. Zugleich aber gewinnen wir in der Taufe auch Anteil am Leben Jesu, an seiner Auferstehung, an seiner Freiheit von allen b\u00f6sen M\u00e4chten, an seiner Freiheit von Tod und Verg\u00e4nglichkeit. Die Taufe macht uns wie Jesus zu einem Kind Gottes, das Gott liebt und dem er das ewige, das unverlierbare und unzerst\u00f6rbare Leben schenkt. \u201eSind wir aber mit Christus gestorben\u201c, schreibt Paulus, \u201eso glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, und wissen, dass Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt.\u201c Die Taufe ist f\u00fcr Paulus das Zeichen, dass wir in Christus das ewige Leben gewinnen, das Leben, das dem Tod und jeder Zerst\u00f6rungsmacht standh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Die Taufe ist f\u00fcr Paulus in erster Linie die Befreiung von der Macht der S\u00fcnde und des Todes. Wer getauft ist, der hat den Tod gleichsam schon hinter sich. Wer getauft ist, lebt schon im neuen Leben, in dem Leben, das unverlierbar ist, weil es ein Leben mit Gott ist, ein Leben in der Liebe, ein Leben in Verantwortung f\u00fcr den N\u00e4chsten, ein Leben, \u00fcber dem Gottes Schutz und Segen steht. Der Philosoph Theodor W. Adorno hat einmal den viel zitierten Satz geschrieben: \u201eEs gibt kein <em>richtiges<\/em> Leben im <em>falschen<\/em>.\u201c (Minima moralia, 1951, Suhrkamp). F\u00fcr Paulus, so k\u00f6nnte man in Abwandlung dieses Satzes sagen, ist die Taufe der Beginn des <em>richtigen<\/em> Lebens mitten in allem, was falsch, t\u00f6dlich und zerst\u00f6rerisch ist. Die Taufe verbindet unser Leben mit dem Leben Gottes. Sie gibt uns Anteil an seiner sch\u00f6pferischen Kraft, an seiner lebensschaffenden Liebe. Die Taufe ist ein Zeichen der Freiheit und des Mutes, der Zuversicht und des Gottvertrauens: Gott rettet dich und sch\u00fctzt dich, er \u00fcberl\u00e4sst dich nicht dem B\u00f6sen, er gibt dich dem Tod nicht preis. Gott h\u00e4lt dich und tr\u00e4gt dich hindurch, er ist dir treu mit seiner Liebe, so wie er treu war zu Christus, den er hindurchgetragen hat durch das bitterste Sterben.<\/p>\n<p>(3) Die Taufe ist ein Zeichen, ein Symbol. Sie verweist auf eine andere Realit\u00e4t, auf die Welt Gottes, auf jene andere Sicht der Dinge, die durch Gott als das transzendente Gegen\u00fcber der Welt verb\u00fcrgt wird. Die Taufe zeigt uns, dass Gott uns frei macht von allen Verkr\u00fcppelungen und Zerst\u00f6rungen, die uns t\u00e4glich qu\u00e4len. Sie macht uns deutlich: auch dann, wenn wir versagen, dann, wenn uns niemand etwas zutraut, dann, wenn wir Fehler machen und in die Irre gehen, dann, wenn wir uns einsam und von aller Welt verlassen f\u00fchlen, auch dann sind wir Gottes Kinder. Die Taufe stellt unser ganzes Leben mit seinen H\u00f6hen und auch mit allen Abgr\u00fcnden in das Licht der g\u00f6ttlichen Liebe. Durch die Taufe werden wir von au\u00dferhalb unserer selbst, werden wir von Gott her identifiziert. Der Theologe Ernst Lange hat das einmal so formuliert \u201eJesus identifiziert uns als die von Gott Geliebten, [\u2026] er identifiziert uns durch Vergebung. Und er identifiziert uns als B\u00fcrger des Reiches Gottes, das wirklich alternativ ist zu der Welt, in der wir gefangen und verkr\u00fcppelt sind\u201c. (in: Was n\u00fctzt uns der Gottesdienst?)<\/p>\n<p>(4) Man k\u00f6nnte sich \u00fcberlegen, ob man das alles nicht auch ohne Taufe haben k\u00f6nnte. Gott wird seine Liebe wohl kaum von den paar Tropfen Wasser abh\u00e4ngig machen, die einem T\u00e4ufling bei der Taufe den Kopf benetzen. Die Taufe ist kein magischer Akt, der durch die Anrufung des dreieinigen Gottes und den schieren Vollzug der Handlung Gottes Haltung zu uns ver\u00e4ndert. Die Taufe ist ein Zeichen, ein Symbol <em>f\u00fcr uns Menschen<\/em>. Sie zeigt uns, dass unser <em>irdisches<\/em> Leben mit dem <em>himmlischen<\/em> Leben Gottes verbunden ist. Die Taufe macht uns klar, dass unsere Existenz nicht im Vorfindlichen aufgeht, dass wir mehr und anderes sind, als unsere Mitmenschen von uns wissen und \u00fcber uns sagen. Die Taufe zeigt uns, dass unser Leben ein Teil des Auferstehungslebens Christi ist. Durch uns will Christus die Welt verwandeln, durch uns, durch unsere H\u00e4nde und unseren Mund ist Jesus gegenw\u00e4rtig und gibt die Liebe Gottes weiter an seine Gesch\u00f6pfe.<\/p>\n<p>Noch einmal: Gott braucht die Taufe nicht, um uns zu lieben. Aber wir Menschen brauchen die Taufe, weil wir es allzu oft im Alltag nicht glauben, dass wir Kinder Gottes sind. Die Taufe ist das Zeichen, das uns an unsere g\u00f6ttliche Bestimmung erinnert. Und weil wir Menschen Worte allzu leicht vergessen, deshalb ist die Taufe ein solch konkreter und ein in gewisser Weise archaischer Akt. An unserem K\u00f6rper m\u00fcssen wir es f\u00fchlen, am K\u00f6rper eines anderen Menschen m\u00fcssen wir es erkennen, dass wirklich wir, dass wirklich dieser Mensch von Gott geliebt wird. Mehr als jedes Wort es sagen kann, zeigen das Wasser und das Auflegen der segnenden Hand, dass unser ganzes Leben, der ganze Mensch mit Seele und Leib unter Gottes Liebe und Segen stehen.<\/p>\n<p>Was wir heute an diesen beiden Kindern gesehen haben, das gilt f\u00fcr jede und jeden von uns. So wie diese Kinder ganz und gar zu Gott geh\u00f6ren, so geh\u00f6ren auch wir zu ihm. So wie diese beiden Kinder mit Christus in der Taufe verbunden werden und Anteil an seinem Auferstehungsleben gewinnen, so gilt das auch f\u00fcr uns: auch wir sind solche, die den bitteren Tod, den Tod des sinnlosen und verfehlten Lebens hinter uns haben. Vor uns liegt die Zukunft Gottes. Wir sind, genauso wie diese beiden Kinder, B\u00fcrger des Reiches Gottes. Wir haben den Auftrag, die Welt nach Gottes Willen zu gestalten mit unserem Verstand, mit unserer Tatkraft und vor allem mit unserer Liebe. Und in all dem erinnert uns die Taufe daran: Gott ist bei uns, er gibt uns seine Kraft und seinen Mut. Gottes Liebe und Gottes Segen umf\u00e4ngt unser ganzes Leben, unsere Seele und unseren Leib. \u2013 Amen.<\/p>\n<p>Vorschlag Predigtlied : EG 200, 1+2+4, Ich bin getauft auf deinen Namen<\/p>\n<p><strong>PD Dr. Christoph Dinkel<br \/>\nPfarrer<br \/>\nG\u00e4nsheidestra\u00dfe 29<br \/>\n70184 Stuttgart<br \/>\n<a href=\"mailto:christoph.dinkel@arcor.de\">christoph.dinkel@arcor.de<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser heutiger Predigttext steht in R\u00f6mer 6 die Verse 3-11. Es ist neben dem Taufbefehl Christi und dem Bericht \u00fcber die Taufe Jesu der wichtigste Text zum Verst\u00e4ndnis der Taufe im Neuen Testament. 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