{"id":10010,"date":"2021-02-07T19:49:30","date_gmt":"2021-02-07T19:49:30","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10010"},"modified":"2022-10-27T09:32:01","modified_gmt":"2022-10-27T07:32:01","slug":"matthaeus-10-24-31-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-10-24-31-4\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 10, 24-31"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Die Worte Jesu, wie sie Matth\u00e4us wiedergibt, sind getragen von gro\u00dfem Realismus und gro\u00dfer Zuversicht. Realismus, was die Bedingungen anbetrifft, die das Evangelium und seine Boten in der Welt vorfinden werden. Das Evangelium der Liebe wird auf Widerstand sto\u00dfen in einer Welt, deren Triebkraft der Egoismus ist. Dennoch wird dazu aufgefordert, klar zu reden, von den D\u00e4chern zu rufen, was wir auf dem Herzen haben. Und wir k\u00f6nnen das mit gro\u00dfem Freimut tun, weil wir in Gott geborgen sind. Deshalb besteht trotz harter Bedingungen Grund f\u00fcr Zuversicht. Das ist wohl die angemessendste Weise, die Worte zu verstehen, die wir eben geh\u00f6rt haben.<\/p>\n<p>Im Laufe der Geschichte hat eine andere Auslegung im Mittelpunkt gestanden. Es ging um das F\u00fcr und Wider in der Frage, ob das Schicksal des Menschen vorherbestimmt ist. Ob das der Sinn war, da\u00df Gott alle unsere Haare auf dem Haupte gez\u00e4hlt hat. War das der Fall, dann stellte man sich entsprechend einen allm\u00e4chtigen Gott vor, der an einem Ort \u00fcber dem Ganzen thronte, im Himmel, und die Z\u00fcgel f\u00fcr das Geschick der Menschen in der Hand hielt. Wie ein Marionettenf\u00fchrer. Das f\u00fchrte wiederum zu der Auffassung, ein solcher Gott m\u00fcsse b\u00f6se sein, weil es so viel B\u00f6ses in der Welt gibt. Einen solchen Gott konnte man leicht verabschieden, als wir damit anfingen, Wissen und Technologie in unseren Dienst zu stellen, und f\u00e4hig wurden, die Marionetten selbst zu steuern.<\/p>\n<p>Und das haben wir dann getan. Vielleicht haben wir es zu rasch und zu bequem gemacht.<\/p>\n<p>Was ist ein Mensch, wie viel von seinem Leben ist bestimmt von Strukturen, die festliegen, und wieviel kann der Mensch selbst bestimmen und ver\u00e4ndern? Moderne Autoren kreisen immer wieder um diese Frage &#8211; so wie es die Alten in ihrer Weise taten.<\/p>\n<p>Menschsein hei\u00dft, ein Geschick zu ergreifen oder zu erleiden. Und das Schicksal, kann man sagen, bildet sich in einem Zusammenspiel zwischen Schwere und Leichtigkeit.<\/p>\n<p>In Perioden in der Geschichte ist es das Gewicht, das den Horizont bildet. Im Mittelalter und in der Reformationszeit war die Gesellschaft um sich selbst geschlossen, und ein Schuster hatte bei seinen Leisten zu bleiben.<\/p>\n<p>In der heutigen Welt &#8211; hier bei uns &#8211; ist die Leichtigkeit fast unser Wahrzeichen. Unsere Gesellschaft ist offen &#8211; in gewisser Weise &#8211; sie legt ihre B\u00fcrger nicht von vornherein in feste Banden: Wir k\u00f6nnen selbst bestimmen, arbeiten, umziehen, in wechselnden Partnerschaften und Nachbarschaften leben. Wir k\u00f6nnen ein anonymes st\u00e4dtisches Leben leben oder ein Leben auf dem Lande. Wir k\u00f6nnen teilhaben an enger Nachbarschaft oder als Privatperson leben.<\/p>\n<p>Alle diese Lebensm\u00f6glichkeiten bringen eine gewisse Unenpfindlichkeit mit sich gegen\u00fcber der Schwere, die mit dazugeh\u00f6rt, wenn das Leben wirklich wird. Den, den man im Stich gelassen hat, kann man relativ leicht verlassen und so eine Konfrontation vermeiden. Vielleicht kommt die Schwere des Lebens dennoch zu uns, aber von hinten. Vielleicht als eine dunkle Ahnung oder verborgene Angst, die sich \u00fcber aller legt und bewirkt, da\u00df das Dasein nicht vor einem steht und ohne Konturen bleibt.<\/p>\n<p>Viele haben Milan Kunderas Roman von er unertr\u00e4glichen Leichtigkeit des Seins gelesen, oder den Film \u00fcber diesen Roman gesehen. Der Titel selbst von der unertr\u00e4glichen Leichtigkeit des Seins ist ja ein Teil unserer Sprache geworden und zeigt unser Problem an. Da\u00df die Leichtigkeit zum Problem werden kann und zu einem Leben f\u00fchrt, das unwirklich ist. Besonders wenn sie sich mit dem Zufall verbindet, der die andere Seite der Leichtigkeit ist.<\/p>\n<p>Der Zufall wird als etwas Bedrohliches erlebt, weil er ohne Bestimmung ist und ohne Kontrolle &#8211; es verlangt etwas, ein zuf\u00e4lliges L\u00fcftchen in einem gro\u00dfen unendlichen Universum zu sein.<\/p>\n<p>Die Art und Weise, in der die Hauptperson Thomas in diesem Roman sein Problem angeht, ist die, da\u00df er so viele Frauen wie m\u00f6glich liebt &#8211; den jede von ihnen enth\u00e4lt ja eine zuf\u00e4llig unausgenutzte M\u00f6glichkeit, die erprobt werden mu\u00df. Und keine von ihnen zeigt eine Notwendigkeit.<\/p>\n<p>Bis er Teresa begegnet, die seine Frau wird, ist er nur leeren Zuf\u00e4lligkeiten begegnet. Teresa wird mit ihren eigenen wunderbaren Wesen und ihrem Festhalten an Thomas f\u00fcr ihn ein redender Zufall, um den man nicht herumkommt.<\/p>\n<p>Er, der zweifelnde, wird gebunden, aber gebunden von dem Zufall, der die Welt zugleich \u00f6ffnet und die Wirklichkeit festh\u00e4lt. Thomas mu\u00df eine Umwertung des Zuf\u00e4lligen vornehmen. Als ihn der Zufall traf, entdeckte er, da\u00df es nicht die stumme Schwere war, die in einer allumfassenden und vorherbestimmten Notwendigkeit lag, sondern die redende, die ihn und sein Leben fordert. Entstanden, eben zuf\u00e4llig, aber ein Zufall, der sein Schicksal wird. Der Zufall, der nun zu ihm spricht und ihn mit Lebensm\u00f6glichkeiten konfrontiert, die er nicht f\u00fcr existent gehalten hatte.<\/p>\n<p>Und er mu\u00df sagen: &#8222;Nur die Zuf\u00e4lligkeit kann f\u00fcr uns als eine Botschaft sein&#8220;.<\/p>\n<p>Das Notwendige, das Erwartete, das monoton Widerholte ist stumm. Nur der Zufall redet uns an.<\/p>\n<p>Die Notwendigkeit ist immer gleich und monoton, bewegt sich nicht und bewegt nichts. Der Zufall aber macht die Welt vielf\u00e4l\u00adtig, voll von Unterschieden, die unsere Aufmerksamkeit erzwingen. Und nun sind wir wieder beim Sperling, der <em>f\u00e4llt<\/em>. Aber er f\u00e4llt nicht, ohne zuvor geflogen zu sein.<\/p>\n<p>Gott selbst hat auf das Gesetz der Notwendigkeit verzichtet und Freiheit und sch\u00f6pferischen Zufall in die Sch\u00f6pfung gelegt. Min gro\u00dfen Risiken f\u00fcr Fall und Ungl\u00fcck und B\u00f6ses. Wenn wir nur auf den Fall der Sperlinge schauen, vergessen wir, da\u00df die Flucht der Sperlinge zuerst da war. Wenn der Sperling nicht wenigsten ein Mal geflogen ist, kann er nicht fallen. Da\u00df er fliegen kann und singen und sich vermehren, das ist Gott. Aber den Weg der V\u00f6gel kennt Gott nicht. Gott kennt die Wege nicht und er bestimmt sie auch nicht. Wo die Spatzen fliegen, das wird von Entscheidun\u00adgen bestimmt, von Instinkten, von der Spontaneit\u00e4t des Augenblicks.<\/p>\n<p>Gott bestimmt nicht \u00fcber die nat\u00fcrlichen Gesetze und die Ausnahmen von den Naturgesetzen, die er geschaffen hat. Er herrscht nicht &#8211; denn das w\u00fcrde dem Menschen seine Freiheit nehmen und damit seine Menschenw\u00fcrde. Gott steuert seine Gesch\u00f6pfe nicht, er schafft durch seine Gesch\u00f6pfe. Und Gott sitzt nicht zur\u00fcckgelehnt und wartet darauf, was aus dem Zufall entsteht. Er lockt, inspiriert und folgt seinen Menschen, so da\u00df wir Grenzen und Niederlagen \u00fcberwinden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In einer merkw\u00fcrdigen Weise enth\u00e4lt das Christentum in sich eine Dynamik zwischen Schwere und Leichtigkeit. Wenn die <em>Verantwortung<\/em> und die <em>Aufgabe<\/em> beschrieben werden sollen, dann ist es die <em>Schwere<\/em>, die am Werke ist. Die J\u00fcnger Jesu m\u00fcssen der Wirklichkeit ins Auge sehen, nicht zuletzt der schwierigen und schmerzhaften Wirklichkeit: &#8222;F\u00fcrchtet euch nicht vor denen, die den Leib t\u00f6ten&#8220;.<\/p>\n<p>Aber daf\u00fcr wird uns mit dem <em>Evangelium<\/em> eine befreiende <em>Leichtigkeit<\/em> als Ausgangspunkt geschenkt. Gott hat sein gutes Werk in uns begonnen, d.h. wir sind ein Teil der redenden, schaffenden Zuf\u00e4lligkeiten. Deshalb wird uns die Leichtigkeit des Seins gegeben, wenn es darum geht, die Konsequenzen der Last der Verantwortung zu <em>tragen<\/em>.<\/p>\n<p>Wir sind grundlegend davon befreit, das zu tragen, was wir nicht tragen k\u00f6nnen &#8211; die S\u00fcnden der Vergangenheit, die geschehen sind und die wir nicht ungeschehen machen k\u00f6nnen, und auch die k\u00fcnftigen Konsequenzen unseres Tuns, die wir nicht \u00fcberschauen und steuern k\u00f6nnen. Befreit dazu, die Zuf\u00e4lligkeit zu lieben und sie als Schicksal zu ergreifen.<\/p>\n<p>Jesus gibt uns hier den Trost, da\u00df wir immer am Orte Gottes sind, ob wir dessen nun w\u00fcrdig sind oder nicht. Dann sind wir nicht nur ein Hauch in einem unendlichen Univers, sondern eine Feder im Fl\u00fcgel Gottes. Nur eine Feder, aber ein Teil Gottes, dessen Flucht niemals endet. Amen.<\/p>\n<p><strong>Pfarrerin Birte Andersen<br \/>\nEmdrupvej 42<br \/>\nDK-2100 K\u00f8benhavn-\u00d8<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 39 18 30 39<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:bia@km.dk\">bia@km.dk<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Worte Jesu, wie sie Matth\u00e4us wiedergibt, sind getragen von gro\u00dfem Realismus und gro\u00dfer Zuversicht. Realismus, was die Bedingungen anbetrifft, die das Evangelium und seine Boten in der Welt vorfinden werden. Das Evangelium der Liebe wird auf Widerstand sto\u00dfen in einer Welt, deren Triebkraft der Egoismus ist. 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