{"id":10024,"date":"2021-02-07T19:49:41","date_gmt":"2021-02-07T19:49:41","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10024"},"modified":"2022-10-03T17:20:16","modified_gmt":"2022-10-03T15:20:16","slug":"philipper-3-7-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/philipper-3-7-11\/","title":{"rendered":"Philipper 3, 7-11"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\n\u201eSchaden\u201c, \u201eDreck\u201c \u2013 so nannte Paulus<br \/>\nseine alte Religion. Darf man das predigen? Ist das nicht blanker Antijudaismus?<br \/>\nDas war meine erste erschrockene Reaktion auf diesen Briefabschnitt.<br \/>\nDer Philipperbrief ist ja eigentlich sein Freudenbrief. Paulus hat die<br \/>\nPhilipper geliebt. Und mittendrin diese ausf\u00e4lligen S\u00e4tze!?<\/p>\n<p>Es hilft nicht \u2013 sie stehen da. Und wir m\u00fcssen sie nur<br \/>\nrichtig verstehen. Paulus spricht hier von sich selbst \u2013 und wir<br \/>\nm\u00fcssen uns dann fragen, was f\u00fcr uns davon gilt. Vielleicht<br \/>\nkeine Person der Antike ist uns innerlich so bekannt wie Paulus, so<br \/>\ndass alle Psychoogen ihre Freude daran haben. Aber der wahre Hintergrund<br \/>\nwar f\u00fcr ihn selbst bitter ernst. Ein frommer Jude war er, ein Pharis\u00e4er,<br \/>\nein Fanatiker, ein Fundamentalist. Ja, er war vermutlich ein Fanatiker<br \/>\n\u2013 bis er mit dem Kopf gegen die Wand rannte. Seine Vision vor<br \/>\nDamaskus war sein Zusammenbruch und der Zusammenbruch jener Mauer, gegen<br \/>\ndie er gerannt war. Und dahinter tat sich ein neuer Raum auf: hell,<br \/>\nsch\u00f6n, befreiend. Jesus hatte ihn berufen.<\/p>\n<p>Das war die Vorgeschichte. Nach Jahren in Einsamkeit und Studium ging<br \/>\ner auf Reisen, auch hin\u00fcber nach Europa und kam zuerst nach Philippi.<br \/>\nUnd denen schreibt er sp\u00e4ter von seinem Lebensbruch. Warum? Das<br \/>\nwaren doch R\u00f6mer, ein paar Juden dabei. Nun wird es interessant:<br \/>\nEs geht Paulus um Erkenntnis und Wahrheit. er hatte erkannt, dass er<br \/>\nmit seiner alten Religion nicht klarkam. Es ist eine bedauerliche Behauptung<br \/>\ndass alle Religionen gleich seien. Nein, sie sind eher grundverschieden.<br \/>\nUnd nun verstehen wir, dass Paulus in eine Zerrei\u00dfprobe kam. Und<br \/>\ner wu\u00dfte, dass andere auch in diese Zerrei\u00dfprobe kommen<br \/>\n\u2013 vielleicht sogar durch ihn selbst. Wer eine Zerrei\u00dfprobe<br \/>\ndurchgemacht hat, hat oft eine rauhe Sprache.<\/p>\n<p>Das zweite riesige Beispiel daf\u00fcr ist Martin Luther, der auch<br \/>\nweggegangen ist aus dem alten Leben, Denken und Glauben. Interessanterweise<br \/>\nsind viele Revolutionen und Umbr\u00fcche aus ganz pers\u00f6nlichen<br \/>\nGr\u00fcnden erfolgt. Und sie haben ein neues, manchmal auch helleres<br \/>\nLicht auf die Welt geworfen.<br \/>\nWelche Erkenntnis war es, die Paulus so grob ausbrechen lie\u00df?<br \/>\nEs war diese: \u201e&#8230;dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die<br \/>\naus dem Gesetz kommt, sondern die aus dem Glauben an Christus kommt,<br \/>\nn\u00e4mlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet<br \/>\nwird.\u201c Im R\u00fcckblick empfand Paulus sich als borniert, vernagelt,<br \/>\nfixiert, kurz: unfrei. Dagegen bedeutet ihm der Christusglaube als eine<br \/>\neinzige gro\u00dfe Freiheit, in der zu sich selbst finden konnte. Der<br \/>\nGlaube lie\u00df ihn zur Person werden. Und das erm\u00f6glichte ihm<br \/>\nJesus, der Eigenwillige und Gotterl\u00f6ste. \u201eIhn m\u00f6chte<br \/>\nich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft<br \/>\nseiner Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden, damit ich gelange<br \/>\nzur Auferstehung der Toten.\u201c<br \/>\nDie gesamte Verk\u00fcndigung Jesu war vom Himmelreich bestimmt. Und<br \/>\nder tats\u00e4chliche Lebens- und Leidens- und Auferstehungsweg Jesu<br \/>\nwar eine Beglaubigung dieser Botschaft. Und dem wollte Paulus nachfolgen.<br \/>\nWie das gesamte R\u00f6mische Reich so d\u00fcrstete auch er nach dieser<br \/>\nBotschaft. Und deshalb verbreitete sich diese Botschaft in Windeseile.<br \/>\nEs ist f\u00fcr Historiker unglaublich, wie schnell und ohne Gewalt<br \/>\nsich dieser Glaube damals verbreitet und durchgesetzt hat.<\/p>\n<p>Was bleibt f\u00fcr uns heute? Zuerst die klare Einsicht, dass Religionen<br \/>\nselbst bei gleichem Vokabular sehr verschieden sind. Wir erleben es<br \/>\nzur Zeit mit dem Islam. Keiner wird da mehr sagen: \u201eAlle Religionen<br \/>\nsind gleich.\u201c Aber viel wichtiger wird es sein, den Charakter<br \/>\nder eigenen Religion zu erfassen. Worauf baut denn unsere Religion?<br \/>\nPaulus antwortet darauf: nicht auf Gesetzestaten, sonden auf dem Gnadenglauben.<br \/>\nDas hei\u00dft ganz einfach gesagt: \u201emit Christus mutig sein,<br \/>\nihm fr\u00f6hlich nachfolgen, diesem dem\u00fctigen, freien Mann, mit<br \/>\nund f\u00fcr ihn leiden und in der Ewigkeit bei ihm sein.<br \/>\nDie Hauptbegriffe unserer religion sind eigentlich Seelenregungen und<br \/>\nsie sind federleicht und geistig und innerlich. Und genau darin sind<br \/>\nsie universell. Pauluus hat sie am Ende seines Hohenliedes so genannt:<br \/>\nGlaube, Hoffnung, Liebe. Man kann sie mit dem Dreiklang der Glocken<br \/>\nvergleichen.<\/p>\n<p>Paulus ist wie ein Vogel aus dem K\u00e4fig seiner alten Religion fortgeflogen.<br \/>\nUnd wir, wenn wir mutig sind, sollten ihm nachfliegen. Wohin? Nach Hause<br \/>\n\u2013 ins ewige Leben.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Wiesjahn<br \/>\nObere Kirchstr. 4<br \/>\n38640 Goslar<br \/>\nTel.: 05321 22647<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div align=\"left\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde! \u201eSchaden\u201c, \u201eDreck\u201c \u2013 so nannte Paulus seine alte Religion. Darf man das predigen? Ist das nicht blanker Antijudaismus? Das war meine erste erschrockene Reaktion auf diesen Briefabschnitt. Der Philipperbrief ist ja eigentlich sein Freudenbrief. Paulus hat die Philipper geliebt. Und mittendrin diese ausf\u00e4lligen S\u00e4tze!? Es hilft nicht \u2013 sie stehen da. 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