{"id":10029,"date":"2021-02-07T19:49:40","date_gmt":"2021-02-07T19:49:40","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10029"},"modified":"2022-10-05T15:41:23","modified_gmt":"2022-10-05T13:41:23","slug":"philipper-37-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/philipper-37-11\/","title":{"rendered":"Philipper 3,7-11"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Liebe Geschwister,<br \/>\nals Paulus den Philipperbrief schrieb, hielt er sich nach Meinung vieler<br \/>\nForscher in Ephesus auf. Dort gab es eine kleine christliche Gemeinde,<br \/>\nin der er sich wohl f\u00fchlte, doch auch die Stadt gefiel ihm. Er<br \/>\nflanierte h\u00e4ufig \u00fcber die breite, schnurgerade Prachtstra\u00dfe<br \/>\n\u2013 obwohl die zahlreichen Tempel ihm ein Dorn im Auge waren; spazierte<br \/>\noft und besonders gegen Abend zum Hafen und besuchte regelm\u00e4\u00dfig<br \/>\ndie Synagoge, um dort zu predigen. Auch bereitete es ihm Vergn\u00fcgen,<br \/>\ndurch die gro\u00dfe Markthalle, die Basilika zu bummeln. Ferner nutzte<br \/>\ner seine Zeit, die Arbeitersiedlungen au\u00dferhalb der Stadtmauern<br \/>\nzu besuchen und den Menschen dort von Christus zu erz\u00e4hlen. Doch<br \/>\nlieber \u2013 das musste er sich eingestehen \u2013 ging er in die<br \/>\ngro\u00dfe, pr\u00e4chtige Celsusbibliothek und stillte seinen Lesehunger.<br \/>\nSo geno\u00df er ein Leben, wie es ihm auf seinen langen, anstrengenden<br \/>\nReisen nicht m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>In dieses ruhige Leben platzte eine Nachricht aus Philippi, die ihn<br \/>\nalarmierte und auf die er sofort mit einem Brief reagierte. In diesem<br \/>\nBrief schrieb er unter anderem: Phil 3, 7 \u2013 11&#8230;<br \/>\nWas war geschehen? Eigentlich nichts Dramatisches, eigentlich nur eine<br \/>\nrituelle Ver\u00e4nderung, indem die Philipper eine vorchristliche,<br \/>\nj\u00fcdischen Sitte wieder aufgenommen hatten. F\u00fcr Paulus aber<br \/>\nwar das Anlass genug, seinen geliebten Philippern in aller Freundlichkeit<br \/>\nund Freundschaft die Leviten zu lesen bzw. zu schreiben. Zwei mal hatte<br \/>\ner die Gemeinde seit ihrer Gr\u00fcndung besucht, sie hatte sich beispielhaft<br \/>\nan seiner Kollekte f\u00fcr die Jerusalemer Gemeinde beteiligt, und<br \/>\nauch sonst lief in Philippi alles zur Zufriedenheit des Paulus. Bis<br \/>\neben die Nachricht kam, die ihn ebenso w\u00fctend wie traurig machte.<br \/>\nDa war er der festen \u00dcberzeugung gewesen, die Philipper h\u00e4tten<br \/>\nkapiert, worum es ging. N\u00e4mlich darum, dass Gott in Christus alle<br \/>\nMenschen ein f\u00fcr alle mal mit sich vers\u00f6hnt und vert\u00f6chtert<br \/>\nhat, und dass darum alle menschliche Anstrengung, Gott gut zu stimmen,<br \/>\n\u00fcberfl\u00fcssig ist; dass deshalb die Menschen sich selbst und<br \/>\neinander annehmen k\u00f6nnen, wie sie sind \u2013 weil Gott sie eben<br \/>\nso angenommen hat. Was noch nicht bedeutet, dass er sie so l\u00e4sst;<br \/>\nsie sind immer verbesserungsbed\u00fcrftig.<\/p>\n<p>Das war der Kern seiner Botschaft, die er \u00fcberall predigte. Denn<br \/>\ndiese Erkenntnis hatte sein Leben so entscheidend ver\u00e4ndert, dass<br \/>\ner m\u00f6glichst viele Menschen zu der gleichen Erkenntnis bringen<br \/>\nwollte. Daf\u00fcr rackerte er sich bis an seine Grenzen ab, daf\u00fcr<br \/>\nnahm er alles in Kauf, was ihm an Entbehrung, an Hohn und Spott, an<br \/>\nAblehnung und Verfolgung widerfuhr. Daf\u00fcr entsch\u00e4digte ihn<br \/>\nzu erleben, wie der christliche Glaube Menschen aus zwanghafter Angst<br \/>\nbefreite. Doch er konnte sich seine Freude dar\u00fcber nur selten eingestehen.<br \/>\nZu sehr sah er sich als Diener Gottes, als dass er sich \u00fcber seine<br \/>\nErfolge freuen konnte. Hingegen: Wenn er wegen seiner Predigt verfolgt<br \/>\nwurde und leiden musste, dann wusste er sich mit Jesus eins. Manchmal<br \/>\nkamen ihm Zweifel, ob das so gut sei.<\/p>\n<p>Jetzt, als er an die Gemeinde in Philippi schrieb, kamen diese Zweifel<br \/>\nwieder hoch. Was, so \u00fcberlegte er, bringt Menschen dazu, sich das<br \/>\nLeben schwerer als n\u00f6tig zu machen, was bringt sie dazu, Dinge<br \/>\nzu tun, Reaktionen zu provozieren, unter denen sie leiden? War es denn<br \/>\nso schwer, als durch Christus befreite Menschen frei und fr\u00f6hlich<br \/>\nzu leben? Warum hatten \u2013 und darum ging es konkret \u2013 die<br \/>\nPhilipper alle M\u00e4nner wieder zur Beschneidung verpflichtet? Sie<br \/>\nwaren doch auch mit Vorhaut gute Christen! Das musste er ihnen deutlich<br \/>\nmachen und sie bewegen, den Unfug abzustellen. Sonst w\u00fcrden sie<br \/>\nbald wieder in die alte Gesetzlichkeit zur\u00fcckfallen, nach der man<br \/>\nso vieles tun und ebenso vieles lassen musste &#8211; angeblich um Gottes<br \/>\nWohlwollen zu erhalten.<\/p>\n<p>Wenn er den Anf\u00e4ngen nicht wehrte, da war Paulus sich sicher,<br \/>\ng\u00e4be es bald kein Halten mehr. Dann w\u00fcrde lebendiger Glaube<br \/>\nwieder durch starre Formen und Formeln ersetzt und die Gl\u00e4ubigen<br \/>\ngerieten wieder in Abh\u00e4ngigkeit von Priestern, von Pharis\u00e4ern<br \/>\nund Schriftgelehrten. Das durfte nicht sein, denn es brauchte nicht<br \/>\nzu sein; Christus hatte von S\u00fcnde und Gesetz befreit. Und damit<br \/>\nauch von allen Menschen, die sich f\u00fcr Stellvertreter Gottes auf<br \/>\nErden und f\u00fcr besonders heilig hielten. Dabei ging es in deren<br \/>\nH\u00e4usern nicht anders zu als anderswo, und &#8211; glaubte man immer wieder<br \/>\nkursierenden Ger\u00fcchten &#8211; bisweilen noch schlimmer. Auf solche Priester<br \/>\nkonnte man getrost verzichten, zumal sie seit Christus v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssig<br \/>\nwaren; er hatte sie gleichsam arbeitslos gemacht, weil sie ohnehin zu<br \/>\nnichts taugten.<\/p>\n<p>Paulus wu\u00dfte, wovon er sprach bzw. woran er dachte, hatte er<br \/>\ndoch vor seiner Bekehrung engste Kontakte zu ihnen gepflegt. Das war<br \/>\nihm heute mehr als peinlich, ja, er trug daran als einer schweren Schuld.<br \/>\nUnd wenn manche ihn wohlmeinend mit der Bemerkung zu tr\u00f6sten versuchten,<br \/>\ner habe ja nicht besser gewu\u00dft und mit seinen Verhaftungen von<br \/>\nChristen seinem Volk dienen wollen, dann wurde ihm spei\u00fcbel, dann<br \/>\nging es ihm dreckig. Denn Dreck war gewesen, wie er sich verhalten hatte;<br \/>\ndas sah er heute glasklar. Genau so wertlos war die ganze Hierarchie,<br \/>\ndie bestimmte Menschen zwischen Gott und seinem Volk eingezogen hatten.<br \/>\nSie versperrte den Leuten den Zugang zu Gott wie der Vorhang im Tempel<br \/>\nvor dem sogenannten Allerheiligsten. Doch der Vorhang war durch Christus<br \/>\nzerrissen, der Weg war und blieb frei f\u00fcr jedermann und jedefrau.<\/p>\n<p>Doch diesen Zugang konnte man sich nicht verdienen, und f\u00fcr ihn<br \/>\nwar man nichts schuldig. Ob das so schwer zu akzeptieren war, dass die<br \/>\nBefreiung von Gesetz und S\u00fcnde weder Vorleistung noch Gegenleistung<br \/>\nerforderte? \u201eDo ut des,\u201c sagten die R\u00f6mer, ich gebe,<br \/>\ndamit du gibst. Das Leben als Handel, als Wechselwirkung von Investition<br \/>\nund Gewinn. Selbst f\u00fcr das allt\u00e4gliche Miteinander kein gutes<br \/>\nMotto, denn es vermiest die Freude am Schenken und am Beschenktwerden;<br \/>\njedes Geschenk, jedes freundliche Wort wird dann zum Tauschobjekt, jedes<br \/>\nMiteinander zum Tauschgesch\u00e4ft. Wie ich dir, so du mir. Und umgekehrt:<br \/>\nWie du mir, so ich dir. Als ob das ganze Leben ein Ausgleichen von Schuld<br \/>\nund S\u00fchne w\u00e4re, eine einzige Rechenaufgabe.<\/p>\n<p>Und genau so wollten die Menschen mit Gott rechnen und rechten. Doch<br \/>\ndas ging nicht: In seiner Gnade hatte Gott in einer Generalamnestie<br \/>\nalle Rechnungen beglichen, alle Rechtsh\u00e4ndel platzen lassen. Hatte<br \/>\ndas Rechnen und Rechten der Menschen als das entlarvt, was es war: Kleinkariert,<br \/>\nPepita. Gottes Gnade, seine G\u00fcte ist nicht zu verstehen. Sie ist<br \/>\nnur zu glauben.<\/p>\n<p>Doch Paulus kannte den Hang der Menschen, m\u00f6glichst alles verstehen<br \/>\nzu wollen, kannte ihr Kausalit\u00e4tsbed\u00fcrfnis. Deshalb versuchte<br \/>\ner, dass Unfassbare begreifbar zu machen, indem er es in Begriffe fasste.<br \/>\nDass seine Texte ihm oft nur schwer verst\u00e4ndlich gerieten, lag<br \/>\nin der Natur der Sache. Und irgendwie, fand er, passte das auch zu dem,<br \/>\nworum es ging.<\/p>\n<p>Was der Brief in Philippi bewirkt hat, wissen wir nicht. Doch das Problem,<br \/>\num das es in dem Brief geht, ist noch immer nicht aus der Welt. Es ist<br \/>\nnun mal so, dass wir nicht leben k\u00f6nnen, ohne an anderen und damit<br \/>\nvor Gott schuldig zu werden. Meistens handelt es sich um Kleinigkeiten,<br \/>\nund nicht selten haben unsere \u201eOpfer\u201c unsere Tat l\u00e4ngst<br \/>\nvergessen. Wir aber schleppen sie noch als Last mit uns herum und erwarten<br \/>\nvermeintlich gerechte Strafe. Bleibt die aus, bestrafen wir uns selbst<br \/>\noder interpretieren irgendwelche Ereignisse als Strafe. Doch das alles<br \/>\nsind kl\u00e4gliche Versuche, etwas gut zu machen, was l\u00e4ngst gut<br \/>\ngemacht ist. Versuche, die \u2013 mit den Worten des Paulus \u2013<br \/>\neinen Dreck wert sind. Verschwendete Kraft, die wir besser f\u00fcr<br \/>\nein friedliches Miteinander einsetzen. Amen<\/p>\n<p><strong>Paul Kluge, P. em.<br \/>\nGrosser Werder 17<br \/>\nD-39114 Magdeburg<br \/>\n<a href=\"mailto:Paul.Kluge@t-online.de\">Paul.Kluge@t-online.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div align=\"left\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Geschwister, als Paulus den Philipperbrief schrieb, hielt er sich nach Meinung vieler Forscher in Ephesus auf. Dort gab es eine kleine christliche Gemeinde, in der er sich wohl f\u00fchlte, doch auch die Stadt gefiel ihm. Er flanierte h\u00e4ufig \u00fcber die breite, schnurgerade Prachtstra\u00dfe \u2013 obwohl die zahlreichen Tempel ihm ein Dorn im Auge waren; [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[46,1,727,114,564,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10029","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-philipper","category-aktuelle","category-archiv","category-deut","category-kapitel-03-chapter-03-philipper","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10029","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10029"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10029\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13962,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10029\/revisions\/13962"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10029"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10029"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10029"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10029"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10029"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10029"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10029"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}