{"id":10031,"date":"2021-02-07T19:49:35","date_gmt":"2021-02-07T19:49:35","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10031"},"modified":"2022-10-10T09:06:28","modified_gmt":"2022-10-10T07:06:28","slug":"roemer-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-3\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 3"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Die meisten werden den Typ kennen!<\/p>\n<p>Der nicht Ruhe gibt, bis er das durchgesetzt hat, was er f\u00fcr richtig<br \/>\nh\u00e4lt. Der sein Recht haben will und das, was ihm zusteht, und der<br \/>\nnicht aufgibt, bis er es bekommen hat, auch wenn das viel Zeit kostet<br \/>\nund auch sonst nicht umsonst ist.<\/p>\n<p>Im Neuen Testament werden faktisch fast immer die Frauen als die dargestellt,<br \/>\ndie darauf bestehen, ihr Recht zu bekommen und Hilfe &#8211; wie hier im Lukasevangelium<br \/>\neine Witwe, die als direkt schwierig dargestellt wird. Und dann noch<br \/>\ngegen\u00fcber einem etwas feigen Richter, der Angst hat, da\u00df<br \/>\ndie Frau direkt gewaltt\u00e4tig werden und ihm ins Gesicht schlagen<br \/>\nk\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Das ist ja eigentlich ein merkw\u00fcrdiges Bild, wenn man es auf<br \/>\ndas Verh\u00e4ltnis zwischen Mensch und Gott \u00fcbertr\u00e4gt &#8211; und<br \/>\nals Bild darf man es wohl nicht allzusehr dehnen.<\/p>\n<p>Was wir beachten sollen, ist die Ausdauer der Witwe. Wir k\u00f6nnen<br \/>\nuns vorstellen, da\u00df sie keinen Verteidiger hat, es gibt keine<br \/>\nanderen, die sich ihrer Sache annehmen. Aber das veranla\u00dft sie<br \/>\nnicht dazu aufzugeben. Sie f\u00e4hrt fort, den Richter zu bedr\u00e4ngen,<br \/>\nbis der sie schlie\u00dflich anh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Soll so eine anma\u00dfende und recht schwierige Frau wirklich unser<br \/>\nVorbild sein? Offenbar! Jedenfalls wird sie zu einem Gegenbild zu der<br \/>\nVorstellung, da\u00df Demut einem ordentlichen Christen gut ansteht.<br \/>\nIn dem Sinne, da\u00df einige (vielleicht nur in unseren Vorurteilen)<br \/>\nmeinen, es sei besonders fromm, alles, was geschieht, als Willen Gottes<br \/>\nzu betrachten, mit dem wir uns &#8211; fromm &#8211; abzufinden haben.<\/p>\n<p>Wo bleibt da der Protest? Wie k\u00f6nnen wir es vermeiden, uns gegen<br \/>\ndie Ungerechtigkeit zu verh\u00e4rten, die Menschen ganz offenbar widerf\u00e4hrt?<br \/>\nEin aktuelles Beispiel: Es gibt Klimatolo\u00adgen, die meinen, da\u00df<br \/>\nder Treibhauseffekt (d.h. unser zu hoher Konsum) und erh\u00f6hte Temperaturen<br \/>\nauf der n\u00f6rdlichen Halbkugel der Erde zu den Klimaver\u00e4nderungen<br \/>\nbeitr\u00e4gt, die nun besonders Asien trifft, also den \u00e4rmsten<br \/>\nTeil der Welt &#8211; als mehr gewaltiger Regen als fr\u00fcher, der wiederum<br \/>\nbedeutet, da\u00df das Leben f\u00fcr die H\u00e4lfte der Erdbev\u00f6lkerung<br \/>\nnoch schwieriger wird.<\/p>\n<p>Ich meine deshalb nicht, da\u00df wir vorschnell die energische Witwe<br \/>\nabschreiben sollten. Zuweilen scheint mir jedenfalls, da\u00df ich<br \/>\n\u00fcber die Naturkatastrophen und die Not und das Ungl\u00fcck in<br \/>\nder Welt lesen kann, ohne zu sehen, das uns das wirklich angeht. So<br \/>\nwie wir gut in unserem Teil der Welt leben &#8211; k\u00f6nnen wir unemp\u00adfindlich<br \/>\nwerden f\u00fcr die Ungerechtigkeit, die Menschen in anderen Teilen<br \/>\nder Welt betrifft.<\/p>\n<p>Neulich las ich ein Buch des norwegischen Theologieprofes\u00adsors<br \/>\nNotto R. Thelle. Das Buch hat den Titel: Wie laut kann ein Mensch fragen?<br \/>\nThelle hat viele Jahre in Japan gelebt und gearbeitet &#8211; und das Beispiel,<br \/>\nvon dem er erz\u00e4hlt, stammt auch aus dem Osten:<\/p>\n<p>&#8222;Sie suchte nach Sinn, suchte nach dem Leben. Durch Stille und<br \/>\nMeditation wollte sie den verborgenen Sinn der Worte erfassen, die Wahrheit<br \/>\nhinter den Formen aufsp\u00fcren. Eines Tages forderte sie ihren Meister<br \/>\nheraus: Lehre mich den Klang einer Harfe ohne Saiten. Der Meister machte<br \/>\neine Bewegung in der Luft, so als schl\u00fcge er unsichtbare Saiten<br \/>\nan, und sagte: Da &#8211; hast du sie geh\u00f6rt? Nein, ich habe nichts geh\u00f6rt,<br \/>\nsagte die Frau. Und der Meister antwortete: Warum fragst du nicht lauter?&#8220;<br \/>\nUnd Notto Thelle f\u00fcgt selbst hinzu: Wie laut mu\u00df ein Mensch<br \/>\nfragen, um Antwort zu erhalten? Wie intensiv mu\u00df man suchen, um<br \/>\nden Weg zu finden?<\/p>\n<p>So wie ich den Text hier &#8211; und andere Texte im Neuen Testament &#8211; heute<br \/>\nh\u00f6re, meine ich nicht, da\u00df wir zu laut fra\u00adgen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, da\u00df wir uns nicht mit der offenkundigen Ungerechtigkeit<br \/>\nin der Welt abfinden.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, da\u00df wir uns nicht beugen und schweigen, wenn<br \/>\nes Grund gibt, gegen soziale Ungerechtigkeiten und politi\u00adsche \u00dcbergriffe<br \/>\nzu protestieren.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, da\u00df wir nicht m\u00fcde werden und nicht aufh\u00f6ren,<br \/>\nf\u00fcr Frieden und Gerechtigkeit lokal wie global zu beten.<\/p>\n<p>Die Furchtlosigkeit und Hartn\u00e4ckigkeit der Frau macht unausweichlich<br \/>\nEindruck, und die Aufforderung, zu beten und nicht m\u00fcde zu werden,<br \/>\nwird immer eine Aufforderung an uns sein, die prophetischen und gesellschaftskritischen<br \/>\nKr\u00e4fte zu sehen, die im Christentum liegen und im Leben Jesu sichtbar<br \/>\nwurden.<\/p>\n<p>Jesus verteidigt in einer Situation eine Prostituierte und rettet<br \/>\nsie vor der Steinigung. Er gibt Frauen und Kindern Platz in einer Gesellschaft,<br \/>\nin der sie keinen Status hatten. Er protestiert gegen eine Kommerzialisierung<br \/>\nder Gottesvereh\u00adrung im Tempel. Er preist die selig, die nach Gerechtigkeit<br \/>\nhungern und d\u00fcrsten, und verspricht ihnen, da\u00df sie satt werden.<br \/>\nEr l\u00e4\u00dft sich beeinflussen und \u00e4ndert seine Einstellung<br \/>\nzu denen, die als Fremde in der j\u00fcdischen Gesellschaft lebten.<\/p>\n<p>Aber l\u00e4\u00dft es sich vermeiden, da\u00df wir m\u00fcde werden?<br \/>\nWie k\u00f6nnen wir immer wieder um Gerechtigkeit beten, wo es zugleich<br \/>\nso aussieht, als nehme die Ungerechtigkeit und Ungleichheit in dr Welt<br \/>\nzu?<\/p>\n<p>Fl\u00fcchtlinge \u00fcberall in der Welt warten auf Gerechtigkeit.<br \/>\nHungrige in der Welt warten auf eine gerechte Verteilung.<\/p>\n<p>&#8222;Die mi\u00dfhandelten Kinder der Welt warten. Menschen haben<br \/>\n\u00fcber Generationen gehofft und gebetet, da\u00df ihre Kinder oder<br \/>\nwenigstens ihre Enkelkinder ein besseres Leben haben. Viele haben vergeblich<br \/>\ngebetet und nie ihr Recht bekommen. Einige bitten nur darum, da\u00df<br \/>\nder Tod sie befreien m\u00f6ge&#8220; (Thelle).<\/p>\n<p>Jesus konnte auch nicht die ganze Welt retten &#8211; er konnte keine gerechte<br \/>\nWelt schaffen. Aber er nahm sich der konkreten Menschen an, denen er<br \/>\nbegegnete. Und deren neues Leben leuchtete in der Welt, so da\u00df<br \/>\nandere Mut zu ihrem Leben bekamen. Er zeigte uns einen Weg, den wir<br \/>\ngehen k\u00f6nnen, und ein Leben, da\u00df wir leben k\u00f6nnen, damit<br \/>\nwir nicht in Mutlosigkeit und Verzagtheit ver\u00adsinken. Amen.<\/p>\n<p><strong>Pfarrerin Hanne Sander<br \/>\nPrins Valdemarsvej 62<br \/>\nDK-2820 Gentofte<br \/>\nTel.: 39 65 52 72<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:sa@km.dk\">sa@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten werden den Typ kennen! Der nicht Ruhe gibt, bis er das durchgesetzt hat, was er f\u00fcr richtig h\u00e4lt. Der sein Recht haben will und das, was ihm zusteht, und der nicht aufgibt, bis er es bekommen hat, auch wenn das viel Zeit kostet und auch sonst nicht umsonst ist. 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