{"id":10032,"date":"2021-02-07T19:49:34","date_gmt":"2021-02-07T19:49:34","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10032"},"modified":"2022-10-13T15:44:14","modified_gmt":"2022-10-13T13:44:14","slug":"der-mensch-denkt-und-gott-lenkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/der-mensch-denkt-und-gott-lenkt\/","title":{"rendered":"Der Mensch denkt und Gott lenkt"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Welche Befreiung muss das gewesen sein! Hart urteilt der Apostel \u00fcber<br \/>\ndie Zeit vor seiner Bekehrung.<br \/>\n\u201eIch habe es f\u00fcr Schaden, f\u00fcr Dreck erachtet.\u201c<br \/>\nGenauer \u00fcbersetzt m\u00fcsste es das Wort sein, das mit Sch beginnt<br \/>\nund das wir unseren Kindern verbieten auszusprechen.<br \/>\nDa hat er sich um ein Leben bem\u00fcht, den Anspr\u00fcchen Gottes<br \/>\ngerecht zu werden. Hat die Forderungen Gottes, seinen Willen, zu erf\u00fcllen<br \/>\nversucht. Er ist gescheitert. Er konnte nur dahinter zur\u00fcck bleiben.<br \/>\nSein \u00c4rger \u00fcber das Misslungene ist gr\u00f6\u00dfer als<br \/>\ndie Freude am Gelingen.<br \/>\nEin Mensch l\u00e4sst sich darauf ein, was von ihm gefordert ist. Aber<br \/>\ndie geringste Abweichung vom geregelten wirft ihn aus der Bahn. Abweichung<br \/>\nwird mit \u00c4chtung durch das System bestraft. Das ganze endet in<br \/>\nSelbstverachtung.<br \/>\nGlaube wird anf\u00e4llig f\u00fcr Neurosen und Depressionen. Er verkehrt<br \/>\nsich ins Gegenteil.<\/p>\n<p>Ich kann das gut nachempfinden. Mein pers\u00f6nliches Glaubensleben<br \/>\nhat mit diesem Konflikt begonnen. Ohne irgendeinen kirchlichen Bezug<br \/>\nbin ich aufgewachsen. Meine Mutter hatte ihren Glauben, zeigte ihn aber<br \/>\nnicht. Sie redete davon nicht. Das tat man nicht als bescheidene Bauersfrau<br \/>\nin Ostfriesland. Nach einem konservativ gepr\u00e4gten Konfirmandenunterricht<br \/>\npackte es mich. Ich meinte, in vielen kleinen Dingen Gottes Willen erf\u00fcllen<br \/>\nzu m\u00fcssen. Die Art zu beten, die Auswahl der Texte, die Zeiten.<br \/>\nDas kleine Soldatengesangbuch, das mein Bruder abgelegt hatte, war mein<br \/>\nGebetsbuch. Ich betete unter mir selbst aufgezw\u00e4ngten Zeiten, kniend<br \/>\nvor meinem Nachttisch. Ich muss da alles tun. Sonst falle ich tot um<br \/>\nund werde schuldig. Es f\u00fchrte mich in skurrilste Handlungen. Ich<br \/>\nsammelte Strohhalme auf, um sie auf dem Hof vor dem Zertreten zu retten.<br \/>\nIch sch\u00e4me mich heute noch, es zu erz\u00e4hlen. Mit 17 hatte das<br \/>\netwas gutes. Es f\u00fchrte mich in die Stadtbibliothek, in die Welt<br \/>\nder B\u00fccher. Unter vielen entdeckte ich bald ein theologisches Buch,<br \/>\nlas es, arbeitete es durch, verstand vieles nicht, las es dreimal ganz<br \/>\ndurch. Es war der kleine R\u00f6merbrief-Kommentar von Karl Barth. Die<br \/>\nBotschaft von der befreienden Gnade Gottes.<br \/>\nWelche Befreiung muss das f\u00fcr den Apostel gewesen sein, damals<br \/>\nnach seiner Bekehrung. Ich bin nicht gerecht vor Gott, indem ich seine<br \/>\nForderungen erf\u00fclle. Gott spricht mich frei aus Liebe.<br \/>\nNur, die Frage des Apostels ist heute nicht mehr die meine. Oder ist<br \/>\nsie Ihre Frage?<br \/>\nWie werde ich gerecht vor Gott?<br \/>\nWir m\u00fcssen sie anders formulieren.<br \/>\nWie steht es um meinen Selbstwert? Wie wird mein Selbstwertgef\u00fchl?<br \/>\nDer Mensch hat so seine Strategien.<br \/>\nIch tue, was andere wollen, ich bin lieb. Mancher hat das fr\u00fch<br \/>\ngelernt: Wenn du das und das tust, dann geschieht dir gutes.<br \/>\nEs allen recht machen wollen. In einer Diskussion zuh\u00f6ren, lauschen,<br \/>\nwas die andere denken und dann in ihrem Sinne argumentieren.<br \/>\nEin Mensch tut viel, um angenehm zu sein, sich Anerkennung zu holen<br \/>\nund seinen Selbstwert zu pflegen.<br \/>\nWenn mich jemand bittet, etwas zu tun, es tun, am besten, ehe es ausgesprochen<br \/>\nist. Keinen Widerspruch, anderen g\u00fcnstig und g\u00fcnstlich sein.<br \/>\nIdealer Schwiegersohn.<\/p>\n<p>Oder eine Kasperrolle spielen. Der Witzbold sein, der sich in den Vordergrund<br \/>\nspielt. Den Humorvollen wird man doch ertragen und ihm nicht die Liebe<br \/>\nentziehen.<br \/>\nOder etwas besonders leisten, an dem andere nicht vorbei sehen k\u00f6nnen.<br \/>\n\u201eDonnerwetter, das hast du geleistet.\u201c Das verschafft Achtung.<\/p>\n<p>Ein harter Kampf ist das. In unserer Gesellschaft bekommst du immer<br \/>\nweniger Vorschuss an Achtung durch deinen Stand, die Verantwortung f\u00fcr<br \/>\nden eigenen Wert ist immer mehr in die Hand des Individuums gelegt.<br \/>\nDas kann nur in der Verzweiflung enden.<br \/>\nEntweder bist du nicht mehr erkennbar oder du bist \u00fcberfordert.<\/p>\n<p>Die Entdeckung des Paulus: Du musst von Gott ausgehen, wenn du zu dir<br \/>\nselber kommen willst.<br \/>\nNicht meine Gerechtigkeit ist wesentlich, sondern die aus dem Glauben<br \/>\nkommt, die Gott zurechnet. Die reformatorische Wieder-Entdeckung.<\/p>\n<p>Das ist zun\u00e4chst nur ein Kopfgedanke. Nur wer sich geliebt wei\u00df.<br \/>\nbraucht keine Erl\u00e4uterung. Gott spricht dir Wert zu, ehe du \u00fcberhaupt<br \/>\neine Voraussetzung erf\u00fcllen kannst. Das wesentliche kannst du nicht<br \/>\nverdienen.<br \/>\nWarum waren denn gerade die Kranken und Angeschlagenen so hellh\u00f6rig<br \/>\nf\u00fcr die Botschaft Jesu! Sie konnten sich selbst nichts mehr vormachen.<\/p>\n<p>Ich will die Erkenntnis und Erfahrung des Apostels in einen Rat umsetzen.<br \/>\n&#8211; Unterwirf dich nicht deinem Selbsturteil! Wir sind sonst wie Jugendliche,<br \/>\ndie nur ihr eigenes Urteil \u00fcber sich selbst gelten lasen. Das ist<br \/>\noft ungn\u00e4dig und vernichtend.<br \/>\n&#8211; Mach dich nicht von der Gunst anderer abh\u00e4ngig! Du gibst sonst<br \/>\ndeine Freiheit auf. Du wirst stromlinienf\u00f6rmig. Wer meint, er w\u00fcrde<br \/>\ngeliebt, wenn er es allen recht gemacht hat, liegt falsch. Du bist nicht<br \/>\nmehr erkennbar. Was soll man an dir lieben?<\/p>\n<p>Das hat nichts mit Protzen zu tun. Christus gewinnen hei\u00dft alle<br \/>\nVersuche des Selbstdefinierens aufzugeben.<br \/>\nBonhoeffer hat den Prozess des Apostels bezogen auf seine eigene Erfahrung<br \/>\nzusammengefasst: \u201eSp\u00e4ter erfuhr ich, dass man erst in der<br \/>\nDiesseitigkeit glauben lernt. Wenn man v\u00f6llig darauf verzichtet,<br \/>\naus sich selbst etwas zu machen, sei es einen Heiligen, einen bekehrten<br \/>\nS\u00fcnder, einen Kirchenmann, einen Gerechten oder Ungerechten, Kranken,<br \/>\noder Gesunden \u2013 dies nennen ich Diesseitigkeit, in der F\u00fclle<br \/>\nder Aufgaben, Fragen, Erfolge, Misserfolge, Erfahrungen leben, dann<br \/>\nwirft man sich Gott ganz in die Armen, dann nimmt man nicht mehr die<br \/>\neigenen Leiden, dann nimmt man Gottes Leiden in der Welt ernst.\u201c<br \/>\nIch denke, das ist Glaube.<br \/>\nDas geht nat\u00fcrlich nur in gro\u00dfem Vertrauen. Das setzt gewiss<br \/>\neine Erfahrung oder eine Erkenntnis voraus: Ich will an einem anderen<br \/>\nLeben teilhaben.<br \/>\nDie Frage ist also die von Angst und Vertrauen, nicht die von S\u00fcnde,<br \/>\nHeiligkeit, Tugend, Laster, Ordnung oder Chaos.<br \/>\nEs ist kein Haben. \u201eIch jage ihm aber nach\u201c, sagt der Apostel.<br \/>\nWo finde ich meinen Wert? Er ist mir ins Herz gelegt von Gott, unangreifbar<br \/>\nf\u00fcr andere.<br \/>\nDas ist meine Grundlage, mein Fundament.<br \/>\nDer Glaube wird sich nie ganz mit dem zufrieden geben, was ist. Die<br \/>\nSch\u00f6nheit, die Gott f\u00fcr den Menschen vorgesehen hat, ist nur<br \/>\nin Andeutungen gefunden. Der Christ kann nie zu Hause sein in den g\u00fcltigen<br \/>\nDenkfiguren, den angebotenen Identit\u00e4ten.<br \/>\nEr ist subversiv, weil er sich seines Wertes bewusst ist. Das wirkt<br \/>\ngegen alle Erstarrung. Er gewinnt die Kraft des Auferstandenen. Du gehst<br \/>\neinen Weg, der dem Weg Christi durchs Leiden zum Auferstehen gleichgestaltet<br \/>\nist. Diesen Vergleich w\u00e4hlt der Apostel.<\/p>\n<p>Ich schlie\u00dfe mit einer Geschichte aus der Tradition, die mit<br \/>\nAugenzwinkern von der Befreiung von den Fesseln erz\u00e4hlt.<br \/>\nEinmal im Jahr verl\u00e4sst Benedikt sein Kloster, seine Schwester<br \/>\nScholastika zu besuchen.<br \/>\nDann reden sie \u00fcber die Freuden des geistlichen Lebens, sie essen<br \/>\nund trinken zusammen. Benedikt achtet als regeltreuer Bruder darauf,<br \/>\ndass er am Abend wieder im Kloster zur\u00fcck ist.<br \/>\nEinmal sitzen sie wieder zusammen, sie loben Gott und sind fr\u00f6hlich<br \/>\nmiteinander. Es ist schon sp\u00e4t geworden. Da bittet Scholastika<br \/>\nihren Bruder, die Nacht zu bleiben. \u201eWas forderst du Unm\u00f6gliches<br \/>\nvon mir,\u201c sagt er.<br \/>\nEs ist ein sch\u00f6ner Abend, der Himmel ist heiter. Sie ist getroffen<br \/>\nvon der H\u00e4rte ihres Bruders. Sie legt ihren Kopf in die H\u00e4nde,<br \/>\nweint und betet. Als sie den Kopf hebt, blitzt und donnert es. Es f\u00e4ngt<br \/>\ndrau\u00dfen an zu gie\u00dfen, dass Benedikt keinen Fu\u00df mehr<br \/>\nvor die T\u00fcr tun kann. \u201eWas hast du getan, Schwester,\u201c<br \/>\nfragt er entsetzt. \u201eIch habe dich gebeten und du hast mich nicht<br \/>\nerh\u00f6rt. Ich habe Gott gebeten und er hat mich erh\u00f6rt,\u201c<br \/>\nantwortet sie, \u201eUnd jetzt verlass mich doch, wenn du kannst.\u201c<br \/>\nWas er freiwillig nicht tun wollte, tut er nun gezwungerma\u00dfen.<br \/>\nEr bleibt.<br \/>\nEr will dem Leben dienen mit dem Befolgen der Regel. Herrschaft, Angst,<br \/>\nOrdnung, Unf\u00e4higkeit zum Leben gehen oft zusammen. Er will das<br \/>\nLeben verschieben auf das n\u00e4chste Jahr. Im n\u00e4chsten Jahr,<br \/>\nso schlie\u00dft die Geschichte, ist die Schwester tot.<br \/>\nDu kannst das Leben nicht verschieben, nicht aufsparen.<br \/>\nDarum finde ich die Entdeckung des Paulus so umwerfend und befreiend.<br \/>\nGeh von Gott aus, wenn du zu dir selber finden und auferstehen willst.<\/p>\n<p><strong>Superintendent Heinz Behrends<br \/>\nEntenmarkt 2<br \/>\n37154 Northeim<br \/>\n<\/strong><strong><a href=\"mailto:Heinz.Behrends@evlka.de\">Heinz.Behrends@evlka.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche Befreiung muss das gewesen sein! Hart urteilt der Apostel \u00fcber die Zeit vor seiner Bekehrung. \u201eIch habe es f\u00fcr Schaden, f\u00fcr Dreck erachtet.\u201c Genauer \u00fcbersetzt m\u00fcsste es das Wort sein, das mit Sch beginnt und das wir unseren Kindern verbieten auszusprechen. 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