{"id":10033,"date":"2021-02-07T19:49:35","date_gmt":"2021-02-07T19:49:35","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10033"},"modified":"2022-10-10T09:31:59","modified_gmt":"2022-10-10T07:31:59","slug":"roemer-1125-32","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-1125-32\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 11,25-32"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>jedes Jahr stellen wir uns in der Kirche der Beziehung zu \u201eIsrael\u201c.<br \/>\nDeshalb feiern wir den \u201eIsrael-Sonntag\u201c \u2013 immer am<br \/>\n10. Sonntag nach Trinitatis. Wir tun dies zu aller erst als Christen,<br \/>\nals Christen aus verschiedensten V\u00f6lkern. Ich arbeite f\u00fcr<br \/>\ndas lutherische Diasporawerk, den Martin-Luther-Bund. T\u00e4glich geht<br \/>\nes mir um die Hilfe und Unterst\u00fctzung evangelisch-lutherischer<br \/>\nMitchristen in Frankreich, in Kroatien, in Polen, in Russland, in Litauen<br \/>\nz.B. Um das Verh\u00e4ltnis von Christen aus diesen vielen V\u00f6lkern<br \/>\nzu \u201eIsrael\u201c geht es also heute.<\/p>\n<p>Und dann nat\u00fcrlich auch darum, welches Verh\u00e4ltnis wir Christen<br \/>\nzu \u201eIsrael\u201c haben, die wir zum deutschen Volk geh\u00f6ren.<br \/>\nUnd da brauche ich jetzt nicht die verschiedenen Dimensionen darzustellen.<br \/>\nSie sind uns bewusst. Ich darf nur festhalten: Es geht trotz allen Bekennermutes<br \/>\n\u2013 den es auch gegeben hat und gibt \u2013 gerade f\u00fcr uns<br \/>\nals Christen aus dem deutschen Volk um eine Geschichte der Schuld und<br \/>\ndes Versagens. Dies l\u00e4sst sich nicht verdr\u00e4ngen; ja: dies<br \/>\nmuss gegenw\u00e4rtig sein.<\/p>\n<p>Aber nicht nur auf christlicher Seite liegen bei dieser Herausforderung<br \/>\nVielfalt und Kompliziertheit vor. Dies gilt auch, wenn wir auf \u201eIsrael\u201c<br \/>\nschauen. Was ist da gemeint?<\/p>\n<p>F\u00fcr Paulus ist das eindeutig: Die Gemeinschaft, aus der er selbst<br \/>\nkommt. Alle, die den einzigen Gott glauben \u2013 in Judaea, in der<br \/>\nDiaspora, eben auch in Rom selbst. Und da gab es damals manche Unterschiede<br \/>\nzwischen den Juden in \u00c4gypten z.B. und denen in Judaea. Heute nun<br \/>\nist ebenfalls eine komplexe Vielfalt gegeben: die j\u00fcdischen Gemeinden<br \/>\nin unserer Nachbarschaft \u2013 und zwar die j\u00fcdischen Gemeinden<br \/>\nin ihrer Vielfalt selbst vom Reformjudentum bis hin zum orthodoxen Judentum<br \/>\n\u2013, in der Nachbarschaft aller christlicher Gemeinden, egal in<br \/>\nwelchen Staaten, dann die Mitb\u00fcrger, die sich aus j\u00fcdischem<br \/>\nErbe bestimmen, ohne selber zu einer Kultusgemeinde zu geh\u00f6ren<br \/>\n(auch sie!), der Staat Israel dann und seine B\u00fcrger, seien sie<br \/>\nnun als Juden j\u00fcdischen Glaubens oder nicht. Auch wenn sich jetzt<br \/>\ndie eine oder andere, der eine oder andere von Ihnen als Leserin und<br \/>\nLeser innerlich wehrt, halte ich fest: Mit dieser Komplexit\u00e4t des<br \/>\nThemas m\u00fcssen wir rechnen. Sind dann \u00fcberhaupt noch sinnvolle<br \/>\nAussagen, ja: sinnvolle Fragen, m\u00f6glich?<\/p>\n<p>Die ber\u00fchmte Passage unseres Predigttextes ist aus dem Brief des<br \/>\nPaulus, den dieser vielleicht im Jahr 56 n.Chr. aus Korinth an die Gemeinde<br \/>\nin Rom geschrieben hatte. Hier schreibt ein Christ, der aus der glaubenden<br \/>\nj\u00fcdischen Gemeinde hervorgegangen ist. Und er schreibt an eine<br \/>\nchristliche Gemeinde, zu der viele Christen aus nichtj\u00fcdischen<br \/>\nZusammenh\u00e4ngen, aber auch viele Christen geh\u00f6ren, die vorher<br \/>\nJuden waren. Die Gemeinschaft seiner eigenen Glaubensherkunft ist f\u00fcr<br \/>\nihn eine Gemeinschaft, die von Gott her bestimmt ist: Gott hat den \u201eBund\u201c<br \/>\ngeschlossen. Gott h\u00e4lt an diesem \u201eBund\u201c fest. Paulus<br \/>\nhat also eine interessante Hoffnungsdimension in seiner Argumentation.<br \/>\nIch will es einmal mit eigenen Worten sagen:<\/p>\n<p>Auch wenn sich eine Frau oder ein Mann der j\u00fcdischen Gemeinschaft<br \/>\ngegen den Glauben an Gott entscheiden \u2013 aus Verzweiflung, aus<br \/>\nErschrecken \u00fcber uns\u00e4gliches Leid (Sie merken, liebe Leserin,<br \/>\nlieber Leser, welche Schreckensgeschichte ich aufklingen lasse!) \u2013,<br \/>\ngilt das Bekenntnis Gottes zu dieser Frau, zu diesem Mann. Die Gaben<br \/>\nund die Berufung bleiben g\u00fcltig.<\/p>\n<p>So kann \u00fcber Christen eigentlich nicht geredet werden. Und das<br \/>\ntut \u2013 wenn ich es richtig verstanden habe \u2013 Paulus auch<br \/>\nnicht. Christen sind diejenigen Frauen und M\u00e4nner \u2013 z.B.<br \/>\naus dem Kreis der Deutschen (also: ich, also: Sie) \u2013, die sich<br \/>\nf\u00fcr den Glauben, die sich f\u00fcr die Kirche entschieden haben.<br \/>\nWenn ich die Kategorie an uns anlege, die Paulus f\u00fcr seine j\u00fcdischen<br \/>\nMitschwestern und Mitbr\u00fcder verwendet, kann ich sagen: Es sind<br \/>\ndiejenigen, die den Anruf Gottes \u2013 in vielf\u00e4ltiger Gestalt:<br \/>\ndurch die Eltern, durch die Pfarrerin, durch Freunde \u2013 f\u00fcr<br \/>\nsich annehmen und sich auf den Weg des Glaubens wagen. Aber es sind<br \/>\nnicht diejenigen Deutschen oder Polen oder Tschechen im Blick, die nicht<br \/>\nglauben.<\/p>\n<p>Hier ist ein gro\u00dfer Unterschied zwischen Nichtjuden und Juden.<br \/>\nF\u00fcr Juden bleiben die Zuwendungen Gottes erhalten. Von Gott her<br \/>\nverlieren sie ihre G\u00fcltigkeit nicht. F\u00fcr Nichtjuden besteht<br \/>\ndas Angebot, durch den Glauben an Christus in gleiche Zuwendungen einzuteten.<br \/>\nDas hat Paulus im Blick. F\u00fcr ihn, als so spektakul\u00e4r zum Christen<br \/>\ngewordenen Juden, kommt wohl gar nicht in Frage, dass Nichtjuden auch<br \/>\nJuden werden k\u00f6nnten. Auch diese M\u00f6glichkeit gibt es nat\u00fcrlich.<br \/>\nWir haben sie zu tolerieren.<\/p>\n<p>Auf den Weg des Glaubens wagen. \u2013 Dieses Stichwort f\u00fchrt<br \/>\nweiter. Paulus nennt den theologischen Schl\u00fcssel zweimal in seiner<br \/>\nArgumentation \u2013 einmal f\u00fcr die Christen, einmal f\u00fcr<br \/>\ndie Juden: ihr \u201enun aber Barmherzigkeit erlangt habt\u201c, sowie:<br \/>\n\u201edamit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen\u201c.<\/p>\n<p>Es geht nicht um Besitz, nicht darum, dass wir etwas fest h\u00e4tten<br \/>\n\u2013 den Glauben, die Zuwendung Gottes, Erfolg oder anderes. Der<br \/>\nSchl\u00fcsselbegriff f\u00fcr Paulus ist, dass wir \u2013 Christen,<br \/>\ndie fr\u00fcher Nichtjuden waren, Christen, die fr\u00fcher Juden waren,<br \/>\nund Juden, die Juden bleiben, sowie Nichtjuden, die Juden werden \u2013<br \/>\nBarmherzigkeit finden, dass wir uns nicht von unseren F\u00e4higkeiten<br \/>\nund Leistungen, nicht von unserem Glauben her bestimmen, sondern dass<br \/>\nwir uns von der Zuwendung Gottes her bestimmen. Und dann kann keiner<br \/>\n\u00fcber den anderen urteilen. Dann stehen wir alle als Empfangende<br \/>\nvoll Staunen \u00fcber das da, was uns anvertraut ist.<\/p>\n<p>Vielleicht ist das ein Sinn dieses \u201eIsrael-Sonntags\u201c:<br \/>\nNicht, dass wir gro\u00dfe Denk- und Identit\u00e4tsprobleme l\u00f6sen.<br \/>\nSondern dass wir staunend erkennen, was uns selbst angeboten wird.<br \/>\nNicht, dass wir die Gr\u00f6\u00dfe unseres eigenen Glaubens als Auftrag<br \/>\nund Aufgabe formulieren, sondern die Gr\u00f6\u00dfe Gottes:<\/p>\n<p>\u201eWenn es nicht auf einen gro\u00dfen Glauben ankommt, sondern<br \/>\nauf den Glauben an die Gr\u00f6\u00dfe Gottes, kann es f\u00fcr die<br \/>\nGl\u00e4ubigen eigentlich auch nicht darum gehen, dass ihr Glaube st\u00e4rker<br \/>\nwird, sondern nur darum, dass sie zunehmend die St\u00e4rke ihres Gottes<br \/>\nerkennen \u2013 und gerade darin liegt die Kraft des Glaubens\u201c<br \/>\n(Hans-Joachim Eckstein).<\/p>\n<p>Inbegriff der Gr\u00f6\u00dfe Gottes ist die unbegreifliche Barmherzigkeit,<br \/>\ndie er jeder und jedem von uns entgegenbringt. Nach dem Ende der Sowjetunion<br \/>\nhat ein russischer Denker die wichtige Aufgabe formuliert: \u201eWir<br \/>\nm\u00fcssen das Wort und die Sache der Barmherzigkeit wieder lernen.\u201c<br \/>\nDie Ideologie der Bolschewiki hat zur Unbarmherzigkeit angeleitet, hat<br \/>\nden Menschen die Barmherzigkeit ausgetrieben. Wer sie neu lernt \u2013<br \/>\ngerade die Barmherzigkeit mit denen, die an einem selbst schuldig geworden<br \/>\nsind \u2013, begreift etwas von dem Geheimnis, das unsere Welt tr\u00e4gt.<br \/>\nAmen.<\/p>\n<\/div>\n<p><strong>Dr. Rainer Stahl<br \/>\nGeneralsekretaer des Martin-Luther-Bundes<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:rs@martin-luther-bund.de\">rs@martin-luther-bund.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder, jedes Jahr stellen wir uns in der Kirche der Beziehung zu \u201eIsrael\u201c. Deshalb feiern wir den \u201eIsrael-Sonntag\u201c \u2013 immer am 10. Sonntag nach Trinitatis. 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